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SachbĂŒcher



David F. Friedman

A Youth a Babylon

rezensiert von Thomas Harbach

1992 veröffentlichte die Exploitationfilmlegende David Friedman mit „A Youth in Babylon“ den ersten Teil seiner Autobiographie. Im Anhang wird vollmundig die Fortsetzung „The Kings of Babylon“ angekĂŒndigt, die der 1923 geborene Friedman leider bis heute nicht veröffentlicht hat. Dabei wĂ€re insbesondere seine Betrachtung der siebziger Jahre mit seiner vielleicht am meisten umstrittenen Produktion „Ilsa- She Wolf of the SS“ genauso interessant zu lesen wie die VerĂ€nderung im Genre selbst. Weg von den oft harmlosen, aber reißerisch vermarkteten Softcorefilmen zu Hardcore und schließlich zu bizarren Pornos. Obwohl Friedman sich im Grunde bis auf eine sehr kurze Zeit bei Paramount als SelbststĂ€ndiger im Grunde in einem Haifischbecken des cineastischen „Abschaums“ getummelt hat, liest sich seine Biographie deutlich sachlicher und ein wenig distanzierter als die biographischen Exkurse eines Roger Corman – „How I made a hundert Movies and never lost a Dime“ oder William Castles kĂŒnstlerisch ausgesprochen egoistische Autobiographie. Friedman geht auch kaum auf seine eigene Jugend bzw. seine Filmleidenschaft ein. Im Grunde beginnt die Biographie mit der Dienstzeit beim Signalkorps in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs, die es Friedman auf sicherem amerikanischen Boden ermöglichte, alles ĂŒber den Vertrieb, die Projektion und schließlich auch Produktion von Filmen zu lernen. Seine ersten Deals bestanden unter anderem aus dem geschickten Aufkaufen von Filmprojektoren bzw. Signalscheinwerfern aus amerikanischen ArmeebestĂ€nden und das lukrative WeiterverĂ€ußern an interessierte Privatunternehmen. Dabei lernt Friedman auch mit dem Independentfilmproduzenten Kass einen seiner zahlreichen Helfer und Mentoren kennen. Dieser hat mit Hygiene- Filmen inklusiv des Verkaufs billiger produzierter AufklĂ€rungspamphlete sehr viel Geld gemacht. Diese Filme zeigten unter anderem eine echte Geburt und bestanden ansonsten aus zusammen geschnittenen Filmen der vierziger Jahre. Friedman wechselte nach seiner Armeezeit nur fĂŒr kurze Zeit zu den Paramount Pictures, wo er sich in erster Linie um den Vertrieb ihrer Filme und die Betreuung der Kinos kĂŒmmerte. Anschließend machte er sich in den fĂŒnfziger Jahren als Filmverleiher selbststĂ€ndig. Er drehte den zahlreichen Drive- In Kinos unter anderem den klĂ€glichen Rest eines intellektuellen Ingmar Bergmann Films an, dessen „Höhepunkt“ aus einer Nacktbadeszene in der Halbtotalen und im Halbdunkeln besteht. Mit reißerischer Reklame – sicherlich die ĂŒberragende FĂ€higkeit Friedmans, aus Nichts ein augenschreiendes Plakat inklusiv aufpeitschender WerbesprĂŒche zu machen – aufgemotzt spielte der Film den Grundstock seines spĂ€teren Filmverleihs ein. Es folgte die lukrative Kooperation mit dem sich als Exploitationfilmer etablierenden Hershell Lewis. Nach zwei Teenangerdramen melkten sie die Nudistenszene bevor 1963 mit dem Splatterfilm „Blood Feast“ im Grunde Friedmans Durchbruch gelang. Friedman bewegte sich wie viele Independentproduzenten immer am Rand der LegalitĂ€t. Seine marktschreierischen ReklamezĂŒge provozierten die MoralwĂ€chter in den großen StĂ€dten, die seine Filme beschlagnahmten. Mit Tricks und Kniffen, Prozessen oder kleinen GefĂ€lligkeiten gelang es Friedman, aus den Drive In schließlich in die heruntergekommenen KinopalĂ€ste in den großen StĂ€dten einzudringen und sich mit seinen Grindhouse Produktionen zu etablieren. Andere Autoren haben spĂ€ter die Grindhouse PalĂ€ste am Times Square inklusiv der dort spielenden Exploitaionfilme vorgestellt.
Um diesen Bogen zu schlagen, ist es unbedingt notwendig, nicht nur die VerhĂ€ltnisse innerhalb der amerikanischen Bevölkerung in den fĂŒnfziger und sechziger Jahren zumindest skizzierend zu beschreiben, sondern dem Leser erst einmal einen Überblick ĂŒber den Graubereich des Exploitationkinos per se und Friedmans Filmen im Besonderen zu geben. Der Autor verzichtet allerdings auf eine umfangreiche Exposition und beginnt damit, die unterschiedlichen GeschĂ€ftsmethoden seiner Partner zu beleuchten. Das reicht von amĂŒsant - ein Drive In Kinobesitzer öffnet direkt hinter der Leinwand bei einem herunter gebrochenen Zaun einen zweiten Eingang, an dem unnummerierte Eintrittskarten verkauft werden, um sowohl das Finanzamt als auch die Filmverleiher zu prellen - bis kriminell frech. So hat einer von Friedmans freien Handelsvertretern die ErziehungsbĂŒcher billig nachdrucken lassen und mischt diese Nachdrucke unter die ihm zur VerfĂŒgung gestellten Exemplar. Um das Geschehen intensiver zu beschreiben, greift Friedman zusammen mit seinem Coautoren Don de Nevi nicht selten auf direkte Rede zurĂŒck. Ein ungewöhnlicher stilistischer Kniff fĂŒr eine Autobiographie, aber stellenweise funktioniert er sehr gut. Das Team holt den Leser förmlich aus seiner eigenen deutlich spĂ€teren Epoche in diese wilde Zeit zurĂŒck und macht ihn zu einem Augenzeugen des Geschehens. Stellenweise wirken allerdings die wiedergegebenen Dialoge zu belanglos, um wirklich funktionieren zu können. Das Mittel hĂ€tte effizienter und vor allem seltener eingesetzt werden sollen. Trotz dieser SchwĂ€che zeichnet David Friedman ein lebendiges Portrait einer Szene, die es in dieser Form heute nicht mehr gibt. Auch wenn es alles mehr oder weniger kleine Gauner sind, die sich nicht selten mit ihren „minderwertigen Produkten“ gegenseitig aufs Kreuz legen und dem Publikum die schwer verdienten Dollar mit Illusionen aus der Tasche ziehen, wirkt es in dieser PrĂ€sentation wie eine natĂŒrliche Fortsetzung des Zirkuses, des Varietes. Dabei ist sich Friedman der QualitĂ€t seiner Produkte mehr als bewusst. Ironisch zieht er ĂŒber Ingmar Bergmann her. Anscheinend haben mehr junge Amerikaner die von Friedman bearbeitete Version gesehen als das Original, das tatsĂ€chlich Anfang der sechziger Jahre in untertitelter Fassung in einen Arthousekinos gelaufen ist. Oder das Schachern um die letzten zweitausendfĂŒnfhundert Dollar einer zehntausend Dollarproduktion, die kurze Zeit spĂ€ter in den Kinos das Zehnfache einspielte. David Friedman sieht sich immer in der Rolle des akkuraten, harten, aber nicht knallharten GeschĂ€ftsmannes, der zusammen mit seiner geliebten Carol in dieser halbkriminellen Szene im Grunde dank seiner Marketingideen und seines GeschĂ€ftssinnes halbwegs ehrlich ĂŒber die Runden gekommen ist. Das wirklich jeder Dollar ordnungsgemĂ€ĂŸ abgerechnet worden ist, glaubt selbst Friedman nicht.

Auf den ersten Blick ist es enttĂ€uschend, das Friedman der kurzen, aber ungemein erfolgreichen Zusammenarbeit mit Hershell Lewis zwar auf den ersten Blick einen breiten Raum einrĂ€umt, aber die berĂŒchtigten Gorefilme wie „Blood Feast“ oder „2000 Maniacs“ - auf dem Backcover der Hardcoverausgabe sieht man Friedman vor dem Kinoplakat - alleine aus kommerzieller Sicht erwĂ€hnt. Viel mehr Raum schenken die Autoren neben Lewis Differenzen mit einem Gewerkschafter, was angeblich der Grund gewesen ist, das Lewis ab sofort nur noch unabhĂ€ngig produzierte der Idee, einen Nudistenfilm als Musical zu inszenieren. Köstlich ist der Vorortbesuch in einem offiziellen Nudistencamp nackt wie Gott Regisseur und Produzenten erschaffen hat.
Die Inhalte der Filme werden kurz, ein wenig ironisch distanziert zusammengefasst. Viel stolzer ist Friedman sicherlich auch berechtigterweise auf die Reaktion des Publikums wie auch der Theaterbesitzer, als seine Filme schließlich mit riesigem Erfolg durch Amerika tingelten. Ein Gimmick eines William Castles wĂŒrdig - die SpuktĂŒten zu „Blood Feast“ - fiel Friedman ein, als seine Frau als einzige Bewertung Lewis ersten Gorefilm zum „Kotzen“ fand. Ob diese Episode sich wirklich so abgespielt hat, bleibt fraglich, unterhaltsam sind sie auf jeden Fall.
Aber Friedman sieht sich nicht nur als Tausendsassa, dem sehr viel gelungen ist und der immerhin mit knapp 40 Jahren schon 300.000 USD Schuldverschreibungen besessen hat. FĂŒr die sechziger Jahre handelt es sich um ein kleines Vermögen. Er steht auch zu seinen kaufmĂ€nnischen Fehlentscheidungen. Dabei ist die Reaktion auf die wenigen kommerziellen Flops insbesondere im Vergleich zu seinen Konkurrenten zurĂŒckhaltend. Er bedauert den Bruch mit Lewis genauso wie er hier die Grenze zwischen Produzenten und Einfluss nehmenden Teilhaber ĂŒberschritten hat. Erst Jahre spĂ€ter sollte Friedman sowohl als Regisseur bei einigen wenigen Filmen agieren wie auch Cameoauftritte auch in Arbeiten seiner Freunde ĂŒbernehmen und damit aktiver auf die kĂŒnstlerische Ebene einwirken. Auf der anderen Seite kann der Leser aber auch zwischen den Zeilen erkennen, das Lewis immer brutalere, splattrigere und leider inhaltlich ernstere - im Vergleich zu den komödiantischen ZĂŒgen eines „Blood Feast“ - bis belehrende Filme gedreht hat, mit denen sich David Friedman thematisch genauso wenig anfreunden konnte wie mit den spĂ€teren Hardcoreproduktionen.
„A Youth in Babylon“ ist vielleicht kein tiefer gehender Einblick in eine Subkultur, die heute allenfalls Kultstatus bei einer begrenzten Anzahl von Fans genießt, sondern eine unterhaltsame Geschichte eines typischen amerikanischen Selfmademannes, der mittels seines scharfen Verstandes und vor allem einer gesunden Portion Menschenkenntnis sich in seiner kleinen auf den ersten Blick absolut ungewöhnlichen Nische nicht nur durchgesetzt, sondern ĂŒber viele Jahrzehnte oben gehalten hat. Auf eine Fortsetzung zielend wirkt das Ende des vorliegenden Textes leider abgehackt und unrund, David Friedman begnĂŒgt sich mit einem kleinen Ausblick - den geschriebenen Trailer im Epilog außen vor lassend - auf die zumindest finanziell und familiĂ€r rosigere Zukunft, wobei der Autor schon impliziert, das sich die Gesellschaft von seinen Vorstellungen der „Massenunterhaltung“ immer weiter entfernt hat. Sein lesendes Publikum hat er auf jeden Fall bis hierhin mit seinem abenteuerlich bunten Lebenserinnerungen sehr gut unterhalten.

David F. Friedman: "A Youth a Babylon"
Sachbuch, Hardcover, 355 Seiten
Prometheus 1998

ISBN 9-7815-7392-2364

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