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Mystery (diverse)



Oscar Wilde

Das Bildnis des Dorian Gray

rezensiert von Thomas Harbach

Mit seinem einzigen Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” hat das Enfant Terrible der viktorianischen Gesellschaft nicht nur eine ähnliche bekannte Schauermär mit Stevensons “Jekyll und Hyde” verfasst - obwohl nur wenige Mal verfilmt stellt der Roman den Inbegriff des Narzissmus dar -, sondern sich im Gegensatz zu Stevensons alptraumartiger Gesellschaft auch noch über die adlige Gesellschaft lustig gemacht. Oscar Wilde ist als Oscar Fingal O`Flahertie Wills Wilde 1854 als Sohn eines ansässigen Arztes in Dublin geboren worden. Seine Mutter ist unter einem Pseudonym literarisch tätig gewesen. Nach seinem Studium, das er als brillanter, aber unberechenbar Schüler nach der Maxime “Kunst um der Kunst willen” abgeschlossen hat, schuf er sich mit seiner ersten Veröffentlichung “Poems” 1881 einen frühen Namen. Sowohl eine Reise in die USA als auch eine erste Ehe scheiterten. In der Folgezeit verfasste Oscar Wilde eine Reihe von Jugendgeschichten, in erster Linie für seine eigenen Söhne gedacht. Mit “The Picture of Dorian Gray” schuf er 1891 seinen einzigen Roman, bevor er sich als brillanter, scharfzüngiger und die Obrigkeit kontinuierlich kritisierender Theaterautor einen Namen machte. Sein letztes Theaterstück “Salome” wurde verboten. Kurz vor der Jahrhundertwende für Wilde für offensichtlich homosexuelle Beleidigungen eines Adligen zwei Jahre in Gefängnis gesteckt. Als gebrochener und verarmter Mann floh er in französische Exil, wo er 1900 mit knapp sechsundvierzig Jahren verstarb. Jeglichen Protest seinem Dorian Gray gegenüber versuchte er mit einem pointierten Vorwort, in dem er seinen Lesern ins Gewissen geschrieben hat, das es nur schlechte oder gute Bücher, aber keine moralischen oder unmoralischen Geschichte, im Vorwege die Luft zu nehmen. Dabei ist “tue Picture of Dorian Gray” mehr als eine klassische Horrorgeschichte, um einen unheilvollen, aus Wut einem Unbekannten gegenüber ausgestoßenen Faustuspakt. Alleine die Auftaktsequenz, in welcher Oscar Wilde mit verblüffender Einfachheit die Männer Menage de Trois etabliert, ist bewundernswert konstruiert worden. Lord Henry Wotton besucht das Atelier eine befreundeten, offensichtlich nicht aus adligen Kreisen stammenden Malers. Basil Hallward wird knapp beschrieben. Danach greift Oscar Wilde auf ein späteres Ereignis zurück und löst für den Leser in diesem Augenblick noch nicht erkennbar, die stringente Handlung spielerisch auf. Wotton fällt das Portrait eines wunderschönen jungen Mannes auf, das Basil Hallward von ihm und für ihn gemalt hat. Die Überschrift des ersten Kapitels weist den Leser darauf hin, dass es sich nur um das Bild von Dorian Gray handeln kann. Schnell impliziert Oscar Wilde, dass Lord Henry Wottons Interesse über das künstlerische Interesse hinausgeht. Basil Hallward bietet den Freund, ihm Dorian Gray nicht wegzunehmen. Als Gray wieder das Atelier des Künstlers betritt, ist der schwellende und er auf den ersten Seiten des Buches entstandene Konflikt im Grunde schon entschieden. Wotton wird sich zukünftig um den auf den ersten Blick etwas naiven, eitlen, aber auch intelligenten Gray kümmern, während der künstlerisch begabte Mann aus dem Mittelstand das Portrait fertig stellt und es schließlich Gray überlässt. Alleine die Auftaktsequenz ist packend und vielschichtig geschrieben, die Dialoge ungewöhnlich stimmig, extrem pointiert und teilweise erstaunlich offen zweideutig. Erst mit den nächsten beiden Kapiteln tritt der Leser zusammen mit Wotton einen Schritt zurück und überlässt Gray die Bühne. Dieser füllt sich auf der einen Seite trotz einer nicht ganz astreinen Abstammung begütert in London sehr wohl. Er verliebt sich in eine einfache Schauspielerin, die er heiraten möchte. Diese Beziehung scheitert in erster Linie an Grays Unfähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Es ist erstaunlich, wie ähnlich Dorian Gray in diesen Passagen insbesondere dem im Grunde tierischen Hyde wird. Aber Oscar Wilde achtet darauf, seinen Unmenschen - dessen Geheimnis als einziger der Leser durch den ganzen Roman dank verschiedener intensiver Monologe weiß - immer als arrogantes Mitglied der gehobenen Gesellschaft zu zeigen, die ihn abgöttisch, aber unerwidert verehrt. In einem Moment voller Emotionen verflucht Dorian Gray sein Schicksal und projiziert seine dunklen Seiten in das inzwischen in einem immer abgeschlossenen Raum seines großen Hauses hängenden Portrait, während er selbst immer jung und schön bleibt. Oscar Wilde geht auf dieses übernatürliche Elemente nicht weiter ein. Was anfänglich wie ein leeres Versprechen erscheint wird insbesondere im Mittelteil des Buches intensiver herausgearbeitet. Im Gegensatz zu Jekyll & Hyde muss Dorian Gray auf keine geheimen Formeln zurückgreifen, sondern bleibt alleine aufgrund der Kraft seines Wortes jung. Während Stevenson in Hyde den Ausdruck der unterdrückten Emotionen der gehobenen britischen Gesellschaft gesehen hat, bewegt sich Dorian Gray auf einem sehr schmalen Grad. Das erste Verbrechen in seiner unmittelbaren Umgebung hat er nur angestoßen, das zweite Mal muss er selbst töten, um seine Vergangenheit zu schützen und das dritte Mal ermordet er einen Freund, weil ihn seine Emotionen übermannen. Aber keine dieser drei Taten steht in einem direkten Zusammenhang mit seinem Pakt. Es ist vielmehr so, dass Oscar Wilde in ihnen eine intensive Ausdrucksmöglichkeit der charakterlichen Schwächen Grays sieht. Im Mittelteil des Buches erzeugt Oscar Wilde alleine aufgrund eines Missverständnisses - der Bruder eines der indirekten Opfer Grays lässt sich von seiner Jugend täuschen - Spannung. Viel mehr drängt er das phantastische Element der Geschichte in den Hintergrund, um das arrogante, selbst verliebte und letzt endlich inhaltsleere Leben der Oberschicht zu entlarven und ihre Nutzlosigkeit seinen Lesern deutlich vor Augen zu führen. Dazu nutzt Oscar Wilde im Grunde zwei Figuren. Zum einen der Protagonist Dorian Gray zwischen Irrsinn und Egomanie. Oscar Wilde nimmt sich sehr viel Zeit, sein Umfeld, seine Herkunft, seinen Stand sowie seine Ansichten und Marotten zu beschreiben. Dabei wird Dorian Gray nicht zum Spiegelbild der Gesellschaft, sondern zum Mittelpunkt der aristokratisch- arroganten Oberschicht. Ihm fällt alles zu und er nimmt alles mit: Frauen, Drogen und reine Genusssucht. Es gibt für ihn keine moralischen Grenzen und Wilde heroisiert dessen im Grunde teilweise kriminelles Verhalten übermaßen. Die enge Bindung zu seinem im Grunde das exzessive Leben abfedernden Portrait wird immer für alleine für den Leser herausgearbeitet.

Lord Wotton als reicher Dandy, welcher der Ansicht ist, das er alles mit Geld kaufen kann, agiert nicht selten als Katalysator der kommenden Ereignisse. Er dominiert mit seiner verführerischen, aber offensichtlich falschen Art sowohl den Auftakt des Romans als auch unmittelbar vor dem dunklen Showdown die Auflösung diverser Handlungsstränge. Er verführt den bis dato unschuldigen Dorian Gray, das Leben in vollen Zügen zu genießen, die Grenzen zu erweitern und keine Rücksicht mehr auf sein Umfeld zu nehmen. Später ahnt/ weiß er Dorian Grays Geheimnis, gibt sich immer als dessen Freund aus, ist aber unwillig einzugreifen. Er manipuliert den jungen und zu Beginn noch „unschuldigen“ Gray in seinem Sinne und der Leser hat zumindest phasenweise das Gefühl, als wäre Lord Wotton an einer Liason nicht uninteressiert. Der Künstler Basil bleibt die tragische Figur, die schließlich an den eigenen, unstandesgemäßen Vorstellungen scheitern wird und folgerichtig auch scheitert. Daneben reiht Oscar Wilde eine ganze Schar von farbenprächtig egozentrischen und affektierten Persönlichkeiten vielleicht sogar des damaligen Londoner öffentlichen Lebens aneinander und lässt sie unterschiedlich auf Dorian Gray reagieren. Die Beschreibungen sind immer stark am Rande zur Karikatur, aber einfallsreich und dreidimensional.

Die zu hektische, aber konsequent folgerichtige Auflösung erinnert ein wenig zu sehr – wenn auch unter anderer Prämisse – an Stevensons Roman. Beide Charaktere sterben einsam und alleine in vertrauter Umgebung. In beiden Fällen dringt der Leser zusammen mit möglichen Rettern in diesen abgeschlossenen Raum ein. Während Stevenson sehr viel mehr erläutert als Oscar Wilde, überlässt es der Autor ausschließlich der Phantasie des in diesem Fall allwissenden Lesers, die Zusammenhänge zwischen dem inzwischen wieder zeitlosem Portrait und dem über Nacht vergreisten Gray herzustellen. Wilde verzichtet positiv auf die moralische Verurteilung seines tragischen Protagonisten, der deutlich unsympathischer und affektierter erscheint als Dr. Jekyll, der das nicht ganz unschuldige, aber nicht vorsätzlich beschworene Opfer eines Selbstexperimentes geworden ist.

Stilistisch auch in der Originalfassung ansprechend und anspruchsvoll, aber mit gut zu goutierenden, zeitlosen Dialogen; intensiven, ungewöhnlich lebensnahen und interessanten Beschreibungen, die teilweise außergewöhnlich detailliert sind. Der Plot ist etwas zu dünn für den Umfang des Romans. Nach einem soliden Auftakt verzettelt sich Oscar Wilde zu sehr in seiner Gesellschaftssatire, um erst spät, aber nicht zu spät über die eher zu simpel gestaltete Rachegeschichte wieder zum mysteriösen Element der Handlung zurückzufinden. Auch knapp einhundertzwanzig Jahre nach der Entstehung des Romans ein exemplarisches und uneingeschränkt lesenswertes Werk des viktorianischen Schauerromans, deutlich besser in die Gesellschaft und Zeit eingebunden als die Arbeiten Arthur Conan Doyles oder R. L. Stevensons.

Oscar Wilde: "Das Bildnis des Dorian Gray"
Roman, Softcover, 360 Seiten
Komet 2003

ISBN 9-7838-9836-3631

Weitere Bücher von Oscar Wilde:
 - Lord Arthur Saviles Verbrechen

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