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SachbĂŒcher



Sam Arkoff

Flying through Hollywood by the Seats of my Pants

rezensiert von Thomas Harbach

In seinem kurzen, aber prĂ€gnanten Vorwort wie auch den letzten Kapiteln seiner zu diesem Zeitpunkt noch unvollstĂ€ndigen Lebensgeschichte Ă€ußert sich Samuel Arkoff mit seinem pragmatisch- typischen Humor voller Erstaunen ĂŒber die VerĂ€nderungen innerhalb und außerhalb des Hollywoodstudiosystems wie auch der amerikanischen Gesellschaft. Im Sommer 1972 prĂ€sentierte New Yorks “Museum of Modern Art” zum 25. Geburtstag der AIP Produktion - die Arkoff mit seinem GeschĂ€ftspartner James Nicholson in den fĂŒnfziger Jahren gegrĂŒndet hat - eine Retrospektive. Exploitation trifft auf Art. Im damals extra produzierten und wahrscheinlich teurer als mancher seiner Filme gedruckten, sehr ausfĂŒhrlichen Begleitheft steht, das einige der von AIP produzierten Filme nicht nur inzwischen Klassiker des Genres geworden sind, sondern eine einzigartige amerikanische Kunstform darstellen. Eine Kunstform, vielleicht sogar eine Kunstrichtung beschreibt allerdings einen isolierten Abschnitt, eine Schaffensperiode und lĂ€sst sich schwer auf eines der beweglichsten, unabhĂ€ngigen Produktionsstudios ĂŒbertragen. AIP ist immer mehr als Poe und Bikinis gewesen. Alleine Arkoffs Blick auf die insbesondere fĂŒr kleine Studios schwierigen siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts unterstreicht, wie aktiv AIP zwar im Strom der Publikumserwartungen mit geschwommen ist, sich aber zumindest unter der Ägide von Nicholson - der in den frĂŒhen siebziger Jahren zu jung verstorben ist, nachdem er seine Anteile an AIP verkauft hat - und Arkoff niemals vor die Publikumserwartung gesetzt hat. “Liebe auf den ersten Blick” oder “ The Amityville Horror” oder “Dressed to Kill” unterstreichen AIPs FĂ€higkeit, mit bescheidenen Budgets - keiner der Filme hat mehr als sieben Millionen Dollar gekostet - Box Office Erfolge zu erzielen. Sicherlich steht die Frage im Raum, ob Arkoff in den spĂ€ten siebziger und frĂŒhen achtziger Jahren Ă€hnlich wie kurzzeitig “New Line” mit vergleichbaren geringen Budgets weiterhin an der Kinokasse Erfolge erzielt hĂ€tte. Sein langjĂ€hrigen Mitstreiter Roger Corman ist schließlich im Zuge der Videopremieren “untergegangen”, nach dem er Jahrzehntelang innovativ wie kostenbewusst manch kleines Meisterwerk inszenieren und spĂ€ter produzieren konnte. Aber fĂŒr ein Studio, dessen “Karriere” mit Roger Cormans Erstling “The Fast & the Furious” - inzwischen auch Opfer eines tausendmal teureren Remakes inklusiv diverser Fortsetzungen - begonnen hat, das mit dem kommerziell sensationellen Titel “I was a Teenage Werewolf” fĂŒr Furore sorgte, dessen Edar Allen Poe Verfilmungen sowie die dreizehn Teile umfassende Bikini- Serie die großen Studios inklusiv Walt Disney verblĂŒffte bis schockierte und das in den frĂŒhen siebziger Jahren zu den großen Machern im Bereich Blaxploitation gehörte, ist es ein gewaltiger Erfolg, die Großen immer wieder ĂŒberrascht und geĂ€rgert zu haben.

Im Vergleich zu anderen Biographien - siehe Roger Cormans “How I made a hundert movies and neuer lost a dime” und David Friedmans “A Youth a Babylon” - stellt Sam Arkoff positiv seine eigene Persönlichkeit nicht allzu sehr in den Vordergrund. Viele Kritiker sehen aber den Anteil am AIP Erfolg auch in den strategisch- taktischen Entscheidungen James Nicholsons, dessen einzigartige Marketingstrategien aus manchem unterdurchschnittlichen Film einen Gassenhauer machten. Lakonisch stellt Sam Arkoff fest, das einige Kinobetreiber ihm mehr als einmal geraten haben, die Reklame zu behalten und den zugrunde liegenden Film zu vernichten. Solange AIPs Regisseure ihre teilweise bescheidenen Budgets einhielten, mischte sich der korpulente, immer Zigarre rauchende Produzent bis zum Abgabetermine der Filme selten bis gar nicht in die kĂŒnstlerischen Belange ein. Erst danach machte er am Schneidetisch den fertigen Streifen kommerzieller, rasanter und fĂŒr das in erster Linie jugendliche Publikum goutierbarer. Wobei insbesondere hinsichtlich der Drive- In Kinos der Leser schnell den Eindruck erhĂ€lt, als erschienen die meisten AIP Filme von der RĂŒckbank der amerikanischen Autos eh vernachlĂ€ssigbar.

Sam Arkoff begann seine Karriere als eifriger KinogĂ€nger und Variety Leser in einer typischen amerikanischen Kleinstadt. SpĂ€ter begann er ein Rechtsanwaltsstudium, wobei er sich eher zufĂ€llig auf Copyright und Vertriebsrecht spezialisiert hat. Da er billig und an der Produktion von Filmen interessiert gewesen ist, rutsche er mehr zufĂ€llig auf die andere Seite des “Tisches“. Zusammen mit James Nicholson grĂŒndete er “AIP” - American International Pictures - und begann die ersten Filme Roger Cormans zu vertreiben. Nicht selten kauften die beiden geschĂ€ftstĂŒchtigen Arkoff und Nicholson unabhĂ€ngig produzierte Filme auf und platzierten sie in den Kinos. Kurze Zeit spĂ€ter stellten sie Roger Corman fĂŒr vier Filme jeweils USD 50.000 Dollar zur VerfĂŒgung. Leider ĂŒberzog Corman bei einem der Streifen das Budget und munter schließlich im berĂŒhmt berĂŒchtigten “The Beast with 1000000 Eyes” auf das Monster verzichten. Wie Arkoff das Problem mit einem Teekessel löste und wie er sich Fragen der amerikanischen Zensurbehörde stellen musste, gehört zu den unterhaltsamen wie im Grunde grotesken Episoden dieser Autobiographie. Im Gegensatz zu vielen anderen unabhĂ€ngigen Produzenten sah Arkoff die großen Studios nicht als Konkurrenten, sondern als Schlachtschiffe, in deren Fahrwasser bzw. vor ihrem Bug sich AIP wie ein schneller Kreuzer wenig bewegen konnte. Jede SchwĂ€che der Majors nutzte AIP aus. Zu erst musste sich AIP bei den Double Bills mit dem B- Picture begnĂŒgen, was erstens deutlich weniger Geld und zweitens eine AbhĂ€ngigkeit von den Majors bedeutete. Nicholson und Arkoff beschlossen, ihre Filme zu eigenen thematisch zusammenhĂ€ngen Double Bills zusammenzustellen. In den sechziger Jahre Ă€rgerte Arkoff, das sein Studio selbst bei den Double Bills immer schlechter gestellt worden ist als die Majors, aber diesen Einkommensverlust kompensierte er mit einem strengten Kostenmanagement und jungen Schauspielern/ Regisseuren, die unbedingt ihren Durchbruch suchten. Alleine die Liste der Schauspieler und Regisseure, die spĂ€ter OSCARs in bedeutenden Kategorien gewonnen haben und zu den einflussreichsten Filmemachern Hollywoods gehören sollten, ist unendlich lang. Dabei hat sicherlich nicht nur der Zufall - siehe Peter Bogdanovich, Francis Ford Coppola oder Martin Scorsese - seine Hand im Spiel gehabt. Sam Arkoff hatte ĂŒber Jahrzehnte ein gutes HĂ€ndchen, Talent nicht nur zu erkennen, sondern im Rahmen der nicht unbegrenzten Möglichkeiten seines Studios auch zu fördern. Arkoff produzierte nicht nur frĂŒhzeitig in Englang mittels Kooperation, sondern kaufte in Italien Horror- wie Sandalenstreifen ein, die er mittels geschickter Schnitte sowie passender Synchronisation amerikanisierte. Mit dem ersten von AIP produzierten Farbfilm - natĂŒrlich eine Poe Geschichte - etablierte sich das Studio endgĂŒltig als ein Symbol des amerikanischen Kinos. Auf der Höhe des Zeitgeistes folgten die umstrittenen Bikerfilme wie “The Wild Angels” und einige wenige Exkurse in den Mainstream. Nach der Blackploitation und schließlich auch Kung Fu Welle begann Arkoff, weniger dafĂŒr höher budgetierte Filme zu produzieren. Als einzigen wirklich schweren Fehler rĂ€umt Sam Arkoff schließlich den Verkauf der AIP Anteile an Filmways ein, das im Besitz eines der Finanzmogule gewesen ist. Ab jetzt ging es nicht mehr um kommerzielle Erfolge an der Kinokasse, sondern Prestige und den Irrglauben, den Status eines Samuel Goldwyns oder Louis B. Mayers zu erreichen. Aus seiner bodenstĂ€ndigen Sicht der falsche Ansatz, der schließlich zur endgĂŒltigen Trennung Arkoffs von seinem liebsten und rĂŒckblickend einzigen “Kind” fĂŒhrte. Arkoff versucht, die Besonderheiten AIPs immer wieder herauszuarbeiten und betonen. Neben einem stringenten Kostenmanagement ist er der ĂŒberzeugend dargelegten Meinung, das Angestellte - Regisseur, Drehbuchautoren oder Produzenten - nicht die Kosten diktieren und quasi mit Überschreitungen der Budgets in die Firmenkassen greifen dĂŒrfen. Hinzu kommt es, das es fĂŒr ihn wichtig ist, seinem Publikum aufs “Maul” zu schauen. So hat er den Freunden seiner Kinder viele Streifen im heimischen Wohnzimmer vorab gezeigt, um ihre Meinung abzufragen und gegebenenfalls die Werbekampagnen abzustimmen. Arkoff ist sich auch nicht zuschade, seine Werbestrategien zu ĂŒberarbeiten, wenn der Film - siehe “The Tall Man” aus seiner Sicht das ausgesuchte Publikum nicht erreicht. Aber auch internationale Flops wie “DeSade” werden besprochen, wobei Arkoff sich nicht zuschade ist, auch die Fehler bei sich selbst zu suchen.
Das Buch ist kurzweilig geschrieben. Arkoff ist ein sympathischer Plauderer, der zumindest stilistisch ĂŒber die fast einzigartige FĂ€higkeit verfĂŒgt, sich nicht im Rampenlicht zu prĂ€sentieren und doch allgegenwĂ€rtig zu sein. Die Liste der vielen hundert AIP Produktionen im Anhang unterstreicht die Unmöglichkeit, auf jeden Streifen gesondert einzugehen. Meilensteine hebt der Autor geschickt mittels einer kurzen inhaltlichen Zusammenfassung heraus. Er geht auf die nicht immer einfachen Produktionsbedingungen ein, prĂ€sentiert aber auch mit spĂŒrbaren Stolz die teilweise unorthodoxen Lösungen, die sich am Rande des rechtlich machbaren bewegten, aber niemals ins kriminelle Milieu abrutschen. Arkoff prĂ€sentiert sich als harter Verhandlungspartner, der zumindest nach dem Motto “Leben und leben lassen” in die Verhandlungen eingetreten ist. Sicherlich beschönigt er in der Zusammenarbeit mit dem Journalisten Richardo Trubo niedergeschriebenen Autobiographie einiges. Manch seiner GeschĂ€ftspartner hat fĂŒr seine anwaltliche Finesse wahrscheinlich unfeinere Worte, aber der Leser erhĂ€lt nicht nur einen sehr kompakten Überblick ĂŒber AIPs unbestritten erfolgreiche fast dreißig Jahre andauernde Erfolgsgeschichte, die gleichbedeutend mit Arkoffs Leben ist, sondern er verfolgt ein erstaunliches StĂŒck amerikanischen Pioniergeistes. Einfallsreichtum, harte Arbeit und innovative Marketingmethoden haben den monetĂ€ren Nachteil gegenĂŒber den großen Studios mehr als ersetzt und aus den hunderten von AIP Produktion ragen auch heute noch Klassiker wie “Coffy” oder “Boxcar Bertha” , “Dillinger” oder “How to make a Monster” wohltuend heraus. Und niemand ist erstaunter als Arkoff selbst, das seine kommerziellen, unter teilweise primitiven UmstĂ€nden aber mit viel Liebe zum Medium Film produzierten Streifen immer wieder neue Zuschauergenerationen begeistern. Diese Verwunderung durchdringt das sehr unterhaltsam, sehr kompakt und auf der persönliche Ebene nicht erdrĂŒckend geschriebene Werk. Sam Arkoff ist Stolz auf seine Arbeit, sein “Baby” AIP und die Generationen von Regisseuren, Schauspielern, Drehbuchautoren und Produzenten, die ihr Handwerk unter seinen Fittichen erlernt haben. Ohne allzu arrogant zu sein, darf er auch stolz sein, auf ein einflussreiches und in dieser Form heute nicht mehr existierendes und leider auch nicht mehr existenzfĂ€higes “Werk”, dessen Spuren ĂŒberall noch zu erkennen sind.

Sam Arkoff: "Flying through Hollywood by the Seats of my Pants"
Sachbuch, Hardcover, 287 Seiten
Citadel 1992

ISBN 9-7815-5972-1073

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