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rezensiert von Thomas Harbach
Edmond Hamilton hat spätestens mit dem dritten Roman seine „Captain Future“ Serie zu einer erfolgversprechenden Formel ausgebaut, der „The Triumph of Captain Future“ zum Leidwesen des Plots fast sklavisch folgt. Am Ende fügt Edmond Hamilton aber ein weiteres Superheldenattribut der Romanserie hinzu. Batman hat seine Batcave, Superman die Festung der Einsamkeit und Captain Hamilton einen speziellen Raum in seiner Mondanlage, in welcher er die Erinnerungen an seine zahlreichen Fälle aufbewahrt. Das fliegende Gehirn erinnert Future am Ende des vorliegenden Bandes, dass weitere Aufgaben zum Wohle der Menschheit auf den jungen Mann warten.
Im Auftaktkapitel erläutert der Antagonist – in diesem Fall im Original „Life Lord“ nach „Wrecker“ im dritten Roman oder „Star King“ im Auftaktband bezeichnet – seinen Plan, das Sonnensystem unter seine Kontrolle zu bringen. Ein Lebenselixier verspricht den Menschen eine potentielle Unsterblichkeit. Nach der Einnahme der schwach radioaktiv strahlenden Droge verjüngt sich der Körper plötzlich und für wenige Monate. Danach muss die Droge wieder genommen werden. Ansonsten setzt, wie Future und die Leser im Laufe der Handlung erfahren, ein rasanter körperlicher Verfall ein, der schnell zum frühzeitigen Tode führt. Der Life Lord hat den Handel mit der Droge über das ganze Sonnensystem hervorragend organisiert.
Die Erdregierung ruft angesichts der stark steigenden Zahl von Süchtigen und ihrer Unfähigkeit, Geheimagenten in die Organisation einschleusen zu können, Captain Future zur Hilfe. Er erinnert sich daran, dass sie bei einem früheren Besuch der Maschinenstadt auf dem Mars schon einmal auf die Legende vom ewigen Leben und einem verborgenen Quell gestoßen sind. Beim Besuch der abgeschiedenen und für Menschen verbotenen Marsstadt stoßen sie auf zwei Wissenschaftler, die sich mit den Legenden des Sonnensystems im Allgemeinen sowie dem Thema potentieller Unsterblichkeit auseinandergesetzt haben. Captain Future grenzt den Kreis möglicher Verdächtiger hinsichtlich der Identität des „Life Lords“ relativ schnell ein. Er kann aber zum wiederholten Male genauso wenig seine Organisation infiltrieren wie Joan sich erfolgreich auf einem der äußeren Planeten als reiche, ältere Frau tarnen kann, welche um jeden Preis die Drogen kaufen möchte. Während Joan gefangen genommen wird, entkommt Future der Konfrontation mit den Schergen des „Life Lords“.
Ein Novum des vorliegenden Romans ist, dass Captain Future nicht den Kreis der Verdächtigen eingrenzt und mittels Gesprächen weitere Informationen direkt aus ihnen herauszulocken sucht, sondern dass er die Identität des Verdächtigen in dessen Anwesenheit preis geben will. Mittels einer Verdunkelungsbombe kann der „Life Lord“ entkommen und zu der Quelle des ewigen Lebens fliehen, wo ihn Future im obligatorischen Showdown zu stellen sucht.
Obwohl „Der Lebenslord“ ein flott zu lesender Roman ist, wirken eine Reihe von Formeln schon im vierten „Captain Future“ Roman ohne Frage abgenutzt. Da ist zum Einen die schon angesprochene Konzeption des Plots. Zwar variiert Edmond Hamilton einzelne Elemente, das grobe Raster bleibt aber immer gleich. Auffällig ist auch, dass zumindest Simon Wright in letzter Sekunde – meistens wenn Captain Future befallen ist – ein Gegenmittel entwickeln kann. In „Der Lebenslord“ dauert es einen Moment länger, dass die Helfershelfer des „Life Lord“ immer rechtzeitig die Vorräte der Droge vernichten, bevor Captain Future und sein Team sie sich sichern kann. Jede direkte Infiltration der jeweiligen Banden geht beim ersten Versuch schief, während später durch direkte Ermittlungsarbeit und eine Reihe von zufälligen Funden die Schurken vor der finalen Tat überführt und bestraft werden können. Othos Missionen, wichtige Informationen zu sammeln oder wie in diesem Fall Joan aus den Händen der Verbrecher zu befreien, sich erfolgreicher. Das der sonst eher für Kraft erfordernde Aufgaben eingesetzte Grag bei einem drittklassigen Weltraumzirkus landet und sich empört während der Aufführung von seinen Entführern absetzt, ist ein aus heutiger Sicht eher kindischer Gag, der im Einklang mit den niedlichen, für ein jugendliches Lesepublikum erschaffenen Schoßtieren steht.
Joans Schmachten dem strahlenden Helden gegenüber wird mit jedem Roman stärker. Im Auftaktroman „Der Sternenkaiser“ ist sie Captain Future während einer Mission begegnet. Hier versucht sie auf eigene Faust zwar mit wohlwollender Unterstützung ihres Vorgesetzten, aber ohne direkten Befehl die Verteilerkette der Drogen von der Konsumentenbasis kommend aufzurollen. Mit wenig Erfolg. Joan ist eine typische „Frau“ ihrer Zeit. Obwohl sie eine ausgebildete Geheimagentin sein soll, wirkt ihre Figur unterentwickelt. Sie hat trotz der Aufmerksamkeit, die ihr Captain Future schenkt, in dieser „Männerrunde“ – Grag und Otho weisen im Grunde selbst als Kunstwesen alle Machoallüren früh pubertierender Männer auf – nicht viel zu suchen. Ihr bleibt nur eine Nebenrolle.
Auch die Verbindung zwischen ausschließlich von außerirdischen, auf den zahlreichen Planeten wohnenden Außerirdischen und der von den Menschen zumindest vordergründig dominierten Gegenwart ist im vorliegenden Roman vorhanden. Während in den ersten „Captain Future“ Bänden die Antagonisten die technischen Hinterlassenschaften inzwischen untergegangener bzw. in „Die Gravium- Sabotage“ bislang im Bereich der Legenden unter den Meeren des Neptuns lebender, aber ohne weitere Erklärungen technisch brillanter Völker ausgenutzt haben, folgte der „Life Lord“ einer Legende. Edmond Hamilton versucht die „Captain Future“ Romane nicht ungeschickt miteinander zu verbinden. So findet sich in dem Manuskript auch ein Hinweis auf die Saragossa See des Alls, die Captain Future in einem der früheren Romane als einziger schon einmal besucht hat. Auch die Legende vom Quell des ewigen Lebens wird von der Erde einfach ins All „übertragen“. Es gibt keinen Hinweis, dass ein derartiger Quell sich auch auf dem Mutterplaneten der Menschheit befinden könnte. Wunder, Geschichten und Gefahren gibt es bei „Captain Future“ immer jenseits der nur als Sitz der irdischen Zentralregierung und am Nordpol Position des ihn jeweils zur Hilfe rufenden Scheinwerfers genutzten Erde. Auch der irdische Mond mit Captain Futures Hauptquartier ist mit Ausnahme des von Menschen industriell genutzten Merkurs der einzige Himmelskörper ohne eigenes Leben.
Über die Maschinenstadt auf dem Mars wünscht sich der Leser weitere Informationen. Edmond Hamilton kann wie nur wenige Autoren seiner Epoche – hier gehört seine Frau Leigh Brackett und natürlichen Stanley Weinbaum sowie Ray Bradbury - mit wenigen Strichen eine melancholische Stimmung erzeugen. Die Faszination des Gigantismus der Vergangenheit beschreiben. Den Kontrast zwischen längst ausgestorbenen Schöpfern und ihren scheinbar zeitlosen Hinterlassenschaften dem Leser sinnbildlich vor Augen führen.
Ideentechnisch überraschen die „Captain Future“ Romane im Allgemeinen und „Das Lebenselixier“ im Besonderen hinsichtlich ihrer Details. Der Quell des Lebens ist gut an einem exotischen wie unzugänglichen Ort versteckt. Er soll von geflügelten Menschen bewacht werden. Ob es sich dabei um eine Anspielung auf die von Alex Raymond gezeichneten schon seit mehreren Jahren laufende ausgesprochen populäre „Flash Gordon“ handelt, kann nicht mit Gewissheit gesagt werden. Edmond Hamilton verbindet immer wieder Fantasy- Elemente mit seinen ansonsten utopisch technischen wie geradlinigen Geschichten. Die Grundidee einer süchtig machenden Droge, die schwach radioaktiv strahlt, ist dagegen für die Science Fiction Pulpgeschichten relativ neu. In „Doc Savage“ haben sich sehr viele unschuldige Menschen an den „Geschenken“ der Natur vergiftet. Das hinter der Vorgehensweise des „Life Lords“ wieder ein entscheidender Einfluss auf die irdische Regierung im Sonnensystem steht, wirkt genauso konstruiert wie die komplette Hilflosigkeit der irdischen Sicherheitskräfte gegen die Schmuggler.
Zusammengefasst ein ohne Frage exotisches im Detail wieder ungewöhnlich ideenreiches Abenteuer mit zu wenigen Variationen der etablierten Handlungsmuster. Durch die Querverweise auf schon niedergeschriebene Abenteuer bzw. Planeten, welche Future zusammen mit den Lesern besucht hat, wird Edmond Hamiltons Universum komplexer und farbenprächtiger als es in den vielen, interessanten und für die damalige Zeit überwiegend neuartigen Details schon ist.
Edmond Hamilton: "Captain Future- der Lebenslord"
Roman, Softcover, 155 Seiten
Bastei Lübbe 1981
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