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Sachbücher



Kurd Laßwitz

Die Lehre Kants von der Idealität des Raumes und der Zeit,

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Die Lehre Kants” - in der Kollektion Laßwitz der zweite Band der sekundärliterarischen Abteilung - erscheint ein in doppelter Hinsicht interessantes Essay von Kurd Laßwitz zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten in der gewohnt exzellenten Form als schön gestaltete Hardcoverausgabe. In seiner kritischen Biographie über Gustav Theodor Fechner hat sich Kurd Laßwitz mit den Gedanken der beseelten Natur - ein roter Faden insbesondere in seinem literarischen Werk - auseinandergesetzt. Neben Fechner, von dessen Thesen Kurd Laßwitz später abrückte, gehörte der Königsberger Philosoph Kant im Grunde zur gedanklich entgegen gesetzten Stütze des Laßwitz´schen Werkes. Im Gegensatz zu Fechners Werk hat sich Kurd Laßwitz auch als Herausgeber an der Gesamtausgabe der Kant´schen Schriften beteiligt. Im Gegensatz allerdings zu seinen anderen sekundärliterarischen Arbeiten schrieb Kurd Laßwitz “Die Lehre Kants von der Idealität des Raumes und der Zeit” quasi als Teilnehmer des 1880 vom Literaturinstitut EW. Lasts ausgeschriebenen Wettbewerb. Der Gewinner sollte 1000 österreichische Gulden erhalten. Sowohl Kurd Laßwitz als auch Julius Gillis aus Sankt Petersburg, der den Geldpreis gestiftet und die Prämissen des Wettbewerbs aufgestellt hat, sahen Kants Lehren in der Zeit der immer stärker fortschreitenden industriellen Revolution und damit einhergehend dem so genannten Materialismus als notwendiger und aktueller denn je. Kurd Laßwitz gewann den Wettbewerb, mußte sich dann allerdings gegen zahlreiche Neider und ihre Plagiatsvorwürfe zur Wehr setzen. Herausgeber Dieter von Reeken hat eine der zahlreichen Erwiderungsschriften der eigentlichen Arbeit vorangestellt. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, diese Erwiderung an das Ende des Textes zu stellen. Die wichtigsten Prämissen des Wettbewerbs - die nicht mehr zeitgemäßen Punkte der Kant´schen Weltanschauung herauszuarbeiten, die eigentliche Lehre selbst schulmäßig und doch für eine breitere Allgemeinheit verständlich darzustellen und schließlich die in der Lehre selbst steckende Entwicklung im Grunde mit einer wachsenden Intelligenz wie einem stärker ausgeprägten moralischen Instinkt in Einklang zu bringen - werden von Kurd Laßwitz in seinem Essay nicht nur gestreift, der Autor integriert sie in eine Reihe von Thesen und Theorien, welche dem interessierten Leser sowohl in der bislang noch nicht neu veröffentlichen zweibändigen Ausgabe “Geschichte der Atomistik” - zehn Jahre nach dem vorliegenden Text veröffentlicht, wieder erscheinen werden als auch Kernpunkte seines literarischen Schaffen sind.
Wichtige Thesen der einleitenden Kapitel sind in ihrer ursprünglichen Vortrags - bzw. sekundärliterarischer Aufsatzform in den beiden teilweise von Dieter von Reeken für die Kollektion Laßwitz zusammengestellten Artikelbänden “Wirklichkeiten” und “Seelen und Ziele” schon erschienen. Die Unzulänglichkeiten der materialistischen Weltanschauung definiert Kurd Laßwitz wieder über die griechischen Theorien einer Körperwelt und im Grunde einer geistigen Welt. Es ist erstaunlich, wie stark Kurd Laßwitz das Zusammenspiel zwischen Körper und Geist unterschätzt und insbesondere den reinen Emotionen im Grunde gar keinen entscheidenden Einfluss zugesteht. Immer wieder greift der Autor im Grunde auf idealisierte Ideen der griechischen Antike zurück, die in ihrer abstrakten Form von Kurd Laßwitz mit zahlreichen, teilweise interessanten Beispielen zum Leben erfüllt werden. Kurd Laßwitz sieht die Entdeckung der Atome - im Grunde eine Art Allheilmittel positiv wie negativ in Laßwitzs Gedankenketten - als größten Widerspruch der Kant´schen Lehre an. Über die Atome als verbindende wie bildende Teilchen schlägt Kurd Laßwitz den Bogen zu Kopernikus, der - wie Kurd Laßwitz auch - die Objektivität der menschlichen Sinne anzweifelt. Insbesondere in Laßwitz teilweise unter Pseudonym geschriebenem Frühwerk steht das Empfinden der naturalistisch gezeichneten Charaktere beiderlei Geschlecht in einem starken Kontrast bis zu einem spürbaren Widerspruch zu den Naturgesetzen. In diesem Punkt bleibt Kurd Laßwitz sowohl in seinen Romanen als auch der vorliegenden These ambivalent. Der Mensch sieht/spürt/schmeckt subjektiv. Die Welt, die Umgebung ist dank der Atome in den Menschen an sich verankert, die aber auf der anderen Seite nur ein begrenztes “Empfinden” haben. Trotz aller Naturforschung und wissenschaftlichen Thesen bleibt es dem Menschen per se verschlossen, die Atome und damit Natur als Ganzes zu spüren. Mensch, Raum und Zeit bilden eine im Grunde sich gegenseitig befruchtende “Einheit”, wobei realer Raum an sich nicht in das Bewußtsein des Menschen treten kann. In dem Augenblick, in dem der Mensch seine Umgebung wahr nimmt, beginnt er diese nicht nur zu beeinflussen, sondern dem persönlichen Eindruck anzupassen, faktisch im eigenen Bewusstsein umzuformen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Erfahrung des Menschen. Im Gegensatz zu Fechners beseelter Natur, welche im Grunde sich auf der gleichen Ebene wie der Mensch bewegt, aber als Gesamtbewusstsein geistig reifer ist, fügt Kurd Laßwitz in der vorliegenden Arbeit zum ersten Mal expliziert den impliziert geschriebenen intellektuellen Reifegrad des Lesers/ der Menschen in Bezug auf seine Theorien hinzu und grenzt sich/ sein Publikum damit von der breiten Masse ab. In der Definition von Erfahrung - angelesenes und erlerntes Wissen alleine reichen nicht als Erfahrungsschatz aus - bleibt der Autor erstaunlich vage und hofft, das sich seine Leser eher angesprochen als vor den Kopf gestoßen fühlen. Während der Raum niemals objektiv und als Ganzes erfassbar sein kann, steht die Zeit untrennbar dem Menschen positiv - je älter er wird, desto mehr Wissen kann er sich aneignen - wie negativ - irgendwann ist der Höhepunkt des Reifeprozesses überschritten und unweigerlich setzt das Altern, das Vergessen ein - zur Seite. Wichtig ist für Kurd Laßwitz, das der Raum alleine messbar, während die Zeit in erster Linie spürbar ist. Sie bilden die Eckpunkte jeglicher Forschung und Entwicklung. In den folgenden Abschnitten prüft Kurd Laßwitz seine Thesen gegen verschiedene Ideen wie Forderungen Kants. Dabei gelingt es dem Autoren nur teilweise, Kant aus seiner Zeit zu lösen und in die Aufbruchsstimmung insbesondere des Deutschen Reiches nach dem siegreichen Frankreichfeldzug zu übertragen. Aus heutiger Sicht lässt sich an der vorliegenden Arbeit auf der einen Seite die theoretische Gültigkeit der Thesen Kants sehr gut zwischen den Zeilen herauslesen, während Kurd Laßwitz als interpretierender Analyst eine Weg sucht, die neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften und damit einhergehend die intellektuelle Wertentwicklung des Menschen, aber nicht unbedingt der ganzen Menschheit in die inzwischen fast einhundert Jahre alten Ideen zu integrieren. Dabei holt Kurd Laßwitz insbesondere im Mittelteil, in welchem er die eigentliche Lehre von Zeit und Raum anschaulich erläutern muss, sehr weit aus. Kurd Laßwitz ist dank seiner Erfahrung als Lehrer ein idealer Vermittler zwischen Theorie und Praxis. Seine Beispiele sind plastisch und anschaulich, werden geradlinig und klar verständlich vorgetragen bzw. ausführlich erklärt. Alleine der schmale Grad zwischen Anschaulichkeit und Neuinterpretation macht den Mittelabschnitt des Buches schwerer zu lesen als die interessante, vielschichtige, wenn auch aus anderen Arbeiten bekannte Einleitung als auch die Entwicklung der Fortschritte der eigentlichen Lehre. Hier greift Kurd Laßwitz in “Naturgesetz und Naturerkenntnis” auf seine Auseinandersetzung mit der Atomistik zurück. Es folgen mit “Die Schranken der Erkenntnis: Verstand und Vernunft” sowie “Die Idee der Freiheit” und aus dem bisherigen Aufbau des Buches heraus sehr überraschend “”Seele. Unsterblichkeit. Gott” drei ausgesprochen interessante Abschlusskapitel. Immer wenn sich Kurd Laßwitz von der reinen wissenschaftlichen Betrachtung der philosophischen Ideen löst und ins freie Interpretieren übergeht, lebt sein Text förmlich auf. Dabei ist es erstaunlich, wie modern einige seiner Gedankenmodelle selbst in heutiger Zeit noch erscheinen. Die Idee der Freiheit steht immer in einem sehr engen Zusammenhang mit Eigenverantwortung und klammert jegliche Kritik an den Standesschranken wie auch der Monarchie als Regierungsform auf. Kurd Laßwitz sucht die Balance zwischen dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Freiheit - dem Individuum - und seiner Umgebung. Ebenso untersucht er die Idee einer unsterblichen Seele in einem engen Zusammenhang mit der Ausbildung des eigenen Verstandes. Das Gott nur gefühlt und nicht begriffen werden kann, stellt unabhängig von den unterschiedlichen religiösen Ideen eine Art Kompromiss zwischen dem reinen Verstandesmensch und dem fühlenden Wesen dar. In diesem Punkt ist Kurd Laßwitz eher vorsichtig und beschränkt sich auf allgemeine Thesen.

Zusammengefasst liest sich Kurd Laßwitzs Auseinandersetzung mit der Kant´schen Lehre - wie auch viele andere sekundärliterarische Texte - ausgesprochen unterhaltsamen auf einer auch heute noch soliden kommunikativen Ebene, auf der der Autor ohne zu belehren und/oder den Leser mit zahllosen Querverweisen zu erschlagen sich intensiv, aber objektiv, distanziert und doch wohlwollend mit Kant auseinandersetzt. Eine Übertragung der Ideen in ein neues Jahrhundert ist eine selbst für Kurd Laßwitz zu schwierige Aufgabe. Er gibt Kant eher einen ausführlichen Hintergrund, in dem er aus der Antike und deren idealisierten wie teilweise falschen Menschenbild kommend erst das Fundament mit einem naturwissenschaftlichen Fokus schafft und dann auf einer intellektuellen Ebene die Beziehung zwischen Individuum und Natur an sich untersucht. In erster Linie ist der Text - ähnlich wie die Fechner Biographie inklusiv der kritischen Auseinandersetzung mit dessen Thesen - für Leser interessant, die Kurd Laßwitz sekundärliterarische Essays mit seinen Erzählungen und Romanen abgleichen. Viele Ideen Kants - auf die Kurd Laßwitz hier gezielter als in seinen zahlreichen kurzen Artikeln mit anderen Themenschwerpunkten eingeht - finden sich in erster Linie
in seinen längeren modernen Märchen der zweiten Schaffensphase, in welcher die romantisch naturalistischen Aspekte seiner Arbeiten in den Hintergrund getreten sind. Wer sich intensiver mit Kant auseinandersetzen möchte, kommt sicherlich an der vorliegenden Arbeit - Kurd Laßwitz spielt hier ganz bewusst nicht den Querdenker oder Kritiker, sondern eine Art “Übersetzer” - nicht vorbei.

Kurd Laßwitz: "Die Lehre Kants von der Idealität des Raumes und der Zeit, "
Sachbuch, Hardcover, 236 Seiten
Dieter von Reeken 2010

ISBN 9-7839-4067-9345

Weitere Bücher von Kurd Laßwitz:
 - Aspira
 - Auf zwei Planeten
 - Bilder aus der Zukunft
 - Gedichte und Erzählungen
 - Geschichte der Atomstik vom Mittelalter bis Newton Band 2
 - Gustav Theodor Fechner
 - Herr Strehler und der poetische Hauslehrer
 - Natur und Mensch
 - Nie und Immer
 - Schlangenmoos
 - Schlangenmoos und Sternentau
 - Seelen und Ziele
 - Seifenblasen
 - Seifenblasen und Traumkristalle
 - Studien
 - Wirklichkeiten
 - Über Tropfen, Atomistik und Kriticismus
 - Zivilsation und Kultur

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