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Science Fiction (diverse)



Kurd Laßwitz

Auf zwei Planeten

rezensiert von Thomas Harbach

Mit dem Doppelband „Auf zwei Planeten“ – ursprünglich als Teil vier und fünf der Kollektion Laßwitz einzeln geplant – liegt Kurd Laßwitz voluminöser, 1897 zum ersten Mal veröffentlichter Roman eines Konfliktes zwischen den Menschen und Marsianern in einem ansprechenden und schön gestalteten Hardcover nach der Ausgabe der letzten Hand aus dem Altdeutschen übertragen neu aufgelegt vor. Im gleichen Jahr wie Kurd Laßwitz veröffentlichte H.G. Wells noch als Fortsetzungswerk in Zeitschriften seinen noch bekannteren und mehrmals verfilmten/ adaptierten „War of the Worlds“. Eine Buchausgabe ist erst zwei Jahre später 1899 erschienen. Von der grundsätzlichen Struktur her – die Marsianer kommen auf die Erde, unterwerfen die Menschen und müssen trotzdem am Ende des Romans eine Niederlage trotz oder gerade wegen ihrer technischen Überlegenheit erleiten – ähneln sich die beiden Romane. Eine sind die Feinheiten, welche die Unterschiede ausmachen. Die meisten Werke des ausgehenden 19. und heraufdämmernden 20. Jahrhunderts beschäftigten sich weniger mit dem Besuch der Außerirdischen auf der Erde, sondern wie Albert Daiber mit seinen Weltenseglern oder Percy Greg in „Jenseits des Zodiacus“ mit der Reise von Menschen zum roten Planeten. Dabei stießen die Menschen jeweils auf intelligente Wesen, die geistig, „moralisch“ und technisch den Erdenbewohnern überlegen gewesen sind. Nur fehlte ihnen in jeglicher Form das ungestüme, draufgängerische und vor allem auch aggressive Wesen der Menschen, um zu anderen Planeten zu reisen. Sowohl H.G. Wells als auch Kurd Laßwitz drehten die Prämisse um. Wells mit seinen eher ambivalenten Ansichten zur britischen Kolonialpolitik versucht seinen Lesern drastisch aufzuzeigen, welche Spuren das brutale Auftreten der Kolonialherren auf den verschiedenen Kontinenten hinterlässt. Die Erde wird von den Marsianern in H.G. Wells dunkler Vision reif geschossen, gesäubert und schließlich zur Besiedelung durch die Invasoren freigegeben. Im Gegensatz zum deutlich intellektueller vorgehenden Kurd Laßwitz, dessen Roman „Auf zwei Planeten“ zumindest vordergründig die deutsche Kolonialpolitik mit seinen scheinheiligen Verträgen und der „guten“ Behandlung der Urbevölkerung bis zum hektischen Ende widerspiegelt, kümmert sich Wells weniger bis gar nicht um den Hintergrund der Invasoren. Es gibt keine ausufernden Beschreibungen oder gar Einblicke in ihre Kultur. Der Angriff erfolgt auf den ersten Seiten und die Menschen befinden sich in einem kontinuierlichen und verzweifelten Kampf ums Überleben. Wells will keine Gefangenen machen und so überrascht es den Leser auch nicht, dass die Marsianer nicht von Menschenhand besiegt werden, sondern dank des „göttlichen“ Schicksals in Form von Bakterien. In diesem einen Punkt dreht Wells die bisherige Kolonialgeschichte um. Bei der Eroberung des Wilden Westen töteten Bakterien Teile der Urbevölkerung, weil diese gegen die von den Weißen eingeschleppten Krankheiten keine Abwehrstoffe besaßen. Alleine aus der Form des Sieges lässt sich Wells nihilistisch dunkle Einstellung seinen Mitmenschen gegenüber ablesen. Niemand kann sagen, wann die Marsianer ein weiteres Mal zuschlagen. Die Menschen haben keine ultimative Waffe und wären neuen Angriffen hilflos ausgeliefert. Kurd Laßwitz streift in seinem Werk das Thema Krankheiten auch, aber er sieht keine bedrohliche Gefahr und schnell werden in einer der vielen kleinen Nebenhandlungen die entsprechenden Medikamente entdeckt und in die Serienproduktion gegeben. Während Wells einen kompakten, fast ausschließlich aus wenigen menschlichen Perspektiven erzählten Actionroman mit einer eher aufgesetzten Botschaft niedergeschrieben hat, konzentriert sich Kurd Laßwitz in der Tradition eines Epos auf mehrere Dutzend Leitcharaktere sowohl marsianer als auch menschlicher Herkunft. Die ausführlichen technischen Beschreibungen haben sicherlich auch einen Laßwitz Schüler – Hans Dominik – hinsichtlich seiner späteren Romane inspiriert. Im Rahmen seines Romans wird das handlungstechnische Spektrum konsequent und angesichts der vielfältigen Szenarien sehr souverän erweitert. Vom Konflikt im Kleinen – der Kampf ums Überleben im ewigen Eis – über die europäische Politik mit mehr als einem Wink auf die „Kanonenbootpolitik“ bis schließlich zum interplanetaren Konflikt. Die Kanonenbootpolitik verlegt Kurd Laßwitz allerdings historisch inkorrekt nach England und klammert das beharrliche Streben des Deutschen Reiches nach einer Weltmachtstellung auf den Meeren patriotisch aus.
Dabei geht Kurd Laßwitz im ersten Band fast ausschließlich aus guter deutscher Perspektive auf die europäische Politik ein und betrachtet im zweiten Buch bis kurz vor dem eher konstruierten, als wirklich handlungstechnisch entwickelten Showdown die zunehmend aggressive Politik der Fremden schließlich fast ausschließlich aus der Perspektive eines Lerneffektes für die Politiker, Militärs und schließlich Bürger. Allerdings lernen die Menschen auch schnell von den Invasoren. Sie übernehmen deren hoch überlegende Technik und teilweise deren nur auf den ersten Blick wirklich freiheitliches Denken, um dank dieser Erkenntnisse schließlich im letzten Zehntel des Romans die ihnen frisch übergeworfenen Ketten wieder sprengen zu können. Laßwitz kritisiert nicht den Imperialismus per se, sondern das einseitige Ausnutzen von in erster Linie militärischer Macht. Das die Menschen an großen Aufgaben nicht scheitern, sondern sich ihnen stellen, ist die optimistische Note, die Laßwitz von den ersten Szenen der Nordpolexpedition an deutlich und pointiert in den Vordergrund seines umfangreichen, teilweise etwas zu philosophisch gestalteten Werkes stellt.

Zu Beginn des Romans wollen drei deutsche Forscher den Nordpol mittels eines Heißluftballons erreichen. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das keine zehn Jahre vor dem Entstehen des Romans in der Realität tragisch gescheitert ist. Sie stellen fest, dass es erstens am Nordpol freies Wasser gibt und zweitens sich in unmittelbarer Nähe des Pols augenscheinlich ein künstliches Konstrukt befindet, auf dessen Oberfläche eine genaue Karte der Erde bis zu einem bestimmten Breitengrad gezeichnet worden ist. Der Ballon stürzt ab, einer der drei mutigen Forscher wird aus dem Ballon gezogen und verschwindet in den Weiten des ewigen Eises. Die anderen beiden Männer werden von den Mitarbeitern der marsianischen Polstation gerettet. Diese geheime Station, die nur im arktischen Sommer betrieben wird, dient zum einen als Forschungsstation, zum anderen werden aber heimlich wichtige Rohmaterialien zum Mars transportiert. Über dem Poul ruht eine von den komplexen Orbitalstationen – eine Idee, welche später die Väter der Raumfahrt immer wieder extrapolierten – als erste Anlaufstelle der Raumschiffe des Mars. Mittels eines zufällig gefundenen deutsch – marsianischen Wörterbuches – auf diesen Punkt geht Laßwitz im Verlaufe des ersten Teils von „Auf zwei Planeten“ noch einmal gesondert ein, dieses Szenario gehört zu den schwächeren romantischen und aufgrund der Robinsonade eher schwerfällig konstruierten Passagen des ganzen Buches – können sich die Außerirdischen und Menschen miteinander verständigen. Die Menschen zeigen ihren guten Willen, in dem sie eine der marsianischen Außerirdischen aus einer lebensbedrohlichen Situation retten. Schnell spinnen sich auch zarte Bande zwischen einem der beiden Deutschen und der fremden Schönheit. Die Marsianer entschließen sich, einen der beiden Männer mit zum Mars zu nehmen, der andere wird mittels eines neuen Fluggerätes – eine Mischung aus Senkrechtstarter und Schwenkflügler, eine weitere der vielen technischen Erfindungen, die Kurd Laßwitz unglaublich souverän, detailverliebt und doch den Plot treibend beschreibt – zurück nach Deutschland gebracht. Hier erfährt er, dass die Ehefrau des verschollenen Deutschen durch Zufall einen weiteren seit vielen Jahren heimlich unter Menschen lebenden Marsianer kennen gelernt hat, der aus Eigeninteresse nicht nur die Expedition zum Nordpol finanziert hat, sondern auch das Wörterbuch selbst geschrieben hat, falls die Mitglieder der kleinen Gruppe wie geplant wirklich auf die Fremden treffen.

Mit dem Abflug zum Mars endet das erste Buch. Zu Beginn des zweiten Teils beschreibt Kurd Laßwitz sehr ausführlich die sozialen, politischen und technischen Strukturen der Marsgesellschaft. Dabei vermischt er verschiedene politische Systeme und beschreibt eine Art Globalkommunismus, der sich inzwischen dank der Sonnenenergie und der Herstellung künstlicher Nahrung von der Blut/ Bodenphilosophie verabschieden konnte. Trotzdem möchten die Marsianer eher einseitig den Menschen ein Handelsabkommen diktieren, dass diese entweder annehmen oder mit dem Druck der technisch militärischen Überlegenheit der Marsianer schlucken müssen. Auf der Erde kommt es in der Zwischenzeit zu einem militärischen Konflikt zwischen einem natürlich britischen Kriegsschiff und einem marsianischen Raumschiff. Aus dieser Konfrontation wird schließlich – siehe die spätere Eskalation auf dem Weg zum Ersten Weltkrieg – ein Krieg zwischen dem britischen Empire und den Marsianern. Die Engländer werden vernichtend geschlagen und die Kolonien nutzen die Chance, um sich loszusagen. Der Rest Europas ergibt sich eher kampflos und die Marsianer beginnen im Gegensatz zu den Wells´schen Aggressoren mit der Errichtung eines eher friedlichen Protektorats, das zuerst alle Standesunterschiede beseitigt, das Militär abschafft und einen sozialen Frieden mittels der unerschöpflichen Sonnenenergien – eine weitere ungemein fortschrittliche Idee – schafft. Ein Regierungswechsel auf dem Mars verschärft die Situation der im Protektorat Erde lebenden Menschen. Bei den Beschreibungen der besetzten Zonen beschränkt sich Kurd Laßwitz auf Europa, ein erstaunlicher Fakt. Vor allem wenn der Leser bedenkt, dass die militärische Rettung schließlich aus den schier grenzenlosen Resourcen Amerikas kommt. Zumindest impliziert nimmt Kurd Laßwitz sowohl den Ersten als auch teilweise den Zweiten Weltkrieg vorweg.

Obwohl wie eingangs erwähnt Kurd Laßwitz auf ein gutes Dutzend sehr unterschiedlicher menschlicher wie marsianer Charaktere zurückgreift, sind es die drei Polfahrer, die im Verlaufe des Romans aktiv wie passiv ihre Spuren hinterlassen und an allen tragenden wie tragischen Ereignissen teilnehmen. Sie zeigen den Marsianer am Nordpol, das die Menschen verantwortungsbewusst und selbstlos handeln können. Sie reisen zum Mars und lernen die fremde Kultur mit offenen Augen kennen. Sie sind lernfähig und lernwillig. Sie zeigen Emotionen und lehren zumindest einer Marsianerin die menschliche Liebe. Sie werden schließlich zu Botschaftern des Mars hinsichtlich einer friedlichen Angliederung der Erde an den Mars, sprechen für ihre besiegten und unterdrückten Landsleute vor den Politikern des Mars und werden schließlich mit Hilfe der verliebten marsianischen Frau zu den Schlüsselfiguren des erfolgreichen irdischen Widerstandes. Die drei Polforscher entsprechen einem typischen, teilweise etwas überzogen beschrieben deutschen Heldentypus. Auch wenn sich das Deutschtum in einem gerade noch verträglichen Rahmen hält, sind es klassische Patrioten, die zuerst die Heimat retten und schließlich die ganze Welt. Die Charakterisierung der drei Männer ist auf den ersten oberflächlichen Blick sehr eindimensional bis klischeehaft. Sie wirkt anfänglich wie eine Parodie auf Jules Vernes französische Abenteurer. Kurd Laßwitz versucht dieser offensichtlichen Schwäche mit komplexen politischen Strukturen im Hintergrund aufzuweichen. Weiterhin agiert der Autor in Hinblick auf alle weiteren Nebenfiguren erstaunlich ambivalent und zeichnet sie im Verlaufe der manchmal sehr komplexen, etwas phlegmatisch mit viel Liebe zu Details entwickelten Handlung sowohl als Falken als auch Tauben. Unabhängig von den drei Helden beschreibt Kurd Laßwitz im ersten Teil des Buches die Menschen als egoistisch, arrogant, kriegstreibend, militärisch blind und aggressiv. Dagegen vertreten die Marsianer im ersten Buch eine alte, inzwischen weise Rasse, die technologisch den Menschen deutlich überlegen ist und ihre Intelligenz positiv und zum Wohle aller in kontinuierlichen technischem Fortschritt katalysiert hat. Im zweiten Band dreht sich das Bild komplett. Aus den Tauben werden durch einen Regierungswechsel die hinsichtlich des Befreiungskampfes notwendigen Falken, gegen die die unterdrückten Menschen ohne Skrupel und mit ihrer entschlossenen Wildheit auch vorgehen können/ dürfen. Diese Zusammenfassung wirkt martialischer als es im Roman von Kurd Laßwitz beschrieben worden ist. Natürlich nimmt der Widerstand der Menschen eine breite Rolle ein. Natürlich brauchen die Menschen einen „Verräter“ bei den Marsianern, der in diesem Fall den Amerikanern Teile der überlegenen Technik in die Hände spielt.

„Auf zwei Planeten“ ist trotz oder gerade wegen seines epochalen Umfangs sehr ruhig, bedächtig bis phlegmatisch aufgebaut. Die Handlung springt zwischen einer Reihe von Schauplätzen sowohl auf der Erde als auch auf Mars hin und her. Teilweise werden sie wie das Geschützversuchsgelände Gol auf dem Mars sehr ausführlich eingeführt, um dann im Verlaufe des Plots nicht weiter extrapoliert zu werden, teilweise sind die Marsianer wie bei den europäischen Hauptstädten einfach nur da und sprechen mit den gekrönten Häuptern. Der Leser und der Autor verlieren trotz dieser zahlreichen Wechsel niemals den Überblick über das Geschehen. Kurd Laßwitz versucht die einzelnen Szenen möglicht plakativ mit einem überdurchschnittlichen Wiedererkennungswert – oft etwas ganze einfaches – von einander zu trennen. Der größte Unterschied zu H.G. Wells Arbeit liegt aber in den obligatorischen Actionsequenzen. Der erste Konflikt zwischen einem britischen Kriegsschiff und einem Fluggleiter der Marsianer zieht sich noch über mehrere Seiten hin. Das Katz- und Mausspiel der marsianischen Flotte mit den komplett versammelten britischen Seestreitkräften nicht in etwa den gleichen Raum ist, wird aber deutlich ironischer erzählt. Der Befreiungskampf auf den letzten Seiten des Buches dagegen wird überhastet und beinahe nebensächlich beschrieben. Hier greift Kurd Laßwitz fast ausschließlich auf die distanzierte und sachliche Berichtsform zurück, anstatt die Geschehnisse aus der intimen Perspektive eines Augenzeugen zu beschreiben. Anstatt auf simple Gewalt zurückzugreifen, ist Kurd Laßwitz viel mehr an der fremdartigen Zivilisation der Marsianer und dessen Lebensstil interessiert. So wird nicht nur der marsianische Alltag der gehobenen, augenscheinlich intellektuellen Bevölkerung sehr ausführlich beschrieben, auch die Landschaften des Mars erscheinen plastisch phantasievoll und schließlich als roter Faden durchgängig die technische Innovation der Bewohner des Planeten wird immer wieder in den Vordergrund gerückt. Das gipfelt in kleinen Ideen, für die der Autor absichtlich den Handlungsfluss unterbricht. Er verliebt sich dann in seine „Erfindung“ und beschreibt sie sehr ausführlich. Mit vielen dieser kleinen Ideen nimmt er spätere Erfindungen verblüffend genau vorweg. Hier agiert Kurd Laßwitz wie ein deutscher Jules Verne ohne dessen penetrante Belehrungswut zu erreichen. Hinsichtlich der Struktur des Buches wirken diese Exkurse teilweise unmotiviert. An anderen Stellen gelingt es Kurd Laßwitz allerdings sehr überzeugend, ein dreidimensionales Portrait seiner Außerirdischen und ihrer Gesellschaft zu zeichnen. Weniger konsequent ist der Autor hinsichtlich der beiden Liebesgeschichten, die insbesondere in der ersten Hälfte des Buches ein wenig zu kitschig, zu vordergründig romantisch sind. Sie entsprechen ähnlichen Szenarien seiner Frühwerke. Im letzten Teil des Buches löst der Autor eher unbeholfen, aber heldenhaft eine mögliche Dreieckskonstellation durch den Tod eines Charakters auf, während der Verrat der Marsianerin am eigenen, inzwischen politisch in ihren Augen in Ungnade gefallenen Volkes nur konsequent und folgerichtig ist. Unabhängig von der Tatsache, dass sie bislang nur eine Handvoll von Menschen kennen gelernt hat. Im Vergleich zu den futuristischen Szenen auf dem Mars lassen diese Passagen den Roman aus heutiger Sicht ein wenig zu altbacken erscheinen. Im Gesamtkontext räumt Kurd Laßwitz den Beziehungsgeschichten zu viel Raum ein. Dazu sind die einzelnen Charaktere zu unterschiedlich stark gezeichnet worden und nicht alle Handlungen der Figuren – auf beiden Planeten – wirken bei näherer Betrachtung konsequent durchdacht. Nicht selten ist deutlich zu erkennen, dass Kurd Laßwitz sie im Grunde als Chiffren für seine unterschiedlichen Thesen nutzt. Insbesondere die weiblichen Figuren sind aber hinsichtlich anderer Figuren aus seinem Gesamtwerk eher enttäuschend eindimensional beschrieben worden.
Das schwache, viel zu überstürzt und vor allem Amerika heuchlerische Ende mit dem Hinweis auf die unzähligen wirtschaftlichen Opfer dieses großartigen Volkes widerspricht den Deutschtümeleien am Anfang des Buches. Der Leser hat den Eindruck, als habe Kurd Laßwitz auf den letzten fünfzig Seiten das Interesse an seinem Werk verloren und wollte es nur noch beenden. Nach dem sehr ausführlichen Anfang mit seitenlangen Beschreibungen stört das überhastete Ende die Struktur des Gesamtwerkes. Viele solide Ideen werden in kurzen Absätzen abgehandelt und der Leser muss die letzten zwanzig Seiten mehrmals lesen, um wirklich nachzuvollziehen, dass Kurd Laßwitz trotzdem alle relevanten Handlungsebenen abgeschlossen hat. Unabhängig von den angesprochenen Schwächen ist „Auf zwei Planeten“ ein Klassiker der deutschen utopischen Literatur und hinsichtlich der Komplexität, der Ideenvielfalt und schließlich auch der Handlungsführung Kurd Laßwitzs reifstes Werk. Auf das Gebiet seiner modernen Märchen haben sich weniger Epigonen getraut, darum wirken die Geschichten um „Aspira“ oder „Sternentau“ aus heutiger Sicht frischer und unbefangener. Es lohnt sich allerdings, das Epos aus der Sicht des späten 19. Jahrhunderts zu betrachten. Viele Ideen haben H.G. Wells und Kurd Laßwitz zeitgleich in ihren Werken verwandt. Es ist schwierig festzustellen, ob Kurd Laßwitz nicht zumindest hinsichtlich des Gesinnungswandels der Marsianer auf die populären Zeitschriftenveröffentlichungen des Engländers geschielt hat. Einige Szenen wirken wie Kompromisse zwischen Laßwitzs Idealen und den dunklen, ganz bewusst in schwarzweiß gehaltenen Beschreibungen Wells. Aber viele Ideen – insbesondere den wirtschaftlichen Sozialismus auf einem gehobenen technokratischen Niveau, unterlegt mit einer Vielzahl interessanter Erfindungen – hat Kurd Laßwitz dem Genre insbesondere im vorliegenden Werk geschenkt. Alleine aus diesem Grund ist der Roman nicht nur ein Klassiker des Genres, sondern vor allem eine Pflichtlektüre für alle, die sich ernsthaft mit der Entwicklung der deutschen Science Fiction auseinandersetzen. In seinem ausführlichen Vorwort geht Dieter von Reeken noch darauf ein, dass Kurd Laßwitz im Gegensatz wie häufig angenommen K.H. Scheer der Science Fiction die Kugelraumer schenkte. Allerdings hat Scheer die Kugelraumer nicht wie von Dieter von Reeken angesprochen für die „Perry Rhodan“ Serie konzipiert, sondern schon effektiv in seinen Leihbüchern eingesetzt und damit einige der von Dieter von Reeken zitierten Autoren beeinflusst. Der Roman ist mit 35 Innenillustrationen des bekannten Marinemalers Walter Zeeden illustriert worden. Diese sehr detaillierten Zeichnungen – insbesondere die Kriegsschiffe sind sehr genau nachgemalt worden – untermalen die von Kurd Laßwitz angestrebte Stimmung und wirken wie Zeitzeugen aus einer Vergangenheit, die es in dieser Form niemals gegeben hat. Neben dem ausführlichen Vorwort hat Dieter von Reeken in seiner empfehlenswerten und mit viel Liebe zum Detail zusammengestellten Ausgabe auch die verschiedenen Titelbilder sowie die erste Textseite nachgedruckt.

Kurd Laßwitz: "Auf zwei Planeten"
Roman, Hardcover, 607 Seiten
Dieter von Reeken 2009

Weitere Bücher von Kurd Laßwitz:
 - Aspira
 - Bilder aus der Zukunft
 - Die Lehre Kants von der Idealität des Raumes und der Zeit,
 - Gedichte und Erzählungen
 - Geschichte der Atomstik vom Mittelalter bis Newton Band 2
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 - Herr Strehler und der poetische Hauslehrer
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