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SachbĂŒcher



Heinz J. Galle

Fehlstart ins Atomzeitalter

rezensiert von Thomas Harbach

Heinz J. Galle persönlich gefĂ€rbte, aber auch die fĂŒnfziger und sechziger Jahre aus der Weisheit des Alters sehr kritisch reflektierende Studie ĂŒber den positiven wie negativen Einflusses der Atomforschung ist als fokussierte ErgĂ€nzung zu Galles “Wie die Science Fiction Deutschland eroberte” und Rainer Eisfelds “Die Zukunft in der Tasche” zu verstehen. Dieter von Reeken und Heinz J. Galle sehen es nicht als sekundĂ€rliterarisches Werk oder umfassende Studie aller im Notfall utopischer Veröffentlichungen dieser Epoche zum Thema friedliche Nutzung der Atomenergie oder Angst vor dem dritten atomar gefĂŒhrten finalen Weltkrieg, sondern als Erinnerung an eine Zeit, die fĂŒr inzwischen zwei Generationen Geschichte vorstellt und die mit dem natĂŒrlichen Aussterben der vor dem Zweiten Weltkrieg geborenen Menschen immer weitere aus der verbalen ErzĂ€hlung in den Bereich der GeschichtsbĂŒcher rĂŒckt. Vielleicht muss der Leser Galles auf fundiertem Sammelwissen aufgebaute Studio auch als deutsche Antwort auf Joe Dantes wunderschönen und leider in diesem Buch aufgrund des Entstehungsdatum in den neunziger Jahre nicht erwĂ€hnten “Matinee” sehen, in welchem der Regisseur die Angst vor dem Atomkrieg im Schatten der Kubakrise mit der Faszination von Monsterfilmen zu einem unlösbaren KnĂ€uel verbunden hat.

Heinz J. Galles langes Essay beginnt natĂŒrlich am 06. August 1945, dem Tag des ersten Atombombenabwurfes, auch wenn die erste in einem Laboratorium ablaufende Kettenreaktion am 2. Dezember 1942 den eigentlichen Einstieg in das Atomzeitalter darstellte. So stellen die ersten beiden Kapitel aus heutiger Sicht eine bizarre, sicherlich naive Auseinandersetzung mit der atomaren Gefahr im Allgemeinen und einem Atomkrieg im Besonderen dar. Heinz J. Galle spricht mehrmals von der BlauĂ€ugigkeit der Medien, die die Folgen des potentiellen Atomkriegs verherrlichten. Wie es sich fĂŒr manche Katastrophe gehört, sind die Medien aufgrund der wahrscheinlich absichtliches Desinformationen durch Politiker, MilitĂ€rs und schließlich auch Wissenschaftlern von falschen Voraussetzungen ausgegangen . Galle stellt die damals wie heute real existierende Atomwaffenwelt und die nukleare Bedrohung vor. Dabei zitiert er nicht nur diverse eher pseudowissenschaftliche Studien und zeigt Bilder von Bunkern wie der amerikanischen Atomfamilie, sondern zerfetzt die diversen VerdummungsbĂŒcher wie die Atomfibel. Im zweiten thematisch anschließenden Kapitel zeigt Galle den Optimismus der sich in erster Linie an ein jugendliches Publikum wendenden Wissenschaftsmagazine, wobei der Autor ignoriert, dass die von ihm beschriebenen “Wellen” durch Amerikas Magazine wie Science Fiction Literatur knappe zwanzig Jahre vorher gerauscht sind. Wie viele Raumschiffe sind im Golden Age mit Atomkraft geflogen und wie oft griffen Captain Future und Co. Zu strahlenden Superwaffen? Interessanterweise suchte zumindest ein Magazin “Hobby” die Konfrontation mit den Fans als die VerbrĂŒderung mit jungen Leuten, die sich intensiver mit einer natĂŒrlich glorifizierten Zukunft auseinandersetzen.

Mit “Die Marke Atom verkauft sich gut” beginnt die Auseinandersetzung mit der in erster Linie utopischen Literatur, wobei Galle gleich mit einer Reihe von verdummenden JugendbĂŒchern beginnt. Aus heutiger Sicht kommt es einer beschĂ€menden Selbsterkenntnis gleich, dass viele SF Fans nur Literatur in den ihnen bekannten Reihen und nicht die warnenden Romane eines Langes oder Wörners anerkannten, die sich mit den Folgen unkontrollierter und unkontrollierbarer Nutzung der Wunderenergie sehr viel intensiver und kritischer auseinandersetzen. Vielleicht geht die Katharsis ein wenig zu weit, wenn Galle beschĂ€mend aus seinen damaligen, eher jugendlich naiven Rezensionen zitiert. Mit zahlreichen Bildern und kurzen Inhaltsangaben geht der Autor auf qualitativ in beiderlei Richtung bemerkenswerte Beispiele der damaligen utopischen Literatur ein, von denen viele eine LektĂŒre auch heute noch verdienten. Die verdienstvolle Arbeit Wolfgang Jeschkes im Rahmen seiner “Science Fiction Classcis” wird ĂŒberdeutlich, wenn man die meisten der von Heinz J. Galle erwĂ€hnten Titel als heute noch antiquarisch leicht zu erhaltende Taschenbuchausgaben finden kann.

Galles Essay lebt aber förmlich auf, wenn er zu seinen speziellen Steckenpferden kommt: “Atom” in dicken und dĂŒnnen BĂŒchern. Mit dicken BĂŒchern sind die speziellen LeihbĂŒcher gemeint, die ein fĂŒr die fĂŒnfziger Jahre einzigartiges PhĂ€nomen darstellten und die dĂŒnnen BĂŒcher bzw. Heftromane sind die zahlreichen Science Fiction und Kriminalserien. In beiden Sektoren wird der Bogen ĂŒber die fĂŒnfziger Jahre hinaus zu den ersten publizistischen Versuchen nach dem Zweiten Weltkrieg geschlagen. Mit seinem locker leichten Stil stellt der Autor eine Reihe von ĂŒberwiegend negativen, aber zumindest unterhaltsamen “Atom” Schmökern sowie die wenigen Höhepunkte vor. Auch wenn der Autor mehrmals betont, dass sich “Atom” als Verkaufsschlager erwiesen hat, muss er selbst im Verlauf des Kapitels relativierend feststellen, dass angesichts der zahllosen Veröffentlichungen - alleine mehr als eintausend “Terra” Hefte aufgeteilt und in verschiedene Unterserien bzw. die Ableger der ersten “Utopia” Serie aus den Verlagen Pabel und Moewig - sich die Zahl der reißerischen Atomgeschichten doch in argen Grenzen hĂ€lt. Fiese Außerirdische finden sich in mehr Heften als zweckentfremdete Atombomben bzw. UnfĂ€lle mit spaltbaren Material. Da Heinz Galle in erster Linie die Serien abarbeitet und auf die einzelnen fĂŒr diese Studie relevanten Hefte hinweist, wirkt dieses Kapitel trotz zahlloser Informationen und sehr gutem Bildmaterial ein wenig hektisch hin und her springend. Vielleicht wĂ€re es sinnvoller gewesen, die einzelnen, erstaunlich wenig variierten Themen als Ganzes abzuhandeln und die Publikationen diesen HandlungsstrĂ€ngen zuzuordnen. So ist zum Beispiel Lester Del Reys “Atomalarm” in den fĂŒnfziger Jahren in Deutschland veröffentlicht worden. Geschrieben hat der Amerikaner das Buch allerdings schon in den vierziger Jahren - im gleichen Jahr, in dem fĂŒr Heinz Galle das eigentliche Atomzeitalter begann, 1942 - lange vor dem Abwurf der ersten Atombombe. Herauszuheben ist auch, dass Lester Del Rey eine friedliche Nutzung der Atomkraft als Grundlage seines Katastrophenszenarios genommen hat. Damit hebt sich der Roman auch hinsichtlich seiner PrĂ€misse vom dem Einheitsbrei ab. Galles Konzentration auf ĂŒberwiegend deutsche Veröffentlichungen der fĂŒnfziger und sechziger Jahre schließt insbesondere die internationalen Veröffentlichungen bis auf ganz wenige Ausnahmen aus, was die Behandlung des Themas atomare Bedrohung ein wenig einseitig erscheinen lĂ€sst. Auf der anderen Seite wollte Heinz Galle seine Studie auch nicht zu sehr ausweiten. Damit verzichtet der Autor nicht auf selbstkritische Anmerkungen hinsichtlich des Geschmacks des Unterhaltungsliteratur lesenden und fordernden Publikums sowie seinem eigenen jugendlichen Optimismus.
In “Weltuntergang auf der Leinwand: Atomare Katastrophen im Film” prĂ€sentiert Heinz Galle einen Überblick ĂŒber die wichtigsten Katastrophenfilme mit kurzen Inhaltsangaben und einigen ĂŒberwiegend kritischen Anmerkungen Dieses Kapitel lebt von dem sehr seltenen Werbematerial, das Dieter von Reeken und Heinz Galle zusammengestellt haben. Auch hier erwĂ€hnt Heinz Galle zumindest einige Produktionen, die es nicht ĂŒber den großen Teich geschafft haben. Das Kapitel leidet aber unter der BeschrĂ€nkung auf offensichtlich phantastische Filme, so vermisst man das lange Zeit in Deutschland unterdrĂŒckte zynische Ende von “Kiss me Deadly”, in dem die Jagd auf einen Koffer mit der nuklearen Verseuchung des Antihelden endet, oder die zahlreichen Versuche deutscher Synchronstudios, mit geschickter Synchronisation aus Uran Rauschgift zu machen. WĂ€hrend Heinz Galle bei den literarischen Veröffentlichungen immer wieder ĂŒber die Grenzen des Genres hinausgeschaut hat, wirkt die Auseinandersetzung mit den cineastischen Variationen nicht tiefgehend genug. Ausgeglichen wird dieses Manko durch die abschließende Auseinandersetzung mit den heute bis auf wenige Sammlern unbekannten Sammelbildern, die verschiedenen Produkten beigegeben worden sind. Hier strahlt die verheißungsvolle Zukunft besonders hell. Die Abbildungen dieser seltenen Sammelbilder sind exzellent und das zweigeteilte Titelbild des BĂ€ndchens gibt einen guten Eindruck, mit welcher Leuchtkraft sie ein in erster Linie jugendliches Publikum in den fĂŒnfziger Jahren in ihren Bann geschlagen haben.
Abgeschlossen wird der Band durch ein ausfĂŒhrliches Quellenverzeichnis sowie ein Glossar.
Heinz J. Galle erweist sich immer wieder als kritischer Mahner der aus seiner Sicht in eine Sackgasse gelaufenen friedlichen Nutzung der Atomenergie. Kein Endlanger, keine Sicherheit vor Umweltkatastrophen und eine jahrzehntausende Erbschaft an die kommenden Generationen. Aus der Gefahr vor dem Atomkrieg ist inzwischen die Gefahr eines Cyberkrieges geworden. Mit seinem reichhaltig bebilderten Essay beschwört der Autor ĂŒberwiegend unterhaltsam ĂŒberzeugend die NaivitĂ€t der fĂŒnfziger und die Angst der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts wieder herauf und zeigt die Wechselwirkung der in erster Linie politisch militĂ€rischen Entwicklungen in einer Reihe von populĂ€ren Massenmedien. Alleine aufgrund der zahllosen kurz vorgestellten Beispiele ist dieses Essay- BĂ€ndchen eine Anschaffung wert. Heinz J. Galle weiß insbesondere bei der phantastischen Unterhaltungsliteratur sowie im positiven Sinne der Bezeichnung der Trivialveröffentlichungen sein umfangreiches Wissen als langjĂ€hriger Sammler ohne zu belehren zu prĂ€sentieren. Hinzu kommen - wie mehrmals schon angesprochen - die interessanten und drucktechnisch sehr ĂŒberzeugend wieder gegebenen mehr als einhundert Abbildungen, die den Fehlstart ins Atomzeitalter adĂ€quat illustrieren.

Heinz J. Galle: "Fehlstart ins Atomzeitalter"
Sachbuch, Softcover, 149 Seiten
Dieter von Reeken 2013

ISBN 9-7839-4067-9710

Weitere Bücher von Heinz J. Galle:
 - Als die Science Fiction Deutschland eroberte
 - Erlebte Vergangenheit und gestaltete Zukunft
 - VolksbĂŒcher und Heftromane
 - VolksbĂŒcher und Heftromane Band 2
 - VolksbĂŒcher und Heftromane Band 3
 - Zwischen Tecumseh und Doktor Fu Man Chu

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