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Science Fiction (diverse)



Edwin E. Moeller

Adolf Hitler- mein Frieden

rezensiert von Thomas Harbach

Mit dem in den fünfziger Jahren sehr wahrscheinlich von Hanns Kurth (1904 – 1976) unter dem Pseudonym Edwin E. Moeller geschriebenen Leihbuch “Adolf Hitler- mein Frieden” veröffentlicht der umstrittene Unital- Verlag in seiner verbotenen Zone einen satirisch- utopischen Roman neu. Ganz bewusst ist das Titelbild der damaligen Leihbuchausgabe provozierend provokant an Hitlers “Mein Kampf” angelehnt und prompt von der Bundesprüfstelle auf den Index gesetzt. Diese umgehende Verbot macht den Text zu einem der seltensten Leihbücher, dass jetzt für begrenzte Zeit und vor allem auch in begrenzter Auflage vom Unital- Verlag neu mit einem eher angemessenen, den satirischen Inhalt würdigenden Titelbild neu veröffentlicht worden ist.
Das es sich dabei um eine Satire nicht nur auf Hitlers größenwahnsinnige Welteroberungspolitik handelt, sondern der Bogen ein wenig weiter über den übertriebenen Pazifismus der Amerikaner insbesondere den politischen Antagonisten wie der Sowjetunion gegenüber gespannt wird, scheint erst im Laufe der sprachlich erstaunlich ansprechend geschriebenen Lektüre offensichtlich.
Von Beginn an macht der Autor allerdings klar, das er weder von Adolf Hitler noch seinen Vasallen viel gehalten hat. Ein Walfischfänger findet in der Nähe Grönlands eine Flaschenpost. Der Sektflasche aus der Rippentrop Produktion entströmt beim Öffnen ein bräunlicher Gestank. Darin ist eine Botschaft von zwei geflüchteten deutschen Soldaten, die Adolf Hitler mit kleinem Stab nach Grönland geflogen haben. Die Maschine musste aufgrund eines undeutschen technischen Defekts notlanden und das eigentlich bereitstehende U- Boot zur Flucht in ein nicht näher bezeichnetes, aber markantes lateinamerikanisches Land ist verschwunden. So blieb Adolf Hitler nichts anderes übrig, als in Grönland eine neue Herrschaft zu beginnen. Die Amerikaner starten sofort eine militärische Expedition, die tatsächlich Adolf Hitler in Seehundfelle gekleidet findet. Anscheinend hat der ehemalige Führer auf seine “Befreier” gewartet, denn er stellt ihnen sofort sein neues Programm vor. Nicht mehr “mein Kampf” steht im Mittelpunkt seiner Politik, sondern “mein Frieden”. Statt Rassentrennung und Pogromen soll sich die Rassen auf Befehl vermischen, denn in Hitlers verquerer und der Geschichte widersprechender Ideologie greift niemand seinen Blutsbruder an. Moeller treibt diese Idee im Verlaufe der Geschichte in Absurde. Die deutschen Soldaten sollen außereuropäische Frauen heiraten und möglichst viele Kinder zeugen, während der Führer trotz größter Anstrengungen beim Beischlaf mit seiner chinesischen Haushälterin versagt. Später werden ganze Lager zur Zeugung neuer gemischtrassigerer Generationen angelegt, um schließlich für den Führer eine neue globale Rasse zu erschaffen, die ihm führen kann. Wer Adolf Hitler im intellektuellen Wege steht, wird zu Gunsten des ideologisch ins Absurde geführten Ziel des Weltfriedens getötet. Die ersten Opfer sind einige der wenigen Getreuen, die ihm aus Berlin gefolgt sind. Später kommt es nach Hitlers Flucht aus amerikanischer Gefangenschaft zu einer Begegnung mit den letzten Nationalsozialisten in einem wiederum nicht näher bezeichneten lateinamerikanischen Land X, die von der neuen Politik des Führers schockiert sind. Bislang haben die Nazis nach den alten Gesetzen gelebt und wollen eher den Führer denn die Ideale der Partei opfern. Mit spitzem Bleistift ins Groteske übersteigert zeichnet Moeller diese Konfrontationen nach. Aus heutiger Sicht muss sich der Leser vorstellen, dass die Gräuel des nationalsozialistischen Terrors, der Konzentrationslager und des Zweiten Weltkriegs keine sieben Jahre zurück gelegen, als “Moeller” diese Satire niedergeschrieben hat. Obwohl die Nationalsozialisten von Martin Bormann bis letzt endlich zu dieser Karikatur des kranken Führers als opportunistische Egomannen beschrieben werden, die im Grunde ihres Herzens alle Feiglinge sind, bleibt dem Leser selbst heute mehr als zwei Generation nach Ende des Krieges das Lachen im Hals steigen. Der Roman steht und fällt mit dem Portrait des Führers, das im Kern als gelungen zu bezeichnen ist. Die charismatische Aura des selbsternannten Führers wird systematisch demontiert. Zum einen nutzt Moeller Interviewpassagen - Adolf Hitler wird von einem amerikanischen Psychologen befragt -, in denen sich Hitler als weltfremdes Individuum erweist, das immer wieder die Legende vom Dolchstoss des eigenen Militärs und der Unbesiegbarkeit des deutschen Volkes wiederholt. Seine eigene Politik sieht er als erfolgreich an, der Weg zum Frieden und die Gründung der “Ei” -
Partei (so wird der Führer jetzt auch mit “Ei Hitler” begrüßt) sind nur Fortschreibungen des eingeschlagenen und durch die Niederlage im Zweiten Weltkrieg unterbrochenen Weges. Wenn Moeller Hitler cholerisch Parteifreunde, Journalisten, Soldaten oder Militär beschimpfen lässt, um ihn später hinter verschlossenen Türen andauernd “ei,ei,ei,ei” wimmern zu lassen, dann wird das Bild der Geschichte endgültig demontiert und seine vergangene wie in diesem Roman zukünftige Politik ad absurdum geführt. Von einer direkten oder indirekten Verherrlichung des Dritten Reiches und seiner Anführer kann an keiner Stelle die Rede sein. Im Gegensatz zu anderen eher misslungenen bis falsch zu verstehenden Satiren wie Norman Spinrads “Der stählerne Traum” spielen sich Hitlers Machtgelüste und Fortpflanzungsprogramme auf einer sehr kleinen Ebene und nicht selten im Off ab. Wenn die deutschen Soldaten ihre mongolisch aussehenden Kinder kritisch skeptisch betrachten, entfernt sich der Roman so weit wie möglich von Hitlers Rassen vernichtender Politik und entlarvt dessen geistige Beschränktheit. Im Gegensatz zu Hitlers publizistischem Triumph im Kernroman “Der stählerne Traum” bleibt Moeller konsequent und lässt den Führer dieses Mal endgültig sterben.
Nachdem er dem Koloniekakadu die Erdnüsse weggegessen hat, rupft er den armen Vogel, um während der Tage langen Belagerung nicht zu verhungern. Hitler stirbt schließlich in einer „braunen Soße aus Blut und Dreck“, erschossen von den ehemaligen Getreuen, die mit seiner absurden Völkervermischungspolitik nichts
anfangen können und um ihre kümmerlichsten Machtpfründe bangen. Und aus den Zeilen Moellers klingt spürbare Zufriedenheit ob des zweiten und dieses Mal endgültigen Todes Adolf Hitlers.
Um die Intention des Romans als Persiflage noch mehr zu bekräftigen, wird Hitlers „zweite Karriere“ ("Wir haben den Krieg liquidiert. Wir sind in die zweite Phase der Bewegung eingetreten, es ist die des Friedens.") in der Außendarstellung als sensationelle, befremdliche, aber nicht mehr Angst einflössende Entwicklung durch die aufmerksam gewordene Weltpresse bzw. den überwiegend am Geld verdienen interessierten amerikanischen Verlagen sowie hinsichtlich der Auswirkungen auf die Nachkriegspolitik spöttelnd bis von deren Seite hilflos reagierend trotz ihrer Siegerrolle beschrieben. Die Amerikaner möchten keinen lebenden Hitler haben. Er wird quasi ins Exil abgeschoben, wo er unter strenger Bewachung seine absurden bis kruden politischen Elfenbeintürme mit einer Handvoll Gefolgsleute bauen kann. Ein Verlag bietet ihm ein Kombigeschäft an. Für eine Abschlagzahlung von fünf Millionen Dollar sollen nicht nur “Mein Kampf” - Hitler ist sich bewusst, das die meisten Exemplare nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg vernichtet worden sind - und dessen ideologische Fortsetzung “Mein Frieden” als Höhepunkt seiner einen Weltfrieden anstrebenden Politik neu veröffentlicht werden, sondern auch seine wahren Memoiren. Nur hat Adolf Hitler wenig Interesse, insbesondere Zuckerrüben kauend an “Mein Frieden” weiterzuarbeiten. Da diese Geldquelle - notwendig zur Erhaltung seiner Kolonie und der unter der Hand Bezahlung verschiedener Hehler - zu versiegen droht, will er sich als Star in einer semidokumentarischen Filmproduktion “verkaufen”, mit der die Öffentlichkeit davon überzeugt werden soll, dass Adolf Hitler wirklich das Jahr 1945 überlebt hat. Die wenigen im Roman mitspielenden Amerikaner werden als eine Mischung aus naiven Kriegsgewinnern und monetär leicht beeinflussbaren Kapitalisten beschrieben, die lieber mit einem offensichtlich verrückten, aber auch taktisch klug vorgehenden Hitler paktieren als die rote Brut weiter zu ertragen. Hier bewegt sich der Roman auf einem extrem schmalen Grad, aber bevor dem Autoren Antiamerikanismus oder noch schlimmer der Versuch, das Dritte Reich wiederzubeleben, vorgeworfen hat, fügt Moeller einige bizarre Szenen ein, die das gelesene ins Lächerlich ziehen und den Figuren den Boden unter den Füßen wegziehen. Wie gesagt, das Hitler Portrait ist für eine Satire am Rande des Erträglichen. Sehr leicht können die von ihm hinsichtlich seiner Rassenpolitik geäußerten Bemerkungen und der Versuch, eine neue Parteihierarchie aufzustellen, mit wenigen Sätzen auf die alte Zeit umgeschrieben werden. Auf der anderen Seite entlarvt ihn Moeller aber auch als Scharlatan, der jede Dummheit unter das leichtgläubige Volk - auf eine Handvoll Nazis im ewigen Eis und später im Dschungel eingedampft - streuen könnte.
Vielleicht im Mittelteil nach einem interessanten faszinierend schockierenden Auftakt mit der ersten Begegnung zwischen Amerikanern und Führer in seinem Eispalast ein wenig zu stereotyp, zu lang nimmt der Plot gegen Ende wieder Tempo auf. Es gelingt Moeller, das Geschehen ins Groteske zu steigern und den Lesern immer wieder den Eulenspiegel ins Gesicht zu halten und Hitlers Großmannssucht, seine Selbstherrlichkeit zu entlarven. “Adolf Hitler- mein Frieden” ist sicherlich weniger ein utopischer Roman, sondern eine bissige Satire auf die Ewiggestrigen, die dem Führer nachtrauen und dessen Kriegstreibende Menschen verachtende Politik, die sich leichter als Satire erkennen lässt und zusammen mit Otto Basils “Wenn das der Führer wüsste” sicherlich zu den besseren Antinationalsozialistischen Texten gezählt werden muss. Das Verbot durch die Bundesprüfstelle ist angesichts der damaligen Aufmachung allerdings auch verständlich, zumal zwischen den Zeilen immer wieder der historisch leider allzu bekannte Führer des Dritten Reiches hervorschimmert und seine volksnationalen Parolen schwingt, wobei er sich von der Dummheit seiner Gesellen der ersten Stunde deutlich distanziert und seine eigene Politik glorifiziert. Als Ganzes betrachtet ist “Adolf Hitler- mein Frieden” sicherlich eine auch aus heutiger Sicht interessante, nicht ganz zufrieden stellende - welcher Text über das Dritte Reich ist das schon - satirische Groteske, die ein Mel Brooks oder mit Abstrichen junger Woody Allen sicherlich glänzend verfilmt hätte. Stilistisch für ein über fünfzig Jahre altes Leihbuch ausgesprochen intensiv und nicht antiquiert geschrieben, wobei Moeller insbesondere bei Hitlers Reden – die kurze eineinhalb Stunden umfassende Antrittsrede hinsichtlich der Gründung der „Ei“ Bewegung ist auf zwei kurze Blöcke für den Leser und nicht Hitlers Zuhörer eingedampft worden – dem Führer sehr genau ins Protokoll geschaut hat und dessen „Tonfall“ gut trifft. Zusammengefasst sicherlich eine bitterböse Satire auf die Nationalsozialisten und ihren absurden Personenkult, ihre Menschen verachtende Planpolitik, aber auch auf die hilflosen Reaktionen des Auslandes auf einen vordergründig charismatischen Machtmenschen, der mit einfachsten Mitteln und Phrasendrescherei ein zweites Mal die Welt verblüfft und provoziert, bevor ihn sein doppelt verdientes Ende ereilt.

Edwin E. Moeller: "Adolf Hitler- mein Frieden"
Roman, Hardcover, 238 Seiten
Unital Verlag 2011

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