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Sachb√ľcher



Kurd Laßwitz

Gustav Theodor Fechner

rezensiert von Thomas Harbach

Mit der Biographie und im zweiten Teil kritischen Auseinandersetzung mit Fechners Gedankenmodell f√ľhrt Herausgeber Dieter von Reeken die Ver√∂ffentlichung der sekund√§rliterarischen Schriften Kurd La√üwitz im Rahmen seiner Kollektion Kurd La√üwitz weiter fort. La√üwitz hat sich insbesondere in seinen sp√§ten Schriften wie ‚ÄěSternentau‚Äú oder ‚ÄěAspira‚Äú mit der von Fechner propagierten Allbeseelung zumindest der Natur, wenn auch nicht des Universums auseinandergesetzt. Schon Kurd La√üwitzs erste literarische, noch romantisch gef√§rbte Arbeiten haben verschiedene Ideen Fechners eher impliziert, aber f√ľr den Leser deutlich erkennbar vertreten. Neben Immanuel Kant geh√∂rt Fechner zu den Philosophen und Wissenschaftlern, mit denen sich Kurd La√üwitz auch sekund√§rliterarisch auseinandergesetzt hat. Er hat an der Werksausgabe von Kants gesammelten Schriften mitgearbeitet und eine kurze Schrift √ľber dessen Kritik des Erkennens verfasst hat. Mit der Gedankenwelt des Gustav Theodor Fechners hat sich La√üwitz nicht nur im Rahmen der hier neu ver√∂ffentlichten Biographie, sowie einer kritischen Betrachtung dessen Gedankenmodells auseinandergesetzt, sondern ist insbesondere auf Fechners Arbeiten ‚ÄěNanna oder √úber das Seelenleben der Pflanzen‚Äú (1848) sowie ‚ÄěZend- Avesta oder √ľber die Dinge des Himmels und des Jenseits‚Äú (1851) in extra f√ľr die Neuauflagen geschriebenen Einleitungen und Vorw√∂rtern eingegangen. Dieter von Reeken hat diese seltenen Texte als Anhang an Fechner hier vorliegende Biographie dem Leser ebenfalls zur Kenntnis gebracht. Somit stellt der f√ľnfte Band in der Abteilung II in dieser Form eine Erstver√∂ffentlichung dar. Auch wenn es im Rahmen der beiden l√§ngeren Texte sowie der Einleitungen und Vorw√∂rter zu √úberschneidungen und Wiederholungen kommt, hat sich Dieter von Reeken richtig entschieden, als Aufs√§tze und Essays zum Thema Fechner in einem Band zusammenzufassen.
Das Interessante insbesondere des zweiten Teils ‚ÄěDas Weltbild‚Äú √ľberschrieben ist Kurd La√üwitzs eher ambivalentes Verh√§ltnis zu Fechnerns Theorie. Sie geht dem Autoren teilweise zu weit und ist gegen√ľber wichtigen Erkenntnissen zu widerspr√ľchlich sowie als Ganzes gesehen zu unkritisch. Beginnt der Leser Kurd La√üwitzs These allerdings in einen engen Zusammenhang mit La√üwitzs eigenen literarischen Arbeiten zu stellen, so √ľberrascht die Tatsache, dass die fehlende Selbstkritik positiv zu Arbeiten wie ‚ÄěSternentau‚Äú oder ‚ÄěAspira‚Äú beigetragen hat. Phantasievoll hat der Autor die positiven, wenn auch aus heutiger Sicht fast naiv erscheinenden Aspekte von Fechners Lehren in eine romantische, dem Menschen als H√∂hepunkt der Sch√∂pfung kritische Geschichte integriert und auf phantastische Weise extrapoliert. Auch in Kurd La√üwitzs Werk findet sich keine kritische Selbstreflektion. Nat√ľrlich flie√üen zumindest nach der hier zusammengefassten Aspekten die weltlichen wie religi√∂sen Aspekte zusammen. Die Religion hat der Gymnasiallehrer und Naturwissenschaftler Kurd La√üwitz in seinen ersten Arbeiten durch eine Art mystische Wesenheit der Natur ‚Äď siehe den Gott der Berge, der in ‚ÄěSternentau‚Äú das menschlich irdische Geschehen eher verwundert verfolgt ‚Äď ersetzt. Entspricht diese leichte Pagan- Kult nicht Fechners Ann√§herung an eine allumfassende Sch√∂pfung? In wie weit Fechner seine Lehre als eigenst√§ndige Religion verstanden haben wollte, erschlie√üt sich dem Leser im Grunde an keiner Stelle des Essays wirklich. Viel mehr hat man den Eindruck, als s√§he Fechner die beseelte Natur als einen nat√ľrlichen und wichtigen Bestandteil der allumfassenden Sch√∂pfung. Gott ist ein elementarer Bestandteil seiner Theorie. Aber in diesem Punkt ist er sicherlich nicht der einzige Philosoph, der in seinen Elfenbeint√ľrmen auch auf die Religion zur√ľckgegriffen hat. Das Dogmatische seiner Arbeit bedingt sich aus dem abstrakten Ansatz, der im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Fortschritten auf den Gebieten der Biologie, der Physik und auch der Chemie von Anfang an weder beim Menschen noch bei der Natur wirklich greifbar ist. Selbst Kurd La√üwitz findet keinen √ľberzeugenden Beweis f√ľr die Seele im Menschen, geschweige denn in der Natur. La√üwitz kritisiert zu sehr, dass Teile seiner Thesen Produkte der Phantasie sind. Welche Philosophie ben√∂tigt nicht einen Hauch an Phantasie, um sich zu entfalten? Die Trennung ist dem Naturwissenschaftler La√üwitz zu wenig scharf. Ebenfalls ein Vorwurf, den ein Leser auch Kurd La√üwitz phantasievollen Geschichten machen k√∂nnte. In diesen Texten verbindet der Autor nicht selten die Idee der beseelten Natur mit modern denkenden und vor allem wissenschaftlich ausgebildeten Protagonisten. Am Ende zieht Kurd La√üwitz das Fazit, dass Fechner mit seinen Ideen zwischen allen St√ľhlen gesessen hat. Obwohl auch heute noch interessant und teilweise ungew√∂hnlich modern zu lesen, fehlt Kurd La√üwitz am Ende der Mut, ein positives oder negatives Fazit zu ziehen und sich entsprechend √ľberzeugend gegen oder f√ľr Fechners Lehre zu positionieren. Viele Gedanken aus den Vorw√∂rtern bzw. Einleitungen werden im Hauptwerk ‚ÄěDas Weltbild‚Äú geschickt extrapoliert, teilweise auch gedanklich von Kurd La√üwitz relativiert, aber der Leser vermisst am Ende eine √ľberzeugende Resonanz hinsichtlich des eigenen Schaffens und einer m√∂glichen Integration der nicht unbedingt negativ gemacht Au√üenseiterideen Fechners.
Sehr viel lesenswerter und interessanter ist das erste Essay, in dem Kurd La√üwitz ausf√ľhrlich und teilweise sehr mitf√ľhlend auf Fechners ‚ÄěLeben und Wirken‚Äú eingegangen ist. Im Gegensatz zum nicht zuletzt aufgrund seines Berufs als Gymnasiallehrer in sicheren finanziellen Verh√§ltnissen lebenden La√üwitz hat sich Fechner sehr fr√ľh durch seine intensiven Studien insbesondere auch mit optischen Lichteffekten sowie Elektrizit√§t das Augenlicht schwer gesch√§digt und hat drei Jahre krankheitsbedingt kaum arbeiten k√∂nnen. Seine ersten literarischen Versuche fanden auf dem Gebiet der humoristischen Schriften ‚Äď auch La√üwitz hat sich Zeit seines schriftstellerischen Lebens auf diesem Gebiet immer wieder getummelt ‚Äď statt. Im Gegensatz zu Kurd La√üwitz hat sich Fechner gegen weitere belletristische Arbeiten entschieden. Kurd La√üwitz hat mit seinen ersten Arbeiten ‚Äď siehe sowohl den unter Pseudonym ver√∂ffentlichten Roman ‚ÄěSternentau‚Äú als auch ein entsprechendes Theaterst√ľck ‚Äď getummelt, w√§hrend Fechner schlie√ülich im Anschluss an seine Krankheit zur Philosophie gewechselt und Mitte des 19. Jahrhunderts seine wichtigsten Thesen ver√∂ffentlicht hat. W√§hrend Kurd La√üwitz nach dem √ľberragenden Erfolg seines Science Fiction Epos ‚ÄěAuf zwei Planeten‚Äú, das mehr Ideen aus der Glaubenslehre Kants als Fechners verarbeitet hat, literarisch in Vergessenheit geraten ist, konnte sich Fechner zumindest √ľber berufliche Ehren wie den Ehrendoktor der Medizin und die Ehrenb√ľrgerschaft seiner Heimatstadt Leipzig freuen. Insbesondere das √§sthetische Assoziationsprinzip wird nicht nur heute noch angewandt, sondern unterstreicht Fechners Bedeutung f√ľr den ganzen Bereich der heutigen √Ąsthetiklehre.
Nicht zuletzt aufgrund der Bedeutung Fechners au√üerhalb seiner Theorie der beseelten Natur und nat√ľrlich der Seltenheit des vorliegenden Textes ist La√üwitzs Essay √ľber den Philosophen Fechner eine wichtige Erg√§nzung der literarischen Ver√∂ffentlichungen im Rahmen der Kollektion La√üwitz. Ein direkter Vergleich offenbart, an welchen Stellen sich La√üwitz wie f√ľr die eigenen Arbeiten hat inspirieren lassen. Wie alle Texte dieser Kollektion La√üwitz des Dieter von Reeken Verlages ist der Band liebevoll mit einem informativen Vorwort sowie ausf√ľhrlichen Erg√§nzungen versehen worden. Im Bereich der sekund√§rliterarischen Arbeiten sicherlich Kurd La√üwitzs vielschichtigste, wenn auch ambivalente Ver√∂ffentlichung.


Kurd Laßwitz: "Gustav Theodor Fechner"
Sachbuch, Hardcover, 236 Seiten
Dieter von Reeken 2009

Weitere BŁcher von Kurd La√üwitz:
 - Aspira
 - Auf zwei Planeten
 - Bilder aus der Zukunft
 - Die Lehre Kants von der Idealit√§t des Raumes und der Zeit,
 - Gedichte und Erz√§hlungen
 - Geschichte der Atomstik vom Mittelalter bis Newton Band 2
 - Herr Strehler und der poetische Hauslehrer
 - Natur und Mensch
 - Nie und Immer
 - Schlangenmoos
 - Schlangenmoos und Sternentau
 - Seelen und Ziele
 - Seifenblasen
 - Seifenblasen und Traumkristalle
 - Studien
 - Wirklichkeiten
 - √úber Tropfen, Atomistik und Kriticismus
 - Zivilsation und Kultur

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