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Sachbücher



Nikolas Zöllner

Die Titanic Firma

rezensiert von Thomas Harbach

Der Untertitel von Nikolaus Zöllners lesenswerter Studie über die - aus der Sicht der Reederei und ihrer Eigentümer - Planung, Konzeption und letztendlich auch Kompensation des Verlustes der “Titanic” sollte nicht ganz ernst genommen werden. “Die Katastrophe aus der Sicht der Wirtschaft” ist falsch gewählt, dem Autoren geht es in erster Linie darum, den historischen Hintergrund der Entstehung der Monsterschiffe in der kurzen Blütephase Anfang des 20. Jahrhunderts zu erläutern und welche Auswirkungen im Grunde jegliche eher spärlich versicherte Katastrophe in erster Linie auf die Hinterbliebenen wie auch das betroffene Unternehmen hat.
Die eigentliche Katastrophe handelt der Autor - gerechtfertigt - in der Mitte seiner Studie auf wenigen Seiten ab. Er beschreibt sie in erster Linie aus der Perspektive des Geschäftsführer/ Reeders Ismay, der ja zu den überlebenden Männern gehörte. Im Gegensatz zur Presse versucht der Autor nicht den Stab über dessen “feige” Gentlemen unwürdige Handlung zu brechen und bietet die Leser, selbst einmal zu überlegen, ob sie angesichts des bevorstehenden unausweichlichen Todes nicht ähnlich gehandelt hätten. Auf der anderen negativen Seite distanziert der Autor Ismays Verhalten aber nicht von den heroischen Akten Astros oder Guggenheims, die zusammen mit vielen Männern nicht nur an Bord des Schiffes geblieben sind, sondern anscheinend einen Platz in den Rettungsbooten sogar abgelehnt haben.
Diese Thematik nimmt Zöllner am Ende des Buches noch einmal auf, in dem er versucht, Ismay als Mensch unter der ganzen negativen Presse zu finden und sogar sein ehemaliges Büro im Reedereigebäude aufsucht. Anscheinend gibt es zumindest einen Zeugen, der wie Ismay aussagt, dass ihn ein Matrose aufgefordert hat, in Rettungsboot zu steigen, um der Nachwelt von der Katastrophe zu berichten, ein fader Nachgeschmack bleibt. Zumindest haben ihn seine Mitdirektoren trotz seiner ungewöhnlichen Verdienste um das Unternehmen als kluger, weitsichtiger Geschäftsmann und teilweise exzentrischer, aber anscheinend nicht unbeliebter Vorgesetzter, schließlich nach der Katastrophe aus dem Unternehmen gedrängt, dass im Zuge des Ersten Weltkriegs – in dem die „Olympic“ schließlich durch eine Miene versenkt worden ist – und der anschließenden sozialen Veränderungen immer unbedeutender geworden ist. Zumindest ist der Name „Ismay“ mit Feigheit und zum Teil auch – übertriebener – fehlender Verantwortung gegenüber den anvertrauten Passagieren gleich gesetzt worden.
Bis zum Augenblick der Katastrophe hat der Autor schon eine Reihe von Legenden negiert. Die “Titanic” war nicht auf einer Rekordfahrt - das war anscheinend schon seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr das Bestreben der Reederei - und lief nicht unter voller Kraft, um die wegen eines Bewerkstreikes knappere Kohle zu sparen. Auf der anderen Seite ergibt sich allerdings auch ein Widerspruch zu Zöllners Darstellungen, denn bei den Aushängen im Salon der ersten Klasse fand sich der Hinweis, dass die “Titanic” zum Beispiel eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 22.75 Knoten in den letzten 24 Stunden erreicht hat. Sehr viel mehr als von Ismay bislang nach offiziellen, von Zöllner herausgearbeiteten Fakten erwünscht.
Seine Studie beginnt allerdings schon Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Auswanderwellen in die neue Welt die Schifffahrt und die Reeder neben notwendigen gesetzlichen Änderungen zum Bau neuer Schiffe zwangen. Parallel im Windschatten der industriellen Revolution bildete sich eine neue Klasse, das gehobene Bürgertum, die ihren Reichtum genießen wollte und Wert auf ein angenehmes, wenn nicht luxuriöses Reisen legte. Nikolas Zöllner arbeitet hervorragend heraus, wie diese Bedürfnisse von den Konkurrenten im Kampf um das Geld der Passagiere befriedigt worden sind. Die erste Überraschung des Buches ist sicherlich, dass der Name “White Star Line” eine Produktreihe - gehobene Luxusschiffe in erster Linie auf den Atlantikrouten - bezeichnete und nicht der Name von Ismays Reederei - “Oceanic Steam Navigation Company” - gewesen ist. Nicht nur dien Dampfschiffe, sondern der Einfluss Amerikas in Gestalt der Investmentbank JP Morgan führte schließlich zu grundsätzlichen Veränderungen. Auf dem Weg dahin erläutert der Autor ausgesprochen fundiert und bildlich, die verschiedenen Kapitelmaßnahmen, die Refinanzierungsmöglichkeiten und letzt endlich auch die Probleme, mit denen sich in erster Linie Ismay kurz vor der Fertigstellung seiner “Monsterschiffe” - eine unglückliche, aber für die “Titanic” letzt endlich zutreffende Bezeichnung - auseinandersetzen musste. Mit der Übernahme von Ismays Reederei in eine im Grunde Holdinggesellschaft, sowie nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden Morgans Vertrauten auch die Übernahme der Kontrolle über die Muttergesellschaft beendet Nikolaus Zöllner die in dieser Form selten präsentierte Einführung. Während sich Ismays großer Konkurrent Cunnard unter den Mantel der Marine flüchtete und Schiffe mit staatlichen Fördermitteln bauen ließ, die im Kriegsfalle als bewaffnete Hilfskreuzer operieren könnten und schließlich auch operierten, versuchte Ismay mehr und mehr die Wohlhabenen zu umwerben und auf die Auswanderer als unproblematisches, mit hohen Margen versehenes “Brot und Buttergeschäft” zu verzichten. Zöllner zeigt auf, welche behördlichen Hürden die Auswanderschiffe schließlich überwinden mussten und das Ismay zu Gunsten größeren Luxus in seinen ab der Jahrhundertwende erbauten Schiffe - alle sind auf der Stammwerft Harland+ Wolff gebaut worden - auf große Passagierzahlen verzichtet hat. Wie eng Politik und Wirtschaft aber miteinander verbunden sind, lässt sich an der Tatsache erkennen, dass New York auf Kosten der eigenen Steuerzahler die Kays im New Yorker Hafen verlängert hat, um die große neuen Passagierschiffe anlanden zu lassen. In Bezug auf die politischen Zwischentöne auch hinsichtlich einer immer stärker drohenden Kriegsgefahr in Europa bleibt Zöllner teilweise zu ambivalent. Warum JP Morgan zum Beispiel ohne Probleme mehrere anscheinend auch wichtige Reedereien mit großen Tonnagen übernehmen konnte, während sich in England Apathie breit machte, wird ebenso wenig weiter erklärt, wie der Einbruch der Einnahmen/ Gewinne um 88 Prozent ausgerechnet im Jahre 1908.
In diesen einleitenden Kapiteln geht Nikolaus Zöllner sehr fair mit einer Reihe umstrittener Themen um. Da wäre zum einen das Thema Sicherheit - auch wenn die Reederei zumindest im Vergleich zur Presse bescheiden impliziert hat, dass die “Titanic” angesichts der gewaltigen Sicherheitsmaßnahme unsinkbar sein müsste -, in dem der Autor aufzeigt, wie unzureichend Sicherheitsmaßnahmen im Allgemeinen - die Zahl der verfügbaren Rettungsboote im Vergleich zu den Passagieren - wirklich gewesen sind. Er arbeitet genauso heraus, dass Ismay über die gesetzlichen Vorschriften hinaus über Rettungsboote verfügte, auf der anderen Seite aber auch, dass mit kleinen bautechnischen Veränderungen - die zu Lasten des Komforts auf den Oberdecks gegangen wären - deutlich mehr Rettungsboote an Bord genommen werden konnten. Der Autor argumentiert für oder gegen beide Positionen richtig wie wichtig aus dem entsprechenden historischen Kontext heraus. Das nächste Thema ist die hektische Ausrüstung des Schiffes kurz vor der als unaufschiebbar festgelegten Jungfernfahrt. Hier vermisst man vielleicht eine Ausarbeitung über die tatsächlichen Passagierzahlen an Bord und die zur Verfügung stehenden Kapazitäten, da die “Titanic” anscheinend für ihre tragische Jungfernfahrt nicht ausgebucht gewesen ist. Im Grunde eine Überraschung, da der Kohlestreik viele Schiffe in den Häfen festgehalten hat. Weiterhin beschreibt Zöllner die Arbeitsbedingungen und Verträge an Bord der jeweiligen Passagierschiffe mit Verträgen nur über jeweils eine Reise, geht aber kaum auf die Qualifizierung der Mannschaft ein bzw. in wie weit die bunt zusammen gewürfelte Crew den Ansprüchen eines Luxusliners genüge tun konnte. So sehr der Autor in Bezug auf die in erster Linie kapitalwirtschaftlichen Zusammenhänge nicht immer überzeugend versucht, die verschiedenen Kapitalstrukturen herauszuarbeiten, so oberflächlich bleibt er bei den letzten Schritten an Bord der “Titanic”. Auch die angebliche Doppelbesicherung ist ohne Frage überambitioniert formuliert und unterdurchschnittlich recherchiert. Die Aktienpakete als Gesamtsicherheit können gesondert von speziellen Sicherheiten - in diesem Fall die Schiffe - begeben werden. Heute immer noch ein gängiger Vorgang bei Firmen, die zum Beispiel Maschinen für spezielle besicherte Anleihen zur Verfügung stellen und im Falle größerer Probleme auch Beteiligungen - nichts anderes stellten die Aktienpakete ja da, Zöllner hat klar zum Ausdruck gebracht, dass die Aktien der Muttergesellschaft ja in dritter Hand gewesen sind - als Sicherheiten für Bankkredite übertragen. Zöllner argumentiert sicherlich ausgesprochen logisch, wenn er schreibt, dass Ismay beim Bau seiner Schiffe auf Luxus und Werthaltigkeit geachtet hat, auf der anderen Seite schreibt er kein Wort, wie insbesondere bei den Monsterschiffen derartig genau budgetiert worden ist, dass die anscheinend unter Liquiditätsschwierigkeiten leidende Reederei mit dem Geld hinkam. Unabhängig von dieser logischen Schwäche gibt Zöllner einen ausgesprochen lesenswerten Einblick in die Planung - anscheinend fünf Jahre früher als bisher für 1907 angenommen ist der Gedanke inklusiv der ersten Pläne zum Bau dieser Schiffe Ismay durch den Kopf gegangen -, Finanzierung und letzt endlich Fertigstellung dieser auch heute noch sagenumwobenen wie einzigartigen Schiffsreihe.

Nach dem Untergang der “Titanic” beschäftigt sich Nikolaus Zöllner nicht weniger interessant wie lesenswert mit den Auswirkungen der Katastrophe auf die Reederei sowie die verschiedenen Untersuchungsausschüsse mit ihrer im Grunde unmöglichen Aufgabe, die Fakten ans Tageslicht zu bringen. Zum einen hält der Autor ausgesprochen interessant die damalige Nachrichtensituation / Kommunikation dem Leser vor Augen. In einer vor Internet oder gar Fernsehzeit waren die Leser auf die Zeitungen angewiesen bzw. in diesem Fall, auf die Nachrichten, die von den Funkern der unmittelbar bzw. mittelbar betroffenen Schiffen in die Welt geschickt worden sind. Das es dabei schwarze Schafe gab, die ihre Geschichten später an die Presse für viel Geld verkauften, arbeitet Zöllner ebenso heraus wie eine spät veröffentlichte offensichtlich gefälschte Nachricht der “White Star Line”, das alle Passagiere gerettet worden sind und die “Titanic” nach Halifax geschleppt worden ist. Mit dieser offensichtlichen Finte als Ausgangspunkt untersucht der Autor das Geflecht aus Versicherungsfragen und Aktienkurse. Die “Titanic” war versichert und eventuell haben Inhaber der Versicherungspolicen versucht, sich mit falschen Nachrichten gegen größere Schadenszahlen abzusichern. Bei den Aktienkursen ist angesichts der geringen Zahl von frei handelbaren Aktien eine Manipulation schwieriger nachzuweisen, zumal die Kurse zwar mit über 25 Prozent schwankten, aber in einer der pragmatischen Schlussfolgerungen des Autoren eine Manipulation der Kurse “nur” ungefähr 125.000 Dollar Verlustminimierung gebracht hätten. Eine damals deutlich höhere Summe als gestern und zweitens - hier schlägt der Autor den Bogen zu den Haftungsrechtlichen Fragen - konnte zum Zeitpunkt einer möglichen Börsenmanipulation nicht abgesehen werden, ob die Reederei der “Titanic” nicht schwerste monetäre Schäden zu verkraften hätte. Zu argumentieren, dass diese Summe die schweren Strafen, die auf Börsenbetrug stehen, nicht lohnt, ist zu billig. Bei den Haftungsfragen erläutert Zöllner ausgesprochen gut, wie Reeder überhaupt – mit dem Wert des Schiffes und einem theoretischeren Ansatz für die verlorene Ladung inklusiv einer kleinen Summe für jeden Passagier – ohne Vorsatz haften und verdeutlicht die aus heutiger Sicht fast unverständliche Situation an historischen Fakten – Seefahrt alleine ist schon gefährlich genug, um den Reedern nicht auch noch Haftungsfragen aufzudrücken. Danach geht er auf die bekanntesten Prozesse ausgehend von den Untersuchungen sowohl in den USA – fast nach Ankunft der „Titanic“ Überlebenden in New York -, denen sich insbesondere Ismay entziehen wollte, als auch in Großbritannien ein. Den wichtigsten Fragen – mehr Rettungsboote – hat Ismay gleich sicherlich auch einem öffentlichen Druck gehorchend entsprochen, wobei andere Punkte – wie die Musiker an Bord, die wie Passagiere der zweiten Klasse behandelt worden sind und deren Hinterbliebene deswegen nicht von der Reederei entschädigt werden müssten – in anderen Büchern wie „The Band that played on“ deutlich intensiver und faktenreicher behandelt worden sind. Es geht Nikolaus Zöllner um einen großen Überblick an Hand exemplarischer Beispiele. Am Ende des Buchs schließt sich – wie eingangs angesprochen – der Kreis mit dem persönlichen Schicksal Ismays.
Neben einigen Begriffserklärungen und Einblicken in die Aktienstruktur der Reederei finden sich im Text verschiedene teilweise erstaunlich gut wieder gegebene Fotos sowie interessantes Datenmaterial. Zusammengefasst untersucht „Die Titanic Firma“ die Katastrophe weniger aus der Sicht der Wirtschaft – auch wenn das Thema Versicherungen mit dem aufkommenden „Lloyds“ Verbund immer wichtiger geworden ist -, sondern platziert den Untergang des Monsterschiffs in die Geschichte ihrer Reederei, deren Traum von fast grenzenlosem Luxus auf dem Weg über den Atlantik bei größtmöglicher Sicherheit mit der „Titanic“ für immer untergegangen ist. Solide stilistisch teilweise sehr ansprechend geschrieben erläutert der Autor insbesondere die wirtschaftlichen Hintergrund auch für Laien exemplarisch gut und bemüht sich, immer passende und teilweise aktuelle Beispiele zu suchen, an denen die verschiedenen Zusammenhänge leichter zu erklären sind. Eine interessante andere Perspektive hinsichtlich des Untergangs der „Titanic“, die aus thematischen Gründen weniger auf das Leid der mit dem Schiff Untergegangen und nur teilweise die Not der Hinterbliebenen eingehen kann als es das Vorurteil gegenüber den emotionslosen Großkonzernen und ihrer Gewinnsucht suggeriert.

Nikolas Zöllner : "Die Titanic Firma"
Sachbuch, Softcover, 190 Seiten
BOD 2000

ISBN 9-7838-9811-8361

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30.12.11, 08:51 Uhr
huyanghui
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