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Sachbücher



Christian Heermann

Der Mann, der Old Shatterhand war

rezensiert von Thomas Harbach

„Der Mann, der Old Shatterhand war“ ist 1988 noch im Verlag der Nation zu DDR Zeiten erschienen. 14 Jahre später hat der Karl May Experte sein Werk grundlegend überarbeitet und unter dem Titel „Winnetous Blutbrüder“ ist der Band im Karl May- Werk – inzwischen wieder Radebeul/ Bamberg – ebenfalls veröffentlicht worden. Trotzdem lohnt es sich aus heutiger Sicht, auf das Originalwerk zurückzublicken. Der 1936 in Chemnitz geborene Heermann gilt als ausgesprochener Karl May Experte und hat zusammen mit anderen Autoren insgesamt 11 Bücher zum sächsischen Schriftsteller verfasst. Nach einem Studium der Physik und der Mathematik in Leipzig arbeitete Heermann als Lehrer an einer Oberschule und von 1963 bis 1992 als Mathematiker an der Leipziger Universität. Seit 1993 ist Heermann Beirat des Karl-May-Hauses in Hohenstein- Ernstthal.

Christian Heermann beginnt seine Biographie mit einer Reihe von Zitaten aus den frühen Werken Mays. Dabei versucht der Autor die Faszination wie Intensität des sächsischen Autodidakten mit einem spürbaren Sendungsbewusstsein anhand dieser markanten Szenen festzumachen. Erst danach schlägt Heermann den Bogen zu Menschen May, der von seinem sozial familiären Umfeld ebenso gebrandmarkt fürs Leben geworden ist wie von seinen (klein-) kriminellen Taten. Heermann beginnt aber seine Geschichte nicht mit der Geburt des Schriftstellers, sondern beleuchtet die schwierige Wirtschaftslage der (Heim-) Weber in einem sich wirtschaftlich im Zuge des industriellen Revolution verändernden Umfeld. Diese sozialpolitischen Exzesse – ein wenig aus der Perspektive des Arbeiter und Bauernstaates eingefärbt – durchziehen insbesondere den ersten Teil der Sammlung und wirken aus heutiger Sicht ein wenig archaisch, sind aber in Hinblick auf die ideologische Konzeption interessant. So wird May hinsichtlich einiger Diebstähle eine gestörte Persönlichkeit dargestellt, deren Ziel der „Rache“ an seiner Heimat sich in sinnlosen Diebstählen ausgedrückt hat. Auf der anderen Seite hat er mit seinen Falschgeldtricks bzw. seinen Hochstaplereien zumindest einige Menschen geschädigt, die nicht auf Versicherungen zurückgreifen konnten. Auch die „Mitnahme“ der Uhr des Kollegen – die erste „kriminelle“ Tat – wird stark entschuldigend relativiert. Es findet sich aber kein Hinweis, dass der ein wenig eitle May einfach hätte fragen können. An einigen Stellen fällt Heermann anscheinend ein wenig die Distanz zum Objekt seiner Studien, in dem er versucht, May eher als unschuldiges Opfer einer insbesondere gegenüber den armen Menschen feindseligen monarchistischen Gesellschaft darzustellen. Anders lassen sich die Querverweise auf die milden Strafen „reicher“ oder geachteter Bürger nicht verstehen. Unabhängig von dieser Schwäche gelingt es dem Autoren eindrucksvoll, Mays eigene Berichte in „Mein Leben und Streben“ zu widerlegen, aber auch zu unterstreichen. So hat zwar May in dem kleinen Haus in Ernstthal gelebt, aber nicht mit seinen zahlreichen Geschwistern zusammen. Als die Familie größer geworden ist, mussten Mays Eltern das geerbte Haus verkaufen und in eine kleine Mietwohnung ziehen. Ein anderes Beispiel ist der Beginn seiner literarischen Karriere, wo er zum Teil maßlos übertrieben hat. Der Doktortitel scheint ihm zumindest in den ersten Jahren eher vom Verleger aufgedrängt worden zu sein als das er ihn selbst angenommen hat. Heermann zeigt May als auf der einen Seite nach Anerkennung gierenden Mann, der dank seiner literarischen Entfaltung und seines Erfolges versuchte, aus seinem bisherigen niedrigen Stand auszubrechen, auf der anderen Seite als nicht unbedingt selbstbewusste Persönlichkeit, der sich – wie andere Abenteuerschriftsteller in der Tradition Gerstäckers – nicht immer aus seiner literarischen Scheinwelt in die Realität zurückfinden konnte. Christian Heermann zeigt bei all seinen Ambitionen May nicht als Unschuldsengel, sondern in erster Linie als sehr strebsamen Mann, der weder in einer liebevollen Familie aufgewachsen ist noch eine besonders glückliche Ehe bis auf die rosigen Anfänge geführt hat. Was die Faszination insbesondere der ersten Auflage der Biographie ausmacht, ist die intensive Beschäftigung mit Karl Mays rückblickend segensreicher Tendenz, persönliche Siege wie Niederlagen in seinen Abenteuerromanen und späteren Abenteuererzählungen zu verarbeiten. So sind Karl Mays erste Texte nicht in der Ich- Erzählperspektive geschrieben worden. Gleichzeitig taucht in „Das Waldröschen“ ein junges Mädchen auf, das anscheinend – soweit die Recherchen – Karl Mays uneheliche Tochter sein könnte. Die erste Ehe Mays beginnt – folgt der Leser den entsprechenden Zitaten aus seinen Romanen – harmonisch. Christian Heermann ist der Ansicht, erst Mays Versuch, seine uneheliche Tochter zu adoptieren, hat zum endgültigen emotionalen Bruch mit seiner ersten Frau geführt. Mays „Feinde“ in den zahlreichen Prozessen verarbeitet der Autor in seinem Spätwerk, in dem er nicht zuletzt nach seiner Weltreise als Friedensmann zu profilieren sucht. Im Vergleich zu „Ich“ arbeitet Christian Heermann nicht nur Karl Mays Schock heraus, das die Realität insbesondere des Nahen Ostens nicht mit seinen Reiseerzählungen übereinstimmt. Diese Konfrontation mit den Fakten führt direkt oder indirekt zu zwei Nervenzusammenbrüchen auf der Reise. In „Winnetou IV“ integriert Karl May sich und seine zweite Frau in die laufende Handlung und führt am Grabmal Winnetous seine Vision mit den von ihm geschönten Fakten zusammen. Dank Christian Heermanns genauer Recherchen lässt sich die Wankelmütigkeit in Mays Werk sehr gut mit seinem nicht immer geradlinigen und nur in einer kurzen Phase – mit Beginn der Veröffentlichung der gesammelten Reiseerzählungen – wirklich glücklichen Leben in einen engen Zusammenhang bringen. Dabei argumentiert Christian Heermann immer sehr wohlwollend für den Dresdner Autoren. Manche Lügengeschichte – der Henrystutzen sei beim Büchsenmacher in Reparatur, während May das Gewehr erst einige Jahre später in Auftrag gegeben hat – wird eher als dichterische Freiheit aus der Notlage heraus begründet, in welche sich May mit seinen immer eloquenteren „Lügengeschichten“ gebracht hat. In einem Punkt macht es sich Christian Heermann zu einfach. Auch andere deutsche Autoren wie Friedrich Gerstäcker haben in der fiktiven Welt ihrer Reiseerzählungen „gelebt“ und konnten sich schwer mit der Realität abfinden. Im Vergleich aber zu May haben sie erst die Welt bereist und dann – exemplarisch sei hier Gerstäcker genannt, den es immer wieder in die weite Welt hinausgezogen hat – aus dem Erlebten sowie dem Erzählten abenteuerliche Geschichten gemacht, deren Hintergründe eine Mischung aus Erfahrungen der ersten Hand und ihnen erzählten Anekdoten/Legenden/Sagen ist. Im Gegensatz zu Karl May haben andere Autoren die Aufmerksamkeit ihrer Leser mit ihrem Werk und dann erst ihrer Person erregt, während May schnell nach den ersten literarischen Erfolgen seine Persönlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes aufmöbliert und präsentiert hat. Dieser Unterschied wird zu wenig extrapoliert und Heermann findet als Amateurpsychologe teilweise zu passende, zu hingebogene Erklärungen wie Entschuldigungen.

Einen breiten Raum – sicherlich mit imperialistischen Seitenhieben auf die kapitalistische Übermacht USA angereichert – nehmen die reale Geschichte der Indianer und ihre Vertreibung aus ihren Lebensräumen ein. In Bezug auf die Unterschiede zwischen Mays „Winnetou“ Vision, seinen literarischen Wurzeln – in diesem Punkt bleibt Heermann erstaunlich vage, während andere Essays sich differenzierter, aber auch zitierfreudiger mit den zahlreichen Quellen Mays auseinandersetzen – und der zum Zeitpunkt seiner ersten Romane bekannten wie historisch verbürgten Realität schwankt der Autor in seiner Analyse zwischen solide interessant und oberflächlich konstruiert. Dabei ist es erstaunlich, das Heermann erst sehr viel später auf das Menschenbild eingeht, das May in seinen strukturell eher enttäuschenden und nach vorgegebenen Schemata aufgebauten Werken entworfen hat. Zumindest zum Zeitpunkt der ersten Winnetou/ Old Shatterhand bzw. Kara Ben Nemsi/ Orientgeschichten gibt es kein reales Vorbild, das May unabhängig von seiner Person für die literarische Arbeit extrapoliert hat. In seinen frühen Arbeiten hat May im Gegensatz zur bitteren Realität sein Helden zu Rächern/ Detektiven und Heroen stilisiert, denen alles gelungen ist, was ihm in seinem bisherigen Leben verwehrt worden ist. Auch hier arbeitet Heermann hervorragend den Bezug zwischen Mays eigenen Erlebnissen und seinen literarischen Arbeiten heraus.
Zusammengefasst ist „Der Mann, der Old Shatterhand war“ eine sehr unterhaltsam geschriebene, reichhaltig bebilderte Biographie – die Druckqualität der Bilder mit ihrem Gelbstich ist allerhöchstens akzeptabel, hier ist die umfangreich überarbeitete Neuausgabe vorzuziehen - , die ansatzweise dem Leser den Schöpfer Winnetous näherbringt. Viele Fragen werden angerissen, die Antworten sind nicht immer gänzlich befriedigend oder umfassend. Wie May in „Mein Leben und Streben“ hat der Leser zumindest abschnittweise das Gefühl, als versuche Heermann die „Ehre“ Mays ein wenig abseits von der Realität wieder herzustellen. Der Autor differenziert zwar zwischen Mays noch verklärender und die Fakten verdrehender Autobiographie und den Tatsachen, aber wenn eine kritische Analyse der Handlungen Mays verlangt wird, bleibt der Autor im Vergleich zu den nicht selten ausgesprochen detailliert recherchierten Fakten vorsichtig, distanziert und oberflächlich. Als erster Einstieg in Karl Mays sicherlich nicht einfaches und bewegtes, mit vielen Höhepunkten wie Tiefschlägen gesegnetes/ verfluchtes Leben eignet sich insbesondere die vor mehr als zwanzig Jahren im Verlag der Nationen und in erster Linie auf Material aus DDR/ Ostblockarchiven basierende Biographie ausgezeichnet. Ein umfangreicher Anhang sowie eine graphische Darstellung der Familie May gleich zu Beginn des Buches bilden eine ausreichende Grundlange für ein erstes Kennenlernen. Es empfiehlt sich, Christian Heermanns Text vor Karl Mays „Mein Leben und Streben“ zu lesen. Beide Bücher zusammengefasst laden schließlich zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit Mays Leben in „Winnetous Blutsbruder“ ein, bevor die May Forschung in der fünfbändigen „Karl May Chronik“ ihren im Grunde faktisch alles erschlagenden Höhepunkt findet.

Christian Heermann: "Der Mann, der Old Shatterhand war"
Sachbuch, Hardcover, 406 Seiten
Verlag der Nation 1988

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