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Mystery (diverse)



Jonathan Barnes

Das Könighaus der Monster

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Das Königreich der Monster” liegt nach “Das Albtraumreich des Edward Moon” der zweite Roman des freien Kolumnisten Jonathan Barnes als Hardcover auf deutsch vor. SpĂ€testens mit dem vorliegenden Abenteuer sollte sich Barnes mit allen Vor- aber auch Nachteilen als Mitglied des New Weird etabliert haben. Betrachtet der Leser alleine das GrundgerĂŒst der beiden Romane, so fallen die Überschneidungen extrem ins Auge. In beiden Roman bedroht eine dunkle, ĂŒbernatĂŒrliche Macht spezifisch London und im ĂŒbertragenen Sinne ein stilisiertes britische Imperium. Verschiedene Fraktionen und Geheimdienste versuchen diese Bedrohung, die zwar allgegenwĂ€rtig ist, sich aber erst auf den letzten Seiten des jeweiligen Romans wirklich manifestiert, zu unterstĂŒtzen oder zu bekĂ€mpfen. In beiden Romanen steht ein klassischer sozialer Außenseiter im Mittelpunkt des Romans, der entweder geheimnisvoll unterstĂŒtzt oder von den dunklen MĂ€chten bedroht, schließlich direkt oder indirekt den SchlĂŒssel zur Rettung des Status Quos sinnbildlich in den HĂ€nden hĂ€lt. In seinem ersten Roman malte Jonathan Barnes ein verklĂ€rtes Bild des britischen Imperiums kurz vor seinem Zusammenbruch am Beginn des 20. Jahrhunderts. Ganz bewusst griff Barnes die AtmosphĂ€re der Sherlock Holmes Geschichten, eines Charles Dickens oder die Horrornovellen eines Stevensons und baute auf diesen bekannten Grundlagen eine eigenstĂ€ndige Verschwörung auf. Die Gaslampen, die Pferdekutschen, der britische Nebel und schließlich auch der schwarze Humor bildeten einen interessanten, zeitlosen Gegenpol zu den skurrilen bis bizarren Ereignissen, in deren Mittelpunkt eben der unscheinbare, aber befremdliche Edward Moon gestanden hat. Auf den ersten Blick bietet Jonathan Barnes seinen Lesern mit einer in der Gegenwart angesiedelten Handlung, den chinesischen Restaurants und vor allem dem Londoner Riesenrad als Zentrale des Direktoriums einen starken Kontrast. Betrachtet der Leser allerdings die HintergrĂŒnde intensiver, gibt es im vorliegenden Roman kein Element, dass sich nicht ohne Probleme um einhundert Jahre in die Vergangenheit - dort liegt auch der Kern allen Übels- versetzen ließe. Der Roman ist im Grunde in der Gegenwart angesiedelt und verklĂ€rt wie auch Barnes Erstling die Vergangenheit des britischen Imperiums. Der Kontrast zwischen den wirklich verrĂŒckten und unerklĂ€rlichen Ereignissen und der eher nĂŒchternen Gegenwart muss vom Leser und dem Autoren auf den ersten Seiten erst ĂŒberwunden werden. Dazu kommt als weiteres Manko, dass Jonathan Barnes mit Henry Lamb einen andersartigen und leider nicht ganz so charismatischen Protagonisten wie Edward Moon etabliert hat. Lamb arbeitet in einem riesigen Archiv. Als kleiner Junge hat er unter der Regie seines inzwischen im Koma liegenden Großvaters in einer schrecklich schlechten Fernsehserie mitgespielt. Viele Menschen erkennen ihn aufgrund seiner Vergangenheit wieder. Lamb selbst schĂ€mt sich fĂŒr diese Auftritte, er ahnt nicht, dass in dieser kleinen unscheinbaren Rolle ein wichtiger SchlĂŒssel zur Rettung Londons versteckt ist. Eine der schönsten und bizarrsten Szenen kommt nach wenigen Seiten. Henry Lamb besucht seinen im Koma liegenden Großvater im Krankenhaus. Auf dem Nachhauseweg stĂŒrzt ein Fensterputzer aus der fĂŒnften Etage ab und schlĂ€gt in einer Sequenz, die nicht ganz zu fĂ€llig an Monty Python erinnert, unmittelbar neben Henry Lamb ein. Kurz bevor er das Bewußtsein verliert, kann der Fensterputzer Henry noch zu röcheln, dass die Antwort Ja ist Wie es sich fĂŒr Pythons Sketche gehört, gibt es keine Hintergrundinformationen. Der Leser weiß genau wie Henry Lamb nicht, woher der unbekannte Fensterputzer seinen Namen weiß und wem er die geheimnisvolle Antwort geben soll. Aber diesem Augenblick gerĂ€t aber das bislang geordnete und natĂŒrliche langweilige Leben Henry Lambs komplett aus jeglichem Gleichgewicht. Er wird von dem Direktoriums angeheuert, um zwei verrĂŒckte und exzentrische Killer Hawker und Boon - diese beiden gehörten direkt aus einem James Bond Film in Barnes Roman umgestiegen sein - zu verhören. Plötzlich entgegen jeglicher chronologischer Struktur eröffnet Barnes eine zweite Handlungsebene, in welcher von einem Pakt des Königshauses einhundert Jahre in der Vergangenheit mit dem geheimnisvollen Leviathan berichtet wird. FĂŒr Macht und Drogen wird London inklusiv aller Einwohner verkauft. Bis etwa zur Mitte des Romans gelingt es Barnes, diese beiden Handlungsebenen souverĂ€n zusammenzufĂŒhren, bevor er das Element eines unzuverlĂ€ssigen ErzĂ€hlers unnötigerweise hinzufĂŒgt, der Henry Lambs Berichte gehĂ€ssig kommentiert.

Trotz aller Verschleierungen prĂ€sentiert Jonathan Barnes in Kleid des New Weird die klassische Faustgeschichte. Das Könighaus hat einen Deal abgeschlossen und einhundertfĂŒnfzig Jahre spĂ€ter wird die Rechnung prĂ€sentiert. Eine kleine Gruppe inklusiv des unbescholtenen und naiven Henry Lambs kĂ€mpfen gegen den Deal und versuchen das von Lambs Großvater versteckte Geheimnis unter Kontrolle zu bekommen. Über weite Strecken gelingt es Jonathan Barnes diesen Handlungsbogen sehr solide, mit bizarren, aber interessanten Ideen versehen, zu erzĂ€hlen, bevor er auf den letzten Seiten plottechnisch unter Druck gerĂ€t und versucht, alles auf wenigen Seiten verzweifelt originell, aber rĂŒckblickend stark bemĂŒht zu Ende zu bringen. FĂŒr die lange und teilweise auf den ersten Seiten brillante Exposition ist die folgerichtige, dunkle Auflösung nicht zufrieden stellend und wirkt eher wie ein fauler Kompromiss gegenĂŒber dem bodenstĂ€ndigen Leser als eine originelle und vor allem lange geplant Auflösung. Die Detektivstory - Lamb als unfreiwilliges Mitglied des Direktoriums - funktioniert auch nur teilweise. Lamb ist ein zu passiver Charakter, im Grunde eine absichtliche Chiffre, die ZĂŒge eines Nick Hornby Protagonisten in sich trĂ€gt, diese aber nicht auslebt - wirkt noch bemĂŒhter und verfĂ€ngt sich zu schnell in bizarren Ideen. Die Liebesgeschichte dagegen ist in der ersten HĂ€lfte sehr ĂŒberzeugend, sehr differenziert und vor allem sehr emotional geschrieben, bevor Jonathan Barnes gegen jegliche Klischees zu rebellieren sucht und solide aufgebaute Charaktere im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft zerreißt. Als Satire auf die britische BĂŒrokratie, die jegliche Kontrolle ĂŒber ihre BĂŒrger und Archive verlieren hat, wirkt die vorliegende Geschichte wie eine schwerfĂ€llige Mischung zwischen “Brazil” und wieder “Monty Python”. Diese AnsĂ€tze sind allerdings nicht sonderlich originell. Positiv gesehen sind insbesondere die grotesken Nebenfiguren deutlich dreidimensionaler, ĂŒberzeugender und nuancierter beschrieben worden. Es ist sicherlich kein Zufall, dass insbesondere im phlegmatischen Mittelteil der Leser Henry Lamb im Grunde aus den Augen verliert, um ĂŒber die verschiedenen Charaktere wie den Geheimdienstchef, die beiden Killer Hawker und Boon sowie den schwachen Ehemann der Königin Victoria zu schmunzeln. Je mehr Jonathan Barnes von seinem schwachen Plot abweicht und den Hintergrund seiner Geschichte belebt, um so dreidimensionaler und interessanter ist “Das Königreich der Monster”. FĂŒr den Leser stellt sich allerdings die Frage, ob die angesprochenen StĂ€rken und SchwĂ€chen “Das Königreich der Monster” zu einem besseren oder schlechteren Roman machen als “Das Albtraumreich des Edward Moon”. Die Antwort ist jein. Wer den ersten Roman geliebt hat, wird viele Ă€hnliche AnsĂ€tze bei einer allerdings deutlich schlechteren Geschichte im zweiten Roman wieder finden. Wer gerne die Welten des Jonathan Barnes kennen lernen möchte, ist mit dem ersten und deutlich origineller, freier und improvisierter im positiven Sinne wirkenden ersten Buch besser bedient. SpĂ€testens in seinem nĂ€chsten Werk sollte Jonathan Barnes herausstellen, dass es ihm gelingt, Plot und AtmosphĂ€re zu einer ĂŒberzeugenden Einheit zu verbinden und das andere originelle Geschichten erzĂ€hlen kann. Plottechnisch gesprochen handelt es sich bei “Das Königreich der Monster” um eine Art Remake des ersten Buches, das von seiner GrundprĂ€misse des unwahrscheinlichsten Individuums, das schließlich eine gigantische Verschwörung aufdeckt und eine Katastrophe verhindert, nur hintergrundtechnisch und hinsichtlich der Protagonisten neue Ideen anbietet. Das ist eindeutig zu wenig fĂŒr einen jungen Autoren.

Jonathan Barnes: "Das Könighaus der Monster"
Roman, Hardcover, 397 Seiten
Piper Verlag 2009

ISBN 9-7839-4270-1761

Weitere Bücher von Jonathan Barnes:
 - Das Alptraumreich des Edward Moon

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