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Sachbücher



Georg Seßlen

George Romero und seine Filme

rezensiert von Thomas Harbach

Mit Georg Seeßlens über die Filme von George A. Romeros weit hinausreichender Studie beginnt sich die Edition Phantasia im Rahmen der Reihe „KUK“ ein neues Terrain zu erschließen. Pünktlich zu Romeros siebzigsten Geburtstag am 04. Februar ist das Buch erschienen. Der Autor Georg Seeßlen gehört sicherlich zu den renommiertesten Filmkritikern des Landes und wenn er Romeros inzwischen fünf Living Dead - Filme über einen Zeitraum von vierzig entstanden den gesellschaftlichen Strömungen zu ordnet, kann der Leser nur über die Brillanz seiner Vergleiche staunen. So ist laut Seeßlen der Zombie „… der defekte, überflüssige Mensch, der nur in einer kaputten Gesellschaft entstehen kann. Der Menschenmüll, der zu nichts nutze ist, aber dennoch fressen will“ (Seite 18). Während der erste Film „Night of the living Dead“ zum Zeitpunkt des Vietnamkrieges und der Rassenkonflikte entstanden ist, spiegelt „Dawn of the Dead“ mit einem der eindrucksvollsten Filmslogans der Kinogeschichte die Zeit des „Konsumismus und des Opportunismus“ wider. Der dritte Teil „Day of the Dead“ greift den Militarismus an und die beiden nach den Anschlägen des 11. Septembers gedrehten Fortsetzungen „Land of the Dead“ die unheilvolle Allianz zwischen Hysterie und Geschäft sowie „Diary of the Dead“ eine vollkommen aus dem Lot und nach den Sensationen der Realityshows gierende MTV Generation. (Seite 229 bzw. Besprechung von „Diary of the Dead“). Unabhängig von diesen pointierten wie scharfsinnigen Beobachtungen hat der Leser allerdings das Gefühl, als setze sich „George A. Romero und seine Filme“ zum Teil aus einer Reihe thematisch zusammenhängender, aber unabhängig voneinander geschriebener Essays mit einigen Wiederholungen bzw. nicht zusammengeführten Hinweisen zu Filmen wie Wes Cravens „The Serpent and the Rainbow“ zusammen, die in einem sehr langen Mittelteil durch eine ausführliche Beschreibung von allen Romero Filmen verbunden sind. Dieser Abschnitt des Buches „Romeros Filme“ ist vielleicht der schwächste Teil der gesamten Studie. Je nach Wichtigkeit der Arbeiten werden die Inhalte zum Teil so episch nacherzählt, das der Leser sich hinsichtlich des Zielpublikums zu wundern beginnt. Wer Romeros Werk kennt und liebt, wird diese Seitenlangen Passagen gelangweilt überblättern. Wer über die bekannteren Arbeiten hinaus sich mit den in Vergessenheit geratenen Independentwerken auseinandersetzen möchte, verliert die Lust, nach dieser Lektüre die Filme an sich noch zu sehen. Eine derartig intensive Auseinandersetzung mit dem Objekt der Begierde wäre absolut nachvollziehbar, wenn Georg Seeßlen diese Passagen einer intensiven wie kritischen Einzelbetrachtung unterziehen würde. Das ist aber nicht immer oder bei unbekannteren Filmen zu oberflächlich der Fall. Das schwächste Fazit kommt in Klammern zu Romeros dritter Regiearbeit „Season of the Witch“: Aber, logisch, ein schlechter Romero ist immer noch besser als der Durchschnitt. Von der Kritikerseite her der Tiefpunkt der Betrachtungen. Ein Einzellfall, der sich nicht mehr wiederholt. Von der Lektorenseite her sind „Martin“ und „Dawn of the Dead“ in der Abfolge vertauscht worden. Aber hier kann es nur besser werden, und es wird auch deutlich besser. Insbesondere die trotz der inhaltlich viel zu langen Zusammenfassung intensive Auseinandersetzung sowohl mit „The Crazies“ als auch „Martin“ und Georg Seeßlens grenzenloser und deswegen kritiktechnisch viel zu eindimensionale, aber in ihrer Analyse überdurchschnittliche Interpretation der inzwischen fünf Romero- Filme erreicht das Buch ein unglaublich hohes Niveau. Dabei fokussiert der Autor die Aufmerksamkeit alleine auf die zu besprechenden Streifen. Jegliche Einordnung in das Gesamtwerk bzw. auch das jeweilige Genre erfolgt – um diesen Mittelteil herum aufgebaut – in einer Reihe von qualitativ teilweise unterschiedlichen Essays. Es ist allerdings auffällig, das Georg Seeßlen teilweise zu Entschuldigungen greift, wenn entweder Budget technische Umstände oder untalentierte Schauspieler sowie der ständige Konflikt mit den nach Happy End gierenden Produzenten Romero zu kontraproduktiv wirkenden Änderungen seiner ursprünglichen Vision gezwungen haben. Als Kritiker bleibt Seeßlen in diesen Passagen nicht neutral. Fehler werden Romero nicht zugestanden, so wird der Künstler zu einem Absolutisten, was rückblickend etwas übertrieben und vor allem zu positiv daherkommt.
Vielleicht hätte es der Struktur des Buches sogar besser getan, wenn Seeßlen die fünf Zombie- Film in einem langen, vergleichenden Essay besprochen hätte. Er wiederholt zwar teilweise gebetsmühlenartig seine Thesen und vergleicht die Filme immer wieder mit dem außer Rand und Band befindlichen amerikanischen Zeitgeist und seiner rassistischen Melting- Pot Mentalität, die den Armen wie insbesondere Farbigen nur eine karge Existenz am „unsichtbaren“ Rand der kapitalistischen amerikanischen Feel Good Gesellschaft einräumt, aber eine intensivere Gegenüberstellung Romeros sehr unterschiedlichen, aber nur selten unberechtigter bzw. übertrieben extrapolierter gesellschaftlicher Kritikpunkte hätte dem Text besser getan. Auch erkennt Georg Seeßlen Romeros „Knightriders“ durchaus als ambitionierter und intellektuell stimulierendes Meistwerk. Aber im Vergleich zu manch anderer nicht so gelungener Arbeit kommt die Arthur- Legende auf Motorrädern verhältnismäßig knapp weg und die Kritik erscheint distanziert sowie teilweise oberflächlich.

Das Buch wird aber sehr elegant mit der Vorbemerkung „Moderner Horror oder was zum Teufel geschah mit Dracula und seinen Zeitgenossen?“ eingeleitet. Pointiert beginnt Seeßlen in diesem lesenswerten Essay seine Historie mit den Göttern als erste klassische Horrorgestalten über die Phasen des Aberglaubens und der Denunziation der Andersgläubigen bis schließlich zu den medialen Exzessen insbesondere der Gegenwart. Der Zusammenhang dieser langen Exposition wird erst mit Romeros Lebenskauf verdeutlicht. Romero ist als gläubiger Katholik aufgewachsen und die christliche Symbolik ist insbesondere in seinen frühen Arbeiten sehr stark zu erkennen, ohne das sie von den grundsätzlich geradlinigen, teilweise sarkastisch überzeichneten Plots ablenkt. Vielleicht überspannt Seeßlen den Bogen etwas, wenn er von den Zombies schließlich als den furchtbaren Wesen der Leere in einer Gesellschaft spricht, deren Zentren die Langeweile und das Grauen sind. (Seite 34). Es ist sicherlich richtig, das insbesondere im Vergleich zu „Dracula“ oder „Frankenstein“ die Zombies im phantastischen Film ein ähnliches Schattendasein wie zum Beispiel der „Werwolf“ führen. Immer wieder gibt es eine Reihe von Filmen, die aber erst seit Romeros erstem sehr erfolgreichen „Night of the living Dead“ zu einem Kassenschlager zumindest für die Produzenten geworden sind. Aber es handelt sich um keinen länger anhaltenden Trend.
Trotzdem hat es der Zombie schon früh mit Streifen wie „White Zombie“ oder „Das Kabinett des Dr. Caligari“ auf die Kinoleinwand geschafft. Zusammengefasst ist es einleitendes Essay mit der Maßgabe, eine Meinung zu vertreten und dem Leser die Möglichkeit zu schenken, sich an ihr im Verlaufe des Buches zu reiben. Aber es ist sicherlich auch eine lesenswerte, aber stellenweise irgendwie zu überambitioniert und ein wenig zu manipulierend in Hinblick auf Romeros Kunst oder Handwerk erscheinende Arbeit. Über das Leben des Regisseurs insbesondere in der Zeit vor seinen ersten nicht erfolgreichen Kinofilmen erfährt der Leser nur sehr wenig. Mehr und mehr wird „Von Pittsburgh nach Zombieville“ zu einer notwendigen und lesenswerten Auseinandersetzung mit dem modernen amerikanischen Film, den gesellschaftlichen Veränderungen untermalt oder reflektiert durch das New Hollywood in einem Land gespalten durch die Jugendunruhen und den Vietnamkrieg bis zur Bushära mit seinem opportunistischen unterkühlten und rücksichtslosen Kapitalismus inklusiv der unter dem Mantel des Schlages gegen den Terror geführten Kriege. Die einzelnen Essays bauen sehr gut aufeinander auf, auch wenn Georg Seeßlen manche These zu oft wiederholt und stellenweise zu wenig extrapoliert. Als Einführung insbesondere in Romeros Werk im zeitlichen Kontext ist dieser erste lange Abschnitt ausgezeichnet geeignet, das Wechselspiel zwischen Regisseur und amerikanischer Gesellschaft zu beleuchten, wenn auch nicht gänzlich zufriedenstellend zu untersuchen. Wie Seeßlen selbst in den einzelnen Kritiken der Filme feststellt, ist Romero manchmal aufgrund der produktionsbedingten Schwierigkeiten einen Schritt zu spät gekommen. Sicherlich eine verständliche, aber nicht immer einleuchtende Erklärung, warum seine überdurchschnittlichen Streifen wie zum Beispiel „The Dark Half“ einfach ihr Publikum nicht mehr gefunden haben. Hier wäre es angebracht gewesen, das letzte große Kapitel „Mr Romero und wie er die Welt sieht“ anzuschließen, anstatt auf die Geschichte des Zombie- Films schlechthin zu erst einzugehen. Der Streifzug durch die kommerziellen Exzesse insbesondere der italienischen Arbeiten sowie der verschiedenen Horrorkomödien ist kompakt aufgebaut. Die Balance zwischen Inhaltsangabe und Kritik stimmt hier wieder und wer sich nicht schon bis ins letzte Detail mit diesem Subgenre beschäftigt hat, wird eine Reihe von empfehlenswerten Filmen finden, mit denen sich Georg Seßlen kritisch, aber nicht demoralisierend auseinandersetzt. Wer für manchen Lucio Fulci- Zombie Streifen noch „warme“ Worte findet, ist genretechnisch ein hoffnungsloser Optimist. „Mr. Robero und wie er die Welt sieht“ ist ein sehr gelungener Epilog zu einem stellenweise brillant zu lesenden Buch. Vielleicht hätte manche These in die vorangegangenen Kapitel nahtlos integriert werden können, aber getrennt wirken sie wie als Zusammenfassung von Romeros nicht selten sabotierten Schaffen mehr nach. Im Anhang findet sich eine kurze Kommentierung der verschiedenen Remakes, Neufassungen und Interpretationen Romeros Meilensteine durch andere Filmemacher. Die Filmographie, die Quellenangaben und ein Stichwortverzeichnis runden das Buch ab.

„George A. Romero und seine Filme“ ist vielleicht im Grundton ein wenig zu optimistisch und unkritisch den Fähigkeiten des amerikanischen Filmemachers gegenüber, der Pittsburgh im Alleingang auf die Leinwandlandkarte hievte. Angesichts der beschränkten Budgets hat Romero eine Handvoll ausgesprochen guter und die Kritiker zu zahllosen Interpretationen animierender Filme geschaffen. Ob angesichts eines Minibudgets und nächtlichen Dreharbeiten wirklich jede Szeneneinstellung insbesondere in „Night of the living Dead“ voller Symbolkraft und Gesellschaftskritik ist, soll an dieser Stelle nicht diskutiert, sondern eher kritisch hinsichtlich Seeßlens Überambition angemerkt werden. Es ist unbestritten, das Romero in seinen Filmen Zeittendenzen kritisch beleuchtet hat, aber manchmal wie in „Dawn of the Dead“ trafen die Möglichkeiten – ein neues Einkaufszentrum stand als Filmkulisse billig zur Verfügung und hat sicherlich Romeros Drehbuch beeinflusst – auf die Wünsche/ das Budget des Filmemachers und ergaben einen gewalttätigen Klassiker des Horrorfilms.
Die Schwächen des Buches werden durch die gut geschriebenen Diskurse mit fundierten Hintergrundinformationen und einem gewaltigen Fachwissen geschriebenen Essays mehr als ausgeglichen. In erster Linie ist der vorliegende Band keine klassische Biographie, keine cineastische Auseinandersetzung mit Romeros Werk, sondern eine vielschichtigere Bestandsaufnahme des Zombiefilms im gesellschaftlichen Kontext und als Reflektion einer außer Kontrolle geratenen Ersten Welt.

Georg Seßlen: "George Romero und seine Filme"
Sachbuch, Hardcover, 368 Seiten
Edition Phantasia 2010

ISBN 3-9378-9737-2

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