Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Zensur (1)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Sachbücher



Both, Neumann, Scheffler

Berichte aus einer Parallelwelt

rezensiert von Thomas Harbach

Nach den Veröffentlichungen “Die Zukunft in der Tasche” von Rainer Eisfeld und “Als die Science Fiction Deutschland eroberte” aus der Feder Heinz Galles im Dieter von Reeken Verlag, ist es an der Zeit, sich noch einmal intensiv mit dem anderen Deutschland und seiner bislang unbekannten Fandomgeschichte auseinanderzusetzen.
Historisch überschneiden sich die drei Memoirenbände insbesondere in den Zeiten des Wirtschaftswunders, als es noch vorsichtige Kontakte zwischen den beiden deutschen Staaten gegeben hat. Während die Geschichte des westdeutschen Fandoms insbesondere der wilden Endsechziger und siebziger Jahre noch geschrieben werden muss, liegt die ganze Geschichte des DDR Fandoms in einem Buch gesammelt vor.
Die hier obliegende Studie erschien schon 1998 in der sekundärliterarischen Reihe des EDFC, hat aber angesichts der beiden sich fast ausschließlich mit dem westdeutschen Fandom aus sehr unterschiedlichem Blickwinkeln beschäftigen Galle/Eisfeld Büchern nichts an Aktualität verloren, sondern durch die ergänzende Begleitung eher hinzu gewonnen. Neben der Andromeda Ausgabe, die sich ausschließlich mit dem ersten und bekanntesten DDR Fan Herbert Häußler auseinandersetzte - ihm ist auch ein Kapitel in “Blicke aus der Parallelwelt” gewidmet - und einem mehrteiligen Artikel über das DDR Fandom unmittelbar nach der Wiedervereinigung geschrieben, setzen sich bislang die meisten sekundärliterarischen Arbeiten entweder mit einzelnen Autoren oder Buchreihen der DDR auseinander. Mit einem Abstand von knapp sieben Jahren zur Wiedervereinigung und dem Untergang des DDR Staates geschrieben überrascht der vorliegende Band durch seine gemäßigte Haltung den politischen Organen bzw. Informanten gegenüber. Immerhin gilt nach der Lektüre des vorliegenden Buches ein populärer Autor wie Michael Szameit als fleißiger Berichtsschreiber und die Auflösung des aktivsten sowie populärsten Science Fiction Clubs - der “Stanislaw Lem Club Dresden” erfolgte weniger ursprünglich aufgrund politischer Bedenken, sondern wegen einer persönlichen Fehde zwischen dem Clubaktiven Rolf Krohn und der Parteisekretärin für Physik an der TU Dresden Dr. Edith Franke. Als Augenzeuge beschreibt Erich Simon einige der insbesondere für westdeutsche Leser unfassbaren Vorgänge. Die Auflösung des Clubs ist der zweite Schlag gegen eine organisierte Fankultur gewesen. Zwei sehr frühe Ostdeutsche SFCD Mitglieder sind in den fünfziger Jahren wegen des Besitzes und der Verbreitung westlicher Schundliteratur angeklagt und verurteilt worden.
Vielleicht ist es die in diesem Bericht bewusst ausgesprochene, distanzierte und nicht vorurteilende Sachlichkeit, welche insbesondere die Agitation und das Ausspitzeln des Nachbarn und Freundes so unglaublich, so komplex geplant erscheinen lässt. Sowohl im Leistungssport als auch der Kultur ist das dichte Netz der Staatsorgane ja bekannt, wenn auch für westliche Zeitzeugen nicht vertraut gewesen. Leider kommen außer Erik Simon keine weiteren direkt Betroffenen zu Wort. Die Autoren und ihr Zeitzeuge verzichten auf jegliche Verurteilung der damaligen staatstreuen Gesinnungsgenossen. Es werden allerdings entsprechende Schriftstücke exemplarisch abgedruckt.

Viel mehr blättern sie von ihrem kurzen, aber pointierten Vorwort an in knapp vierzig Jahren Fandom Geschichte. Natürlich gipfelt die Entwicklung im ersten und gleichzeitig letzten DDR Science Fiction Con, der noch vor der Veranstaltung sein Heimatland verloren hat. Sehr kompakt gibt das erste große Kapitel “Parallelwelt im Überblick” eine solide Zusammenfassung der einzelnen Clubs und ihre Standorte, sowie eine Statistik über die einzelnen Gründungen inklusiv der Mitglieder und einen Nachdruck eines von Erich Simon unter Pseudonym geschriebenen Artikels. Dieser ist über weite Strecken erschreckend prophetisch, denn viele der von Simon kritisch aufgeführten Punkte sowie die von ihm aufgelisteten Schwachstellen der im Grunde sich immer wieder ähnelnden Clubstrukturen haben nach zwei kurzen Blütezeiten zum Untergang der meisten ostdeutschen Clubs geführt. Einmal durch die politische Zerschlagung des Lem Clubs, dessen Schockwellen im Grunde jegliche Vereinskultur über Jahre zerstört haben. Zum zweiten viel schlimmer durch die Wiedervereinigung, die zu einer Reizüberflutung durch überwiegend amerikanische Science Fiction sehr unterschiedlicher Qualität geführt und die Identität der DDR SF sowie ihrer Fans weggespült hat. Hinsichtlich der inneren Aufteilung der Clubs in passive Konsumenten und aktive Produzenten sowie deren Verhältnis untereinander wird der Leser unwillkürlich an den SFCD erinnert. Im Vergleich zu den ehemaligen DDR Clubs stellt sich unwillkürlich die Frage, ob der Konsument wirklich so eine “abscheulich faule” Kreatur ist oder der Produzent einfach seinen passiven Widerpart in möglichst großer Zahl benötigt? Nach diesem sehr guten Überblick werden die einzelnen Clubs - soweit es noch Zeitzeugen bzw. Dokumente gibt - vorgestellt. Die Länge der Beiträge ist sehr unterschiedlich. Teilweise sind die Autoren auf Vermutungen angewiesen Insbesondere der heute noch existierende SFC Andymon wird von Hardy Ketzlitz zumindest bis zur Wende ausführlich präsentiert. Auch wenn es das Thema ein wenig erweitert hätte, wäre es sicherlich interessant gewesen, diesen sehr aktiven Club auch nach der Wende beitragstechnisch zu verfolgen. Zusammen mit den Hallensern - sie werden von Wilko Müller jr vorgestellt – bilden die Berliner die kleine Minderheit im auch im Westen immer kleiner werdenden Fandom. Natürlich wiederholen sich einige Aspekte des frühen Clublebens und stellenweise hat der Leser das Gefühl, einen Almanach vor sich zu haben als einen sekundärliterarischen Titel, aber der Versuch, einen möglichst vollständigen Überblick zu geben, hat die Art der Darstellung beeinflusst. Das gut abgedruckte Fotomaterial sowie Bilder ihrer Logos/ Publikationen runden das Bild von den Clubs oder Arbeitsgemeinschaften gut ab. Nur einige Punkte hätten insbesondere unbedarften Lesern näher erläutert werden sollen. Neben der nimmermüden treibenden Kraft Carlos Rasch möchte mancher Leser doch von dem ausgeklügelten Schlafplan mehr wissen, der auf einem der Cons scheinbar eine sehr große Rolle gespielt hat. Die Planung wird insgesamt zweimal ausführlich erwähnt, aber nicht weiter erläutert. Einen ebenso breiten Raum nehmen die Vorstellungen der einzelnen Fanzines ein. Dabei wird zumindest ein Titelbild bzw. eine Vorderseite zusammen mit einem Faktenblatt abgedruckt. Der Leser muss sich nicht nur in die Vorcomputerzeit zurückversetzen, sondern die Herstellung wurde durch die Notwendigkeit von Druckgenehmigungen und Probeexemplaren zur Prüfung durch staatliche Organe noch erschwert. Im Mittelteil enthält der Block “Expeditionsberichte” neben der ausführlichen und gut geschriebenen Vorstellung Herbert Häußlers und der traurigen Geschichte der Ost West Kontakte noch sehr ausführliche Rezensionen der Debütanthologien, in denen junge Fans sich ihre ersten professionellen literarischen Sporen verdienen konnten. Die Rezensionen sind eingehend, sehr kritisch und pointiert geschrieben. Nach ihrer Lektüre hat man einen guten Überblick, ob es sich für einen selbst lohnt, die noch antiquarisch erhältlichen Kurzgeschichtenanthologien zu erwerben. Insbesondere die Gegenüberstellung von Erich Simons eher ideengetriebenen, aber stilistisch nicht befriedigenden Werken mit dem damals von der Universität verwiesenen Rolf Krohn, der sich aber als Science Fiction Schriftsteller weiter betätigen durfte, stellt exemplarisch die Stärken und Schwächen der DDR Phantastik und Science Fiction gut gegenüber. Die Berichte über die wenigen Cons -sowohl in der DDR als auch den osteuropäischen Bruderstaaten - werden von gut ausgesuchten Fotos begleitet und geben nicht nur einen exzellenten Endruck über die Aktivitäten der einzelnen Clubs, sondern auch über die Strapazen, denen sich die Fans gerne aussetzen, nur um ihrem Hobby mit Gleichgesinnten zu frönen.

In einer Art Epilog werden die politischen Strukturen der diversen Trägerorganisationen erläutert. Es empfiehlt sich für westdeutsche Leser, mit diesem sehr fundiert geschriebenen Artikel zu beginnen, um eine Reihe diverser Vorgänge in den davor abgedruckten Abschnitten besser zu verstehen. Die Zeittafel kombiniert auf einzigartige Weise Entwicklungen im Fandom und der Profiszene. Sie gewährt einen sehr gerafften Überblick über das Geschehen. Neben einem Quellenverzeichnis ermöglicht das Register einen schnellen Zugriff auf einzelne interessante Themen bzw. vorgestellte Fans/ Clubs.

Unabhängig von der distanzierten, nicht emotionalen Haltung gegenüber den staatlichen Organen überzeugt “Berichte aus einer Parallelwelt” durch eine fast unglaubliche Anzahl von Daten und Fakten. Im Gegensatz zur Entwicklung des westdeutschen Fandoms mit seiner stetig voranschreitenden Kommerzialisierung sowie einem Auseindriften von Lesern und Autoren hat diese idealistische Idylle, dieses im Grunde voneinander profitieren von Fan und Autoren bis zur Wende überlebt. Vielleicht wünscht sich ein westdeutscher Leser mehr über den Autoren Carlos Rasch als wichtigste Triebfeder des Fandoms zu erfahren bzw. etwas mehr darüber zu lesen, wie die Fans dieser technisch wissenschaftlichen Phantastik dem sicherlich vorhandenen politischen Gedankengut gegenüber gestanden haben. In dieser Hinsicht sprechen die eingangs angesprochenen Berichte zum Beispiel eines Heinz Galles auf einer persönlichen emotionalen Ebene den Leser mehr an. Alleine auf den Informationsgehalt komprimiert ist “Berichte aus der Parallelwelt” eine unbedingt empfehlenswerte Lektüre und ein stetiger Quell von manchmal unglaublich erscheinenden politischen Egotrips, die für die Opfer willkürlicher staatlicher Gewalt fatale Folgen hatten. Auch kann der Leser immer wieder dem Text entnehmen, welche Opfer und Gefahren manche Fans auf sich genommen haben, um ihrem exotischen Hobby zu frönen. Das rückt die “Berichte aus der Parallelwelt” näher an George Orwells “1984” bzw. Huxleys “Schöne neue Welt”, als man es sich im Westen vorstellen konnte und rückblickend noch kann. Ein Lob den Autoren und Mitwirkenden, dass sie dieses Zeitzeugnis deutscher Fandomgeschichte in dieser überzeugenden Form in sicherlich mühevoller Kleinarbeit zusammengestellt haben und ein Dank dem EDFC, der es einem breiteren Publikum vorgestellt hat.

Both, Neumann, Scheffler : "Berichte aus einer Parallelwelt "
Sachbuch, Softcover, 188 Seiten
EDFC 1998

ISBN 9-7839-3262-1086

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::