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SachbĂŒcher



Both, Neumann, Scheffler

Berichte aus einer Parallelwelt

rezensiert von Thomas Harbach

Nach den Veröffentlichungen “Die Zukunft in der Tasche” von Rainer Eisfeld und “Als die Science Fiction Deutschland eroberte” aus der Feder Heinz Galles im Dieter von Reeken Verlag, ist es an der Zeit, sich noch einmal intensiv mit dem anderen Deutschland und seiner bislang unbekannten Fandomgeschichte auseinanderzusetzen.
Historisch ĂŒberschneiden sich die drei MemoirenbĂ€nde insbesondere in den Zeiten des Wirtschaftswunders, als es noch vorsichtige Kontakte zwischen den beiden deutschen Staaten gegeben hat. WĂ€hrend die Geschichte des westdeutschen Fandoms insbesondere der wilden Endsechziger und siebziger Jahre noch geschrieben werden muss, liegt die ganze Geschichte des DDR Fandoms in einem Buch gesammelt vor.
Die hier obliegende Studie erschien schon 1998 in der sekundĂ€rliterarischen Reihe des EDFC, hat aber angesichts der beiden sich fast ausschließlich mit dem westdeutschen Fandom aus sehr unterschiedlichem Blickwinkeln beschĂ€ftigen Galle/Eisfeld BĂŒchern nichts an AktualitĂ€t verloren, sondern durch die ergĂ€nzende Begleitung eher hinzu gewonnen. Neben der Andromeda Ausgabe, die sich ausschließlich mit dem ersten und bekanntesten DDR Fan Herbert HĂ€ußler auseinandersetzte - ihm ist auch ein Kapitel in “Blicke aus der Parallelwelt” gewidmet - und einem mehrteiligen Artikel ĂŒber das DDR Fandom unmittelbar nach der Wiedervereinigung geschrieben, setzen sich bislang die meisten sekundĂ€rliterarischen Arbeiten entweder mit einzelnen Autoren oder Buchreihen der DDR auseinander. Mit einem Abstand von knapp sieben Jahren zur Wiedervereinigung und dem Untergang des DDR Staates geschrieben ĂŒberrascht der vorliegende Band durch seine gemĂ€ĂŸigte Haltung den politischen Organen bzw. Informanten gegenĂŒber. Immerhin gilt nach der LektĂŒre des vorliegenden Buches ein populĂ€rer Autor wie Michael Szameit als fleißiger Berichtsschreiber und die Auflösung des aktivsten sowie populĂ€rsten Science Fiction Clubs - der “Stanislaw Lem Club Dresden” erfolgte weniger ursprĂŒnglich aufgrund politischer Bedenken, sondern wegen einer persönlichen Fehde zwischen dem Clubaktiven Rolf Krohn und der ParteisekretĂ€rin fĂŒr Physik an der TU Dresden Dr. Edith Franke. Als Augenzeuge beschreibt Erich Simon einige der insbesondere fĂŒr westdeutsche Leser unfassbaren VorgĂ€nge. Die Auflösung des Clubs ist der zweite Schlag gegen eine organisierte Fankultur gewesen. Zwei sehr frĂŒhe Ostdeutsche SFCD Mitglieder sind in den fĂŒnfziger Jahren wegen des Besitzes und der Verbreitung westlicher Schundliteratur angeklagt und verurteilt worden.
Vielleicht ist es die in diesem Bericht bewusst ausgesprochene, distanzierte und nicht vorurteilende Sachlichkeit, welche insbesondere die Agitation und das Ausspitzeln des Nachbarn und Freundes so unglaublich, so komplex geplant erscheinen lĂ€sst. Sowohl im Leistungssport als auch der Kultur ist das dichte Netz der Staatsorgane ja bekannt, wenn auch fĂŒr westliche Zeitzeugen nicht vertraut gewesen. Leider kommen außer Erik Simon keine weiteren direkt Betroffenen zu Wort. Die Autoren und ihr Zeitzeuge verzichten auf jegliche Verurteilung der damaligen staatstreuen Gesinnungsgenossen. Es werden allerdings entsprechende SchriftstĂŒcke exemplarisch abgedruckt.

Viel mehr blĂ€ttern sie von ihrem kurzen, aber pointierten Vorwort an in knapp vierzig Jahren Fandom Geschichte. NatĂŒrlich gipfelt die Entwicklung im ersten und gleichzeitig letzten DDR Science Fiction Con, der noch vor der Veranstaltung sein Heimatland verloren hat. Sehr kompakt gibt das erste große Kapitel “Parallelwelt im Überblick” eine solide Zusammenfassung der einzelnen Clubs und ihre Standorte, sowie eine Statistik ĂŒber die einzelnen GrĂŒndungen inklusiv der Mitglieder und einen Nachdruck eines von Erich Simon unter Pseudonym geschriebenen Artikels. Dieser ist ĂŒber weite Strecken erschreckend prophetisch, denn viele der von Simon kritisch aufgefĂŒhrten Punkte sowie die von ihm aufgelisteten Schwachstellen der im Grunde sich immer wieder Ă€hnelnden Clubstrukturen haben nach zwei kurzen BlĂŒtezeiten zum Untergang der meisten ostdeutschen Clubs gefĂŒhrt. Einmal durch die politische Zerschlagung des Lem Clubs, dessen Schockwellen im Grunde jegliche Vereinskultur ĂŒber Jahre zerstört haben. Zum zweiten viel schlimmer durch die Wiedervereinigung, die zu einer ReizĂŒberflutung durch ĂŒberwiegend amerikanische Science Fiction sehr unterschiedlicher QualitĂ€t gefĂŒhrt und die IdentitĂ€t der DDR SF sowie ihrer Fans weggespĂŒlt hat. Hinsichtlich der inneren Aufteilung der Clubs in passive Konsumenten und aktive Produzenten sowie deren VerhĂ€ltnis untereinander wird der Leser unwillkĂŒrlich an den SFCD erinnert. Im Vergleich zu den ehemaligen DDR Clubs stellt sich unwillkĂŒrlich die Frage, ob der Konsument wirklich so eine “abscheulich faule” Kreatur ist oder der Produzent einfach seinen passiven Widerpart in möglichst großer Zahl benötigt? Nach diesem sehr guten Überblick werden die einzelnen Clubs - soweit es noch Zeitzeugen bzw. Dokumente gibt - vorgestellt. Die LĂ€nge der BeitrĂ€ge ist sehr unterschiedlich. Teilweise sind die Autoren auf Vermutungen angewiesen Insbesondere der heute noch existierende SFC Andymon wird von Hardy Ketzlitz zumindest bis zur Wende ausfĂŒhrlich prĂ€sentiert. Auch wenn es das Thema ein wenig erweitert hĂ€tte, wĂ€re es sicherlich interessant gewesen, diesen sehr aktiven Club auch nach der Wende beitragstechnisch zu verfolgen. Zusammen mit den Hallensern - sie werden von Wilko MĂŒller jr vorgestellt – bilden die Berliner die kleine Minderheit im auch im Westen immer kleiner werdenden Fandom. NatĂŒrlich wiederholen sich einige Aspekte des frĂŒhen Clublebens und stellenweise hat der Leser das GefĂŒhl, einen Almanach vor sich zu haben als einen sekundĂ€rliterarischen Titel, aber der Versuch, einen möglichst vollstĂ€ndigen Überblick zu geben, hat die Art der Darstellung beeinflusst. Das gut abgedruckte Fotomaterial sowie Bilder ihrer Logos/ Publikationen runden das Bild von den Clubs oder Arbeitsgemeinschaften gut ab. Nur einige Punkte hĂ€tten insbesondere unbedarften Lesern nĂ€her erlĂ€utert werden sollen. Neben der nimmermĂŒden treibenden Kraft Carlos Rasch möchte mancher Leser doch von dem ausgeklĂŒgelten Schlafplan mehr wissen, der auf einem der Cons scheinbar eine sehr große Rolle gespielt hat. Die Planung wird insgesamt zweimal ausfĂŒhrlich erwĂ€hnt, aber nicht weiter erlĂ€utert. Einen ebenso breiten Raum nehmen die Vorstellungen der einzelnen Fanzines ein. Dabei wird zumindest ein Titelbild bzw. eine Vorderseite zusammen mit einem Faktenblatt abgedruckt. Der Leser muss sich nicht nur in die Vorcomputerzeit zurĂŒckversetzen, sondern die Herstellung wurde durch die Notwendigkeit von Druckgenehmigungen und Probeexemplaren zur PrĂŒfung durch staatliche Organe noch erschwert. Im Mittelteil enthĂ€lt der Block “Expeditionsberichte” neben der ausfĂŒhrlichen und gut geschriebenen Vorstellung Herbert HĂ€ußlers und der traurigen Geschichte der Ost West Kontakte noch sehr ausfĂŒhrliche Rezensionen der DebĂŒtanthologien, in denen junge Fans sich ihre ersten professionellen literarischen Sporen verdienen konnten. Die Rezensionen sind eingehend, sehr kritisch und pointiert geschrieben. Nach ihrer LektĂŒre hat man einen guten Überblick, ob es sich fĂŒr einen selbst lohnt, die noch antiquarisch erhĂ€ltlichen Kurzgeschichtenanthologien zu erwerben. Insbesondere die GegenĂŒberstellung von Erich Simons eher ideengetriebenen, aber stilistisch nicht befriedigenden Werken mit dem damals von der UniversitĂ€t verwiesenen Rolf Krohn, der sich aber als Science Fiction Schriftsteller weiter betĂ€tigen durfte, stellt exemplarisch die StĂ€rken und SchwĂ€chen der DDR Phantastik und Science Fiction gut gegenĂŒber. Die Berichte ĂŒber die wenigen Cons -sowohl in der DDR als auch den osteuropĂ€ischen Bruderstaaten - werden von gut ausgesuchten Fotos begleitet und geben nicht nur einen exzellenten Endruck ĂŒber die AktivitĂ€ten der einzelnen Clubs, sondern auch ĂŒber die Strapazen, denen sich die Fans gerne aussetzen, nur um ihrem Hobby mit Gleichgesinnten zu frönen.

In einer Art Epilog werden die politischen Strukturen der diversen TrĂ€gerorganisationen erlĂ€utert. Es empfiehlt sich fĂŒr westdeutsche Leser, mit diesem sehr fundiert geschriebenen Artikel zu beginnen, um eine Reihe diverser VorgĂ€nge in den davor abgedruckten Abschnitten besser zu verstehen. Die Zeittafel kombiniert auf einzigartige Weise Entwicklungen im Fandom und der Profiszene. Sie gewĂ€hrt einen sehr gerafften Überblick ĂŒber das Geschehen. Neben einem Quellenverzeichnis ermöglicht das Register einen schnellen Zugriff auf einzelne interessante Themen bzw. vorgestellte Fans/ Clubs.

UnabhĂ€ngig von der distanzierten, nicht emotionalen Haltung gegenĂŒber den staatlichen Organen ĂŒberzeugt “Berichte aus einer Parallelwelt” durch eine fast unglaubliche Anzahl von Daten und Fakten. Im Gegensatz zur Entwicklung des westdeutschen Fandoms mit seiner stetig voranschreitenden Kommerzialisierung sowie einem Auseindriften von Lesern und Autoren hat diese idealistische Idylle, dieses im Grunde voneinander profitieren von Fan und Autoren bis zur Wende ĂŒberlebt. Vielleicht wĂŒnscht sich ein westdeutscher Leser mehr ĂŒber den Autoren Carlos Rasch als wichtigste Triebfeder des Fandoms zu erfahren bzw. etwas mehr darĂŒber zu lesen, wie die Fans dieser technisch wissenschaftlichen Phantastik dem sicherlich vorhandenen politischen Gedankengut gegenĂŒber gestanden haben. In dieser Hinsicht sprechen die eingangs angesprochenen Berichte zum Beispiel eines Heinz Galles auf einer persönlichen emotionalen Ebene den Leser mehr an. Alleine auf den Informationsgehalt komprimiert ist “Berichte aus der Parallelwelt” eine unbedingt empfehlenswerte LektĂŒre und ein stetiger Quell von manchmal unglaublich erscheinenden politischen Egotrips, die fĂŒr die Opfer willkĂŒrlicher staatlicher Gewalt fatale Folgen hatten. Auch kann der Leser immer wieder dem Text entnehmen, welche Opfer und Gefahren manche Fans auf sich genommen haben, um ihrem exotischen Hobby zu frönen. Das rĂŒckt die “Berichte aus der Parallelwelt” nĂ€her an George Orwells “1984” bzw. Huxleys “Schöne neue Welt”, als man es sich im Westen vorstellen konnte und rĂŒckblickend noch kann. Ein Lob den Autoren und Mitwirkenden, dass sie dieses Zeitzeugnis deutscher Fandomgeschichte in dieser ĂŒberzeugenden Form in sicherlich mĂŒhevoller Kleinarbeit zusammengestellt haben und ein Dank dem EDFC, der es einem breiteren Publikum vorgestellt hat.

Both, Neumann, Scheffler : "Berichte aus einer Parallelwelt "
Sachbuch, Softcover, 188 Seiten
EDFC 1998

ISBN 9-7839-3262-1086

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