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Sachbücher



Charlotte Kerner

Die fantastischen 6

rezensiert von Thomas Harbach

Die freie Journalistin Charlotte Kerner hat sich in ihrer bisherigen Karriere schon mehrmals mit den Biographien berühmter Frauen wie Sibylla Merian und Lise Meitner sowie in einer Anthologie mit den Lebensgeschichten einiger Nobelpreisträgerinnen auseinandergesetzt. Was lag also näher, als die Lebensgeschichten von sechs wichtigen Persönlichkeiten der phantastischen Literatur zu sammeln und als Buch zu veröffentlichen?

Zusammen mit ihren Mitautoren und Mitautorinnen hat die Lübeckerin sich intensiv mit Leben und Werk der beiden wichtigsten Grundpfeifer der Phantastik – Mary „Frankenstein“ Shelley und Bram „Dracula“ Stoker – auseinandergesetzt. Hinzu kommen für den Bereich der Heroic Fantasy J.R.R. Tolkien und den modernen Horror Stephen King, der einzige noch lebende und noch fleißig schreibende Autor sowie konträr für die Science Fiction Stanislaw Lem und Philip K. Dick. Alle sechs Autoren verbindet mit Tolkien als Nachzügler, das sie nicht nur literarisch anerkannt und teilweise Bahn brechend für das Genre gewesen sind, sondern inzwischen teilweise seit fast einhundert Jahren die Leinwand für sich erobert haben. Bernd Flessner und Charlotte Kerner weisen in ihrem kompakten, informativen Vorwort auf die Bedeutung der phantastischen Literatur im Allgemeinen und der nachfolgend vorgestellten Autoren im Besonderen hin. In Bezug auf „Frankenstein“ ist den beiden Autoren allerdings ein Fehler unterlaufen, die erste „Frankenstein“ Verfilmung stammt aus den Jahren 1910 und nicht dem gleichen Jahr wie Bela Lugosis Auftritt als „Dracula“ – 1931. Auch in den sechs Essays wird teilweise recht ausführlich auf die verschiedenen Kinoadaptionen eingegangen, wobei angesichts einer Beitragslänge von durchschnittlich fünfzig Seiten schon die wichtigsten Werke der Autoren kaum ausführlich genug vorgestellt werden können.

Auffällig ist auf den ersten Blick, wie unterschiedlich die Autoren die Stärken und Schwächen der Objekte ihrer Begierden betrachten. Während Marcel Feige mehrmals und penetrant wiederholend darauf hinweist, das King die ersten Jahre unter Alkholeinfluss und Kokain seine wichtigsten Bücher geschrieben hat, fehlt der Bogen zu seinem „cleanen“ Werk, das qualitativ den ersten Büchern in Nichts nachsteht. Charlotte Kerner setzt sich nuancierter mit der langjährigen Tabletten – und Drogensucht Philip K. Dicks auseinander, welche der Amerikaner auch literarisch schließlich in Büchern wie „Der dunkle Schirm“ aber auch „Valis“ verarbeitet hat. Marcel Feiges Auftaktartikel über Stephen King im Allgemeinen und die Wirkung von „Es“ auf den Autoren persönlich ist ein eher ambivalentes Werk, das sich nicht wirklich entscheiden kann, ob es King verdammen oder loben will. So arbeitet Marcel Feige den Erfolg von Kings ersten veröffentlichten Roman „Carrie“ heraus und fügt erst im nächsten Abschnitt hinzu, dass das Horrorgenre dank „Rosemarys Baby“ und natürlich „Der Exorzist“ nicht nur populär, sondern vor allem kommerziell nutzbar geworden ist. Und genau den Tonfall dieser modernen Horrorfilme trifft King mit „Carrie“. Es ist sicherlich unbenommen, das King sowohl von Romeros „Night of the living Dead“ – von Jugenderinnerung kann aber nicht die Rede sein, King muss über 21 Jahre alt gewesen sein, als er diesen Romerostreifen das erste Mal gesehen hat – als auch den beiden oben angeführten Filmen beeinflusst worden ist. Außerdem schlägt Marcel Feige eher widerwillig den Bogen zu Kings einzigartiger Fähigkeit, bekannte Ideen auf eine einzigartige und auch heute noch unerreichte Art und Weise zu modernisieren und den Horror im Grunde in die amerikanische Kleinstadt (zurück) zu holen. „Shining“ wird als ein zutiefst autobiographischer Roman eines trunksüchtigen Autoren bezeichnet, während die King´schen Werke nach dem Autounfall auf im Grunde „Duma Kay“ reduziert werden. „Under the Dome“, in dem viele Elemente aus Kings langjährigen Schaffen noch einmal ausführlich behandelt werden, wird nur gestreift. Natürlich sprengt King wie auch Philip K. Dick jegliches Essay, aber Marcel Feige gelingt es zu wenig, die Faszination Stephen Kings wirklich herauszuarbeiten. Er springt zwischen den unterschiedlichen Phasen dessen Werkes hin und her, kann oder besser noch will den Meister des Horrors aber nicht wirklich greifen. Der Autor sucht dessen Schwächen und geht manchmal widerwillig auf dessen literarische Stärken sowie seinen Hang zur Selbstironie auch hinsichtlich der Qualität des eigenen Werkes ein.

Charlotte Kerner setzt sich mit dem Kafka Amerikas „Philip K. Dick“ auseinander, während Bernd Flessner in Stanislaw Lem den Mann sieht, der die Zukunft suchte. Beide Persönlichkeiten sind sowohl von ihrer nicht immer einfachen Jugend – Dick – als auch dem politischen Umfeld – Lem – her geprägt worden. Beide Autoren haben zumindest brieflich miteinander kommuniziert, bevor Dicks paranoide Wahnvorstellungen Lem abgeschreckt haben. Charlotte Kerner nimmt sich sehr viel Zeit, Dicks Jugend zu beschreiben, sein unstetes Leben und im Grunde seine Beziehungsunfähigkeit, seine emotionalen Schwankungen und den Druck, Kurzgeschichten und später Romane zu verkaufen, um seine Frau und seine Kinder zu ernähren. Sie arbeitet die wichtigsten Themen in Dicks umfangreichem Werk heraus, wobei die Autorin dessen Kurzgeschichten bevorzugt. Zu Dicks besten Arbeiten zählt sie „Ubik“, in dem viele von seinen wichtigsten Ideen förmlich kumulieren, bevor sich der Autor nach „Flow my tears, the policeman said“ aus dem Genre in den Randbereich des Mystizismus, der Esoterik mit seiner autobiographischen Valis Trilogie verabschiedet hat. Zumindest impliziert deutet die Autorin an, das Dicks viele Jahre unveröffentlichte Mainstreamromane qualitativ den Fließband Science Fiction Arbeiten überlegen sein könnten, die Veröffentlichung der meisten dieser Arbeiten hat inzwischen das Gegenteil bewiesen. Sie wirken teilweise überambitioniert und das Sendungsbewusstsein des Autoren überdeckt die kaum vorhandene Handlung. Dicks frühes Schaffen funktionierte im Grunde nur in den Ausläufern des Golden Age, deren Ideen der Autor mit seiner stilistischen Souveränität und seinen bizarren Ideen auf den Kopf stellte und stetig verfremdete. Dick ist vielleicht der einzige Autor, der das Genre brauchte, um sich inhaltlich von ihm abzusondern. Bernd Flessner dagegen versucht Lems „einzigartige“ Stellung insbesondere im Bereich der SF herauszuarbeiten, ohne wirklich das letzte Argument zu liefern. Er stellt die wichtigsten Arbeiten Lems vor, grenzt ihn aber zu wenig von der westlichen SF ab, die weniger philosophisch esoterisch, dafür bodenständig viele Ideen „anders“ ebenfalls abgearbeitet hat. Insbesondere „Solaris“ mit seinem melancholischen Unterton und dem Hang zur Selbstzerstörung sowie „Die Sterntagebücher“ mit ihren Bezügen zu Münchhausens Abenteuern hätten noch ausführlicher und explizierter besprochen werden können. Im Gegensatz zu anderen Autoren wie zum Beispiel H.G. Wells hat Stanislaw Lem ein qualitativ hoch stehendes, aber nicht unbedingt über die Grenzen Europas hinaus das Genre beeinflussendes Werk erschaffen. Seine Bedeutung für die osteuropäische Science Fiction sowie die Schwierigkeit, in einem politische Meinungsfreiheit unterdrückenden Regime zu arbeiten wird gestreift, aber nicht expliziert herausgearbeitet. Es wäre schön gewesen, mit Lems Werk einen Gegenpol zu Charlotte Kerners Dick Essay zu schaffen und ihre Stellung im Genre selbst deutlich herauszuarbeiten.
Im Vergleich zu Marcel Feige gelingt es Bernd Flessner allerdings sehr viel besser, Stanislaw Lem als Persönlichkeit mit manch starker wie auch einer Reihe von schwachen Seiten zu charakterisieren. Wie alle Mitarbeiter dieser Anthologie positioniert sich Flessner in der Rolle des Beobachters und zitiert eher als zu kommentieren.

Noch viel stärker wird diese Vorgehensweise in Frank Weinrichs Tolkien Portrait ersichtlich. Wie Bram Stoker und Mary Shelley konzentriert sich fälschlicherweise Tolkiens literarisches Schaffen fast ausschließlich auf „Der Herr der Ringe“ mit einigen Abstechern zu seinem Vorläufer „Der Hobbitt“. Über Tolkiens Epos ist inzwischen so viel geschrieben worden, das es einem Essayautoren schwer fällt, neue Facetten hinzuzufügen. Frank Weinrich unternimmt vorsichtshalber gar nicht erst den Versuch, er beschreibt die Entstehung des Werkes, vergleicht einzelne Episoden oder Szenerien wie Mordor mit Tolkiens schrecklichen Erlebnissen in den Grabenkämpfen des Ersten Weltkriegs und lässt das Buch weites gehend, aber kritisch so gut wie gar nicht reflektiert für sich alleine stehen. Damit macht es sich Frank Weinrich in dem qualitativ schwächsten Essay der Sammlung etwas zu einfach. Mit „Der Herr der Ringe“ liest das einflussreichste Buch eines ganzen, inzwischen wieder populären Genres vor. Der Autor geht zu wenig auf die Stärken wie auch wenigen Schwächen des Epos ein und reiht es eher beiläufig in den entsprechenden Zeitgeist auch mit dem plötzlich boomenden Taschenbuchmarkt ein. Über den Autoren selbst erfährt der Leser aber eine Reihe von wichtigen und auch relevanten, solide recherchierten Hintergrundinformationen.

Jürgen Seidel stellt in „Dracula- Bram Stoker machte einen Unsterblichen unsterblich“ Stokers berühmtes Werk vor und Anja Stürzer setzt sich in „Frankenstein - Mary Shelley erschuf das berühmteste Monster“ mit dem Urvater der wissenschaftlichen Romanze auseinander. Beide Essay weisen eine ähnliche Struktur auf. Nach einer kurzen Einführung in die berühmte Schöpfung Mary Shelley, bzw. Bram Stokers Neuinterpretation der Vampirlegende werden die nicht immer leichten Lebensbahnen der beiden Autoren ausführlich bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der beiden im Mittelpunkt stehenden Werke vorgestellt. Dabei gelingt es weder Jürgen Seidel noch Anja Stürzer, den bekannten Biographien neue Informationen hinzuzufügen. Die Vorstellung von „Dracula“ bzw. „Frankenstein“ ist anschließend detailliert, geht aber nur selten über oberflächliche Interpretationen hinaus. Das gesamte andere Werk sowohl Shelleys als auch Stokers wird leider eher oberflächlich abgehandelt, wobei Anja Stürzer „The Last Man“ nicht als Science Fiction charakterisiert, den Roman aber auch nicht dem viktorianischen Grusel zuordnen möchte und Jürgen Seidel sklavisch die Werbetexte wiederholt, in denen Coppolas „Dracula“
fälschlicherweise als getreuste Adaption des Stoker´schen Originals tituliert wird. Obwohl beide Essay routiniert, aber nur zu selten inspiriert geschrieben worden sind, klammern sie sich zu sehr an bekannte Fakten und trauen sich nicht, den Lebensgeschichten der beiden Autoren eigene Gedankengänge hinzuzufügen. Das macht die Texte etwas zu starr und regt insbesondere neue Lesergenerationen nicht an, die keineswegs verstaubten Originale zu lesen. Jürgen Seidel fehlt der Mut, Bram Stokers Roman trotz einer Reihe von sehr gut getroffenen Szenen im Grunde als literarisches Werk wirklich zu kritisieren und Anja Stürzer nutzt die vielen Vorlagen von Shelleys Roman viel zu wenig, um sowohl die persönliche Lebenssituation der Autorin zu integrieren als auch die verschiedenen Standesbrüche des Plots ausführlich vorzustellen.

Die Zielgruppe dieser Autorenessays ist nicht ganz klar erkennbar. Wer sich für einen der sechs Autoren schon lange interessiert, wird nur rudimentär neue Erkenntnisse finden. Um eine neue Lesergeneration an die jeweiligen Autoren heranzuführen, wirken die Essays teilweise zu selbst reflektierend. Allenfalls Charlotte Kerners intellektuell gelungene Auseinandersetzung mit Philip K. Dick bzw. Frank Weinreichs „Herr der Ringe“ Portrait laden wirklich zu einem Kennenlernen aus. Marcel Feige geht zu kritisch und zu sprunghaft mit Stephen Kings Werk um und bietet außerhalb von „Es“ keine wirklichen Ansätze, um „einzusteigen“. Eine Reihe von roten Fäden wie die Auseinandersetzung mit dem kreativen Schöpfungsprozess, dem Schreiben an sich reißt der Autor leider nur an und die Exkurse in Kings Privatleben begnügen sich mit einem „Bild“ Zeitungsniveau anstatt der Frage nachzugehen, wie ein zu diesem Zeitpunkt drogensüchtiger Alkoholiker die Konzentration und vor allem die Energie aufbringt, derartig kompakte und eindringliche Bücher zu schreiben. Die Verfilmungen werden kritisiert, ohne das der Autor wirklich überzeugende Argumente für eine Vielzahl auch gelungener Adaptionen wie „The Dark Half“ oder „The Mist“ liefert. Hinsichtlich Mary Shelley hätte sehr viel explizierter der Bogen zur Gegenwart und ihren immer noch spürbaren Einfluss auf moderne wissenschaftliche Bereiche - zum Beispiel die Gentechnik, die es den Wissenschaftlern ermöglicht, den Göttern gleich Leben zu erschaffen - geschlagen werden können. Stanislaw Lem bleibt ein Phantom, das aufgrund der eher oberflächlichen Betrachtung seines umfangreichen literarischen Werkes zu kurz kommt und Bram Stoker wird dem Leser eher als - platonischer ? - Geliebter Irvings und Modernisierer des britischen Theaters mit einem einzigen wirklich erfolgreichen Roman im Gedächtnis bleiben. Die Beiträge sind nicht schlecht geschrieben und versuchen dem Leser zumindest oberflächlich einen Eindruck von der schriftstellerischen Kraft der insgesamt sechs sehr unterschiedlichen Autoren zu vermitteln. Es ist auch schwierig zu beurteilen, wie die Texte auf „jungfräuliche“ Geister wirken, wer sich intensiv mit den Autoren auseinandergesetzt hat, empfindet nicht das Gefühl, die Geschichten nach Abschluss von „Die fantastischen 6“ noch einmal lesen zu müssen. In diesem Punkt haben die Autoren leider ihr Ziel verfehlt; für den Versuch, einmal etwas Anderes zu präsentieren gebührt ihnen allerdings genau wie dem Beltz Verlag sehr viel Lob.

Charlotte Kerner: "Die fantastischen 6"
Sachbuch, Hardcover, 297 Seiten
Beltz & Gelberg 2010

ISBN 9-7334-0781-0700

Weitere Bücher von Charlotte Kerner:
 - Blueprint- Blaupause
 - Jane Reloaded
 - Kopflos

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