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Sachbücher



Carl du Prel

Die Planetenbewohner und die Nebularhypothese

rezensiert von Thomas Harbach

Mit Carl du Prels „Die Planetenbewohner und die Nebularhypothese“ legt der Kleinverlag Dieter von Reeken einen weiteren, aus heutiger Sicht im Grunde vergessenen sekundärliterarischen Text mit astronomischen Schwerpunkt auf. Im Gegensatz zum fast vierzig Jahre später veröffentlichten „Bewohnte Welten“ von Wilhelm Meyer und den außerordentlich farbenprächtigen Schriften des Franzosen Flammarion – dessen fiktive Romane und Thesenpapiere sich in Punkto Einfaltsreichtum kaum voneinander unterscheiden – agiert du Prel sehr verhalten, sehr stringent, aber auch immer wieder überraschend phantasievoll. Der aus einem alten burgundischen Adelsgeschlecht stammende du Prel ist im April 1839 im niederbayerischen Landshut geboren worden. Nachdem Besuch des Gymnasiums und einem Studium an der Universität München diente er als Freiwilliger in der bayerischen Armee von 1859 und 1872. Seine Karriere endete als Hauptmann. Allerdings ist insbesondere die vorliegende Arbeit auf keinen Fall militärisch, sondern ein im Kern absolute friedliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Theorien über das Leben im All. Vergleicht man auch an dieser Stelle den Text mit einigen anderen Arbeiten, die Dieter von Reeken in den letzten Jahren mit Sammlerleidenschaft – das Leiden ist groß geschrieben, der Begriff des Sammeln sollte unter Suchen, Finden und einer kleinen interessierten Handvoll von Fans vorstellen eingeordnet werden – veröffentlicht hat, so fällt gleich auf den ersten Blick die friedliche, gedanklich sehr fundamentalistische Erkundung des Alls auf. Die Idee, die kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Erde zu fernen, ebenfalls bewohnten Planeten zu transportieren und ins Unermessliche zu steigern, kommt in keinem dieser kleinen Bücher. Von den bekannten wissenschaftlichen Fakten ausgehend spekulieren sehr unterschiedliche Charaktere wie Meyer, Flammarion oder auch Max Valier. Letztere hat die eher theoretischen Gedankenmodelle seiner Vorgänger mit grenzenlosem Ehrgeiz in die Realität umzusetzen suchen. Noch während der Zeit seines Militärdienstes promovierte du Prel an der Universität Tübingen mit einer Arbeit über Traumdeutung – ebenfalls ein kleineres Element dieser Studie – und begann mit einer Reihe von spiritistischen und okkulten Schriften. 1873 erfolgte unter dem Titel „Der Kampf ums Dasein am Himmel“ seine erste Arbeit in dieser Richtung – der Titel wirkt martialischer als der Inhalt -, dem er sieben Jahre später diesen Text folgen ließ. In einer von ihm 1886 mitbegründeten psychologischen Gesellschaft beschäftigte er sich aktiv auch mit parapsychologischen Versuchen. 1899 verstarb der vielseitige interessierte Carl du Prel

Zeit seines Lebens entwickelte der Schriftsteller insbesondere seine erste astronomische- philosophische Arbeit deutlich weiter. Schon neun Jahre später veröffentlichte er eine dritte Auflage unter dem neuen Titel „Entwicklungsgeschichte des Weltalls“ und dem Untertitel „Entwurf einer Philosophie“. Die Doppelnatur seiner Forschungen – einmal das natürliche bodenständige Verhalten der Menschen, dann die Untersuchung von außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen wie Traumleben, Trance oder Hypnose – auch in Hinblick auf eine jenseitige Welt fern ab der Wahrnehmungsfähigkeit der menschlichen Sinne bildet eine nicht zu verachtende Grundlage von „Die Planetenbewohner und die Nebularhypothese“. Wer jetzt allerdings Seelenwanderungen als Vorgriff auf Carl Grunert und seinen Äther oder Kurd Laßwitz spätere esoterische Werke erwartet, wird enttäuscht. Sowohl in diesem Buch als auch dem hier vorliegenden Text steht im Mittelpunkt seines Gedankenmodells die Kant- Laplacesche Nebularhypothese, in der du Prel versucht, insbesondere die Lehren Darwins auf die übrigen Welten auszudehnen und dort ebenfalls von einer natürlichen Selektion der Arten im stetigen Überlebenskampf unter oder wegen anderen Lebensbedingungen auszugehen. So beginnt das Buch auch mit einem kurzen Gedankenflug durch das Sonnensystem, bevor sich der Autor in den nächsten beiden Kapiteln mit einigen Ergänzungen zur bislang publizierten Hypothese aufhält und somit neue Leser erst einmal in seinen „Kosmos“ überzeugend und nachvollziehbar einführt. Wie bei allen philosophischen Texten ist es wichtig, die Position des Autors im Rahmen seiner Thesen zu akzeptieren und alle eigenen Gedanken von dieser eingeschränkten Position heraus schweifen zu lassen. Natürlich reizt insbesondere du Prels oft provokante Art der Thematisierung zum Widerspruch und zu einer ausgiebigen Auseinandersetzung mit seinen Ideen und Vorstellungen, aber der Grundeinstieg zu diesem nicht immer leicht zu lesenden Text folgt nur über eine gemeinsame Basis und die baut der Autor nach eigenem Gutdünken sehr geschickt durch eine Reihe kürzerer Thesen- Antithesen, der Zusammenfassung der von ihm übernommenen Hypothese und schließlich den Beginn seiner auf bekannten Fakten Spekulation auf.

Insbesondere für den vorliegenden Stoff ist es wichtig, die alten Regeln von These und Antithese zu akzeptieren und zu extrapolieren. Im Gegensatz zu Flammarions sehr gut zu lesenden Ideenmodellen agiert du Prel deutlich bodenständiger, fast verhalten. Es empfiehlt sich, eine gewisse Geduld mitzubringen und das Buch als reinen sekundärliterarischen Text und nicht als verkappten Roman zu sehen. Sobald der Leser diese Position akzeptiert hat, erschließt sich ein interessanter Gedankenkosmos. Die Idee, die Lehren Darwins auf andere Welten zu übertragen, erscheint aus heutiger Sicht wenig revolutionär. Insbesondere verschiedene Variationen utopischer Literatur bis zu Olaf Stapledons außerordentlichen Romanen - und der Reflektion seiner Thesen in Stephen Baxters Werk, siehe hier insbesondere „Der Orden – haben sich mit dieser Möglichkeit der Artenauswahl nicht sonderlich beschäftigt, sie haben sie einfach in ihre Romane integriert. Es gibt im Grunde keine phantastische Literatur, die im Rahmen der Entwicklung anderer Zivilisationen inklusiv der hierarchischen Strukturen und der sozialen Komponenten gegen Darwins Theorie gearbeitet hat. Oft findet dieser Ausleseprozess sogar mitten in der Lektüre statt. Um diese sachlichen Zwänge eines guten Unterhaltungsromans reduziert wirken du Prels Gedankenmodelle allerdings sehr distanziert, ein wenig steif und nur selten nicht überzeugend. Aber nicht nur Darwins Theorien spielen eine wichtige Rolle. Du Prel unternimmt im vorliegenden Band immer wieder kurze, scheinbar abgeschlossene Reisen in den Kosmos, bezieht sich auf Keppler und Newton und untersucht im Kleinen seine Theorien. Sehr geschickt kehrt er dann fast unmerklich zu seinem Ausgangspunkt – nach welchen Kriterien kann Leben im All sich entwickeln – zurück und variiert diese Reise um eine weitere These oder eine Idee. Resonanzboden seiner Arbeit ist und bleibt der Mensch. Sein Buch versucht an Hand der Entwicklung des Menschen – nicht der historischen, sondern der körperlichen und später geistigen Entwicklung – in Kombination mit der Natur – in diesem Fall in erster Linie die Sonneneinstrahlung und damit Temperaturen einer fremden Welt und deren Einfluss auf die Sinne des Menschen – sich ein Bild vom Leben im All zu machen. Dabei baut er allerdings auch sehr komplexe, manchmal schwierig zu folgende Gedankenmodelle auf, um im Umkehrschluss zu einer verblüffend einfachen, aber für den Außenstehenden als plausibel zu akzeptieren Antwort zu kommen. Nicht zuletzt aufgrund dieser Textdichte – sowohl stilistisch als auch vom Gedankengut her – ist du Prels bislang der Autor, dessen Werk wirklich als reine Philosophie für einen kleinen elitären Kreis zu sehen ist und weniger die „Massen“ begeistern oder überzeugen soll.

Natürlich ist die Grundprämisse immer, einem Gedankenmodell zu folgen, das in sich geschlossen ist und natürlich Widerspruch hervorrufen wird. Im Vergleich zu anderen Autoren seiner Zeit, versucht Carl du Prel nicht, gegenständige Probleme oder gar Meinungen in seine kleine Schrift zu integrieren, sondern bleibt seinen aufgestellten Prämissen treu, die er mal farbenprächtig, dann zu trocken sowohl aus naturwissenschaftlicher Sicht als auch sozialer Verantwortung – vor dem Hintergrund von Darwins Evolutionstheorie, die als Grundlage vom Leser in Gänze akzeptiert werden muss – in verschiedene Richtungen analysiert und versucht, dem Leser eine möglichste komplexe und stichhaltige These zu unterbreiten. Aus heutiger Sicht haben diese kleine Bände in erster Linie historische Bedeutung, denn die meisten Themen dieses Bandes sind – was die wissenschaftlichen Fakten angeht – inzwischen von der Realität eingeholt worden und selbst die verschiedenen Thesen über die mögliche intellektuelle Natur werden zumindest im letzten Teil des Buches unnötig komplex konstruiert als wirklich entwickelt. Hier fehlt ihm die natürliche Erzählkraft eines Prosaschriftstellers und vor allem in einigen Abschnitten die nicht immer notwendige, aber bei so trockenem Stoff hilfreiche Phantasie, die Thesen lockerer und vor allem beispielhafter zu präsentieren. Der Rückgriff auf mathematische Thesen – Gott sei Dank nicht oft – und eine Fülle von Nebeninformationen machen es nicht einfach, den interessanten, aber nicht unbedingt fesselnden Stoff wirklich zu genießen. Carl du Prel mit seiner spürbaren spiritistischen Ausrichtung einen interessanten Gegenpol zu den kosmopolitischen Philosophen der französischen Schule dar.

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Carl du Prel: "Die Planetenbewohner und die Nebularhypothese"
Sekundärwerk, Softcover
Dieter van Reeken 2006

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