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Sachb├╝cher



Alan Weismann

Die Welt ohne uns

rezensiert von Thomas Harbach

Alan Weismanns ÔÇ×Die Welt ohne unsÔÇť nutzt eine klassische Science Fiction Pr├Ąmisse, um das enge Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur an eindrucksvollen bis drastischen Beispielen zu erl├Ąutern. Es ist aber keine Reise ├╝ber eine unbev├Âlkerte Erde, wie der deutsche Untertitel suggeriert. Stattdessen werden sehr unterschiedliche Folgen eines Verschwindens der Menschen allerdings auch eine weitere Ausbreitung in sehr unterschiedlichen Kapiteln diskutiert.

Der sekund├Ąrwissenschaftliche Autor und Professor f├╝r Journalistik an der Universit├Ąt von Arizona beschreibt an exemplarischen Beispielen die Folgen eines pl├Âtzlichen Verschwindens aller Menschen auf die Natur und ihre technischen/ architektonischen Hinterlassenschaften. In Filmen wie ÔÇ×Ich bin LegendeÔÇť oder ÔÇ×Der Omega- MannÔÇť diente als Bezugspunkt immer ein einsamer ├ťberlebender, welcher den Zuschauern durch eine Menschen leere, aber zivilisatorisch noch erkennbare Welt f├╝hrte. In einzelnen Kapiteln geht er immer wieder auf die bekannten Bilder aus einer Reihe von Postdoomsday Filmen und B├╝chern ein. Coyoten und W├Âlfe im Central Park, Pflanzen durchbrechen die Fu├čg├Ąngerwege und beginnen Sie zu ├╝berwuchern, das Wasser ├╝berflutet tiefer gelegene Stra├čen, die Geb├Ąude verfallen. Aber diese aus unz├Ąhligen Endzeitfilmen bekannten Szenen werden in ein gr├Â├čeres dunkleres Bild integriert und dann mit wissenschaftlichen Theorien bzw. teilweise auch Feldforschungen unterlegt. Im Vergleich zu den Schriftstellern spricht Weismann f├╝r sein sekund├Ąrliterarisches Werk mit den Leuten ÔÇ×auf der Stra├čeÔÇť. Also den Blue Collar Spezialisten, welche sich t├Ąglich mit den Unbilden der Natur auseinandersetzen m├╝ssen. Um den Bericht nicht zu langweilig zu gestalten, wechselt Weismann nicht selten die Perspektive des Betrachters und zeichnet nicht nur ein dunkles, sondern teilweise ein melancholisch sch├Ânes Bild einer Erde ohne Menschen.
Nat├╝rlich ist die Doomsday- ├ťberschrift seines Berichts ├╝ber die Folgen einer von Menschen geleerten bzw. zynisch gereinigten Erde eher provozierend als faktisch richtig. Denn in den folgenden Kapiteln spielt Weismann nicht die verschiedenen Thesen durch, wie sich die Menschen gegenseitig vernichten k├Ânnen, sondern zeigt, wie die Natur auf ein pl├Âtzliches Verschwinden der Menschen reagiert. Dabei reicht das Spektrum von den unber├╝hrten Grenzgebieten zwischen S├╝d und Nordkorea sowie zwischen Polen und der ehemaligen Sowjetunion ├╝ber die Landstriche um das Kernkraftwerk Tschernobyl bis zum Verschwinden der Majas. Zu den eindruckvollsten und dem Titel am ehesten entsprechenden Szenen geh├Âren die Beschreibungen eines verlassenen New Yorks, in welchem das Wasser dank der unter dem Meeresspiegel U- Bahn schnell die Kontrolle ├╝ber die Stadt ├╝bernehmen w├╝rde. Weismann geht in den einzelnen Kapiteln sehr geschickt vor. Er zeichnet zum Teil f├╝r die heutige Lesergeneration des Status Quo auf. In New York wie auch in London k├Ąmpfen t├Ąglich Spezialisten mit ihren Wasserpumpen gegen das kontinuierlich vordringende Wasser und sorgen oft mit Improvisationsgeschick und viel Einfallsreichtum daf├╝r, dass die t├Ânernen F├╝├če unserer Zivilisation trocken bleiben. Noch drastischer an einem nachvollziehbaren Beispiel ÔÇô davon gibt es selbst heute ausreichend Exemplare zum Begutachten ÔÇô beschreibt der Autor den Zerfall eines verlassenen Hauses. Er unterteilt diese Studie des Verfalls in mehrere Ebenen des kontinuierliche Kampfes gegen die Natur mit ihren erstens Sch├Ądlingen, zweitens ihrem Grundwasser und drittens ihren Elementen wie Sturm/ Wind. Weismann zeigt sichtliches Vergn├╝gen, die Zersetzung eines Hauses zu beschreiben, w├Ąhrend die Kredite bei der Bank noch laufen. Um zu provozieren, beschreibt der Autor nat├╝rlich die meistens drastischen Folgen. Um das Interesse der Leser an seinen Ideen hochzuhalten, muss Weismann zuerst schockieren.

Alan Weismann selbst unterscheidet in seinem einzelnen Kapiteln auch immer zwischen einem geordneten R├╝ckzug der Menschen bzw. einem pl├Âtzlichen Verschwinden. Unter geordnet versteht der Autor, dass die mehr als 400 Kernkraftwerke ordnungsgem├Ą├č heruntergefahren und die T├╝ren der H├Ąuser abgeschlossen werden. Ein pl├Âtzliches Verschwinden der Menschen w├╝rde einen Fl├Ąchenbrand hinterlassen. Weniger bei den Atomwaffen, welche der Natur ausgesetzt, verfallen und im Vergleich zu den Kernkraftwerken geringe Strahlungen absondern w├╝rden. Sondern vielmehr bei den Kernkraftwerken, bei denen im Falle unkontrollierter Kernschmelze zwar kein klassisches China- Syndrom einsetzen, aber Strahlung in t├Âdlicher Konzentration freigesetzt w├╝rde. Zum einen begr├╝ndet der Autor seine These, das die vierhundert Kernk├Âpfe sich nicht durch die einzelnen Schichten der Erde fressen k├Ânnten, zum anderen zeigt Weismann ├╝berraschend nuanciert, das es selbst in den stark verstrahlten Gebieten um das Kernkraftwerk Tschernobyl Leben gibt. Bis zu einem gewissen Grad passt sich die Natur auch unwirtlichen Bedingungen an. Mit diesen Beobachtungen will der Autor nur zeigen, dass die Natur das zerst├Ârerische Verhalten der Menschen nicht entschuldigt, er prognostiziert nur, dass zumindest ein Teil des Lebens immer einen Weg findet. Zu den am meisten verst├Ârenden Kapiteln geh├Ârt die Beschreibung der Folgen des menschlichen Mikrom├╝lls. Kleine Plastikpartikel, die von den Menschen zum Beispiel in Lotionen eingesetzt werden. Der M├╝ll kommt ├╝ber Umwege ins Meer und damit in die Nahrungskette. Weismann beschreibt an Beispielen, wie diese Nahrungskette nicht nur umwelttechnisch belastet, sondern empfindlich gest├Ârt bis zerst├Ârt wird.

W├Ąhrend das Ozonloch angesprochen wird, verschweigt der Autor nicht, dass es inzwischen in der Arktis ganze Zonen ÔÇô gr├Â├čer als Teile von Europa ÔÇô gibt, in welche der schwimmende Plastikm├╝ll von den Str├Âmungen der Weltmeere hin transportiert worden ist. Es sind diese Kapitel, in denen der Autor den Menschencdrastisch einen Spiegel ins Gesicht h├Ąlt und sie mehr oder minder direkt zu einem besseren Umgang mit der Natur zu ermuntern sucht. Immer wieder findet sich im fl├╝ssig zu lesenden Werk der Hinweis, dass der Mensch die Natur braucht, die Natur aber nicht den Menschen.

Diesen apokalyptischen Warnungen werden vom Autor Weismann im Verlaufe der thematisch sehr unterschiedlichen Kapitel eine Reihe von theoretischen Spielereien gegen├╝ber gestellt. Was h├Ąlt l├Ąnger? Geld in einem Tresor oder Bilder in einem Museum oder Keramik? Unabh├Ąngig von der Tatsache, dass Arch├Ąologen schon alte St├╝cke nach Jahrtausenden aus dem Boden geholt haben, untermalt Weismann seine provozierende Frage noch mit dem Besuch der riesigen unterirdischen Siedlung Derinkuyu in der T├╝rkei. Dagegen werden die Pr├Ąsidentenportraits am Mount Rushmore schneller vergehen als die ├Ągyptischen Pyramiden, auch wenn Letztere ohne menschliche Unterst├╝tzung ihre einzigartigen Formen verlieren.

In einer der poetischen Sektionen des Buches bezeichnen die Ingenieure und Weismann den Panama- Kanal als eine klaffende Wunde, welche die Menschen der Erde zugef├╝gt hat und die die Natur zu heilen sucht. Der Kampf gegen die Elemente ist genauso beeindruckend wie die F├╝hrung durch die verschiedenen technischen Hilfsmittel, welche eine Schiffspassage ├╝berhaupt m├Âglich macht. Dabei w├Ągt Weismann das Wohl f├╝r die Menschheit ganz bewusst gegen das ├ťbel ab, das der Natur zugef├╝gt wird. In diesem Punkt ist der Autor weniger radikal als eine Reihe von ├Âkologischen Splittergruppen, welche eine komplette Umkehr der Entwicklung fordern. F├╝r diese Extremisten hat Weismann in anderen Kapiteln interessante Antworten parat. Im Grunde wird die Natur schon in dem Moment ver├Ąndert, in welchem direkt oder indirekt ÔÇ×fremdeÔÇť Spezies in ein bestimmtes Refugium eindringen. Die Beispiele reichen von Korallenb├Ąnken bis nach Australien. Der Autor zeigt, welche zum Teil katastrophalen Folgen kleinste Ver├Ąnderungen in der Siedlungspolitik und Lebensweise der Menschen f├╝r die Natur und damit im Umkehrschluss f├╝r ihre pers├Ânliche Zukunft als Art haben. Als Kontraste beschreibt er den Entwicklungszyklus von Bauern in Kenia und spekuliert ├╝ber den Untergang der Mayas, deren Zivilisation anscheinend aus Angst vor einem gro├čen und unbesiegbaren Feind zusammengebrochen ist.

Obwohl das Buch stilistisch ansprechend und gut unterhaltend geschrieben worden ist, stehen die einzelnen Theorien niemals isoliert oder rein popul├Ąrwissenschaftlich extrapoliert da. Alan Weismanns Recherche ist beeindruckend. Er rechnet die Verluste von Zugv├Âgeln dank der Transmissionst├╝rme f├╝r Handys hoch und spekuliert, welchen Schaden Mumien im Erdboden in Wirklichkeit anrichten k├Ânnen. Durch den ganzen Text zieht sich immer mehr zu einer Phrase werdend der Spruch, dass es sich beim Thema dieses Kapitels nicht um das wichtigste Problem handelt. Damit entwertet der Autor teilweise unn├Âtig seine gut formulierten Thesen und erweckt im Leser eine Erwartungshaltung, die er manchmal in den folgenden Abschnitten nicht befriedigen kann. Obwohl die schlechten Nachrichten, welche Weismann seinen Lesern eindrucksvoll um die Ohren haut, von unterschiedlicher Schwere sind, variiert er zu wenig den Tonfall seines Buches. Teilweise wirkt sein Text zu distanziert geschrieben, obwohl der Autor im ├╝bertragenen Sinne nat├╝rlich ein Teil des Problems Mensch ist. Auch der rote Faden des grundlegenden Themas einer Welt ohne Menschen wird phasenweise unn├Âtig lange verlassen. Insgesamt aber ist ÔÇ×Welt ohne MenschenÔÇť eine interessante Studie, ├╝ber deren Ideen und Thesen der Leser noch lange nachdenken wird. Dem Buch fehlt der drohende Zeigefinger manch anderer sekund├Ąrliterarischer Studie und das macht diese noch theoretische Vision faszinierend und so lesenswert. Weismann legt den Finger geschickt in eine Reihe von offenen Wunden, er mahnt, kritisiert, informiert. Aber er belehrt nicht.


Alan Weismann: "Die Welt ohne uns"
Sachbuch, Hardcover, 432 Seiten
Piper Verlag 2007

ISBN 9-7834-9205-1323

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