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rezensiert von Thomas Harbach
Basil Cooper ist 1924 in Großbritannien geboren worden. Er hat mehr als achtzig Sachbücher und Kriminalromane veröffentlicht. Darunter auch phantastische Geschichten wie „die Eishöhle“. Insgesamt fünfundzwanzig Romane um den Privatdetektiv Mike Faraday. Cooper ist nicht nur ein leidenschaftlicher Sammler von alten Filmen, sondern hat die Adaption einer Handvoll seiner Bücher aus nächster Nähe miterlebt. Sein jetzt im Festa- Verlag als handlicher Hardcover erschienener sekundärliterarischer Text „Der Vampir in Legende, Kunst und Wirklichkeit“ stammt schon aus dem Jahre 1973. Das Vorwort datiert sogar aus den späten sechziger Jahren. Mit einer Ergänzung von Uwe Sommerlad versucht der Verlag den Bogen zwischen dem Erscheinen des Buches und den aktuellen Tendenzen im Subgenre der Vampire zu schließen. Diese Prämisse ist insbesondere in Hinblick auf den Inhalt in zweierlei Hinsicht wichtig. Es standen dem Autoren noch nicht die Möglichkeiten des Internets zur Verfügung und von digitaler Restaurierung hatte man zur Entstehungszeit des Buches noch nichts gehört. Magnetische Aufzeichnungsbänder konnten sie nur die Fernsehsender leisten und wenn ein Film im Fernsehen oder im Kino verpasst worden ist, musste man manchmal sehr lange auf eine Wiederaufführung warten. Die Verlage machten zu diesem Zeitpunkt zum wiederholten Male eine Existenzkrise durch und viele phantastische Bücher gab es vielleicht in irgendeinem Antiquariat auf der Welt, aber wenn man nicht zufällig den Laden besuchte, die Verkaufsliste per Post erhalten hatte oder die Telefonnummer kannte, gab es keine Möglichkeit, an das Buch heranzukommen. Und trotzdem beklagt sich Basil Cooper insbesondere bei seinen Ausführungen zu den frühen Vampirkurzgeschichten – erstaunlicherweise weniger den Romanen – über eine Fülle von Material, das er nicht in dieses mit knapp zweihundertsiebzig Seiten aus seiner Feder überschaubare Büchlein überwiegend ohne Illustrationen integrieren konnte.
Basil Cooper hat seine Studie in vier große Bereiche eingeteilt: Der Vampir in der Legende, der Vampir in der Literatur, der Vampir in Theater und Film und schließlich der Vampir in der Wirklichkeit. Insbesondere zwischen der Legende und der Literatur sind die Übergänge fließend. Atmosphärisch dicht und überzeugend beschreibt der Autor eine Reihe von historischen Ereignissen, in denen die Menschen aus der Handlungsweise von Fremden auf Untote geschlossen haben. Diese Fälle sind aber nicht durch stichhaltige Beweise unterlegt worden. Selbst im abschließenden Kapitel „Der Vampir in der Wirklichkeit“ beschreibt Cooper zwei Kriminalfälle, in denen sich Fritz Haarmann, der Massenmörder aus Hannover, und John George Haigh mit vampirähnlichen Handlungen an ihren zahlreichen Opfern vergangen haben. Beide Fälle stammen aus dem 20. Jahrhundert. In beiden Fällen hat inzwischen besonders der Vampirmythos die Realität gänzlich durchdrungen und ist in seinen Bestandteilen – vom Blutsaugen über das fehlende Spiegelbild bis zum Scheuen des Lichts – allgemein verbreitet. Darum lässt sich bei diesen Massenmördern auch von einer freien Improvisation der Vampirrituale sprechen. Und das eher ungewollt und nicht geplant. Wie allerdings der Übersetzer Malte S. Sembten in Zusammenarbeit mit dem Lektor Klaus Horn festgestellt haben, liefert Basil Cooper insbesondere in seiner Argumentationskette zum Vampir in der Legende wenige Brücken zum später literarisch umgesetzten Vampir- Mythos. So füllt der Vampir der Folklore nicht seinen Sarg nachts mit Erde, sie kehren wie Zombies nach ihren mystischen Taten in ihr Grab zurück, zumindest die Leichen lösen sich bei den späteren Graböffnungen nicht im Sonnenlicht aus und religiöse Symbole scheinen ihnen nicht zu schaden. Von dem schwarzen Cape über die Fangzähne bis hin zu einer Aversion gegen Silber ist nichts vorhanden, was spätere Bücher auszeichnen sollte. Dagegen besteht bei den lebenden Untoten der Legende eine erstaunliche Affinität zur Gestaltwandlung und das nicht nur in eine Fledermaus. Wölfe oder einfache Nebelschwade seien hier nur stellvertretend genannt. Die krasse Teilung zwischen der angeblichen Legendenbildung und der späteren literarische Umsetzung wirkt nicht nur ein wenig argumentativ unbeholfen, das Wechselspiel zwischen der realen Geschichte und der phantastischen Literatur erschwert den Zugang zu dem Buch. IM letzten Kapitel, in dem Basil Cooper eine Reihe von Massenmördern und ihre bestialischen Taten beschreibt, erhält der Leser mehr Hintergrundinformationen. Aber hier bemüht sich Basil Cooper an einigen Stellen verzweifelt und doch vergeblich, einen echten Bezug zum Thema Vampirismus herzustellen. Wenn er sich im Falle Haighs selbst fragt, ob es sich bei ihm um einen echten Vampir handelt, wirkt die Argumentativ hilflos. Er isoliert die Mörder von der fiktiven Vampir-Literatur und vor allem dem Gruselkino und sucht die Taten immer nur in einem realistischen Szenario als Auswüchse von Krankheiten zu betrachten. Trotzdem liest sich die Faktensammlung nüchtern und sachlich gut und zählt eine Reihe von interessanten Kriminalfällen auf.
Die Auseinandersetzung mit dem Vampir in der Literatur und im Theater/ Film nimmt mit einhundertzwanzig Seiten weniger als die Hälfte des Buches ein. Insbesondere bei der Literatur konzentriert sich Basil Cooper vordergründig und in seiner folgenden Aufstellung fälschlicherweise in erster Linie auf die Kurzgeschichte. Nachdem er die ersten Romane um Vampire von POlidori – lange Zeit Byron zu geschrieben – und Prest sehr ausführlich und mit zahlreichen Textbeispielen analysiert hat, schwenkt er gleichfalls mit Bram Stokers „Dracula“ vom Roman auf die Kurzgeschichte über, um auf den folgenden Seiten Novellen, Kurzgeschichten und schließlich wieder Romane bunt zu mischen. Diese Trennung ist auch nicht nötig gewesen, denn der Oberbegriff seiner literarischen Betrachtungen bleibt Vampirismus und da spielt weniger die literarische Grundform als der Inhalt eine wichtige Rolle. Das Erstaunliche an seinen Ausführungen ist die Ambivalenz, mit der er einzelne Autoren betrachtet. Berücksichtigt man, dass neben den wichtigsten klassischen Werken es wahrscheinliche hunderte von Erzählungen gibt, die natürlich nicht alle auf den zur Verfügung gestellten Seiten vorgestellt und analysiert werden können, ist Basil Coopers Hang zu Autoren, die er persönlich kennen gelernt hat – sie August Derleth – oder die aus anderen Gründen einen hohen Stellenwert in seinen Augen haben – siehe Lovecraft, zu dem er gleich anmerkt, dass diese Meister der dunklen Phantastik niemals eine echte Vampirgeschichte geschrieben hat – erstaunlich. Auch wenn er in seinem Artikel sehr gut und vor allem gut nachvollziehbar die Stärken und Schwächen der einzelnen Werke herausarbeitet und ihre Inspiration für die nachfolgende moderne Vampirgeneration gut darlegt, neigt er dazu, die Autoren per se zu euphorisch mit absoluten Lobpreisungen in den Himmel zu heben. In einigen Fällen zumindest in Bezug auf die vorgestellten Werke unberechtigt. Im Gegensatz zur heutigen Internetgeneration ist Basil Cooper der Zugang zu einigen sehr seltenen Werken nur über befreundete Sammler möglich gewesen. Aus dieser Perspektive ist die Intensive und manchmal sehr kluge Auseinandersetzung mit dem viktorianischen Vampir noch der lesenswerteste Part dieses Buches. In seinen Ausführungen hat Uwe Sommerlad später pointiert die Lücke zwischen der Publikation des Buches und der Gegenwart zu schließen versucht. Da ihm für die in Bezug auf Vampirpublikationen reichhaltigen dreißig Jahre insgesamt knappe dreißig Seiten zur Verfügung gestellt worden sind, beschränkt er sich auf teilweise kritische Hinweise populärer Serien – sieh Anne Rice oder Nancy Collins. ER versucht dem Leser zumindest einen kleinen Überblick über die Strömungen der modernen Vampirliteratur zu geben. Was Basil Coopers Betrachtung fast gänzlich fehlt, ist eine Integration der einzelnen Bücher und Kurzgeschichten in ihr historisches Umfeld. Wenn er einen modernen Vampirroman wie Sturgeons „Blute Küsse“ zu einem Meisterwerk erhebt – obwohl es sicherlich seine in Bezug auf längere Texte schwächste Arbeit ist – ohne Bezüge insbesondere zu der amerikanischen Gesellschaft der sechziger Jahre herzustellen, hängt die Rezension in der Luft. Je näher Basil Cooper an das Publikationsdatum des Buches kommt – Stichzahl dürfte das Jahr 1971 ein – desto unkritischer und distanzierter werden seine Anmerkungen. In Bezug auf die Analyse der ersten phantastischen Geschichten um mögliche Blutsauger liest sich dagegen der Text immer noch überraschend frisch und intelligent. In der Autorenvorstellung im Klappentext wird Basil Cooper als Sammler von alten Filmen bezeichnet. Mit dem vierten Kapitel „Der Vampir in Theater und Film“ hätte sich der Autor sehr gut ausleben können. Einen kleinen Bogen zum Theater hat Cooper schon in seinen Anmerkungen zu „Dracula“ und den ersten Bühnenadaptionen geschlagen. Sie nehmen hier einen kleinen Raum ein. Wie schnell deutlich wird, liegt der Schwerpunkt von Basil Coopers Interesse auf den Stummfilmen der Expressionisten. Sowohl Dreyers „Vampyr“ als „Nosferatu“ werden sehr ausführlich vorgestellt, ohne das Cooper den Besprechungen wirklich neue Impulse hinzufügen kann. Hier ist es besonders wichtig, aus heutiger Sicht auf das Veröffentlichungsdatum hinzuweisen. ZU Beginn der siebziger Jahre gehörte seine Studie zu den ersten Veröffentlichungen, die sich ernsthaft mit dem Subjekt des Vampirs in allen Literaturformen auseinandersetzte. Erst wenige Jahre später sollte in Bezug auf das Kino Williams Eversons „Klassiker des Horrorfilms“ folgen. Weiterhin ist die Feststellung wichtig, dass Basil Cooper nicht über die heutigen Zugangsmöglichkeiten – von DVD bis zu den Archiven der Filmproduzenten – verfügt hat. In so weit dürften seine Anmerkungen zu den Stummfilmen aus der damaligen Sicht nicht nur ausführlich, sondern literaturkritisch sehr wichtig gewesen sein. Das er einige Filme wie Lon Chaneys „London after Midnight“ mit einem Satz abkanzelt, ist eher Populismus. Es ist unwahrscheinlich, dass er diesen extrem seltenen Film – die Restauration heute besteht aus mit Musik unterlegten Standbildern und einigen wenigen Fragmenten – überhaupt gesehen hat. Der letzte Film, den Basil Cooper wirklich geschätzt hat, ist Bela Lugois „Dracula“. Er lobt den Ungarn als herausragenden Instinktschauspieler – ein wenig übertrieben – und stellt Ton Brownings Film als Meisterwerk heraus. Das auf dem gleichen Set nachts ein spanisches Filmteam eine weitere Version von Dracula gedreht hat, die nicht die statische Kameraführung aufweist und aus heutiger Sicht die bessere Fassung gewesen ist war ihm nicht bekannt. Auch kanzelt er insbesondere eine Reihe von B- Filmen als schlecht gemacht ab, obwohl sie gerade dem Vampirmythos thematisch interessante Impulse gegeben haben. Hier verwechselt Basil Cooper zum Teil seine persönlichen Vorlieben/ Abneigungen mit der Zielrichtung des Buches. Auch hier fügt Uwe Sommerlad deutlich passender in seinem Nachwort eine Reihe von Werken zwischen 1973 und der Gegenwart hinzu, untersucht ihre Stellung im Bereich des Sujets Vampir und stellt dann erst die Schwächen und Stärken der Filme gegenüber. Auch wenn ihm deutlich weniger Raum und dagegen mehr Filme zum Auswählen zur Verfügung gestanden haben, wirken seine oft sehr kurzen und präzisen Bemerkungen pointierter und gezielter.
Aus heutiger Sicht hat Basil Coopers Buch „Der Vampir in Legende, Kunst und Wirklichkeit“ eher eine historische Bedeutung als die erste Studie, die sich mit dem Thema Vampirismus in den angesprochenen Facetten thematisch ernsthaft und umfassend auseinandergesetzt hat. Das Buch selbst lässt sich heute noch sehr fließend lesen. Leider neigt Basil Cooper zu Wiederholungen bekannter Standpunkte in verschiedenen Kapiteln, zieht kaum Querverweise zwischen den einzelnen Unterthemen und macht es sich in der kritischen Analyse einzelner Werke manchmal ein wenig zu schwer. Einzelne Bücher mit sehr ausführlichen Zitaten nehmen zu viel Raum ein. Die Konzentration auf die Anfänge des Vampirs in der Literatur und dem Film geben allerdings positiv gesehen eine solide Basis, um sich mit anderen Quellen intensiver mit diesen Themen auseinandersetzen zu können. Ein ausführliches Quellen und Stichwortverzeichnis runden das Buch ab. Leider fehlen bis auf die jeweiligen Hauptkapitel jegliche Illustrationen und Fotos. Aus literaturhistorischer Sicht ist aber die Pionierarbeit, die Basil Cooper mit diesem Buch geleistet, herauszustellen und expliziert zu loben.
Basil Cooper: "Der Vampir in Legende, Kunst und Wirklichkeit"
Sachbuch, Hardcover, 334 Seiten
Festa-Verlag 2007
Leserrezensionen
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25.06.07, 09:32 Uhr
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Huitzilopochtli
unregistriert
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Kleine Anmerkung am Rande: Der Autor heißt Basil COPPER (nicht Cooper) und der Roman nennt sich "Die Eishölle" (nicht "Die Eishöhle", obwohl es inhaltlich von einer solchen handelt...). So, jetzt aber genug Klugsch...erei für heute.
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