Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Zensur (1)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Sachbücher



Max Valier

Der Vorstoss in den Weltenraum

rezensiert von Thomas Harbach

Mit Max Valiers Studie „Der Vorstoss in den Weltenraum“ betritt der Kleinverlag Dieter-von- Reeken literarisches Neuland. Nach der Studie des Franzosen Flammarion über unser Sonnensystem auf einer realen und geistigen Ebene aus dem neunzehnten Jahrhundert und dem Aufsatz „Bewohnte Welten“ des deutschen Meyer - schon vor dem ersten Weltkrieg erschienen, publiziert Dieter von Reeken jetzt nicht nur den inzwischen kaum noch erhältlichen Begleitband zu einem umfangreicheren Werk eines anderen Autoren – Max Valier bezieht sich auf Hermann Oberths Epos „Die Rakete zu den Planetenräumen“ des Jahres 1923 – sondern macht mit seinen Veröffentlichungen einen Zeitsprung zwischen die Weltkriege.

Um nicht all zu sehr vor dem theoretischen Text zurückzuschrecken, ist es wichtig, sich über die Persönlichkeit Valiers dem Sujet zu nähern. Geboren am 9. Februar 1895 in Bozen befasste er sich bereits seit frühester Jugend mit Astronomie. Im vorletzten Kapitel dieser Studie wird er auch den Bogen zu den Astronomen schlagen und bei der Beobachtung von Raumfahrzeugen an sie denken. Nach der Veröffentlichung verschiedener Publikationen folgte ein Astronomiestudium in Innsbruck, Wien und München. Parallel entwickelte sich insbesondere die Luftfahrt – nicht zuletzt angeheizt durch den Ersten Weltkrieg – rasant weiter. Im Gegensatz zu vielen Theoretikern experimentierte er schon früh mit Raketenantrieben an diversen Fahrzeugtypen – Autos, Schlitten oder Schienenfahrzeuge. Über diese praktischen Test hinaus gelangen ihm einige revolutionäre Fortschritte im Bereich Antriebstechnik.

In seinem kurzen, aber wie immer informativen Vorwort weißt Dieter von Reeken auf die Bedeutung des ursprünglichen Werkes hin und die lesbare und allgemein verständlichere Erweiterung durch Max Valiers Text. Außerdem arbeitet er das Verhältnis zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Pionieren der Raumfahrt heraus. Oberth mehr der intellektuelle Theoretiker, während Valier mehr der Praktiker gewesen ist.

Valier kam schließlich 1930 mit knappen fünfunddreißig Jahren bei der Explosion während eines Brennkammerversuchs ums Leben. Er wurde in einem Ehrengrab in München beigesetzt, einige seiner Versuchsfahrzeuge stehen noch im Deutschen Museum in München. Für viele gilt der experimentierfreudige junge Mann als das erste Opfer der Raumfahrt.

Obwohl nur angedeutet, weißt Dieter von Reeken auf die unterschiedlichen Auffassungen der beiden von der Raumfahrt besessenen Männer hin. Während Valier über Raketenautos oder Raketenboot schließlich ins All durchstarten wollte und somit seine Entwicklungen auf eine praktische und eher technische Ebene gestellt hat, wollte Oberth direkt entsprechende Raketen entwickeln und den Menschen direkt ins All führen.



Bevor sich Max Valier sachlich den Schwierigkeiten, aber auch Erfordernissen des Vorstosses in den Weltenraum annimmt, steht er in seiner Einleitung selbst staunend vor den technischen Entwicklungen der letzten dreißig Jahre. Auch wenn er fälschlicherweise annimmt, die Erde und die Meere wären gänzlich erforscht, strahlt sein Text unmittelbar auf den Ersten Weltkrieg folgend eine überraschende Wärme und eine gewisse, allerdings technisch fundierte Euphorie aus. Für ihn kann es keinen Zweifel geben, dass die Erforschung des Alls nur auf friedlichem Wege und – wenn auch selten expliziert ausgedrückt – als Unternehmen der gesamten Menschheit zu bewerkstelligen ist.

Valier bezieht sich in seinen nachfolgenden Thesen nicht nur auf die Studien Oberths, sondern auch den amerikanischen Professor Goddard. Das er sich nicht nur mit der Theorie, sondern auch der Fiktion gut auskennt, zeigt das Auftaktkapitel „Im Bannkreis der Schwere“. Lächelnd schreibt er kurz und knapp über die Leichtigkeit der utopischen Literatur, einfach Wunderstoffe zu erfinden, mit denen die Menschheit schwerelos in die Gefilde jenseits der Atmosphäre schweben könnte. Als einzigen Schriftsteller nimmt Valier Jules Verne ernst, dessen Reise zum Mond nicht durch einen Wunderstoff, sondern durch die ballistischen Berechnungen des Kanonierclubs ermöglicht worden ist. Den Auftakt dieses Kapitels bilden seine mathematischen Berechnungen. Für Laien nicht immer verständlich, bemüht der Autor sich, seinen Thesen durch Bilder und fassbare Beispiele Nachdruck zu verleihen. Das zeigt sich auch in dem materialisch überschriebenen zweiten Abschnitt „Unsere Kampfmittel“, in denen er auf einer theoretisch mathematischen Grundlage Wurfmaschinen, Geschütze und schließlich eben auch Raketen untersucht. Dieser Bogen ermöglicht es in erster Linie Laien, wie in den Text zurückzukommen und nach der Zahlenwucht des Beginns einfach durchzuatmen und Valiers euphorisch vorgetragenem Weg ins All zu folgen. Die Schwäche des oberth´schen Text bemüht sich der Autor durch eine kurze, knappe, sehr präzise Ausdrucksweise immer wieder beispielhaft unterlegt auszugleichen. Schon zu Beginn lässt sich sehr gut erkennen, dass Valier im Grunde ein Praktiker ist. Er hat ein Ziel und dieses Ziel – den Flug ins All – möchte er unter allen Umständen erreichen. Oberth scheint es bei seinen Berechnungen mehr um die theoretische Möglichkeit eines Weltraumfluges gegangen sein, aus Valiers Text geht deutlich hervor, dass er gerne einer der ersten Menschen gewesen wäre, der diese Barriere durchbrechen könnte.


Wenn Max Valier auf die Wurfmaschinen eingeht, so stellt er gleich heraus, dass es hier um eine reine theoretische Betrachtung aller Möglichkeiten geht und er sich im Grunde schon auf die Raketen des Schlusskapitels festgelegt hat. Amüsant stellt er fest, dass der Mensch an sich nicht zu schwach ist, sondern nur die Schwerkraft der Erde – wie im ersten Kapitel ermittelt – zu stark ist. Trotzdem untersucht er im Zeitraffer die Ansätze der Ballisten und beschreibt historisch die ersten Katapultversuche. Wie schon seine farbenprächtigen, aber immer treffenden Beispiele in den ersten Kapiteln helfen diese Exkurse, den ansonsten sehr trockenen Text inhaltlich aufzulockern. Den Hauptteil dieses Abschnittes nehmen aber die Geschütze und die Raketen ein. Er geht bei den Geschützen vom Stand der damaligen Waffentechnik aus und erläutert die Unwahrscheinlichkeit, mit einem der gängigen Geschütze etwas in den Orbit zu transportieren. Dann setzt er sich mit Jules Verne Romanen umfangreich und detailliert auseinander, der einzigen utopischen Arbeit, in der ein Schriftsteller den Menschen ins All geschossen und nicht mit Hilfe von Schub gedrückt hat. Valier analysiert den zugrunde liegenden Roman an Hand des Protokolls des Kanonenclubs. ER greift die Thesen Vernes auf und setzt sie in mathematische Formeln um. Dabei stimmt er ihm zwar nur selten zu, verweist aber eher auf die unzureichenden Materialien als den größten Hemmschuh. Ein sehr überraschendes Element ist die Kalkulation der notwendigen Rohstoffe. Zu Zeiten Vernes gehörte Aluminium zu einem der teuersten Stoffe, in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich nicht zuletzt des stetigen industriellen Fortschritts der Preis deutlich gesenkt.

Beide Unterkapitel dienen aber im Grunde trotz der intensiven Auseinandersetzung mit Wurtmaschinen und Geschützen nur dem Zweck, wie schon erwähnt auf die Rakete hinzuweisen. Für Max Valier das einzige wirklich interessante Objekt, um das größte Hindernis auf dem Weg in den Weltenraum zu überwinden: die Schwerkraft. Mit über zwanzig Seiten nimmt diese Passage auch den breitesten Raum ein, im Vergleich dazu kamen die Wurtmaschinen auf fünf Seiten, die Geschütze immerhin schon auf siebzehn Seiten inklusiv verschiedener Abbildungen und Graphiken.

Zu Beginn der mathematischen Grundlagen des Raketenprinzips stellt Valier den Unterschied zwischen Rückstoss und dem Druck der eingeschlossenen Gase, die Kanonenkugeln treiben, gegenüber. Er kommt – für die Zeit sehr progressiv – zu der Erkenntnis, dass eine Beschleunigung aus dem Stand ebenso gefährlich und praktisch undurchführbar ist, wie Rücksicht auf das körperliche Wohlbefinden der potentiellen Astronauten. Um möglichst schnell das Schwerkraftfeld der Erde zu verlassen, müsste die Rakete am Rande des körperlichen Erträglichen für die Astronauten kontinuierlich beschleunigt werden. Die günstige Geschwindigkeit ist die einzige Möglichkeit, um das Ziel erfolgreich zu erreichen. Damit extrapoliert Valier geschickt, wenn auch im Vergleich zu einigen der vorangegangenen Kapitel überaus kompliziert anstatt komplex einige Thesen Oberths und bemüht sich, die Fiktion seiner Zeit – siehe Hans Dominik – in einen realistischen und aus seiner Sicht absehbarer Zeit durchführbaren Mantel zu kleiden.

Mit dem dritten großen Abschnitts seiner Streitschrift „Von der Leuchtrakete zum Raumschiff“ wechselt er von der reinen Theorie zu praktischen Grundlagen.

Dabei stellt Valier den praktischen Amerikaner Professor Goddard – er versucht Feuerwerksraketen mit einem neuen Treibstoffgemisch in die Atmosphäre zu schicken – dem Theoretiker Oberth gegenüber, dem praktischen Deutschen, der aufgrund seiner rechnerischen Überlegungen zu dem Gedanken gekommen ist, dass Flüssigtreibstoffe effektiver sind. Valier vergleicht die beiden Forscher mit einem gewissen unterschwelligen Humor und nicht vom Standpunkt des überlegenen Ariers hinaus. Das Kapitel geht aber auch auf physikalischen und mechanischen Schwierigkeiten ein. Es ist erstaunlich, wie nahe der Praktiker den späteren V 2 Waffen Werner von Brauns und damit den ersten echten Raketen kommt. Viele seiner Motive werden kurze Zeit später auch Fritz Lang in seinem Bahnbrechenden „Frau im Mond“ aufnehmen. Wichtig ist auch der Hinweis auf mehrstufige Raketen, die von unterschiedlichen Treibstoffen angetrieben das eigentliche Raumschiff ins All transportieren. Der Idee, das Raumschiff am Fallschirm abzubremsen, fügt er noch Bremsdüsen hinzu. Es ist erstaunlich, wie genau und wissenschaftlich korrekt seine Thesen schon vor über achtzig Jahren gewesen sind. Alleine aus diesem Grund ist die überfällige Wiederveröffentlichung dieser Streitschrift empfehlens- und vor allem lesenswert.

Die letzten beiden Kapitel des Buches – „Der Vorstoß in den Himmelsraum“ und „Die Eroberung der Sternenwelten“ – werden die literarisch interessierten Leser am ehesten ansprechen. Von der Einsamkeit im Weltall über die Problematik effektiver Materialausnutzung, die entsprechende Landung und als nächsten Schritt die Schaffung von Siedlungen und Basispunkten im All – hier erwähnt Valier einen künstlichen Mond – werden hier die wichtigsten Themen realistisch und fundiert abgehandelt. Wenn der Autor noch einmal Jules Vernes Robinsonaden kritisiert, so wirkt diese Episode im Gesamtkontext eher belustigend. Philosophisch denkt Valier aber über den Mond hinaus, doch gleichzeitig behält er die Astronomen im Blick. So sollen die Raumschiffe selbsttätig funktionierende Blinklichter verfügen, mit denen sie genau beobachtet werden. Im letzten Abschnitt folgen nach der Venus und dem Mars – leicht anzufliegende Ziele – die äußeren Planeten und irgendwann der Sprung hinaus in die Weite. Hier extrapoliert Valier den bisherigen Fortschritt der Menschen bis zu ihrem ersten Kumulationspunkt – der Landung auf dem Mond – in eine friedliche, vom Forschergeist geprägte Zukunft.

Das größte Lesevergnügen erhält der Leser bei der Kombination des vorliegenden, über weite Strecken sehr theoretischen Textes mit einer der im Vorwort erwähnten Biographien über Max Valier . Sehr schnell erkennt ein aufmerksamer Betrachter den kindlichen, aber nicht kindischen Forscher hinter dem Hobbymathematiker und - astronomen, der kein Risiko und kein Experiment scheute, um schließlich die Sterne zu erreichen. Das sich Max Valier nicht nur in den Naturwissenschaften sehr gut ausgekannt ist, wird bei der Lektüre einiger Passagen deutlich. Das Ziel, eine wissenschaftliche allgemeinverständliche Ergänzung zu Oberths Text zu schreiben, ist ihm gelungen. Was dem dünnen Bändchen fehlt und was wahrscheinlich auch nicht das Ziel dieser Studie sein sollte, ist ein bisschen mehr Begeisterung, Pathos für das große Ziel zu erwecken. Hier haben Autoren wie Kurd Lasswitz – wird ebenfalls von Valier in seinen Text eingebunden – oder Hans Dominik mehr Pionierarbeit geleistet. Dieter von Recken hat mit dem Raketenpionier Max Valier einen Praktiker und zumindest für einige Zeit einen Wegbestreiter Oberths in sein Programm aufgenommen. Das – wie gewohnt – sehr schöne Druckbild, die fehlerfreie Reproduktion des inzwischen fast nicht mehr erhältlichen Originaltextes und das informative Vorwort machen „Der Vorstoss in den Weltenraum“ zu einer gewöhnungsbedürftigen – das liegt an den vielen mathematischen Formeln, die uns den Spiegel vors Gesicht halten und unterstreichen, wie viel wir inzwischen vom Studium oder der Schule vergessen haben – Lesevergnügen. Leser und Text müssen sich aneinander gewöhnen und gegen Ende – nach vielen Theorien und Formeln – findet sich die Vision eines Weltraumbesessenen. Diese schlägt einen interessanten Bogen zwischen der utopischen Literatur und den trockenen sekundärliterarischen Texten. Trotzdem wird der Band wahrscheinlich in einer deutlich kleineren Auflage als die frühen literarischen Texte des Verlages Dieter-von-Reecken verkauft werden. Eine Wiederentdeckung durch eine breitere Leserschaft wäre er auf jeden Fall wert.

Direkt beim Verlag bestellen

Max Valier: "Der Vorstoss in den Weltenraum"
Sachbuch, Softcover, 104 Seiten
Dieter von Reeken 2005

ISBN 3-8334-4221-2

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::