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Sachb├╝cher



Gerd Graenz

Adolf Braun geb. Hitler

rezensiert von Thomas Harbach

Der Autor Gerd Graenz wurde 1923 geboren. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Nach dem Kriegsdienst und der anschlie├čenden Gefangenschaft begann er ein Studium an der Universit├Ąt Wien. 1954 trat er in die Creditanstalt Wien ein, arbeitete sich in diversen Banken hoch und war von 1960 bis 1965 Vorstandsmitglied der ├ľsterreichischen Kommunalkredit AG, Wien.

Dann beschloss er seine B├Ąnkerlaufbahn aufzugeben und wurde Generaldirektor der ├Âsterreichischen Hotel- und FremdenverkehrstreuhandGmbH.

1988 lernte er die DDR kurz vor dem Mauerfall pers├Ânlich kennen als Repr├Ąsentant der Creditanstalt in der DDR, dann Mitglied und Beauftragter der Treuhandanstalt Berlin f├╝r die Republik ├ľsterreich. Immer wieder hat er an verschiedenen in- und ausl├Ąndischen Magazinen mitgearbeitet, dazu verschiedene Fachb├╝cher und bislang zwei Romane ver├Âffentlicht.

"Kaffee am Nachmittag" spielt in seiner Heimat ├ľsterreich, bzw. in Wien. An einem Tisch in einem Motel am Rand des Gro├čstadt sitzen sich an einem hei├čen Sommertag zwei fremde Menschen gegen├╝ber. Die eine - die Witwe des erfolgreichen und renommierten Gesch├Ąftsmann Ronald de Witt- berichtet von ihrer nicht standesgem├Ą├čen Heirat und einer auseinander gelebten Ehe. Ihre Schwiegermutter stirbt ├╝berraschend, kurze Zeit sp├Ąter auch ihr Ehemann. Im Laufe des Gespr├Ąchs stellt sich heraus, dass Ihr Gegen├╝ber ein Privatdetktiv ist, der sich die Frage stellt, ob Herr de Witt und seine Mutter eines nat├╝rlichen Todes gestorben sind.



Der Roman ist das Portrait einer jungen lebenslustigen Studentin, die in die altmodische und gediegene Upper Class einheiratet und immer wieder an die Grenzen st├Â├čt.



Kurz darauf folgte der zum Teil autobiographische Roman "Begegnung unter den Linden", f├╝r den er in erster Linie aus den neuen Bundesl├Ąndern harsche Kritik erntete.



Sein Protagonist Miller ist der Manager eines amerikanischen Weltkonzern, der im April 1989 nach Ostberlin entsandt wird, um eine Repr├Ąsentanz aufzubauen. Zu Anfang mokiert er sich ├╝ber die Zust├Ąnde in der DDR.

Bislang hat er seine erotischen Interessen mit Stewardessen befriedigt, die er auf seinen vielen Fl├╝gen mit seiner offensichtlichen gesellschaftlichen Stellung beeindrucken konnte.

Auf der Rungestrasse an der Jannowitzbr├╝cke lernt er eine wundersch├Âne, elegant gekleidete Frau von Mitte drei├čig kennen, die sein erotisches Interesse erregt. Er l├Ądt sie zum Mittagessen ein und Anne, eine leitende Mitarbeiterin des DDR Kulturministeriums, erweist sich als kluge Frau, die aber auch ihre Vorz├╝ge in der K├╝che und im Bett hat. Die leidenschaftliche Liaison f├╝hrt sie beide zum Feldberg, nach Schwerin oder Leipzig. Miller ├╝berlegt , Anne einen Heiratsantrag zu machen. Doch f├╝r Miller kommt die Abberufung nach Z├╝rich und die politische Wende in der DDR f├╝r Anne. Der Staat verschwindet, Anne wird arbeitslos, doch sie entschlie├čt sich, das Land nicht zu verlassen. Miller tr├Âstet sich auf dem R├╝ckflug wieder mit einer Stewardess.



Der Roman wird fast ausschlie├člich aus Millers Perspektive erz├Ąhlt. F├╝r das Buch spricht die Tatsache, dass Graenz selbst in dieser politisch ereignisreichen Zeit in der DDR gelebt hat . Wichtige Szenen sind in Tagebuchform geschrieben worden. Politisch und gesellschaftlich k├Ânnte der Kontrast zwischen der Sozialistin Anne und dem Kapitalisten Miller nicht sein. Darum stellt sich auch die Frage, was die gegenseitige Anziehungskraft ausl├Âst. Den Ablauf der Wende dr├Ąngt Graenz als Alter Ego des Erz├Ąhlers in den Hintergrund und in oberfl├Ąchlichen Schritten l├Ąsst er die Demonstration vom 04.11.1989 von den Kulturschaffenden initiiert ablaufen, die eigentlich ein anderes Ziel hatte als die Wiedervereinigung mit dem Westen.

Den Roman als St├Ârfaktor im Zusammenschluss mit dem Westen zu bezeichnen, wie es aus der Kritik von Hans Rainer John hervorgeht, ist ├╝bertrieben. Graenz Beobachtungen und seine Kritik an der bestehenden Gesellschaft in der DDR muss der Leser als Meinung des Autoren akzeptieren und hinnehmen (als abschreckende ├ťberheblichkeit des Westens tituliert John den Autoren), sicherlich f├Ąllt es vielen Gruppen sehr schwer, das zu tun. Wahrscheinlich wollte Graenz nur seine erotischen Wunschvorstellungen mit seinen Erfahrungen in der DDR zu einer komplizierten Liebesgeschichte verbinden. Er h├Ątte sich mehr mit den handelnden Figuren besch├Ąftigen sollen und berechtigterweise ist Annes letzter Stimmungsumschwung nicht nachzuvollziehen. Die Schw├Ąche in der Charakterisierung seiner Protagonisten zieht sich durch alle seine Arbeiten und in "Adolf Braun, geb. Hitler" sticht dieser Punkt im direkten Vergleich zu den Beschreibung und Nutzung der historischen Figuren deutlich heraus.



Einen Gefallen hat sich der Verlag mit der Gestaltung des Covers nicht getan. Als "deutsch-deutsche Groteske" und als Polit-Thriller bezeichnet zu werden, zeigt die Schwierigkeit, f├╝r den Roman ein Publikum zu finden.



Es beginnt im Mai 19 45indemzerst├ÂrtenBerlin.HitlerundGoebbelssitzen im F├╝hrerbunker unter der Reichskanzlei . Hitler bem├Ąngelt, dass seine Frau Eva Braun zu sp├Ąt kommt und ihn der wichtigsten Stunde alleine l├Ą├čt. Dann fragt er Goebbels nach dessen Erfolg bei den Frauen (und den bevorzugten Stellungen), bevor die russische Arme eindringt, Hitler bittet, mit ihnen zu kommen und Goebbels seinem Schicksal ├╝berl├Ąsst . Dann werden die Doppelg├Ąngerleichen von Hitler und Eva Braun hergerichtet und an die geschichtlich belegten Stellen gelegt. Die Originale werden in Sicherheit gebracht, Hitler von einem angeheuerten Theaterschminkmeister verfremdet und schlie├člich in Stalins gro├čen Plan eingeweiht. Er m├Âchte, dass Hitler als Adolf Braun wieder in die sowjetische Zone zur├╝ckgeht und dort mit Hilfe der Genossen Kommunisten um Ulbricht eine starke deutsche Nation aufbaut.

"Noch einmal zu ihrem Programm, Herr Hitler. Wie w├╝rde es heute aussehen?"

"Es w├╝rde wahrscheinlich das gleiche Programm sein. Einem gedem├╝tigten Volke wieder Hoffnung zu geben, ihm einen Feind zu geben, der Schuld hat an seiner misslichen Lage. Ich wei├č nur eines, dass Deutschland eine Schlacht verloren hat, dass Deutschland wieder gro├č wird, dass die Welt wieder auf Deutschland h├Âren wird, dass." (Seite 36)



"Sie sollen ihm behilflich sein beim Aufbau eines neuen Deutschlands ..Das ist der Wunsch des Genossen Stalins."

"Und was stellt er sich vor, ihr Genosse Stalin?"

"Ihr Programm, Her Hitler, hat ihm gefallen."

"War nichts anderes zu erwarten. Mein Programm, das l├Ą├čt sich halt sehen."

"Besonders einzelne Punkte ihres seinerzeitigen Programms haben seine Zustimmung gefunden."

"Welche denn ?"

"Zum Beispiel: wo es hei├čt :Eine Hauptaufgabe ist der Zusammenschluss aller Deutschen in einem Reich, in einem gro├čen Deutschland."

Hitler nickte. "Und was noch?"

"Auch ihr Programmpunkt, was die Rechtsordnung betrifft, fand seine Zustimmung. Sie sagten da: Recht ist, was dem Volke n├╝tzt."

"Stimmt ja auch", meinte Hitler," habe meine Ansicht bis heute nicht ge├Ąndert."

"Auch ihre ├ťberlegungen, dass es notwendig sei, die Wirtschaft zu lenken und den Staatsapparat mit zuverl├Ąssigen Beamten zu besetzen und der Partei den vollst├Ąndigen Anspruch am gesamten Geschehen im Staate zu geben, haben Genossen Stalin beeindruckt."

"Hat sich die besten Passagen ausgesucht, Ihr Genosse Stalin" brummte Hitler. (Seite 42)

Man gibt ihm eine Injektion, die ihn nicht nur verj├╝ngt, sondern seinen K├Ârper ├╝ber lange Zeit jung h├Ąlt. Die Versorgung mit dieser Droge ├╝bernimmt die Sowjetunion.

Die ersten Jahrzehnte pr├Ągt er die Entwicklung der DDR im Hintergrund, w├Ąhrend seine Frau Eva Braun nach einer kurzen Aff├Ąre mit Stalin unter anderem. ein Bordell f├╝r die gehobene Prominenz (im Auftrag der Staatssicherheit) einrichtet oder ihr Haus umbaut. Als Frau unzufrieden, als "Staatsoberhaupt" mit ihrer Rolle sehr zufrieden.

Die DDR entwickelt sich zu einem machtvollen Staat, w├Ąhrend die BRD wirtschaftlich weiterhin nieder liegt (ohne eigentlich gro├če Erl├Ąuterungen zu diesem Punkt zu geben). Im Laufe der Jahre w├Ąchst Brauns - auch offener Einfluss- er wird Ulbrichts Nachfolger und beginnt seine alten Zielen wieder in den Mittelpunkt zu stellen (Eingliederung des Sudentenlandes nach dem Prager Fr├╝hling, ein aggressives Man├Âver ├╝ber Polens Grenzen hinweg) Das Endziel ist eine Wiedervereinigung mit dem anderen Deutschland und Brauns ( Hitlers) F├╝hrung).



Bleibt man bei der Definition, dass der Roman eine Groteske sein soll, muss man diesen Begriff im Rahmen der literarischen Kunst erst einmal bestimmen:

"Monstr├Âs-Grausiges, das zugleich l├Ącherlich erscheint, d.h. die Verbindung von scheinbar unvereinbarem findet sich in der Literatur und Kunst." Wolfgang Kayser, der insbesondere in seinen Artikeln sich mit der Groteske in der bildenden Kunst auseinandergesetzt hat, sieht nicht das erste Motiv im Aspekt des Lachens, sondern auch und insbesondere in der "Koontation des Unheimlichen, Unmenschlichen".



Geht man von dieser Seite das Buch an, so finden sich unendlich viele Motive dieser literarischen Spielart:

-Diskussion im F├╝hrerbunker ├╝ber die bevorzugten Stellungen von Goebbels

- das treue Weib (Eva Braun), ohne das die Ehe vollzogen worden ist (die Entjungferung erfolgt durch Stalin, ein Bild, das gut ├╝bertragen werden kann, der russische B├Ąr nimmt sich die treu deutsche Klostersch├╝lerin und f├╝hrt sie in einen S├╝ndenpfuhl des k├Ârperlichen Vergn├╝gens ein)

- Stalins Bewunderung der hitler'schen Politik

- die Filmabende mit Hitlers Frau Eva Braun, H├Ąndchen haltend in einer Traumwelt, typische Beschreibung einer Spie├čerehe, aus der die Braun auszubrechen sucht

- die scheinbar ├Ąu├čerliche Verfremdung Hitlers, der innerlich seinen Weg konsequent weitergeht

- die Opferung treuer Weggef├Ąhrten, um sich dem Westen anzubiedern und Geld zu unterhalten

- der neue Polenfeldzug und das daraus begr├╝ndete Attentat/der erneute Putschversuch der Armee

- die spiegelverkehrte Wiedervereinigung

-Brauns/Hitlers Tod am Ende des Buches ausgerechnet durch die Geister, die ihre Herkunft auf seiner Politik, seinem ewigen Reich begr├╝nden (die aber f├╝r Adolf die Subjekte darstellen, die dem deutschen Geist entgegenstehen)



Es ist also erkenntlich, dass in dem Buch sehr viele Bilder stecken. Von der Handlung ganz zu schweigen. Hier erz├Ąhlt Graenz seine Geschichte geradlinig (in den Aufbaupassagen nach dem zweiten Weltkrieg fast zu kurz), ohne R├╝cksicht auf Logik, Naturwissenschaften oder Verschw├Ârungstheorien (irgendwann h├Ątte jemand die ├ähnlichkeit mit Hitlers Charakter merken m├╝ssen und zumindest Nachforschungen ├╝ber ADOLF (!!!) Braun (ausgerechnet der Name seiner Frau) anstellen m├╝ssen). Vielleicht ist aber auch die Hauptperson absichtlich so gezeichnet worden. Es kommt der Bev├Âlkerung nicht auf den Charakter des F├╝hrers an, Hauptsache, es gibt einen Mann (!), der vorangeht. Der Kreis schlie├čt sich, als Hitler sich endlich auch in der DDR F├╝hrer nennen l├Ąsst. Was f├╝r ein Widerspruch zum Konzept des Sozialismus, genau wie die Regierungsform in der DDR eine Karikatur der Grundideen des Kommunismus war. Hier arbeitet Graenz sein Grundkonzept nicht sorgf├Ąltig genug aus und hinterl├Ąsst im interessierten Leser zu viele Fragen.



Seine Figuren tragen oft den Namen historischer Pers├Ânlichkeiten zu Unrecht. Nat├╝rlich ist es ein Spiel mit der Geschichte, seinen Charakter Stalin, Hitler oder Honecker nennen zu k├Ânnen. Doch dazu muss das Gehabe auch stimmen, sonst k├Ânnten wir auch ├╝ber M├╝ller, Meier oder Schulze sprechen und schreiben. Das wirkt stellenweise bei Graenz zu lasch. Erst im letzten Teil der Geschichte kann sich der Leser wieder in den Charakter Braun/Hitler hineinversetzen, zu lange bleibt er au├čen vor.



Ein n├Ąchster Punkt ist der politische Vergleich zwischen dem Dritten Reich und der hier anders gestalteten Aufbauphase der DDR unter braun'scher Leitung. Vergleichen kann man die beiden Entwicklungen und entsprechende Z├╝ge herausarbeiten, gleichstellen sollte man sie nicht. Graenz verzichtet komplett auf politische Kommentare, er stellt hier unheilvoll, ├╝berdenkenswert und stellvertretend f├╝r manches Staatssystem dar, wie leicht es ist, ein Konzept zu ├╝bernehmen, leicht zu ver├Ąndern und Erfolg versprechend (?) weiter zu praktizieren. Es stellt sich die Frage, ob das nur in Deutschland funktionieren k├Ânnte, aber die Antwort geben weder Autor noch Text.



Wie leicht es Hitler gelingt, seine Pl├Ąne fortzusetzen (bis zum Entwurf von Monumentalbauten in Berlin durch den im Gef├Ąngnis sitzenden Speer) tr├Ągt schon Z├╝ge einer Parodie auf die politischen Systeme. Ob das alles in der Phase des kalten Krieges so m├Âglich gewesen w├Ąre, sei dahingestellt. Aber die westlichen Politiker nimmt der Autor durch seine F├╝hrerfigur bei einem Picknick (mit guten kr├Ąftigen deutschen Speisen) in London auf die Schippe.



Das Buch ist kein Polit-Thriller, das Buch ist auch keine Parodie, es hat groteske Z├╝ge und viele Bilder, die dem interessierten Leser im Ged├Ąchtnis bleiben. Es ist auch keine Alternativweltgeschichte, dazu entfernt sich der Text zu sehr von einer nachvollziehbaren Basis und der Point -of- divergence ist das letzte realistische Element (Hitler verschwindet aus dem zerst├Ârten Berlin, w├Ąre nicht der erste Fall in den letzten Jahren, wo Diktatoren spurlos verschwunden sind), bevor Graenz einfach frei von der Leber weg seinen Garn erz├Ąhlt.

Die letzte Frage, die sich dem Leser stellt, ist es ein guter Roman ? Nein, es ist eine episodenhafte Bildergeschichte (von unterschiedlicher Ausdruckskraft), die einige Fragen aufwirft, deren "was w├Ąre wenn" Szenario zu unwahrscheinlich ist (und phasenweise auch nicht nachdr├╝cklich genug ├╝bermittelt wird), um ├╝berzeugen zu k├Ânnen (der Autor kann alles erfinden, es muss im Rahmen aber plausibel bleiben und das ist hier nicht der Fall) und das dem interessierten Zuschauer nur durch seine Szenen, aber nicht seine Kontinuit├Ąt im Ged├Ąchtnis bleiben wird. Zu viele M├Âglichkeiten wurden verschenkt, es ist kein Nachteil, wenn die geschichtlichen Ereignisse im Laufe der Handlung die Oberhand gewinnen (immerhin spannt der Bogen ein menschliches Leben und das auf knappen 320 Seiten !). Graenz h├Ąlt die Leser auf den ersten Seiten und dem Schlusskapitel in seinem Szenario fest, danach verliert er sie in dem alptraumhaften Geschichtsunterricht, den er fast aus der hohlen Hand gesponnen hat.

Gerd Graenz: "Adolf Braun geb. Hitler"
Sachbuch, Hardcover, 315 Seiten
Molden 2002

ISBN 3-8548-5077-8

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