Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: SachbĂŒcher (103)
:: Zensur (1)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


SachbĂŒcher



Peter S. Beagle

I see by my Outfit

rezensiert von Thomas Harbach

Am Ende der Autorenvorstellung weist der unbekannte Textschreiber darauf hin, das Peter S. Beagle an einem neuen Roman arbeitet. Entstanden ist “Das letzte Einhorn”, Beagles bekannteste, aber nicht unbedingt beste Arbeit. Mit dem Leben und Sterben hat sich der 1939 in New York geborene Beagle in seinem unterschĂ€tzten und auch heute noch faszinierenden “He! Rebeck” auseinandergesetzt. FĂŒr das Reisemagazin “Holiday” berichtete Beagle von seiner ungewöhnlichen Fahrt von New York nach Kalifornien auf einem Motorroller. Beagle hat diese Reise im Jahre 1964 zusammen mit seinem langjĂ€hrigen Freund Phil angetreten. Das Ziel ist weniger der Californian Dream gewesen, sondern Peter Beagle damalige Freundin und jetzige Frau Enid, die zu diesem Zeitpunkt in Kalifornien gelebt hat. Ihr wertvollen Gitarren haben die beiden Freunde mit einem Bekannten vorausgeschickt. So beginnen sie an einem kalten Apriltag um sieben ihre Kontinentalquerung. Wer jetzt einen sperrigen sekundĂ€rliterarischen Text erwartet oder einen euphorischen “Ich-sprenge-alle-Ketten” Geschichte, wird von Peter S. Beagle selbstironischer, aber liebenswert geschriebener AußenseitertrĂ€umerei ĂŒberrascht. Peter Beagle hat die vereinzelt in den Jahren 1964 und 1965 in “Holiday” Magazin veröffentlichten Artikel geglĂ€ttet und zu einer auch heute lesenswerten ReiseerzĂ€hlung basierend auf Tatsachen zusammengefasst. Vor allem bildet das Buch einen interessanten Kontrast zu Dennis Hoppers und Peter Fondas “Easy Rider”, der den Freiheitsdrang der jungen Generation im Schatten des immer ĂŒbermĂ€chtiger werdenden Vietnamkrieges in von moderner Rockmusik untermalte wilde Bilder presste. Davon ist Peter S. Beagle weit entfernt. Nicht umsonst spricht der Autor einmal gegenĂŒber einem PĂ€rchen, das sie zufĂ€llig kennen gelernt haben, von einer Art Wegweiser, wie man mit fĂŒnf Dollar tĂ€glich - das entspricht von der Kaufkraft her einer Übernachtung in einem soliden Mittelklassehotel und einem warmen Essen - die Vereinigten Staaten ĂŒberqueren kann. Anstatt Rockmusik singen und spielen die beiden Freunde in verschiedenen Restaurants und bei Freunden, die sie ĂŒbernachten ließen, Balladen, lustige selbst geschriebene Persiflagen, Jazz und einige wenige jĂŒdische Weisen. Peter Beagle macht die Reise auch nicht, um frei zu sein oder gar die persönlichen Grenzen zu testen, sondern weil er bei der Frau sein möchte, die er liebt und der er einen Heiratsantrag machen möchte. In dieses romantische Motiv mĂŒssen sich gedankliche Exkursionen in den Bereich der Fantasy mit zahlreichen kleinen, aber irgendwie passenden Anspielungen auf Tolkiens “Herr der Ringe”, das Land Mordor und schließlich den verfĂŒhrerischen Einfluss des Ringes. Diese BezĂŒge zur Heroic Fantasy - die Ballantine Taschenbuchausgabe schmĂŒckt ein Titelbild der GebrĂŒder Hildebrandt, der bekanntesten “Herr der Ringe”/ Tolkien KĂŒnstler - mĂŒssen in einem historischen Kontext eingeordnet werden. Mitte der sechziger Jahre begann Tolkiens Trilogie insbesondere in den intellektuellen Studentenkreisen fĂŒr Furore zu sorgen, ohne das die spĂ€ter zum Durchbruch verhelfende und vom Fantasyautoren Lin Carter befĂŒrwortete Taschenbuchausgabe schon veröffentlicht worden ist. An den zahlreichen Beziehungen lĂ€sst sich erkennen, wie stark der Einfluss Tolkiens auf den Menschen Peter S. Beagle gewesen ist, der mit seinem ersten Roman eine morbide phantastische Story veröffentlicht hat. Erst mit seinem zweiten Roman “Das letzte Einhorn” etablierte sich Beagle als einer der bekanntesten Fantasy- Autoren der Gegenwart. Die Hinweise auf Tolkiens Werk lenken den Leser allerdings vom eigentlichen Kern des Buches ab: der Erkundung des amerikanischen Hinterlandes zu einer Zeit, als die Nation - zum wiederholten Male - davon ausging, in Frieden leben zu können und sich noch nicht der Gefahr ausgesetzt sah, um Vietnamkrieg ebenfalls zum wiederholten Male seine Unschuld zu verlieren. Beagle beschreibt ein seltsames Niemandsland zwischen der Ermordung Kennedys und der Blumenkindergeneration, zwischen dem Zweiten Weltkrieg, von dem Beagle allerhöchstens am Rande - als sechsjĂ€hriger Junge in einer nicht direkten KriegseinflĂŒssen ausgesetzten Stadt aufgewachsen - mitbekommen hat und Vietnam bzw. Watergate. Die beiden Freunde treffen zwar nicht immer auf die perfekte idealisierte Idylle. Als junge Juden haben sie es sehr viel leichter als zum Beispiel als Farbige oder Indianer. Aber die durchqueren ein Land, das teilweise noch an die alten Ideale von gegenseitiger Hilfsbereitschaft und Zueinanderstehen glaubt. Sie treffen auf Menschen, die geben und unterstĂŒtzen, weil ihnen die im Grunde “irre” Reise der beiden jungen MĂ€nner aus verstĂ€ndlichen GrĂŒnden imponiert und weil die beiden GroßstĂ€dter einfach Leben in den Alltagstrott der kleinbĂŒrgerlichen Existenzen bringen, ohne an deren Fundamenten zu rĂŒtteln. Als Land Mordor wird dagegen Las Vegas hingestellt. Im Spielerparadies fĂŒhlen sich die beiden Kontinentenquerer unwohl, obwohl sie in New York geboren worden sind. Es ist sicherlich kein Zufall, das sie auch nur in Las Vegas mit einem Mitglied der eher unterprivilegierten Schichten - einer Prostituierten mit einer etwas exklusiveren Kundenklientel - direkt in Kontakt treten. Auch wenn Beagle zumindest bei einigen StĂ€dten einen latenten Rassismus andeutet, gibt es keine Judenfeindlichkeit und auch keine religiösen Konflikte. Eine Abneigung gegen Farbige aus Teilen der Bevölkerung zieht sich ebenso durch den Reisebericht wie die kontinuierliche UnterdrĂŒckung der Indianer und die Reduzierung des stolzen Volkes zu fingerfertigen Handwerkern, die ihre SchmuckstĂŒcke zu billig verkaufen. Beagle und seinem besten Freund - am Ende des Buches bezeichnen sie sich ironischerweise als Lone Ranger und Tonto - wird mehrfach ohne eine Gegenleistung zu verlangen geholfen, sie helfen aber auch uneigennĂŒtzig. So nehmen sie ein junges PĂ€rchen auf ihren Motorrollern nach einer Panne in der WĂŒste in die nĂ€chste Stadt mit. Der BrĂ€utigam erweist sich als junger Marineoffizier, der von einem Leben in der oberen Mittelschicht trĂ€umt.

Beagle und sein Freund geben ihren Motorrollern weibliche Namen. So binden sich Fahrer und GefĂ€hrt nicht nur eng aneinander, die treuen Maschinen erhalten fast eigenstĂ€ndige Persönlichkeiten. Gut zwanzig Jahre spĂ€ter wird die Namensgebung fahrbarer GegenstĂ€nde - in diesem Fall eines flotten Sportwagens - eine Art Aufbruch fĂŒr den Protagonisten in George R.R. Martins “Armageddon Rock” darstellen. Im Gegensatz zu Beagles tatsĂ€chlich durchgefĂŒhrter Reise, wird Martins Protagonist von L.A. aus in die WĂŒste und damit auch sprichwörtlich in die Vergangenheit der wĂ€hrend der Veröffentlichung von “I see by my Outfit” noch in den Kinderschuhen steckenden Jugendprotestbewegung reisen. Neben der Namensgebung erfĂ€hrt der Leser einiges ĂŒber die kleinen und großen Tricks, mit denen die Maschinen am Laufen gehalten werden können. Ohne allzu sehr ins Technische abzugleiten, ist es in diesem Punkt ein interessanter, irgendwie aber auch skurril wirkender Bericht.

Ein bestimmtes Element des Buches ist die langjĂ€hrige und innige Freundschaft zwischen Beagle und Phil, die phasenweise einen fast homoerotischen Anflug erhĂ€lt. Beide musizieren fĂŒr ihr Leben gern und ein Running Gag ist die Suche nach wertvollen Gitarren in den verschiedenen Pfandleihen, ohne das Phil oder Beagle die Möglichkeit hĂ€tten, die interessanten Musikinstrumente mit sich zu nehmen. WĂ€hrend Beagle der Schriftsteller ist und von der Prostituierten ein einziges Mal als Schriftsteller im ganzen Text bezeichnet wird, ist Phil anscheinend ein begabter Maler und Zeichner. Er kann seine Zeichnungen gegen eine Übernachtung und ein Essen eintauschen bzw. wichtige Abschnitte der Reise in wenigen Minuten graphisch auf dem Papier fĂŒr die kurze Ewigkeit festhalten. Beagle ĂŒberspielt ein wenig die auch körperlichen Herausforderungen und möglichen Konfliktsituationen. Vieles lĂ€uft ausgesprochen demokratisch ab und wirkt deswegen fast unrealistisch bzw. schriftstellerisch verschönt oder verharmlost. Dem Autoren gelingt es aber sehr gut, den Lesern einen Eindruck nicht nur von den unendlich erscheinenden Weiten der USA zu vermitteln, sondern von der Herausforderung der Reise an sich zu vermitteln. “I see my my Outfit” ist ganz bewusst kein dramatisches Buch, das positive Ende lĂ€sst sich sehr gut an Beagles Lebenslauf ablesen und wenn der Autor davon berichtet, das sie sich dem Rhythmus der Straße angepasst haben und irgendwie das Reisen ist wichtiger geworden ist als das Ziel, dann fehlt es dem Leser sichtlich schwer, diesen theoretisch leicht esoterischen Gedankenmodellen zu folgen. Auf der anderen Seite wirkt dieser Bericht aus einer Distanz fast fĂŒnfzig Jahren so archaisch faszinierend wie eine Reise in eine Parallelwelt, in der die guten Seiten des USA fĂŒr die Ewigkeit erhalten oder zumindest geschickt die dunklen WesenszĂŒge ĂŒberdeckend erhalten geblieben sind. Es ist eine lesenswerte und unterhaltsame geschriebene Reise durch ein Land, das fĂŒr einen Augenblick friedlich und stolz auf seine einfallsreichen - aber in erster Linie weißen - BĂŒrger ist, die ihm in einem harten Kampf kleine vertrĂ€umte StĂ€dte und unendliche Kilometer von Straßen abgerungen haben. Es ist ein kleines, sehr ehrliches, aber nicht immer emotional wirklich ansprechendes BĂŒchlein eines Autoren, der als Romancier zu den wichtigsten Fantasy- Autoren der Welt gehört. Nicht selten hat das Leser das unbestimmte GefĂŒhl, als schaue irgendwo eine Phantasiewelt ĂŒber seine Schulter, um staunend eine reale und geschichtliche verbĂŒrgte Reise zu verfolgen, die von ihrer Grundidee - die USA mit einem Motorroller zu queren - im Grunde nur einem Autoren phantastischer Literatur entsprungen sein kann.

Peter S. Beagle: "I see by my Outfit"
Sachbuch, Softcover, 260 Seiten
Centro Book 2007

ISBN 9-7819-3357-2079

Weitere Bücher von Peter S. Beagle:
 - Das letzte Einhorn und Zwei Herzen
 - Das Zauberhaus

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::