Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Zensur (1)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Sachbücher



L.Sprague de Camp

H.P. Lovecraft

rezensiert von Thomas Harbach

Es ist immer eine herausfordernde Arbeit und für den Außenstehenden nicht immer einfache Lektüre, wenn erfolgreiche Autoren Biographien über andere Schriftsteller veröffentlichen. L. Sprague de Camp, der als Lovecraft auf dem Höhepunkt seines Schaffens gewesen ist mit der Lektüre von „Weird Tales“ begonnen hat, hat 1975 eine umfangreiche Biographie über den exzentrischen, zurückgezogen lebenden, aber zumindest Brieftechnisch höchst produktiven Autoren veröffentlicht. Insbesondere in Kombination mit seiner Biographie über Robert E. Howard und seinen eigenen Erfahrungen aber auch Erlebnissen als Autor bildet „H.P. Lovecraft“ eine interessante, manchmal faszinierende, aber auch bestürzende – in Hinblick auf die Erziehung/ Bemutterung des jungen Mannes – Perspektive.

Sehr ausführlich geht er auf Lovecrafts Familie – sowohl sein Vater als auch seine Mutter litten unter Geisteskrankheiten – und dessen finanzielle Verhältnisse ein. Dabei ist Lovecrafts persönlicher Hang zu einer aristokratischen Familie des späten 18. Jahrhunderts bemerkenswert, da die meisten seiner späteren Gruselgeschichte in der Gegenwart spielen und er bevorzugt moderne Elemente in die oft nur scheinbar gotischen Gruseltexte integrierte. Die meisten Leser dieser Biographie werden sich über sein kleines literarisches Werk dem Menschen Lovecraft zu nähern suchen, de Camp geht einen gänzlich anderen Weg. Er nähert sich über Lovecrafts umfangreiche dem Menschen und schwenkt dann in der zweiten Hälfte des umfangreichen Buches auf dessen Veröffentlichungen um. Immerhin hat Lovecraft in den 46 Jahren seines Lebens mehr als einhunderttausend Briefe geschrieben, tagsüber auf der Schreibmaschine, nachts mit der Hand. Und dabei handelt es sich nicht unbedingt um kurze Erwiderungen, sondern umfangreiche und erstaunlich offene Texte. Dazu kommt sein in Amateurzeitschriften veröffentlichtes lyrisches Werk, in dem er seine Mitmenschen gegenüber unterdrückten Gefühle zum Ausdruck gebracht hat. Einige wenige Passagen werden von de Camp durchaus kritisch zitiert und im Anschluss analysiert. Der Autor macht nicht den Fehler, in einer Art Bewunderung zu verharren, sehr konsequent zeigt er die unheilvolle Verknüpfung von Lovecrafts Erziehung zumindest mit einem Teil seines Lebenswerkes auf und bemüht sich auch, mit allerlei Gerüchten aufzuräumen und die wenigen vorhandenen Fakten sachlich distanziert zu präsentieren. Dabei geht er genauso kritisch mit den ersten vorsichtigen Schritten Lovecrafts in die Welt der Literatur aus der Position eines vom Lesen besessenen, aber Lebensunerfahrenen jungen Mannes – wie er Lovecraft sieht – aber auch eines erfahrenen Rezensenten heraus an.

Mehr Probleme bereitet de Camp der kontinuierliche Rassismusvorwurf gegenüber Lovecraft. In diesen Abschnitten verwechselt der Autor deutlich die Aufgabe einer kritischen Biographie mit einer Würdigung. Er entschuldigt sich mehrmals für Lovecrafts Rassismus und seine rassistische als auch patriotische – allerdings gegenüber dem Königreich England – Einstellung, obwohl er gleich zu Beginn dieses Kapitels den von Lovecraft nicht gelebten, sondern aus seinem Umfeld und aus seiner Lektüre adaptierten Rassismus charakterisiert. Insbesondere in Hinblick auf die bislang dargelegten Fakten lässt sich klarstellen, dass Lovecraft wahrscheinlich niemals in näheren Kontakt mit den rechtsradikalen Organisationen des amerikanischen Südens gekommen ist oder nähere Beziehungen zu einer farbigen Familie – um beide Extreme zu nennen – gepflegt hat oder pflegen konnte. Damit soll auch diese Art von radikaler, menschenverachtender Einstellung nicht etwa gelobt oder besonders herausgehoben werden, aber im Gesamtkontext der Biographie zeigt sich, dass Lovecraft die von ihm vertretenen Meinungen in erster Linie als Provokation seiner Umwelt und aus der Sicht eines isolierten, einsamen Menschen als Lebenszeichen sah. Im Verlaufe des Buches geht de Camp leider einen deutlichen Schritt in die falsche, gemäßigte Richtung und versucht Lovecraft als reformierten Charakter und seine Äußerungen – insbesondere in Leserbriefen und persönlichen Schreiben – als Jugendsünde darzustellen. Warum diese Äußerungen als markanten, wenn auch falschen Charakterzug zu negieren und zu verniedlichen? Wenn man sich bemüht, ein nuanciertes, facettenreiches Portrait einer historischen Person – im Gegensatz zu Persönlichkeit – zu erstellen, dann gehören diese Ecken und Kanten zu dem Bild dazu und sollten auf keinen Fall beschliefen werden. Damit nähert sich der Biograph zu sehr dem Objekt seiner Untersuchungen an und droht – wie im vorliegenden Fall – vom Beobachter zum Handelnden zu werden und die Spuren zu verwischen. Eine ähnliche Schwäche zeichnet auch die Howard Biographie aus, doch in dem Buch über den Conan Schöpfer kann de Camp auf dessen texanische Herkunft ausweichen. Es ist übrigens sehr interessiert, wie die beiden jungen Männer mit ihrer jeweils dominierenden Mutter und ihrer eigenen Schüchternheit fertig oder nicht fertig geworden sind. Während Howard sich extrovertierte, ohne innerlich wirklich hinter dieser Entwicklung zu stehen, baute sich Lovecraft zumindest über viele Jahre einen persönlichen Schutzwall auf, der bei seiner Tante und seiner Mutter auf fruchtbaren Boden fiel, in einer Reihe von echten oder eingebildeten Erkrankungen gipfelte. Nur selten in Begleitung seiner – für seine schwierige Jugend ungewöhnlich vielen – Freunde blühte er insbesondere in seinen wenigen Lebensjahren jenseits der vierzig auf und konnte zumindest zeitweise sich aus der engen Umklammerung befreien. Robert E. Howard gelang das nur auf dem Papier, in seinen farbenprächtigen, machohaften Kurzgeschichten und Romanen. Lovecraft suchte dagegen den Schrecken im Inneren der Welt und im Inneren seiner oft unschuldig verdammten gewöhnlichen Protagonisten.

Die Biographie zeigt aus verständlichen Gründen – es gibt diese Gründe anscheinend nicht, er wirkt für eine angenommene Geisteshaltung aus der Literatur des 18. Jahrhunderts -
– nicht die Herkunft von Lovecrafts Rassismus, sondern extrapoliert diese als eine Art Nativismus der Amerikaner des 19. Jahrhunderts. Erstaunlich wird diese Entwicklung an dem starken Kontrast zwischen dem Inhalt von Lovecrafts Briefen und seinem eigentlichen Verhalten in der Zeit, in der in New York lebte. Diese kleinen Facetten zeigen eine innerlich unsichere, zerrissene Persönlichkeit. Der Autor gehörte auch nicht unbedingt zu den progressiven Denkern und Dichtern des letzten Jahrhunderts, sondern stellte zusammen mit Robert E. Howard eine fast erhaltenswerte Gruppe von historischen Autoren im modernen Gewand dar. Für die Biographie wäre es besser gewesen, die einzelnen Facetten von Lovecrafts Wesen isoliert zu beschreiben und nicht zu versuchen, aus einem komplexen Menschen entweder die eine gute Seite oder die schlechten Charakterzüge herauszuarbeiten und in den Mittelpunkt zu stellen.

Das Lovecraft kein unbedingt interessantes Leben für eine über sechshundert Seiten starke Biographie geführt hat, erkennt ein aufmerksamer Leser noch an anderen Stellen. Seine ungefähr sechzig Kurzgeschichten werden zum Teil ausführlich zitiert und analysiert. Ein erstaunliches Vorgehen, da die meisten Käufer dieses Buches das Werk Lovecrafts sehr gut kennen werden. Es wäre interessanter gewesen, auf bislang unbekannte Strukturen in seinem Leben aber vor allem seiner Arbeit einzugehen. Lovecraft hat sich immer wieder als Ghostwriter und Lektor Geld dazuverdient. Dabei hat er viele Texte nur überarbeitet, manche Geschichte – insbesondere für „Weird Tales“ – komplett umgeschrieben. Hier finden sich nur entsprechende Hinweise, dass die Geschichte Lovecrafts Arbeiten ähnelt und von ihm ist. Warum nicht entsprechende Textvergleiche oder eine eingehende Beschreibung. So könnte sich das Bild abrunden. Auch auf die vielen oft naiven sekundärliterarischen Artikel weißt de Camp hin, um im Vergleich zu den Zitaten aus seinen Kurzgeschichten wenig zu zitieren. Eine kontroverse These als Ausgangspunkt einer tiefer gehenden Analyse seines schwermütigen, schwer einzuschätzenden Charakters hätte gut getan.

Trotzdem beantwortet de Camp eine Reihe von Fragen über diesen bislang schwer zu greifenden verschlossenen unglücklichen Autoren. Die Begegnung und kurze Zusammenarbeit mit Harry Houdini wird sehr interessant abgehandelt, ein kritisches Licht wirft der Autor auf Lovecrafts Ehe mit Sonia Greene, einer „armen“ geschäftstüchtigen Frau, die einen naiven Jüngling und keinen Mann geheiratet hat. Insbesondere in Bezug auf die Ehe kann sich de Camp eine Reihe von sehr ironischen Bemerkungen und Kommentaren nicht verkneifen und lockert den oftmals schwerfällig und insbesondere im letzten Drittel unentschlossenen – da es kaum noch etwas zu berichten hat – und zu langen Text ab. Die Aufgabe einer guten Biographie ist es, die Persönlichkeit des Subjektes zu beleuchten, vielleicht sogar mit bescheidenen Mitteln zu analysieren. Diese beiden Aufgaben erfüllt de Camps Text. Auch versucht er nicht, Lovecrafts Motivation immer wieder zu hinterfragen, sondern bleibt an einigen Stellen auf Abstand und erlaubt es den Lesern, sich ein eigenes Bild des Autors zu machen. Andere Stellen zeigen deutlich, dass er die Grenze der Distanz zwischen Objekt und Subjekt überschreitet und eher bemüht, als nachvollziehbar Antworten sucht. De Camp geht kritisch, aber fair mit Lovecrafts Werk um, zeigt dessen Stärken und Schwächen auf und macht nicht den Fehler vieler Biographien, aus der behandelten Personen einen Übermenschen zu machen. Lovecraft ist wie viele Menschen eine Person, die über einzigartige Charakterzüge in Kombination mit befremdlichen Handlungen verfügte. Aus der Beschreibung seiner Kindheit wird manches in seinem Werk – insbesondere die Asexualität trotz vieler schleimiger Kreaturen – verständlicher. Damit hat dieser über weite Strecken auch sehr unterhaltsam zu lesende Band im Grunde seine Aufgabe erfüllt und zusammen mit der Robert E. Howard Biographie und einigen leider nicht auf Deutsch erschienenen Sachbücher Sam Moskowitzs über die Pulpzeit zeichnet es ein farbenprächtiges Portrait der ersten echten Blütezeit der phantastischen Massenliteratur.

L.Sprague de Camp: "H.P. Lovecraft"
Sachbuch, Hardcover, 680 Seiten
Festa Verlag 2005

ISBN 3-9358-2248-0

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::