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Sachbücher



Bartholomäus Figatowski

Wo nie ein Kind zuvor gewesen ist

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Wo nie ein Kind zuvor gewesen ist...“ veröffentlicht Bartholomäus Figatowski seine Promotionsarbeit an der Universität zu Köln im Kid- Verlag. Es geht ihm um die Kindheits – und Jugendbilder in der Science Fiction für junge Leser, wobei das Spektrum anfänglich fast 250 Romane – signifikante Kurzgeschichten gibt es kaum – umfasst, die zwischen 1945 und 2005 in Deutschland, aber nicht zwangsläufig von deutschen Autoren erschienen sind. Aus dieser Schnittmasse hat sich Figatowski neun signifikante Bücher herausgesucht, die den zweiten, gewichtigeren Teil seiner Studie bilden.

Im Eingangskapitel definiert der Autor die Zielsetzung seiner Studie. Neben den Vorüberlegungen versucht der Autor an Hand zahlreicher, aber wie es sich für das Genre eigentlich gehört auch auseinanderstrebender Eckpunkte den Rahmen zu definieren, in dem er sich konzentriert auf die Jugendbilder in seiner Untersuchungsmasse bewegen möchte. Alleine die Grundprämisse, was ist Jugend Science Fiction, ist schon schwer zu definieren. Figatowski reichen nicht klassische Abenteuergeschichten mit nicht selten implizierten phantastischen Elementen. Auf der anderen Seite ist selbst in der Erwachsenenliteratur die Definition von Science Fiction, geschweige denn guter Science Fiction so breit gefasst, dass es im Grunde keine alle Thesen erschlagene Antwort geben kann. In diesem Eingangskapitel vermisst der Leser vielleicht Figatowskis Definition von Jugendliteratur im Allgemeinen, um eine mögliche Abgrenzung dieses spezifischen Subgenres von der Hauptströmung im Allgemeinen und der geläufigeren Pulp SF zu ermöglichen.

Noch ein größerer Problem besteht in der Bestimmung der Jugendbuch Science Fiction Parameter. Figatowskis Studie endet im Jahre 2005. Bevor die Potter Mania das Jugendbuch als ein Spielfeld nicht nur für phantastische Literatur übernommen hat, sondern bevor klassische Jugendbuchthemen – Coming of Age, die Desorientierung in Folge der Pubertät, das Auseinanderbrechen des Schutzwalls Familie – in Science Fiction Rahmen gepackt worden sind. Wenn der Autor von Rolf Ulricis „Monitor“- Romanen mit dem Quotenmädchen und dem überlegenen Superhirn schreibt, dann weckt er in den meisten seiner Leser wollige Erinnerungen, argumentiert aber gegen den momentan vorherrschenden Zeitgeist. Keine Studie kann ohne Redaktionsschluss auskommen, aber während sich das Erwachsenengenre nicht weiter entwickelt und Nanotechnolologie sowie K.I. das augenblickliche Nonplusultra darstellen, haben die Jugendbücher nicht nur inhaltlich und erzähltechnisch aufgeholt, sie haben in der Science Fiction Literatur eine gleichwertige Stellung übernommen. Nur die jugendlichen Helden oder Antihelden im Kampf gegen das zusammenbrechene Establishment auf der von der Umweltverschmutzung angegriffenen oder zerstörten Erde sowie die Konflikte im All unterscheiden diese Bücher noch von den vordergründig für ein erwachsene Publikum geschriebenen Arbeiten. Ein klassisches Beispiel wäre „Star Wars“, das sich als Märchen für Erwachsene zu einem Merchadisingphänomen bei den jugendlichen Zuschauern entwickelt hat, um die es in Figatowskis Studie eigentlich geht. Der Autor versucht eher erfolglos mangels Definitionen zwischen Texten zu unterscheiden, die absichtlich für eine in erster Linie jugendliche Zielgruppe verfasst worden sind und Geschichten, die sie indirekt ansprechen könnten. Hier sei auf die erste wichtige Phase der Science Fiction – das Golden Age der späten dreißiger und vierziger Jahre – verwiesen, in der Jugendliche und Erwachsene mit der gleichen Faszination die verschiedenen Pulpmagazin kauften und lasen. Natürlich verschieben sich die Prämissen in einer kommerziellen Verlagslandschaft, die Jugendbücher für Erwachsene verkauft oder Erwachsenentexte für eine andere Zielgruppe umdefiniert. So sehr sich Figatowski auch bemüht, die entsprechenden Richtlinien für seine folgenden Untersuchungen aufzustellen, so sehr muss der Autor in diesem rückblickend eher unwichtigen Handlungsabschnitt scheitern. Erst am literarischen Objekt lebt seine Studie argumentativ sehr viel präziser und aufeinander aufbauend wieder auf.

Mit Abenteuer Science Fiction und Robinsonaden versucht Figatowski im Grunde zwei Fliegen mit einer Klappe zu erschlagen. Angesichts der nachfolgenden Beispiele sowie der beiden anderen Kategorien detektivische Science Fiction bzw. Utopien, Dystopien und utopisch- kritische Texte wirkt das Bemühen etwas krampfhaft, die zahllosen Post Doomsday Geschichten, die wie John Christopher Texte in dystopischen Zukünften gipfeln, als reine Robinsonaden zu bezeichnen und damit indirekt auch abzuqualifizieren. Natürlich ist es schwierig, den schmalen Grad zwischen detektivischer Science Fiction und den Abenteuergeschichten zu ziehen. Die von Figatowski mehrmals angesprochenen Geschichten von Rolf Ulrici begannen als klassische Jugendermittlungsbücher mit einem gigantischen wie utopischen Geheimnis. Von der Struktur her stehen diese Texte dem Kriminalroman näher als zum Beispiel den markanten damaligen utopischen Stoffen. In der Folge versucht der Autor deutlich schlüssiger und differenzierter die verschiedenen Motivfelder des Genres zu untersuchen und in einen Zusammenhang mit der Jugendbuchliteratur zu stellen. Eine reine Auseinandersetzung mit Kinder Science Fiction wie zum Beispiel „Robbie, Tobbie und das Fliewatüt“ findet nur selten statt. Auch vermisst der Leser eine chronologische Betrachtung der Jugendbuchliteratur insbesondere im Verhältnis zu ihrer Entstehungszeit - zwischen dem Jahr 1975 und dem Jahr 2005 liegen insbesondere sozialpolitisch Welten - sowie zu den Entwicklungen des Genres an sich. Hier bleibt der Autor trotz zahlreicher beispielhafter Exkurse im Elfenbeinkäfig seiner Argumentationskette und vor allem seiner „Zielobjekte“ hängen, ohne das insbesondere Genre affine Leser Figatowskis Kausalkette immer beipflichten würden. Der Autor konzentriert sich im abschließenden Kapitel vor den ausführlichen und angesichts der Seltenheit der Bücher lesenswerten Einzelvorstellungen auf eine Reihe von Traditionslinien, die beginnend bei Jules Vernes außergewöhnlichen Reisen über H.G. Wells - auf den ersten Blick befremdlich, aber solide argumentativ belegt - über die verschiedenen Knabenbücher sowie Hans Dominik als vor dem Zweiten Weltkrieg dominierender Autor utopisch technischer Romane und Robert A. Heinlein als amerikanisches Pendant nach dem Zweiten Weltkrieg die Eckpunkte des Jugendbuchgenres definieren sollten. Die Exkurse wirken angesichts der zahlreichen vorgestellten Werke interessant und scheinen auf den ersten Blick die meisten von Figatowskis abgehandelten Spielarten des Genres thematisch aufzugreifen. Es bleibt aber fragwürdig, ob insbesondere Jules Verne und Hans Dominik für die reifere Jugend geschrieben haben. Bei Kurd Laßwitz ist es bekannt, dass er eine Reihe von insbesondere nicht genretypischen Texten für seine „Schüler“ verfasst hat und der Oberlehrer aus Gotha schwenkt bei einigen seiner inzwischen klassisch zu nennenden modernen Märchen im Hintergrund das Zepter. H.G. Wells ist schwerer einzuschätzen. Wie schon angedeutet ist Figatowskis Argumentationskette sehr solide, aber angesichts der damaligen sozialen Verhältnisse dürfte Wells sich doch eher mit seinen Wissenschaftsmärchen dem inzwischen etablierten Mittelstand zugewandt haben.

Der sich anschließende zweite Teil der sekundärliterarischen Arbeit schränkt absichtlich die Perspektive, die zu besprechenden Bücher noch stärker ein. Vielleicht wirkt es befremdlich, dass am Ende dieses Kapitels zwei „Spielbücher“ aus der Feder Terry Pratchetts und Andreas Schlüters stehen. In Aufnahme ist aber nur konsequent und dient als Brückenschlag zu einer neuen „Lesergeneration“, die mehr und mehr ihre eigenen Welten simulierend in die Welt der verschiedenen Computerspiele eintaucht. Unabhängig von der Jugendbuch SF hat sich hier ein weiterer, kaum zu kontrollierender wie kommerzieller Markt entwickelt, der die Phantasie der Spieler je nach Position beflügelt oder einschränkt. Die von Figatowski exemplarisch ausgewählten Romane sprechen eher die verschiedenen Jugendtraumata an. Ganz bewusst hat der Autor auf klischeehafte oder zu eindimensionale Arbeiten verzichtet, um mit Charlotte Kerners „Blueprint“ - ein interessante Variation des Themas Klonung - oder Andreas Eschbachs nicht unbedingt befriedigenden „Perfect Copy“ - Ideen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven zu analysieren. Damit schränkt sich der Autor angesichts der laut eigener Angabe 250 zur Verfügung stehenden Romane ein, auf der anderen Seite kann er geschickt eine geschlechterspezifische Analyse vornehmen, die einen immer noch unterschätzten Einfluss auf die Gestaltung der Jugendbücher hat. Bettina Odebrechts „Designer- Baby“ kann das Thema nicht mehr unbedingt erweitern. Ein wenig unter geht die insbesondere von Charlotte Kerner aufgeworfene Frage nach der Überholtheit der Ehe im Allgemeinen und dem Schutz, den klassische Lebensgemeinschaften den heranwachsenden Jugendlichen geben könnten. Während viele gegenwärtige Science Fiction Romane insbesondere in Form von Trilogien die gängigen Familienverbünde mit fast sadistischer Freude anfänglich demontieren, um dem gereiften jugendlichen Helden auch für den Leser akzeptable Alternativen zu präsentieren, ragen Odebrechts und Kerners Arbeiten in dieser soziologischen Provokation aus der Masse heraus.
Schwieriger zu gestalten ist das „Aufwachsen in risikoreichen Gesellschaften“, das Figatowski an Werken von Gudrun Pausewang, Isolde Heyne und schließlich Margaret Peterson Haddix exemplarisch untersucht. Die risikoreichen Gesellschaften haben in der Science Fiction insbesondere seit den achtziger und neunziger Jahren stark zugenommen. Stärker zugenommen als man es angesichts des Kalten Krieges in dem angesprochenen Zeitraum erwarten konnte. Was ist allerdings risikoreich? Schon eine sich alleine auf die Technik verlassene Gesellschaft kann innerhalb von inzwischen Millisekunden einen GAU erleben und zusammenbrechen. Jede Gesellschaftsform trägt Bruchstellen in sich. Daher wirkt Pausewangs „Die Wolke“ mahnend antiquiert und hochmodern zu gleich. Fukushima lässt grüßen und gleichzeitig pervers auch hoffen. Technik ist nicht kontrollierbar, aber zumindest scheint der Mensch solider gebaut zu haben als es viele befürchtet haben. Figatowski macht im Grunde alles richtig. Er isoliert jugendbuchspezifische Themen und vergleicht Anspruch und Wirklichkeit in den vorliegenden Bänden. Der Leser beginnt sich allerdings zu fragen, warum die Jugendbücher inhaltlich den letzten Schritt machen und mit sozialkritischen Werken wie John Brunners Meisterwerke aus der gleichen Epoche gleichziehen. Wie schreibt man derartig kritische Themen für ein jugendliches Publikum, das man erwecken und nicht verschrecken möchte? In dieser Hinsicht kann Figatowski angesichts der Zielrichtung seiner Doktorarbeit nur an der Oberfläche bleiben und schießt argumentativ manchmal ein wenig überambitioniert über das Ziel hinaus.
Der kritische Leser vermisst das Gegenbeispiel. Das Klischee im Jugendbuch. Kleine vorlaute Erwachsenen wie in Ulricis mehrfach angesprochenen Arbeiten, die Blytons Jugendbuchserien folgend nicht nur zahlreiche Abenteuer erleben und den Erwachsenen fast überlegen erscheinen, die aber sich eng an das erziehungstechnische Korsett der Erwachsenen halten und dadurch moralisierend belehrend erscheinen. Es ist schade, dass Figatowski dem zweiten Abschnitt kein Negativum hinzugefügt hat.
Unabhängig von dieser Schwäche stellt der Autor insbesondere am Thema interessierten Lesern trotz des für eine wissenschaftliche Arbeit erforderlich distanzierten, humorlosen und wissenschaftlich rein deduzierenden Stils sowie des aufgrund der zahlreichen notwendigen Zitate manchmal schwer zu verfolgenden Aufbaus unzählige, bislang wenig rezensierte Beispiele interessanter, gut geschriebener Jugendbuchliteratur vor, die in den teilweise mehr als dreißig Jahren seit ihrer Erstveröffentlichung in Vergessenheit geraten sind. Natürlich kann der Autor das Thema nur streifen und trotz des Umfangs sowie der Tiefe seiner Arbeit nur verschiedene Schlaglichter setzen. Diese zu entdecken macht „Wo nie ein Kind zuvor gewesen ist…“ zu einer nicht immer leichter, aber lehrreichen und vor allem fundiert vorgetragenen Lektüre, der vielleicht nicht ganz der Brückenschlag aus der eigenen Jugend des Autors und zahlreicher Leser in die augenblicklich auf den ersten Blick vielschichtigere Gegenwart der Jugendbuchliteratur gelingt.


Bartholomäus Figatowski: "Wo nie ein Kind zuvor gewesen ist"
Sachbuch, Softcover, 451 Seiten
Kid Verlag 2012

ISBN 9-7839-2938-6356

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