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Sachbücher



Peter S. Beagle

I see by my Outfit

rezensiert von Thomas Harbach

Am Ende der Autorenvorstellung weist der unbekannte Textschreiber darauf hin, das Peter S. Beagle an einem neuen Roman arbeitet. Entstanden ist “Das letzte Einhorn”, Beagles bekannteste, aber nicht unbedingt beste Arbeit. Mit dem Leben und Sterben hat sich der 1939 in New York geborene Beagle in seinem unterschätzten und auch heute noch faszinierenden “He! Rebeck” auseinandergesetzt. Für das Reisemagazin “Holiday” berichtete Beagle von seiner ungewöhnlichen Fahrt von New York nach Kalifornien auf einem Motorroller. Beagle hat diese Reise im Jahre 1964 zusammen mit seinem langjährigen Freund Phil angetreten. Das Ziel ist weniger der Californian Dream gewesen, sondern Peter Beagle damalige Freundin und jetzige Frau Enid, die zu diesem Zeitpunkt in Kalifornien gelebt hat. Ihr wertvollen Gitarren haben die beiden Freunde mit einem Bekannten vorausgeschickt. So beginnen sie an einem kalten Apriltag um sieben ihre Kontinentalquerung. Wer jetzt einen sperrigen sekundärliterarischen Text erwartet oder einen euphorischen “Ich-sprenge-alle-Ketten” Geschichte, wird von Peter S. Beagle selbstironischer, aber liebenswert geschriebener Außenseiterträumerei überrascht. Peter Beagle hat die vereinzelt in den Jahren 1964 und 1965 in “Holiday” Magazin veröffentlichten Artikel geglättet und zu einer auch heute lesenswerten Reiseerzählung basierend auf Tatsachen zusammengefasst. Vor allem bildet das Buch einen interessanten Kontrast zu Dennis Hoppers und Peter Fondas “Easy Rider”, der den Freiheitsdrang der jungen Generation im Schatten des immer übermächtiger werdenden Vietnamkrieges in von moderner Rockmusik untermalte wilde Bilder presste. Davon ist Peter S. Beagle weit entfernt. Nicht umsonst spricht der Autor einmal gegenüber einem Pärchen, das sie zufällig kennen gelernt haben, von einer Art Wegweiser, wie man mit fünf Dollar täglich - das entspricht von der Kaufkraft her einer Übernachtung in einem soliden Mittelklassehotel und einem warmen Essen - die Vereinigten Staaten überqueren kann. Anstatt Rockmusik singen und spielen die beiden Freunde in verschiedenen Restaurants und bei Freunden, die sie übernachten ließen, Balladen, lustige selbst geschriebene Persiflagen, Jazz und einige wenige jüdische Weisen. Peter Beagle macht die Reise auch nicht, um frei zu sein oder gar die persönlichen Grenzen zu testen, sondern weil er bei der Frau sein möchte, die er liebt und der er einen Heiratsantrag machen möchte. In dieses romantische Motiv müssen sich gedankliche Exkursionen in den Bereich der Fantasy mit zahlreichen kleinen, aber irgendwie passenden Anspielungen auf Tolkiens “Herr der Ringe”, das Land Mordor und schließlich den verführerischen Einfluss des Ringes. Diese Bezüge zur Heroic Fantasy - die Ballantine Taschenbuchausgabe schmückt ein Titelbild der Gebrüder Hildebrandt, der bekanntesten “Herr der Ringe”/ Tolkien Künstler - müssen in einem historischen Kontext eingeordnet werden. Mitte der sechziger Jahre begann Tolkiens Trilogie insbesondere in den intellektuellen Studentenkreisen für Furore zu sorgen, ohne das die später zum Durchbruch verhelfende und vom Fantasyautoren Lin Carter befürwortete Taschenbuchausgabe schon veröffentlicht worden ist. An den zahlreichen Beziehungen lässt sich erkennen, wie stark der Einfluss Tolkiens auf den Menschen Peter S. Beagle gewesen ist, der mit seinem ersten Roman eine morbide phantastische Story veröffentlicht hat. Erst mit seinem zweiten Roman “Das letzte Einhorn” etablierte sich Beagle als einer der bekanntesten Fantasy- Autoren der Gegenwart. Die Hinweise auf Tolkiens Werk lenken den Leser allerdings vom eigentlichen Kern des Buches ab: der Erkundung des amerikanischen Hinterlandes zu einer Zeit, als die Nation - zum wiederholten Male - davon ausging, in Frieden leben zu können und sich noch nicht der Gefahr ausgesetzt sah, um Vietnamkrieg ebenfalls zum wiederholten Male seine Unschuld zu verlieren. Beagle beschreibt ein seltsames Niemandsland zwischen der Ermordung Kennedys und der Blumenkindergeneration, zwischen dem Zweiten Weltkrieg, von dem Beagle allerhöchstens am Rande - als sechsjähriger Junge in einer nicht direkten Kriegseinflüssen ausgesetzten Stadt aufgewachsen - mitbekommen hat und Vietnam bzw. Watergate. Die beiden Freunde treffen zwar nicht immer auf die perfekte idealisierte Idylle. Als junge Juden haben sie es sehr viel leichter als zum Beispiel als Farbige oder Indianer. Aber die durchqueren ein Land, das teilweise noch an die alten Ideale von gegenseitiger Hilfsbereitschaft und Zueinanderstehen glaubt. Sie treffen auf Menschen, die geben und unterstützen, weil ihnen die im Grunde “irre” Reise der beiden jungen Männer aus verständlichen Gründen imponiert und weil die beiden Großstädter einfach Leben in den Alltagstrott der kleinbürgerlichen Existenzen bringen, ohne an deren Fundamenten zu rütteln. Als Land Mordor wird dagegen Las Vegas hingestellt. Im Spielerparadies fühlen sich die beiden Kontinentenquerer unwohl, obwohl sie in New York geboren worden sind. Es ist sicherlich kein Zufall, das sie auch nur in Las Vegas mit einem Mitglied der eher unterprivilegierten Schichten - einer Prostituierten mit einer etwas exklusiveren Kundenklientel - direkt in Kontakt treten. Auch wenn Beagle zumindest bei einigen Städten einen latenten Rassismus andeutet, gibt es keine Judenfeindlichkeit und auch keine religiösen Konflikte. Eine Abneigung gegen Farbige aus Teilen der Bevölkerung zieht sich ebenso durch den Reisebericht wie die kontinuierliche Unterdrückung der Indianer und die Reduzierung des stolzen Volkes zu fingerfertigen Handwerkern, die ihre Schmuckstücke zu billig verkaufen. Beagle und seinem besten Freund - am Ende des Buches bezeichnen sie sich ironischerweise als Lone Ranger und Tonto - wird mehrfach ohne eine Gegenleistung zu verlangen geholfen, sie helfen aber auch uneigennützig. So nehmen sie ein junges Pärchen auf ihren Motorrollern nach einer Panne in der Wüste in die nächste Stadt mit. Der Bräutigam erweist sich als junger Marineoffizier, der von einem Leben in der oberen Mittelschicht träumt.

Beagle und sein Freund geben ihren Motorrollern weibliche Namen. So binden sich Fahrer und Gefährt nicht nur eng aneinander, die treuen Maschinen erhalten fast eigenständige Persönlichkeiten. Gut zwanzig Jahre später wird die Namensgebung fahrbarer Gegenstände - in diesem Fall eines flotten Sportwagens - eine Art Aufbruch für den Protagonisten in George R.R. Martins “Armageddon Rock” darstellen. Im Gegensatz zu Beagles tatsächlich durchgeführter Reise, wird Martins Protagonist von L.A. aus in die Wüste und damit auch sprichwörtlich in die Vergangenheit der während der Veröffentlichung von “I see by my Outfit” noch in den Kinderschuhen steckenden Jugendprotestbewegung reisen. Neben der Namensgebung erfährt der Leser einiges über die kleinen und großen Tricks, mit denen die Maschinen am Laufen gehalten werden können. Ohne allzu sehr ins Technische abzugleiten, ist es in diesem Punkt ein interessanter, irgendwie aber auch skurril wirkender Bericht.

Ein bestimmtes Element des Buches ist die langjährige und innige Freundschaft zwischen Beagle und Phil, die phasenweise einen fast homoerotischen Anflug erhält. Beide musizieren für ihr Leben gern und ein Running Gag ist die Suche nach wertvollen Gitarren in den verschiedenen Pfandleihen, ohne das Phil oder Beagle die Möglichkeit hätten, die interessanten Musikinstrumente mit sich zu nehmen. Während Beagle der Schriftsteller ist und von der Prostituierten ein einziges Mal als Schriftsteller im ganzen Text bezeichnet wird, ist Phil anscheinend ein begabter Maler und Zeichner. Er kann seine Zeichnungen gegen eine Übernachtung und ein Essen eintauschen bzw. wichtige Abschnitte der Reise in wenigen Minuten graphisch auf dem Papier für die kurze Ewigkeit festhalten. Beagle überspielt ein wenig die auch körperlichen Herausforderungen und möglichen Konfliktsituationen. Vieles läuft ausgesprochen demokratisch ab und wirkt deswegen fast unrealistisch bzw. schriftstellerisch verschönt oder verharmlost. Dem Autoren gelingt es aber sehr gut, den Lesern einen Eindruck nicht nur von den unendlich erscheinenden Weiten der USA zu vermitteln, sondern von der Herausforderung der Reise an sich zu vermitteln. “I see my my Outfit” ist ganz bewusst kein dramatisches Buch, das positive Ende lässt sich sehr gut an Beagles Lebenslauf ablesen und wenn der Autor davon berichtet, das sie sich dem Rhythmus der Straße angepasst haben und irgendwie das Reisen ist wichtiger geworden ist als das Ziel, dann fehlt es dem Leser sichtlich schwer, diesen theoretisch leicht esoterischen Gedankenmodellen zu folgen. Auf der anderen Seite wirkt dieser Bericht aus einer Distanz fast fünfzig Jahren so archaisch faszinierend wie eine Reise in eine Parallelwelt, in der die guten Seiten des USA für die Ewigkeit erhalten oder zumindest geschickt die dunklen Wesenszüge überdeckend erhalten geblieben sind. Es ist eine lesenswerte und unterhaltsame geschriebene Reise durch ein Land, das für einen Augenblick friedlich und stolz auf seine einfallsreichen - aber in erster Linie weißen - Bürger ist, die ihm in einem harten Kampf kleine verträumte Städte und unendliche Kilometer von Straßen abgerungen haben. Es ist ein kleines, sehr ehrliches, aber nicht immer emotional wirklich ansprechendes Büchlein eines Autoren, der als Romancier zu den wichtigsten Fantasy- Autoren der Welt gehört. Nicht selten hat das Leser das unbestimmte Gefühl, als schaue irgendwo eine Phantasiewelt über seine Schulter, um staunend eine reale und geschichtliche verbürgte Reise zu verfolgen, die von ihrer Grundidee - die USA mit einem Motorroller zu queren - im Grunde nur einem Autoren phantastischer Literatur entsprungen sein kann.

Peter S. Beagle: "I see by my Outfit"
Sachbuch, Softcover, 260 Seiten
Centro Book 2007

ISBN 9-7819-3357-2079

Weitere Bücher von Peter S. Beagle:
 - Das letzte Einhorn und Zwei Herzen
 - Das Zauberhaus

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