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rezensiert von Thomas Harbach
Mit dem dritten Abenteuer „Die Gravium- Sabotage“ hat Edmond Hamilton ein Muster für seine „Captain Future“ Erzählungen gefunden. Im Vergleich zum ersten Buch „Der Sternenkaiser“ sind endgültig die beiden Schoßtiere für Grag und Otho etabliert worden. Das Signal über dem Nordpol ist der Comictradition folgend zu einer ständigen Einrichtung geworden und ein Erzschurke muss etabliert werden. Möglichst im Auftaktkapitel. Nur in einem der folgenden Abenteuer „Diamanten der Macht“ stolpert Captain Future beim Besuch des Weltraumzirkus über eine Unregelmäßigkeit. Ansonsten wird er in Superheldenmanier zu einer neuen, das Sonnensystem bedrohenden Herausforderung gerufen.
Die James Bond Abenteuer vorwegnehmend sehen die Schurken inzwischen auch in „Captain Future“ eine direkt Bedrohung. Zum ersten Mal in dieser Reihe versucht der Erzschurke Wrecker im Auftaktkapitel nicht nur seine Taten minutiös geplant durchzuführen, sondern gleichzeitig Captain Future und seine Männer auszuschalten. Das im Titel des Romans angesprochene seltene Metall Gravium ermöglicht überhaupt erst die Raumfahrt, da dessen Strahlung die Gravitation aufhebt und somit eine längere Raumfahrt ermöglicht. Es gibt im Sonnensystem inzwischen fünf Graviummienen auf den unterschiedlichsten Planeten. Sowohl auf dem Merkur als auch dem Neptun kann dieses Metall abgebaut werden. Der Verbrecher Wrecker zerstört mit einem gut geplanten Doppelschlag fast alle Mienen außerhalb des Neptuns und entführt gleichzeitig Captain Future. Seine Männer sollen mit der Comet auf dem Mond bleiben, sonst würde Captain Future getötet. Als dieser sich aus der Hand seiner Entführung mittels seiner inzwischen zu einem Allzweckgimmick mutierten Uhr und entsprechender Hypnose befreit hat, kann ihn die Comet aus der Sonnennähe retten. Sie fliegen zur vorletzten Miene, müssen aber deren Zerstörung verfolgen. Auch hier gerät Captain Future wieder in Lebensgefahr.
Edmond Hamilton hält das Tempo im ersten Drittel des Romans unglaublich hoch. Neben den brutalen Anschlägen des Wreckers, die hunderten von Arbeitern das Leben kosten und der Ausschaltung der Mienen auf sehr perfide, aber auch einfallsreiche Art und Weise wird Captain Future gleich zum Erzfeind des Wreckers auserkoren. Bei einem Treffen der Graviummienenbesitzer präsentiert Edmond Hamilton den möglichen Täterkreis ausgesprochen effektiv. Die Charaktere sind sehr unterschiedliche und die Motive eindeutig. Die Erdregierung öffnet in ihrer Verzweifelung die Abbaurechte auf dem Neptun, der letzten Graviumbastion, auch den anderen Mienenbetreibern, so dass das dortig bislang vorherrschende Monopol unterlaufen wird. Auf dem Neptun muss Captain Future zum einen den wahren Täter, die Identität des Wreckers aufklären und zweitens die letzten Graviummienen schützen, damit die Raumfahrt im Sonnensystem nicht gänzlich zum Erliegen kommt.
Schon im Auftaktroman hat Edmond Hamilton das Bild eines vor außerirdischen Leben sprühenden Sonnensystems gezeichnet, dass eher wie schon angesprochen an die Pulps Burroughs erinnert. Bis auf den Merkur gibt es auf allen Planeten Leben, wobei Hamilton zumindest auf eine Reihe von Eckpunkten der phantastischen Astronomie zurückgegriffen hat. Der Merkur ist zu nah an der Sonne. Auf der Venus allerdings herrscht eine Dschungelatmosphäre, während der Mars eine erkaltete Variation der Erde ist. Phantasievoll und interessant wird es außerhalb des Asteroidengürtels, der wie ein Exkurs im vorliegenden Roman zeigt, auch über Leben verfügt. Auf allen Planeten existieren außerirdische Kulturen, die sich mehr oder weniger mit der Kolonialisierung durch die Menschen abgefunden haben. Diese Frontiermentalität aus „Der Sternenkaiser“ wird in „Die Gravium- Sabotage“ zumindest vordergründig verstärkt. Auf dem Neptun gibt es ausgedehnte Meere. Fischer von allen anderen Planeten haben sich dort niedergelassen, um ihren spärlichen Lebensunterhalt zu verdienen. Auf dem Neptun spaltet sich die Futuremannschaft auf. Otho schleicht sich – ebenfalls ein nicht unbekanntes Handlungselement – unter die Fischer, von denen eine Reihe verschwunden und als Crewmitglieder von Wreckers Raumschiffen wieder aufgetaucht sind. Ein neues Element ist, dass anscheinend außerirdische, zumindest im Sonnensystem unbekannte Wesen die Fischer übernommen haben.
Im Kern folgt Edmond Hamiltons “Die Gravium Sabotage“ dem schon im ersten Buch etablierten Handlungsmustern. Rücksichtsloser Superverbrecher, der seine Identität hinter Masken tarnt. Ein relativ klar formuliertes Ziel, das direkt oder indirekt in der Kontrolle über das Sonnensystem gipfelt. Eine Handvoll Verdächtiger, wobei im zweiten „Captain Future“ Roman „Erde in Gefahr“ sich Future die Suche sparen und eine direkte Konfrontation mit dem Antagonisten anstreben konnte. Erkundungsmissionen und persönliche Infiltration folgen nicht selten eher notgedrungen denn aus Planungsgründen. In diesem Punkt wirkt Captain Future unabhängig von seinem Mut ein wenig ziellos. Das seine Taktik schon in „Der Sternenkaiser“ gescheitert ist, tut der Wiederholung keinen Abbruch, wirkt aber eher wie ein Klischee aus den Comics. Future gerät insbesondere im vorliegenden Roman mehrmals in Gefangenschaft und kann sich immer in letzter Sekunde aus aussichtslosen Situationen befreien. Diese konsequent spektakulären und von vielen Zufällen begleiteten Aktionen erinnern an die Cliffhangarserials aus der Kinozeit der zwanzige rund dreißiger Jahre, mit denen Edmond Hamilton auch aufgewachsen sein muss. Während Otho eher auf Erkungsmissionen geschickt wird und Hinweise auf die „feindlichen“ Kräfte zu finden sucht, bleibt Grag nicht selten an Bord der in der Nähe wartenden Comet das Faustpfand. Während Otho mit relevanten Informationen zurückkehrt, wird Futures Identität auf seinen Missionen regelmäßig entdeckt. Interessant ist, dass zu Beginn des Buches die Wreckermänner Future nur gefangen halten und damit seine Futuremänner handlungsunfähig machen wollten. Der Tod des charismatischen Helden hätte unweigerlich Racheaktionen nach sich gezogen und Wreckers Pläne empfindlich gestört. Das Future nicht gründlich genug durchsucht und dadurch seine Flucht unter waghalsigen Umständen ermöglicht worden ist, steht in Bezug auf die innere Logik auf einem anderen Blatt.
Captain Futures Mut und Waghalsigkeit übersteigen seinen wenig professionellen Hang zur Improvisation. Viel störender ist der immer stärker, fast penetrant erscheinende Lobgesang auf den mehrfach erwähnten „Hexenmeister der Wissenschaft“, der seinen Lehrmeister Simon Wright inzwischen in der Theorie hinter sich gelassen hat. Durfte das fliegende Gehirn im ersten Roman „Der Sternenkaiser“ noch im Vorbeiflug das Antiserum entwickeln, tüftelt Captain Future zu Beginn des Buches alleine an einem Experiment herum, das eher in den Bereich der Alchemie denn der modernen Wissenschaft gehört.
Während schon der Mittelteil des Romans ausgesprochen zufriedenstellend geschrieben sowie deutlich spannender als die ersten beiden „Captain Future“ Arbeiten geschrieben worden ist, überzeugt das Finale in mehrfacher Hinsicht. Future kann und muss sich in eine fremde Kultur hineindenken, während der Wrecker seinem Ziel unweigerlich näher kommt. Während in „Der Sternenkaiser“ Grag noch martialisch seinen „Master“ schützend dem Sternenkaiser den Schädel eingeschlagen und ihn getötet hat, bestimmen die potentiellen neuen Herren des Sonnensystems ihren Tod in den Folgeromanen mehr oder minder selbst.
Auch wenn die Grundhandlungsbögen inzwischen stereotypen Mustern ähneln und Hamilton erst in späteren Romanen diese Konzepte etwas auflöst, liegt die Faszination des vorliegenden Romans auf einer gänzlich anderen Ebene. Die Idee, dass die Raumfahrt im Sonnensystem von einem einzigen Metall abhängig ist, stammt aus der Golden Age Ära der Science Fiction. Akzeptiert der Leser diese Prämisse, dann wirkt insbesondere die zweite Hälfte des Buches fast „grünlich“ angehaucht. Hamilton beschreibt die exotisch gefährliche Schönheit seines Sonnensystems nur selten explizierter als in „Die Gravium- Sabotage“. Von den Meeren des Neptuns mit seinen geheimnisvollen, in der Tiefe lebenden Wesen geht eine fremdartige Schönheit aus. Seine erst spät auftauchenden Kreaturen umgibt Hamilton mit zahlreichen, unterschiedlichen Legenden und einer wieder in der Vergangenheit begrabenen technologisch hochstehenden, inzwischen untergegangenen Kultur. Auch die Fremdwesen an sich wirken überzeugend und phantasievoll gestaltet. Wirkten schon Passagen von „Der Sternenkaiser“ wie eine Karl May Variation der Frontiergeschichten, so wird dieser Eindruck von um ihren Lebensraum kämpfenden unter Wasser lebenden Wesen noch verstärkt. Das Wrecker genau die richtigen „Maschinen“ zur Hand hat, um seine Großmannssucht zu befriedigen und vor allem das diese Maschinen rassenunabhängig funktionieren, wird der in erster Linie auf gehobene Unterhaltung ausgerichteten Handlung untergeordnet.
Auf den anderen Planeten spielt Hamilton mit manchem Klischee. Der Abbau des Graviums ist ausgesprochen gefährlich. Die Mienenbesitzer sind in erster Linie Kapitalisten, denen es um den schnellen Profit geht. Man traut ihnen sowohl Versicherungsbetrug als auch den Diebstahl von schnellen Transportraumschiffen zu. Angeblich gibt es aber auf dem Neptun an neu entdeckten, aber noch nicht abbaubar gemachten Standorten ausreichend Gravium, um das Sonnensystem laut Autor auf unbestimmte Zeit zu versorgen. Spätestens mit dieser Meldung hätte der Preis des wertvollen Stoffes erstens fallen und zweitens die anscheinend unter unwirtlichen Verhältnissen betriebenen Mienen des Merkurs aus dem Geschäft gedrängt werden müssen. Nicht nur in diesem Punkt übertreibt Hamilton zu stark. So erscheint erscheint es zum einen unwahrscheinlich, dass die Transportschiffe für das Gravium von den Mienen zur Erde ausgesprochen schnell und wendig sowie leicht zu bewaffnen sind. Zum anderen muss das Verschwinden von vier Transportern innerhalb kurzer Zeit angesichts der Wichtigkeit dieses Rohstoffes zumindest den Polizeibehörden auf der Erde bekannt gewesen sein. Captain Future wird darüber nicht informiert.
Zusammenfassend trotz des Hanges zu inzwischen stereotypen Handlungsabläufen alleine aufgrund des exotischen Neptunhintergrundes; einer von Hamilton „neu“ eingeführten, intelligenten außerirdischen Rasse und einer Reihe von rasanten Actionszenen ein ausgesprochen gut zu lesendes Pulpabenteuer.
Edmond Hamilton: "Captain Future- Die Gravium Sabotage"
Roman, Softcover, 155 Seiten
Bastei Verlag 1985
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