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Sachbücher



Alan K. Rode

Charles McGraw

rezensiert von Thomas Harbach

Alan K. Rodes Biographie des markanten Schauspielers „Charles McGraw“ mit dem schönen Untertitel „Film Noir Tough Guy“ liegt nach der Hardcoverausgabe vor vier Jahren jetzt als erschwinglicher Paperback vor. In den beiden Vorwörtern wird in doppelter Hinsicht die Bedeutung dieses lesenswerten Bandes herausgestellt. Zum einen wird ein markantes Gesicht, das in mehr als einhundertvierzig Filmen entweder als sadistischer Killer oder auf den Straßen gereifter Polizist vertreten gewesen ist, vorgestellt. Viel wichtiger ist, dass die Zeitzeugen dieser zweiten Epoche – nach den Stummfilmen und vor der großen Studiorevolution – mit ihren aus persönlichen wie subjektiven Perspektiven erzählten Geschichten mehr und mehr aussterben und doch neutrale/distanzierte Buch- und Filmberichte ersetzt werden. Immer wieder bricht Alan K. Rode aus dem stringenten Buchkonzept, eine Biographie und oberflächlich kritische, aber in erster Linie vollständige Dokumentation McGraws Filme zu präsentieren aus. Er geht auf verschiedene andere, heute zum Teil ungerechtfertigt vergessene Schauspieler, Regisseur und Produzenten ein. Er versucht die Arbeitsatmosphäre der kleineren Studios zwischen Chaos und Kommerz in griffige Bilder zu kleiden. Rode beschreibt, wie schnell allmächtige Produzenten im Wandel der Zuschauerinteressen nach dem Zweiten Weltkrieg von ihren Thronen fielen oder von den Geldgebern an der Ostküste gestürzt worden sind. Er beschreibt die zum Teil wilden und vom Alkohol dominierten Feiern während der Dreharbeiten, als sich Stars, Stuntmen, Regisseure und Produzenten gemeinsam und gleichwertig betrunken haben.
Alan K. Rode ist nicht nur Betreiber einer interessanten Webseite über den Film Noir. Neben Retrospektiven und Artikeln für verschiedene Magazine hat Rode an einer Michael Curtiz Biographie gearbeitet, die 2013 erscheint. Über Michael Curtiz als überwiegend talentierten Auftragsregisseur verliert Rode auch in der Charles McGraw Biographie einige Worte.

Charles McGraw gehört zu den arbeitenden Schauspielerregion, die aus einfachen Verhältnissen und ganz anderen Berufen – siehe auch Robert Mitchum – schließlich über das New Yorker Theater nach Hollywood gekommen sind. Nicht um unbedingt reich zu werden, sondern im Geld zu verdienen. Die ersten Jahre hat Charles McGraw noch als Barkeeper gearbeitet, nachdem er trotz Rezession in bürgerlich geordneten Verhältnissen aufgewachsen und ganz kurze Zeit im Gegensatz zu seinen zahllosen Biographien zur See gefahren ist. Die fiktiven Studiolebensläufe, die sich McGraw anscheinend opportunistisch insbesondere hinsichtlich seiner Kriegszeit und seiner erfundenen Amateurboxerkarriere in Interviews immer wieder zu nutzen gemacht hat, ziehen sich wie ein roter Faden bis zum mysteriösen Tod des Schauspielers durch dieses sekundärliterarische Werk und lassen Fiktion kontra Wirklichkeit immer wieder geschickt aufeinanderprallen. Höhepunkt dieser persönlichen Werbeflyer ist die Unterstellung, dass Charles Butters alias Charlie McGraw seine Karriere erst 1947 mit einer wichtigen Rolle in Robert Siodmaks „The Killers“ begonnen hat. Dabei hat er schon vorher Theater – hier stimmt manche Bildunterschrift als offensichtliches Manko nicht immer mit dem Text hinsichtlich von Namen und Orten überein – in New York gespielt. Schon bei seiner ersten Theaterrolle ist McGraw dem FBI aufgefallen. Das liegt in erster Linie an seinen Mitspielern, von denen einige kommunistische Manifeste unterschrieben haben. Das die Überwachungsparanoia der amerikanischen Behörden schon in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg das Niveau des späteren Kalten Krieges erreicht haben, ist ein interessanter Aspekt, den diese Biographie nur anfänglich oberflächlich und später sporadisch streifen kann.
Seine erste Rolle war in John Brahms „The Undying Monster“. Dieser Horrorfilm wird genauso wie John Brahms solide Karriere von Alan K. Rode unnötig und ohne nachhaltige Begründung abqualifiziert, während ansonsten mancher kleiner Nebenrollenauftritt als Ereignis gefeiert wird. Wie wichtig die richtigen Agenten zur richtigen Zeit sein können, zeigt Alan K. Rode ebenfalls an Hand McGraws. Im richtigen Augenblick geriet er an einen der heute unbekannten Agenten, der unter anderem auch Robert Mitchum im frühen Abschnitt seiner Karriere betreut hat. Sie konnten die zweiten Rollen mit ihren Klienten sehr gut besetzten. Als diese zu „Stars“ geworden sind, haben sie meistens vergessen, wer ihnen zu Beginn die Türen geöffnet hat.
Aber der nihilistische „The Killers“ öffnete McGraw noch als freier Schauspieler – den obligatorischen Siebenjahresknebelvertrag als Abgesang auf das zusammenbrechende Studiosystem hat er erst sehr viel später bei einem der mittleren Studios RKO vor der Machtübernahme durch Hughes unterschrieben – viele Türen in Hollywood. Türen, die keine charismatischen Stars suchten, sondern vom Leben gezeichnete, prägnante Gesichter für die umfangreicheren Nebenrollen. Obwohl McGraw besonders in den ersten Jahren mehrmals mit Burt Lancaster – der sich nach „The Killers“ zu einem kontrollsüchtigen Egomannen laut Robert Siodmak entwickelte - , Henry Fonda, Randolph Scott oder Jane Russell zusammenspielte und das Spektrum seiner Auftritte inzwischen von Komödien über Kriegsfilme bis zu den zynisch dunklen „Film Noir“ Thrillern insbesondere von Anthony Mann inszeniert reichte, konnte er niemals das Image des ambivalenten „Straßenkämpfers“ ablegen. Auf die wichtigsten Filme geht Rode detaillierter ein. Hier differenziert er zwischen der eigentlichen Produktion, dem Gehalt des Films, den verschiedenen Rollen mit einem Schwerpunkt natürlich auf McGraws Auftritten und schließlich dem Studiosystem im Allgemeinen und Howard Hughes besonderem Augenmerk , das einen heute klassischen und sogar erfolgreich neuverfilmten Streifen wie „Narrow Margin“ beinahe unmöglich machte. Es scheint heute unglaublich, dass Hughes den fertig gestellten Film mit zwei neuen Schauspielern besetzen und deren Szenen in die ursprüngliche Fassung hinein schneiden wollte. Heute wäre das mit Hilfe von CGI Tricks kein Problem gewesen. Obwohl die Konkurrenz des Fernsehens für Hollywood immer bedrohlicher geworden ist, hat der Leser das unbestimmte Gefühl, als wären die Macher/ Produzenten selbst die größte Gefahr für den weiteren Erfolg des amerikanischen Kinos gewesen. „Brute Force“, der revolutionäre wie erfolgreiche „T- Men“ mit einem sadistischen McGraw in absoluter Topform, „The Border Incident“ oder „The Narrow Margin“ seien als Musterbeispiele seiner arbeitenden Schauspielkunst noch einmal expliziert erwähnt und werden von Rode differenziert gewürdigt. Aus heutiger Sicht ist die Faszination dieser dunklen Thriller vielleicht noch eher begreifbar als für das damalige Publikum, das den fernen Schrecken des Zweiten Weltkriegs entkommen sich den dunklen, nicht selten nur verklausuliert zu präsentierenden Abgründen der Großstädte und der organisierten Kriminalität der Gegenwart zuwandte.

In den späten fünfziger Jahren arbeitete McGraw mehr fürs Fernsehen. Neben einer unglücklichen Fortsetzung zu „Casablanca“, die nur acht Folgen umfasste, dürfte „The Adventures of Falcon“ interessanter sein. Als eine Art Westentaschengeheimagent für alle Fälle übernimmt McGraw als Mike Waring zumindest in der Theorie weltweite Aufträge. In den sechziger und siebziger Jahren, als McGraws Schauspielerstern nicht zuletzt aufgrund seiner Alkoholsucht sehr stark am Fallen gewesen ist, sollte noch eine Reihe von markanten Gastauftritten in diversen sehr populären Fernsehserien folgen. McGraw sah die Dominanz des Fernsehens eher pragmatisch. Sowohl mit seinen Fernsehauftritten als auch schon in den vierziger Jahren mit der Übernahme verschiedener Sprechrollen im Radio konnte er sein stark schwankendes Einkommen vor allem nach dem frühzeitigen Auslaufen seines Vertrages mit RKO stabilisieren.
So pendelte er in den frühen sechziger Jahren noch zwischen dem Fernsehen mit den schon angesprochenen Gastauftritten und dem Kino hin und her. Als sadistischer Sklavenhalter konnte McGraw in Kubricks „Spartacus“ überzeugen. Nicht zum ersten Mal wurde eine Oscarnominierung andiskutiert, aber niemals in die Tat umgesetzt. Auch in Hitchocks „The Birds“ spielte er eine kleine, aber signifikante Rolle. Mit dem Großmeister des Thrillers legte sich McGraw an. Das während der Dreharbeiten immer wieder Egos aufeinanderprallen, ist keine Überraschung. Warum sich der bis dahin ruhige McGraw, der unter verschiedenen exzentrischen Regisseuren solide gearbeitet hat, mit Hitchock derartig anlegte, wird nicht weiter eruiert. Zumindest zeigte sich seine Jahrzehnte lange Trunksucht auch während der Arbeit. Unpünktlichkeit, verpatzte Szenen und vergessene Dialoge häuften sich. Rode zeigt McGraws für so viele Schauspieler typischen Absturz blitzlichtartig. Erst Richard Brookes Meisterwerk „In cold Blood“, für das er sich nicht in Form bringen, sondern kurzzeitig dem Alkohol abschwören musste, führte ihn zurück nach Hollywood. Und zu zahlreichen wichtigen Nebenrollen in einer kleine von interessanten Western beginnend bei Clint Eastwoods „Hang them High“, der bei „Rawhide“ am Anfang seiner Karriere mit McGraw gearbeitet hat oder „Tell them Willie Boy is here“. Nicht ganz klar arbeitet der Autor heraus, ob McGraw aufgrund seiner immer noch vorhandenen schauspielerischen Fähigkeiten und seiner charismatischen Persönlichkeit, gesegnet mit einer einzigartigen Stimme, immer wieder trotz der zurückkehrenden Alkoholprobleme genommen worden ist oder ob es sich verstärkt mehr um die Gefallen seiner Trinkfreunde gehandelt hat.

Wie schon eingangs angesprochen versucht Rode mit McGraws Lebensgeschichte und langjährigen Karriere – es finden sich immer wieder Hinweise auf Schauspieler, die sehr viel länger und in viel mehr Streifen aufgetreten und trotzdem nahezu unbekannt sind – auch ein Bild Hollywoods über einen Zeitraum von fast fünfzig Jahren zu zeichnen. Nachdem McGraws inzwischen geschiedene Frau das von den ersten festen Gehältern gekaufte, auf den Fotos eher bescheiden bürgerlich erscheinende Haus verkauft hat, sind in den folgenden zehn Jahren die Grundstückspreise explodiert. Zehn Jahre später hätte sie das Siebenfache des Verkaufserlöses erhalten. Ein handfester Ausdruck des Wahnsinns, zu dem sich Hollywood entwickelt hat. Die Kneipen, in denen McGraw regelmäßig verkehrte, gibt es nicht mehr. Sie wichen modernen Malls.
McGraws Karriere ist immer wieder von Alkoholexzessen gezeichnet gewesen. Während die ausschweifenden Partys der Stummfilm mit ihren Drogenexzessen in den fünfziger und frühen sechziger Jahren deutlich zurückgingen, wurde hinter der Kamera in Unmengen getrunken und geraucht. Als wenn der Druck, in fremde Rollen zu schlüpfen, ein alkoholisches Ventil benötigt, um zu entweichen. Rode beschreibt McGraws im Grunde klassische Trinkergeschichte. Erst auf den Sets und Kneipen, dann zu Hause. Er entfremdet sich von seiner einzigen Tochter und irgendwann will seine langjährige Frau auch nicht mehr mit dem aggressiver werdenden Trinker zusammenleben, der in den typischen Teufelskreis Alkohol und schwindende Karriere geraten ist. Konträr ist, dass McGraw während der Dreharbeiten außerhalb der Studios seine Frau und Tochter vermisste, zu Hause aber in die Kneipe zu seinen wahren Freunden – Stuntmen, Sportler, einfache Arbeiter – floh. Erst in deren Gesellschaft konnte er anscheinend seine nicht näher bestimmten Hemmungen überwinden. Hinzu kam, dass McGraw immer im hier und jetzt gelebt hat. Das Geld musste zirkulieren. Es wurde in erster Linie vertrunken oder ausgegeben. Allerdings gehörte McGraw auch zu der Generation von Schauspielern, die gestrauchelten Freunden oder Bekannten geholfen hat. Auch die zweite Frau seines Lebens Milie kann die Alkoholsucht nicht bekämpfen. Der späte Exkurs in ihr Leben und ihrer „Karriere“ beleuchtet Hollywood von einer ganz anderen, aber nicht weniger interessanten Seite. Zusammen mit ihrer Zwillingsschwester erkannte Milie schon in den vierziger Jahren, dass die Schauspielerei im Allgemeinen und die Geduld, die Filmemachen im Besonderen verlangte, nichts für sie gewesen ist. Sie arbeitete folgerichtig in fast allen Kneipen oder gehobenen Etablissements und traf auf diese Art und Weise nicht nur McGraw, sondern viele Stars. Sie lernte sie von ihrer privaten wie verletzlichen Seite kennen und versuchte zu viele Alkoholiker in ihrem Leben zu kurieren. Milies Lebensgeschichte inklusiv ihrer „Treue“ einem sich zu Tode trinkenden Mann gegenüber schenkt diese Biographie die insbesondere im ersten, zu schnell voranschreitenden Teil die notwendige Emotionalität. Sie macht Triumph und Tragödie der soliden, über nicht das absolute Starpotential verfügenden Schauspieler viel deutlicher als die vielen kleinen Nebengeschichten, welche der Autor geschickt in die Karriere McGraws integriert hat.
Die Biographie ist mehr als die Geschichte eines bodenständigen Mannes mit einer signifikanten Stimme und einem ausdrucksstarken Gesicht. Rode zeigt, wie sich Hollywood für die ewig Gestrigen im Grunde zu spät gewandelt und dem Zeitgeist immer wieder angepasst hat. Er beschreibt den Fall von Studiotyrannen – Jack Warner, Zanuck - und das Aufkommen einer mehr demokratisch geführten, trotzdem dem Kapital unterliegenden Eigentümer- und Produzentenstruktur. Zwischen den zahlreichen Anekdoten und Geschichten über McGraws Familie und seine zahlreichen ihn Jahrzehnte begleitenden Freunde spiegeln sich die veränderte „Arbeitswelt“ genauso wieder wie die Generationen von Regisseuren und Drehbuchautoren, mit denen McGraw zusammengearbeitet hat. Es ist eine kleine Geschichte Hollywoods geworden, wie auch der Film Noir im Grunde eine nach dem Krieg wichtige, aber heute bis auf die Fans vergessene einflussreiche Episode des Kinos gewesen ist.
McGraws Ende ist genauso tragisch wie das zahlreicher Studios, für die er gearbeitet hat. Betrunken ist er unter der Dusche ausgerutscht, hat sich die Pulsader am Glas der Duschwand aufgeschnitten und ist verblutet, während der Krankenwagen zu einer verkehrten Anschrift gefahren ist. Vielleicht ein signifikanter Abschluss einer Filmära, deren Veränderung McGraw durch die Erfolge von „Jaws“ oder „Star Wars“ bis zu den heutigen Sommerblockbustern mit dem Ende der Charakterschauspieler in der Breite gleichsetzen konnte und für ihn persönlich auch musste.
Alan K. Rodes lesenswerte Biographie McGraws geht positiv über dessen cineastisches Werk sowie sein Leben hinaus. Handlungstechnisch sehr kompakt geschrieben mit intelligent gesetzten, den Text vorantreibenden Exkursionen sowie sehr gut recherchierten Detailinformationen spricht das Buch mehr als nur wie im Titel etwas unglücklich auch hinsichtlich McGraws eigener Karriere formuliert „Film Noir“ Fans an.
McFarland hat die Paperbackausgabe mit fünfundsiebzig teilweise sehr seltenen Fotos sehr zufriedenstellend illustriert.


Alan K. Rode: "Charles McGraw "
Sachbuch, Softcover, 228 Seiten
McFarlands 2012

ISBN 9-7807-8647-1720

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