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SachbĂŒcher



Frances Wilson

How to survice the Titanic

rezensiert von Thomas Harbach

Frances Wilsons "How to survice the Titanic or the Sinking of J. Bruce Ismay" versucht der "Titanic" Katastrophe neue Aspekte abzugewinnen, in dem sich die Autorin auf das Leben des "White Star Line" Vorsitzenden J. Bruce Ismay konzentriert, der in eines der letzten Rettungsboote geklettert ist, das die "Titanic" verlassen hat. Die Autorin erzĂ€hlt dessen Lebensgeschichte absichtlich nicht chronologisch und fĂ€ngt im Augenblick der potentiellen SchwĂ€che - als er das sinkende Schiff verließ - an, bevor die verschiedenen Anhörungen in New York und London ausfĂŒhrlich behandelt werden. Der zweite neue Aspekt dieser Biographie soll ein Bogenschlag zu Joseph Conrad sein, der an Bord der "Titanic" das Originalmanuskript seines Romans "Karain" verloren hat. FĂ€lschlich verbindet die Autorin "Karain" mit Conrads schon 12 Jahre vor der Katastrophe publizierten "Lord Jim". Fast verzweifelt versucht sie J. Bruce Ismay als einen Antihelden von Joseph Conrads Dimensionen zu charakterisieren. Dabei ĂŒbersieht sie die bitterböse Ironie in Conrads empfehlenswerten Roman. Beide - Ismay und Jim - verlassen die ihnen anvertrauten Passagiere in dem Augenblick, in dem sie beide der Ansicht sind, dass das Schiff untergehen wird. Ismay geht als Verantwortlicher der Reederei von Bord; Jim nach lĂ€ngerem Zögern als Besatzungsmitglied, wĂ€hrend der schon im Rettungsboot befindliche KapitĂ€n auf ein anderes Mitglied seiner Crew gewartet hat. NatĂŒrlich ist es einfach zu sagen, dass die beiden MĂ€nner in einem Moment der SchwĂ€che, der Feigling ihr weiteres Leben bestimmt haben. So einfach ist das aber nicht. Bei Joseph Conrad ist die Ironie, das das sinkende Passagierschiff in letzter Sekunde von einem französischen Kriegsschiff abgeschleppt und alle Passagiere gerettet werden. Die geflĂŒchtete Mannschaft ist in doppelter Hinsicht zu Feiglingen geworden und Lord Jim muss mit der Schande leben, sein Schiff vorzeitig verlassen zu haben.
Es ist nicht ganz so einfach, den Stab in schriftstellerischer Manier ĂŒber Ismay zu brechen. Viele VorgĂ€nge des Untergangs bleiben im Dunklen. Ohne Frage wußte der See erfahrene Ismay, das die "Titanic" sinken wird. Ob er mit seinem anscheinend ebenfalls zweifelsfrei gegebenen Kommando, das waidwunde Schiff mit langsamer Kraft voran zu bewegen, den Untergang beschleunigt hat, lĂ€sst sich nicht mit Sicherheit sagen. Ob er wusste, dass die Rettungsschiffe zu lange brauchten, um die sinkende "Titanic" zu erreichen, ist ebenfalls nicht zu beweisen. Das das Schiff letzt endlich mit mehr als eintausendfĂŒnfhundert Menschen an Bord gesunken ist, unterscheidet seine Handlung am ehesten von der Lord Jims. Im Angesichts des eigenen Todes klare Entscheidungen zu treffen, ist auf dem Papier oder in Sicherheit leichter als in dieser Situation. Frances Wilson arbeitet heraus, dass im Augenblick des Übersteigens ins Rettungsboot unabhĂ€ngig von der Tatsache, dass keine Frauen und Kinder mehr sich in diesem Teil des Schiffes aufgehalten haben und das Boot vor allem nicht gĂ€nzlich besetzt worden ist, Ismay zu einem die Fakten ignorierenden Pragmatiker geworden ist, der viele VorgĂ€nge einfach ausblendete.

Anscheinend saß Ismay mit dem RĂŒcken zur sinkenden "Titanic" die ganze Zeit im Bug des Rettungsbootes und das Grauen um sich herum ignoriert. Das er auf der "Carpathia" einen Sonderstatus hatte, lĂ€sst sich gegen seinen Charakter verwenden. Auf der anderen Seite ist er auch ein direkter Vorgesetzter des KapitĂ€ns der "Carpathia" gewesen. Nach außen sieht besonders angesichts der verschenkten Telegramme Ismays Verhalten arrogant aus, das ihn der Bordarzt der „Carpathia“ schließlich mit Drogen ruhig stellen musste, steht eher auf dem unterreprĂ€sentierten menschlichen Blattes eines bis ins Mark geschockten Menschen.

Frances Wilson muss Ismay aus zwei sehr kontrĂ€ren Perspektiven betrachten. An Bord der "Titanic" ist Ismay offiziell Passagier gewesen. Gleichzeitig gehörte ihm als Vorstandsvorsitzenden der "JP Morgan International Mercantile Marine Company" die "Titanic". Allerdings wollte der amtsmĂŒde Ismay am Jahresende 1912 von seinem Posten zurĂŒcktreten. Ironie der Geschichte, dass die Jungfernfahrt der "Titanic" seine letzte große ReprĂ€sentationspflicht darstellen sollte. In den RĂŒckblenden versucht die Autorin ĂŒber die zahllosen bekannten Fakten hinaus das Geheimnis Ismay aufzulösen.
Als Einzelkind einer ĂŒberwiegend mit Zwillingen gesegneten Familie leidet Ismay unter dem ĂŒbergroßen Schatten seines Vaters, welcher die "White Star Line" mit eigenen HĂ€nden zu einer dominierenden Schifffahrtslinie aufgebaut hat. Bruce Ismays erste Handlung sollte es spĂ€ter sein, die "White Star Line" an JP Morgan zu einem sehr guten Preis zu verkaufen. Erst auf DrĂ€ngen des amerikanischen Bankiers wurde er Vorstandsvorsitzende, obwohl viele ihm das Charisma und die entsprechenden FĂŒhrungsqualitĂ€ten abgesprochen haben. Ismay wird als intelligent, zurĂŒckhaltend scheu, eng mit seiner Mutter verbunden, aber vor allem als Pragmatiker beschrieben. WĂ€hrend sein Vater eher ein GrĂŒbler gewesen ist, der sich sehr viel Zeit mit seinem Entscheidungen genommen hat, ist Ismay ein im Affekt handelnder Mann, der die Konsequenzen seiner Entscheidungen nicht immer bis zuletzt durchdacht hat. Nach einigen wilden Jahren in New York hat sich Ismay in London mit seiner jungen Frau in der Arbeit vergraben und sah die AtlantikĂŒberquerungen an Bord der neuen Schiffe eher als Last denn als VergnĂŒgen an.
WĂ€hrend die Geschichte J. Bruce Ismays emotional erstaunlich distanziert, faktisch sehr sachlich und kompakt niedergeschrieben worden ist, versucht die Autorin ohne diesen roten Faden konsequent zu Ende zu denken, andere potentielle Ursachen der Katastrophe zu untersuchen. Warum ĂŒbernahm KapitĂ€n Smith nach seinem Unfall mit der "Olympic" die "Titanic", wĂ€hrend die "White Star Line" vorher KapitĂ€ne mit SchiffsunfĂ€llen entlassen hat. Interessanterweise sagt einer dieser KapitĂ€ne zu Gunsten Ismays Charakter auf der Anhöhrung in New York aus? Konnte Smith wirklich nach dem Zusammenstoss der "Olympic" mit dem Kriegsschiff "Hawk" annehmen, dass die neue Bauweise der beiden Giganten sie unsinkbar machte? Ismay kannte ohne Fragen die Eiswarnungen. Aber wusste er erstens um die genaue Position des Schiffes und konnte er erahnen, dass ein Zusammenstoss mit gefrorenem Wasser sein Schiff gefĂ€hrden wĂŒrde. Die Antwort darauf muss nach der LektĂŒre des vorliegenden Buches ein klares Nein sein. Die Ambition des Reeders scheint es gewesen zu sein, pĂŒnktlich in New York anzukommen. Im Gegensatz zu vielen anderen sekundĂ€rliterarischen BĂŒchern beantwortet die Autorin diese Frage pragmatisch. Die reichen Kunden hĂ€tten in der Nacht - bei einer Rekordfahrt - nicht im Hafen abgeholt werden können, da es ein derartig ausgebautes Verkehrssystem noch nicht gegeben hat. Und die Kutschen bzw. ersten Autos waren fĂŒr Mittwochmorgen bestellt. Das die "Titanic" schnell unterwegs gewesen ist, steht außer Frage. Das es insbesondere nach der Entdeckung des Eisberges Fehler gegeben hat, dĂŒrfte inzwischen als bewiesen angesehen werden. Frances Wilson geht auch auf die in den letzten Jahren aufgekommene Theorie ein, dass der Unterschied in der Ruderanlage zwischen Dampfschiffen und Segelschonern Mitschuld an der Katastrophe hatte. Der RudergĂ€nger hĂ€tte laut Lightoller das Steuerrad in die entgegen gesetzte Richtung bewegen mĂŒssen. Ob das Schiff den Eisberg so umfahren hĂ€tte, gehört ins Reich der Spekulation und wird wie viele rote FĂ€den im Verlaufe des Buches fallen gelassen.

Interessant ist insbesondere aus heutiger Sicht die Hetzjagd, die im Gegensatz zu einigen anderen ĂŒberlebenden mĂ€nnlichen Passagieren insbesondere der Ersten Klasse, auf Ismay als Verantwortlichen der Reederei eingeprasselt ist. Nach den ersten Anhörungen verschanzte sich der Reeder hinter den Phrasen "The boat was there" und "The deck was empty". Da sich Ismay nach Ireland zurĂŒckgezogen hat, wo die "Titanic" in der Belfaster Werft erbaut worden ist und die Öffentlichkeit mied, bleibt es hinsichtlich seines letzten Lebensabschnittes als unfreiwilliger Rentner, gebrannter Brite und Mensch bei vielen Spekulationen. Am Ende des Buches wird der Leser J. Bruce Ismay ein wenig besser kennen. Die Autorin hat es geschafft, das Drama des Untergangs der "Titanic" auf einen Augenblick, auf eine einzige durchaus menschliche Entscheidung zu reduzieren. Es ist die Geschichte eines im Grunde trotz seines Reichtums einfachen Menschen, der in einem außergewöhnlichen Moment nicht zum Helden fĂŒr die Öffentlichkeit geworden ist. Anscheinend hat Ismay Menschen an Bord der Rettungsboote geholfen und nach weiteren Frauen/ Kindern gesucht, fĂŒr die es nicht PlĂ€tze gegeben hat. Angesichts der immer verzweifelt werdenden Situation an Bord durchaus eine ĂŒberdurchschnittliche und bewundernswerte Vorgehensweise. NatĂŒrlich hĂ€tte Ismay mit der "Titanic" untergehen können oder vielleicht sogar mĂŒssen. Die Tragik liegt eher in der Tatsache begrĂŒndet, dass ausreichend besetzte Rettungsboote mindestens dreihundert Menschen mehr das Leben gerettet hĂ€tten. In dieser Hinsicht kommt es zynisch gesprochen auf einen Überlebenden mehr oder dank Selbstopferung weniger nicht mehr an.
Die Tragödie dieser Nacht liegt auf einer anderen Ebene. Um sein Unternehmen zu retten, haben Ismay und Lightoller ohne Frage bei den verschiedenen Anhörungen entweder gelogen oder Wahrheiten bewusst ausgeblendet. Ismay hĂ€tte zu Lasten der von ihm gefĂŒhrten Firma das Leid der Überlebenden lindern können. Auf der anderen Seite hĂ€tte er viele tausend Menschen arbeitslos gemacht. Am Schreibtisch nach der Sekunde der "SchwĂ€che" hat sich Ismay als opportunistischer Kapitalist entpuppt und seine fĂŒr die Öffentlichkeit feige Tat noch einmal wiederholt.
Diesen Punkt arbeitet die Autorin vielleicht zu wenig heraus. Im Mittelpunkt steht fĂŒr sie der Charakter eines Menschen, der sich von Bord der "Titanic" und damit aus der Verantwortung gestohlen hat.

Obwohl das vorliegende Buch insbesondere im Vergleich zu der unterschĂ€tzten Lightoller - Biographie nur wenige neue Information prĂ€sentiert und die unterschiedlichen Versionen des Untergangs der "Titanic" kommentarlos nebeneinander stehen lĂ€sst, liest sich der die OberflĂ€che kratzende Versuch einer Charakterstudie weniger unterhaltsam als nachdenklich stimmend, wobei der Bogenschlag zu Joseph Conrads "Lord Jim" ĂŒberambitioniert und vor allem stark konstruiert erscheint.

Frances Wilson: "How to survice the Titanic"
Sachbuch, Hardcover, 384 Seiten
Harper 2012

ISBN 9-7800-6209-4551

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