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rezensiert von Thomas Harbach
Und ewig lockt der Sex. Schon zu Anbeginn der SF lockten die Cover der Pulp Magazinen mit ihren leicht bekleideten hübschen Frauen die pupertären Jungen auf ihre Seiten, obwohl diese inzwischen wussten, dass der Inhalt nicht mehr den marktschreierischen Covern entsprach.
Jahre später kam die sexuelle Revolution im New Wave, gefolgt von einigen pornographischen Texten oder erotischen Anthologien wie "Liebe 2002" in der ambitionierten Fischer Orbit Reihe. Meist blieb das Thema aber verklemmt unter der Oberfläche, höchstens angedeutet, denn vollzogen. Erstaunerlicherweise hatten oft die weiblichen Autoren mit diesem Thema weniger Schwierigkeiten als ihre männlichen Kollegen.
Helmuth W. Mommers widmet sich jetzt in dieser Storysammlung dem längst überfälligem Thema und begibt sich auf die Suche nach den neuen Seiten der cybersexuellen Entwicklung des Menschen (und Lesers).
Genauso orginell wie das Thema sein soll präsentiert sich hier die konsequente Fortsetzung des 2002 beschriebenen "Revival des Jahres"- das bezieht sich auf den Autoren.
Helmuth W. Mommers wurde 1943 in Wien geboren und gehoerte yum Fandom der ersten Stunde, aus deren Reihen neben bekannten Autoren wie Hugh Walker auch einige "Big Name Fans" wie Hermann Urbanek hervorgekommen sind. Er arbeitete erst an dem Fanzine PIONIER mit und ging dann schliesslich in die semiprofessionelle Szene mit seiner Tätigkeit als Übersetzer und Herausgeber verschiedener Anthologien. Er schrieb zusammen mit Ernst Vlcek zwei Storysammlungen ( inzwischen neu erschienen als "traumwelten" ebenfalls im BLITZ Verlag) und die vier Romane der GALAKTIKUM Serie, die in den Jahren 1965 und 1966 als Terra Utopische Heftromane erschienen. Als Vlcek schliesslich im zweiten Versuch zur Perrz Rhodan Serie wechelte, zog sich Mommers aus dem aktiven Schriftstellerleben zurück, gab seine Aktivitäten im fandom auf und ging in die Schweiz, wo er u.a. als EDV Fachmann und schliesslich als Juwelier arbeitete. Nachdem er seine Geschäfte verkauft hat und nach Mallorca zog (mit seiner SF Sammlung) kehrte er über den Jubiläumsband zu Vlceks 60. Geburtstag in die Szene zurück. Neben der Mitherausgeber von NOVA hat er sich um den Deutschen Science Fiction Preis des SFCD verdient gemacht. Im Winter schreibt er wieder und diese gesammelten Werke erschienen jetzt gesammelt im BLITZ Verlag. Sowohl im Magazin phantastisch als auch NOVA sind Auszüge aus dieser Storysammlung erschienen.
Da mehr als eine Generation zwischen seinen bisherigen Veröffentlichungen und dem Restart liegen, lässt sich schwer thematisch als auch stilistisch eine Brücke zu seinen früheren Arbeiten schlagen und im Weiteren wird die Sammlung "Sex Love Cyberspace" als "Debuet" einer neuen Stimme der deutschen SF betrachtet und weniger als Rückkehr in die heiligen Hallen der SF Szene.
"Safer Sex" spielt im Jahr 2030, quasi die Gegenwartsepisode der Sammlung. Mommers stellt die altbackenen (und doch modernen) Ansichten der Elterngeneration den Kindern gegenüber und baut darauf eine im Kontext der Sammlung stehende Pointe auf. Interessant ist die moderne, aber nicht weiter aufgeführte Einstellung der Eltern. Der Autor kommt dann wieder auf das klassische Kondom zurück, ein Punkt,der altbacken im Gesamtzusammenhang der Geschichte wirkt. Weder Fisch noch Fleisch.
Ein Dutzend Jahre später spielen sich "Szenen einer Ehe" ab. Ein Paar, länger verheiratet, stimuliert ihren Sex mit Traumvorstellungen, da die körperliche Realität zumindest für den Mann nicht mehr zu ertragen ist. Mommers spielt hier mit Wunschvorstellungen, die der Umweg über den Cyberspace erfüllen kann. Kurzweilig, wenn auch eher an die heutige Realität mit seinen zweidimensionalen Pornos und Internetangeboten angelehnt. Es ist schön - so der Kontext des Autoren- dass die Frauen so geduldig mit ihren Scheinmachos sind.
"Das Bermuda Dreieck" ist ein SexKrimi. Ein populärer Freizeitpark mit seinen Cyerbspaceangeboten droht an einem Skandal zugrundezugehen, denn einer der Mitarbeiter mißbraucht junge Frauen und läßt seinen Phantasien freien Lauf. Eine junge intelligente gutaussehende Agentin wird eingeschleust, um in diversen Spielsyenarien den Täter (der von vorneherein im Verdacht stand) zu entlarven. Obwohl die kriminalistischen Elemente nur rudimentär vorhanden sind, fließt die Geschichte schnell dahin, der Leser suhlt sich genüßlich in den verschiedenen Szenarien (gleichzeitig zumindest in einem Fall eine Anspielung auf den populären Aberglauben der kleinen grünen Männchen) und fühlt sich gut unterhalten.
Wir schreiben das Jahr 2060 und die Paarungsgewohnheiten heissblütiger Single sind der Menschheit immer noch fremd. "Romanze in e-moll" beschäftigt sich mit einer ungewöhnlich intelligenten und auch nicht schlecht aussehenden Frau, die vordergründig auf der Suche nach einem Lebenspartner, aber hintergründig eigentlich nur ihren Nachbarn haben möchte. Dazu nutzt sie ihre Programmierkenntnisse, und es kommt zu verschiedenen Treffen. Im Gegensatz zu einigen anderen Geschichten der Sammlung erscheint diese Parodie auf die Singletreffs und Chatrooms ungewöhnlich lebhaft und mit hintergründigem Humor erzählt. Die Figuren mit ihren Sorgen und Ängsten sind dreidimensional gezeichnet und anstatt billigem effekthascherischen Sex kommen hier echte Gefühle beim Leser an. Mommers entfernt sich hier mehr von einer simplen Umsetzung seiner nicht immer orginellen Konzepte in den Cyberspace und beginnt eine wirkliche Geschichte zu erzählen.
"Schlaraffenland|" aus dem Jahr 2070 ist die längste Geschichte der Sammlung. Die Lebens- und Entwicklungsgeschichte eines Jungen, Opfer der wissenschaftlichen Forschung, auf der Suche nach seinen eigenen Gefühlen und seiner eigenen Existenz in einer fremden, von den Forschern bestimmten Welt. Obwohl mit über siebzig Seiten die umfangreichste Geschichte gelingt es Mommers nicht, den Leser fest in seinen Bann zu ziehen. Der Protagonist ist weder sympatisch noch mitleidserregend, mit seinem Umfeld kolidiert er, ohne das die konstruierten Situationen sich befriedigend aufloesen. Da der Autor nicht den Sex in den Vordergrund stellen moechte, sondern eine Basis für einen isolierten, gefühlsarmen Jungen sucht, sollten die erotischen Szenen mehr als billige Befriedigung erwecken. Aber Mommers bleibt an der Oberfläche, vielleicht fehlt ihm auch einfach die Nähe zu dieser Periode des Erwachens. Im Gegensatz zu den vielen anderen Geschichten der Schwachpunkt der Sammlung.
"Die Spinne im Netz" setzt die Tendenz aus "Bermuda Dreieck" fort. Hier ist es ein weiblicher Psychopath, die die männlichen Schwächen konsequent zur Befriedigung ihrer Gier nutzt. Die Ehefrau steht dem Treiben hilflos gegenüber. Der Autor benutzt hier ein Sammesurium aus unterschiedlichen, aber leider bekannten Thrillerelementen (das Cyberspace-Element ersetzt hier die erotischen Versuchungen des Vamps in Vampirform oder als "nuttige" Feierabendbekanntschaft), um seine Geschichte zu erzählen. Auch wenn er den Stoff routiniert rüberbringt, fühlt sich der Leser am Ende der Geschichte unbefriedigt. Zu wenig echte Spannung und Dramatik kommt auf, Mommers sprengt nicht die Grenzen, sondern klopft nur kurz an die trennende Wand.
In eine ähnliche Kerbe schlägt"Rache ist süss", die mit männlichen Phantasien spielt, ohne wirklich im Grunde neue Elemente in die Handlung einzuführen. Simple Rachegeschichten sind inzwischen so oft in jeglicher Form erzählt woden, dass es einem Autoren schon schwer fällt, etwas wirklich orginelles und neues zu bringen. Auch Mommers fällt tief in das Loch und erzählt oberflächlich - wieder- von sexuellen Phantasien, die am Ende beim Protagonisten den Wunsch erwecken, in die Normalität zurückzukommen. Siehe auch "Die Spinne im Netz". Es fehlt einfach die Grenzüberschreitung, die Nutzung des Cyberspaces und der damit verbundenen Idee, etwas Grosses zu entwickeln und einmal zu gewinnen. Warum nicht den Protagonisten in seiner Traumwelt halten und als ewig Glücklichen darzustellen, dessen Umwelt auf ihn plötzlich verzichten kann ? Oder eine von Regierungsseite verordnete sexuelle Cyberspaceformel ? Beamte täglich eine Stunde im Netz ? Der Leser vermist den Schritt in den dunklen Abgrund der Seele, die vom Autoren bislang präsentierten Vorstellungen entsprechend dem gutbürgerlichen (unter der Bettdecke gehaltenen) Niveau. Leider.
"Cogito ergo sum" ist die Geschichte einer zweischneidigen Taeuschung. Der Rückgriff auf den Cyberspace ermöglicht es natürlich, seine Vorstellungen umzusetzen, ohne Rücksicht auf menschliche Schwächen nehmen zu müssen. Erst der Umkehrschluss, daß die künstliche Kreatur anfängt, menschlich zu werden, macht eine "Beziehung" zu einem Problem. Eine sehr unterhaltsame, kurze Geschichte, verspielt und doch orginell.
Erst mit "Für immer und e-wig" bewegt sich Mommers über die bisherigen Grenzen hinaus. Er setzt sich mit einer Clongesellschaft (aber vor allem den wirtschaftlichen Grenzen) auseinander, das Verhältnis zwischen alt und jung und dem Übergang der Eingefrorenen in den Cyberspace, das moderne Paradies.Neben der orginellen Grundidee entwickelt hier der Autor zum ersten Mal eine Vision einer moeglichen Gesellschaft und zeigt auch die Grenzen des Wachstums auf. Insbesondere der Protagonist macht sich Gedanken, ob er sich noch einmal replizieren soll oder seiner Frau eine längere Pension zahlen kann. Diese kleinen Punkte geben der Story einen realistischen Anstrich und kompensieren die in der zweiten Hälfte sehr rosarot gestrichene Ansicht eines glücklichen "After Life" Events ausreichend.
Im Jahre 2200 mit "Wir sind doch keine Wilden" schliesst die Chronik ihre Pforten. Eine nette Nachbarschaftsgeschichte mit einer aufgesetzten Pointe, die eigentlich den Kreis zur Auftakterzählung schliessen könnte. Leider bleibt zu wenig Substanz hängen und am Ende weiss der Leser nicht, ob die Geschichte ihm gefallen hat oder nicht.
Mommers empfiehlt in seinem Vorwort,"Was schon bei einer Kurzgeschichtensammlung gilt,dass man, wenn man gerade aus einer fremdartigen Welt auftaucht ist, nicht gleich in die nächste voellig andere eintauchen kann,gilt hier doppelt. Lesen sie eine Geschichte, lassen Sie diese ein bisschen auf sich einwirken,gewinnen Sie Abstand, bevor Sie die naechste lesen.So erfahren Sie immer wieder neue Aspekte des gleichen Themenkreises.Genuss statt Uebersaettigung."
Vor Jahren begann ein amerikanischer Verlag mit seiner "Hot Blood" Serie, einer Anthologiereihe mit erotischen Horrorgeschichten. Sie erscheinen auch noch heute mit grossem Erfolg. Bei den ersten Ausgaben konnte man das Gefuehl bekommen, in erster Linie jugendliche Leser, die sich nicht in die Pornoecke trauen, kaufen die Buecher. Inzwischen ermoeglicht das Internet ja einen anonymeren Zugang. Das Problem bei den meisten der präsentierten Stories ist vergleichbar der hier vorliegenden Mommers Sammlung. Es handelt sich um zahme Geschichten, mit einem Hauch Erotik oder Sex, aber nur die Arbeiten von Graham Masterston und dem zu jung verstorbenen Karel Edward Wagner. Sie versuchten nicht nur, die Leser zu schockieren, sondern brachen Tabus auf und schauten sehr direkt in den Abgrund der menschlichen Psyche.
Mommers Stories sind nette Annekdoten, doch schon die Zeitleiste irritiert, denn eine gesellschaftliche, kulturelle oder auch nur menschliche Entwicklung findet nicht statt. Es lassen sich die chronologisch später angeordneten Geschichten ohne Schwierigkeiten mit den nähesten Stories austauschen. Anstatt die Chance zu nutzen, eine gaenzliche andere Zivilisation zu schaffen, bleibt er an der Oberfläche. Erstaunlicherweise finden sich nur angerissen die Themen s-m oder Rollenspiele, die Versuchung, aus dem Cyberspace Macht über den Partner oder Fremde zu gewinnen, wird zwar erwähnt, doch der Autor bleibt seltsam distanziert diesem Thema gegenüber und versucht gar nicht erst, in die Empfindungen der Opfer einzudringen . Homosexualität bleibt das Tabuthema der Sammlung. Mit den Vorstellungen, sich von Lolitas verführen zu lassen, kokketiert Mommers. Aber alles bleibt im Rahmen, eine Erweiterung des Begriffs Sexualität, vielleicht eingebunden in eine Veränderung der Gesellschaft, findet sich nirgends wieder.Auch sind alle Geschichten unheimlich seicht, auch wenn der Autor mit kriminellen Themen spielt, bleibt er an der Oberfläche . Dazu sind seine Geschichten vielleicht zu kurz oder auch nicht gedacht, doch es stellt sich auch nicht der Genuss ein und die Übersättigung kommt aus der ständigen Wiederholung einzelner Elemente. Da hilft auch nicht der Hinweis, etwas mehr Zeit zwischen den einzelnen Geschichten zu lassen. Vielleicht hätte sich der Autor die Zeit nehmen sollen, das Buch zur Seite zu legen und auf weitere Einfälle zu warten.
Einige der Geschichten sind wirlich orginell und bewusst oder unbewusst lustig unterhaltsam. Mommers hat sich die Fähigkeit erhalten, Geschichten zu erzählen. Auch die Marketingkampagne, in den wichtigen Magazinen die besseren Geschichten zu präsentieren, ist nicht schlecht. Hinzu kommt die Tatsache, daß er sich auch fürs Fandom einsetzt, das einen Einfluss auf seine berufliche Entwicklung hatte, darum fällt es schwer, die Sammlung gänzlich mit dem Mantel des Schweigens zu bedecken. Viele Elemente sind nicht gelungen und wer einen Schritt in die Zukunft der Liebe erwartet, wird enttäuscht werden. Da hilft auch das schöne (mit einem Fragezeichen versehen) Titelbild nicht weiter. Mommers präsentiert einige Gedankenansätze, doch durch die Kurzgeschichtenform verfolgt er sie nicht weiter und die Lektüre in dieser Form regt nicht zum Weiterdenken an. Ein besserer Autor, ein mutigerer Autor hätte aus dem Material mehr machen können, so bleibt als Fazit, das man vor dem Versuch den Hut ziehen kann, alleine das Resultat lässt zu wünschen übrig.
Helmuth W. Mommers: "Sex • Love • Cyberspace"
Roman, Softcover, 252 Seiten
Blitz Verlag 2003
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