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SachbĂŒcher



Carlen Lavigne

Cyberpunk Women, Feminism and Science Fiction

rezensiert von Thomas Harbach

Mit Ihrer Studie "Cyberpunk Woman, Feminism and Science Fiction" setzt sich Carlen Lavigne mit einem Thema auseinandersetzt, das genretechnisch mehrfach fĂŒr tot erklĂ€rt und doch allgegenwĂ€rtig ist. Die Anfang der achtziger Jahre veröffentlichten "Cyberpunk" Romane eine Bruce Sterlings oder eines William Gibsons hauchten dem nach "Star Wars" intellektuell darbenden Genre neuen nihilistischen Lebensmut ein. Sie verzichten die "No Future" Stimmung der Punkgeneration als Gegensatz zu den multinationalen, global operierenden Konzernen zu etablieren. Zu einer Zeit, als der Kalte Krieg in sich zusammenbrach und Japan - heute unglaublich - der kapitalistische Schrecken der amerikanischen Großkonzerne war. Wenige Jahre spĂ€ter brach diese Bewegung zusammen. FĂŒr Lavigne bedeutete es eher, das eine neue in erster Linie weibliche Generation von Autorinnen unter FĂŒhrung Pat Cadigans das Ruder in die Hand nahm und dem technologisch inzwischen allgegenwĂ€rtigen Internet zumindest vordergrĂŒndig menschliche ZĂŒge verlieh. In ihrem Vorwort geht die Autorin darauf ein, dass sich ihre Studie mit dieser zweiten Autorengeneration auseinandersetzt. Hinsichtlich ihrer Argumentationskette geht die Autorin chronologisch vor und etabliert in den Auftaktkapiteln die Merkmale des Cyberpunks. Bevor auf diese Details eingegangen werden soll, stellt sich fĂŒr den Leser im Gegensatz zur argumentativ etwas einseitig agierenden Autorin eine gĂ€nzlich andere Frage. Warum mĂŒssen Frauen insbesondere im Science Fiction Genre beim Cyberpunk plötzlich in der ersten Reihe mitschreiben, wenn sie es in der bisher siebzig Jahre umfassenden Geschichte nicht getan haben? Diese These wirkt provokativ, aber betrachtet ein aufmerksamer Leser die von Carlen Lavigne teilweise subjektiv ignorierten Fakten, so haben die weiblichen Science Fiction Autorinnen immer die zweite, qualitativ nicht schlechtere Welle dominiert. Ausnahme wĂ€re natĂŒrlich Mary Shelley und ihr einzigartiger "Frankenstein" Roman, auf dem wichtige Teile des Science Fiction Genres basieren. C.L. Moore schrieb in den dreißiger Jahren farbenprĂ€chtige Space Operas, als die MĂ€nner ihre Kriegsphantasien in den Pulps abgearbeitet haben. Die New Wave wurde von Autoren wie Brian W. Aldiss oder Philip K. Dick und natĂŒrlich Michael Moorcock als Herausgeber des "New Worlds" Magazins eingeleitet. Alles MĂ€nner und doch mit den Autoren des Golden Age nicht vergleichbar. In den siebziger Jahren ĂŒbernahmen Autorinnen wie Joan Russ, natĂŒrlich James Tiptree jr. als Pseudonymzwittermodell oder Vonda McInytre die Aspekte der provokanten Neuausrichtung des Genres und schrieben emotionale, zutiefst menschliche Geschichten vor futuristischen und teilweise sehr viel phantasievolleren HintergrĂŒnden. Aber den ersten BrĂŒckenschlag haben die MĂ€nner ĂŒbernommen. Die Texte weiblicher Autorinnen sind ohne Frage qualitativ mindestens gleichwertig, stilistisch im Durchschnitt den Arbeiten der MĂ€nner ĂŒberlegen und geben den aufgeworfenen Themen neue Facetten - sie waren aber niemals wirklich die Bahnbrecher. Genau wie bei den MĂ€nnern etablierte Autoren den Weg bereiten mussten, bevor die jungen Wilden durch die LĂŒcken im Magazinsystem stoßen und ihre ĂŒberlegenen und modernen Texte veröffentlichen konnten. In diesem Punkt zielt die Argumentation der Autorin ins Nichts.
Auch ein weiterer Punkt stĂ¶ĂŸt anfĂ€nglich negativ auf. Das Frauenbild in den ersten natĂŒrlich nur von MĂ€nnern geschriebenen Cyberpunk Romanen. Lavigne vergleicht die Hacker dieser Generation mit den anderen Heldenbildern des Genres. Dabei vergisst sie, dass Autoren wie Sterling und Gibson im Grunde ihre mĂ€nnlichen Helden entrealisiert haben. Sie lebten nur noch in den virtuellen Welten des Internets, wo sie sich im Gegensatz zu den hart arbeitenden Frauen mit ihrer sexuell anziehenden Lederkleidung sowie ihren dunklen Sonnenbrillen in einer irrationalen Sicherheit befunden haben. Zu Beginn eines jeden Cyberpunkromans dieser ersten Welle sind die mĂ€nnlichen Helden im Grunde lebensuntĂŒchtig. Nicht selten wird impliziert, dass sie noch jungfrĂ€ulich sind. Erst die Begegnung mit den dominanten Überfrauen - siehe Gibsons Molly im "Neuromancer" - lassen sie auch in der RealitĂ€t ĂŒber sich hinauswachsen, so dass sie im virtuellen Chaos zu Helden werden. Die ersten Cyberpunk Autoren haben nicht selten ironisch eine Generation der Schreibtischhelden erzeugt. Der Reduktion des mĂ€nnlichen Egos oder Testoterons stand die Geburt der Überfrau gegenĂŒber. Erst die folgende Generation der weiblichen Cyberpunk Autorinnen wie Pat Cadigan und Pierce hat dieses Ungleichgewicht zu Gunsten der Frau - auch wenn der Hang zu einem idealisierten Sexsymbol in vielen Romanen Gibsons oder Sterlings ĂŒberdeutlich zu erkennen ist - relativiert und ein ausgleichendes Element geschaffen. Lavigne muss zugeben, das der technologisch politisch paranoide Hintergrund der Cyberpunk Bewegung von den MĂ€nnern erschaffen, initiiert und schließlich mit einer Wandlung des sozialen Klimas auch wieder relativiert worden ist. Auf dem nicht immer fruchtbaren Boden der ersten Generation haben die im Mittelpunkt dieser Studie stehenden Schriftstellerinnen eine BrĂŒcke gebaut, die einen gĂ€nzlich Untergang des "Cyberpunk" Subgenres trotz der sprunghaften Umsetzung ihrer futuristischen Ideen in der RealitĂ€t verhindert haben. Aus der zweiten Generation der "Cyberpunk" Autorinnen ist der Ball zu den barocken Space Operas eines M. John Harrison oder Reynolds weitergespielt worden, die mit den "ĂŒbermenschlichen" und nicht selten entrĂŒckten kĂŒnstlichen Intelligenz den Cyberpunk fĂŒrs 21. Jahrhundert weiter gesponnen haben.
In den Kapiteln "Contribution and Critque: Women and Cyberpunk" sowie "Alienating Worlds: Globalization and Community" ĂŒberprĂŒft die Autorin die einzelnen BeitrĂ€ge einiger ausgewĂ€hlter Autorinnen auf ihre "Cyberpunk" Inhalte, wobei sie sich an den markanten Eckpunkten Corporations, Crime, Computers und Corporeality orientiert. SpĂ€ter fĂŒgt sie mit Cyborgs noch eine fragwĂŒrdige Variante hinzu, da die Cyborg Idee nicht mit dem Cyberpunk an sich in einer engen Verbindung steht. Die Entmaterialisierung des Intellekts in ein endlos erscheinendes virtuelles Netz ist die Basis, auf welcher dieses Subgenre seine Geschichten aufgebaut hat. Wie in "Matrix" lassen sich VirtualitĂ€t und RealitĂ€t nicht mehr unterscheiden. Der in erster Linie wirtschaftliche Krieg der Zukunft findet nicht mehr auf der Erde, sondern im Internet statt. Die Cyborgs sind dagegen eine Weiterentwicklung der Roboteridee, der Traum des Menschen, eine körperliche "Unsterblichkeit" zu erlangen. Der Versuch, diese beiden erst spĂ€ter zusammengeflossenen Subgenres frĂŒhzeitig zu verbinden, relativiert einige andere ĂŒberdenkenswerte Thesen. Der Leser hat das unbestimmte GefĂŒhl, als wollte die Autorin verzweifelt ihren Geschlechtsgenossinnen unnötig eine eigenstĂ€ndige Berechtigung im von MĂ€nnern dominierten, aber qualitativ nicht zufriedenstellend beherrschten "Cyberpunk" Genre zuschustern. Bis dahin hat sie gut nachvollziehbar die verschiedenen Aspekte dieses nihilistischen Subgenres herausgearbeitet und die Entstehung eher zufriedenstellend als umfassend in einen historischen sozialen wie politischen Kontext eingebettet. Leser der ersten Stunde werden sich an einige der hier angesprochenen, damals revolutionĂ€r und so modern erscheinenden BĂŒcher erinnern. Die bitterböse Ironie ist, das die Plots dieser Romane eher verschiedenen Pulpgeschichten entnommen worden sind, wĂ€hrend die technologischen Aspekte Einzug in das heutige Alltagsleben genommen haben.
Ins argumentative Abseits manövriert sich die Autorin, wenn sie das unmittelbare Cyberpunkgenre verlĂ€sst und typisch “weibliche” Themen - nicht abschĂ€tzig gemeint - als StĂ€rken der zweiten Autorinnengeneration herauszuarbeiten sucht. Der Reigen beginnt mit dem grĂŒnen Daumen verschiedener Schriftstellerinnen, welche die technologischen Exzesse der GrĂŒndergeneration relativieren und teilweise eine Postdoomsdaygesellschaft mit virtuellem Hintergrund beschreiben. Das Gegenargument insbesondere der mĂ€nnlichen Vertreter könnte sein, das die trost- und seelenlose StĂ€dte des Cyberpunks auch eine Kritik am hemmungslosen Kapitalismus inklusiv der Zerstörung lebenswĂŒrdiger UmstĂ€nde und damit impliziert auch der Natur sind. WĂ€hrend sich die Frauen auf die direkten Auswirkungen auf die Natur als Umfeld der großen StĂ€dte konzentrieren, wĂ€ren in diesem Fall die mĂ€nnlichen Kollegen einen Schritt weiter. Bei den Beispielen fĂ€llt auf, das Carlen Lavigne mehrmals sehr positiv ausgerechnet Bruce Sterlings Roman der zweiten Generation “Heavy weather” als exemplarisches Beispiel heraushebt. NatĂŒrlich werden auch ausreichend Texte weiblicher Autorinnen zitiert, aber bei vielen der Arbeiten fehlt der direkte Bezug zum Cyberpunk und der Übergang der modernen Science Fiction des 21. Jahrhunderts ist deutlicher zu erkennen.
Wenn wichtige Themen wie SexualitĂ€t, Familie und “Kinder” - absichtlich in AnfĂŒhrungsstriche gesetzt- angesprochen werden, fĂŒhlt sich die Autorin nur bedingt auf literarisch vertrautem Gebiet. Zum einen sind es nicht nur die Frauen, welche schrĂ€ge Themen - HomosexualitĂ€t und sexuelle PerversitĂ€t - in ihren Arbeiten angesprochen haben. Hier sei nur auf Delany verwiesen, dessen “Dhalgreen” die stĂ€dtischen Moloche des Cyberpunks vorwegnimmt. Oder Piers Anthony, der mit seinen ĂŒberdrehten sexuellen Satiren die erzkonservativen Kritiker wie Leser provoziert und verspottet hat. NatĂŒrlich gehen die fĂŒr viele Leser unbekannten, aber entdeckenswerten Texte den Schritt weiter, den man von einer modernen GrenzgĂ€ngerliteratur erwartet. Aber Kloning in verschiedenen Variationen ist ein untergeordneter Aspekt des Cyberpunks, aber ein wichtiger Faktor der Science Fiction. Auf den klassischen Gebieten Mutterschaft und Kindererziehung punkten die von Lavigne vorgestellten Autoren durch eine Verzerrung der sozialen VerhĂ€ltnisse, eine perspektivische Extrapolation gegenwĂ€rtiger Exzesse, die ĂŒber die nicht selten von Kindheitstraumata gezeichneten Versionen ihrer mĂ€nnlichen Kollegen ohne Frage hinausgehen. Aber wie die MĂ€nner in ihren Werken die Internetjockeys zu Helden und die Frauen zu wehrhaften Huren gemacht haben, verwandeln die Frauen die VĂ€ter in KinderschĂ€nder - auch wenn es sich um “Klons” oder virtuelle Traumphantasien handelt - oder huldigen die Ödipuskomplex. Die Charakterisierung dieser Protagonisten ist genauso einseitig wie in den Cyberpunkromanen William Gibsons oder Bruce Sterlings. Nur aus der Perspektive der Frau geschrieben und deswegen zumindest in der vorliegenden Studie ein wenig diskussionswĂŒrdiger.
Zwischen diesen beiden Extremen steht das religiöse Element, das sich spĂ€testens seit “2001” und Carpenters “Dark Star” durch die moderne Science Fiction als kĂŒnstliche Gottersatzintelligenz zieht. Carlen Lavigne spricht verschiedene Extreme an. Dabei muss sie allerdings zugegeben, das Atheismus keine MĂ€nnerdomĂ€ne ist und nicht selten die Frauen das Gottesbild durch dystopische Familien ersetzen. Eine abschließende Antwort kann und will die Autorin aus der distanzierten Position einer wissenschaftlichen Arbeit zum Wohle des gesamten Textes nicht geben. Der Verzicht auf eine strengere Trennung von weiblicher Science Fiction mĂ€nnlicher Autoren - hier wird immer wieder auf Bruce Sterling bzw. den eher geschlechteslosen Carter verwiesen - oder fehlender mĂ€nnlicher Science Fiction weiblicher Autorinnen - Tiptree ist als Vorreiterin des Cyberpunks ausgeschlossen - lĂ€sst ihre Argumentationskette breiter und weniger feministisch erscheinen. Das gibt dieser lesenswerten Auseinandersetzung mit dem Cyberpunk an erster Stelle im Allgemeinen und erst im Folgenden aus einer feministischen Perspektive die notwendige intellektuelle Tiefe.
Am Ende steht die Auseinandersetzung mit den Lesern und den Autoren. Der BrĂŒckenschlag zwischen Produzenten und Konsumenten mag interessant sein, Lavigne muss sich allerdings ĂŒberdurchschnittlich einschrĂ€nken, um den sich im Grunde Ende der achtziger Jahre aufgelösten Cyberpunk in ein literarisch globaleres Umfeld zu ĂŒberfĂŒhren. Wo hört diese unter anderem von Vernor Vinges „True Names“ mit geprĂ€gte Bewegung des nihilistischen Großkapitalismus auf und wo beginnt ein neues Subgenres der Science Fiction? Greifen SF Leser zum Cyberpunk, weil Science Fiction auf den Romanen steht oder erweitern die Computerfreaks ihr sekundĂ€rliterarisches KĂ€uferverhalten mit diesen dunklen, von dominanten Frauen modernen MĂ€rchen? Die Autorin bemĂŒht sich, einen roten Faden zu finden, verliert sich allerdings in zu vielen Spekulationen, zumal insbesondere die weibliche KĂ€uferschicht weniger nach dem Genre, sondern nach Autorenfrauen und interessanten Themen fahndet.
Wie schon angesprochen ist die vorliegende Studie weniger eine reine Auseinandersetzung mit dem fehlenden Feminismus im Cyberpunk und noch weniger eine kritische Betrachtung der zweiten Autorinnengeneration, sondern der Versuch, einen Teilaspekt utopischer Literatur, der interessanterweise entstanden ist, als das Genre sich nach „Star Wars“ mit rasanter Geschwindigkeit wieder dem Kindheitsstadium nĂ€herte, intensiver zu beleuchten und zuerst die StĂ€rken, aber auch signifikanten SchwĂ€chen des Cyberpunks herauszuarbeiten. WĂ€hrend diese Romane in technologischer Hinsicht den Zeitgeist getroffen und wichtige Prozesse um den Computer und das Internet vorausgesetzt haben, versagten sie in politischer Hinsicht. Dieser Kontrast wird zu wenig herausgearbeitet. Hinzu kommt, das sich die Autorin trotz ausreichender Hinweise auf weniger bekannte Werke auf Autorinnen wie Pierce konzentriert, deren wenige utopische, vor Jahren im Argumentverlag auch in Deutschland veröffentlichte BĂŒcher anscheinend alle in diesem sekundĂ€rliterarischen Werk angesprochene Facetten mehr oder minder abhandeln. Durch diese Konzentration des Fokus wirken einige Argumente zu stark konstruiert und andere sehr empfehlenswerte BĂŒcher in erster Linie von mĂ€nnlichen Kollegen auf wenige Punkte reduziert. Carlen Lavigne verfĂŒgt allerdings ĂŒber einen angenehm zu lesenden Stil, der von zahlreichen sehr plakativ ausgewĂ€hlten Beispielen untermalt dem Leser einen Eindruck, fĂŒr manche sogar eine Reise in die eigene literarische Vergangenheit schenkt, was der Cyberpunk nostalgisch verklĂ€rt, literarisch niemals so aggressiv wie erhofft oder erwĂŒnscht geworden ist. PunkÂŽs not dead, er wurde einfach vom Kapitalismus ĂŒberrollt. In dieser Hinsicht sollte der Leser Carlan Lavignes Studie als Einstieg in dieses heute eher verklĂ€rte Subgenre sehen, in dem es neben Sterling oder Gibson, Cadigan oder Pierce noch weitere Autoren und vor allem Autorinnen (wieder-) zu entdecken gibt.



Carlen Lavigne: "Cyberpunk Women, Feminism and Science Fiction"
Sachbuch, Softcover, 212 Seiten
McFarlands 2013

ISBN 9-7807-8646-6535

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