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Mystery (diverse)



Maurice Leblanc

Arsene Lupin und der Schatz der Könige von Frankreich

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Arsene Lupin und der Schatz der Könige von Frankreich” legt die Edition Matthes & Seitz in Berlin nach “Die GrĂ€fin Cagliostro” einen zweiten Roman ihrer wohl gestalteten Arsene Lupin Reihe vor. Der Roman ist allerdings schon mehrmals unter dem deutlich bekannteren Namen “De hohle Nadel” in Deutschland publiziert worden. Der Untertitel “Die Konkurrenten des Arsene Lupin” fasst den Inhalt der Geschichte nicht schlecht zusammen. In Frankreich ist dieser Band 1909 als dritte Veröffentlichung der Arsene Lupin Abenteuer aus der Feder Maurice LeBlancs erschienen, der von dem ungeheuren Erfolg der BĂŒcher ĂŒberrascht worden ist und spĂ€testens eine berĂŒhmte Haßliebe zu seiner Figur entwickeln sollte. Es ist nur die erste von zahlreichen Geschichten, in denen sich der Meisterdieb von der Öffentlichkeit mit einem Paukenschlag verabschieden wollte, in welcher er getötet worden ist oder in den seltensten FĂ€llen sich einmal vorlĂ€ufig geschlagen geben musste. Es ist schade, das sich der Verlag Matthes & Seitz weder auf eine chronologische Reihenfolge noch eine Publikationsfolge festlegen wollte, die Arsene Lupins abenteuerreichen Leben entspricht. So wird der Leser nach dem ersten Band im Grunde mit einem mĂŒden Arsene Lupin konfrontiert, der vor allem ĂŒber weite Strecken der Handlung nicht auftritt, aber allgegenwĂ€rtig ist. Bei einem nĂ€chtlichen Überfall schießt die Nichte des bestohlenen Opfers auf die flĂŒchtenden TĂ€ter und verwundet zumindest einen der MĂ€nner. Die sofort eingeleitete Suche ist ergebnislos, der Schwerverletzte ist verschwunden. Die Polizei insbesondere in Person des bekannten Inspektors Ganimard tappt im Dunklen. Der Leser ahnt, das es sich bei dem dreisten Diebstahl um einen Plan Arsene Lupins handeln muss. Nur weiß auch er nicht, wie schwer der König der Diebe verwundet worden ist. Nach diesem rasanten und stimmungsvoll geschriebenen Auftakt wechselt das Szenario. Die BĂŒhne betritt weder Inspektor Ganimard noch Lupins Erzfeind Herlock Sholmes, sondern der Abiturient Isidore Beautrelet. Auch wenn Maurice LeBlanc mit dem Namensspiel Herlock Sholmes dem britischen Meisterdetektiv kein besonders schmeichelhaftes Denkmal gesetzt ist, ist es die Figur des jugendlichen Privatdetektivs und SchĂŒlers, welche Doyles Schöpfung am nĂ€chsten kommt. In der Schule wird er immer wieder von seinen MitschĂŒlern mit Problemen konfrontiert und löst dieser nicht nur dank seiner Beobachtungsgabe, sondern vor allem dank seines scharfen Verstandes, der mit unbestechlicher Logik die schwierigsten RĂ€tsel lösen kann. Schnell rekonstruiert er das Versprechen und ist der Ansicht, das Arsene Lupin schwer verletzt darauf wartet, gefangen genommen zu werden. Drohungen von Lupins Gefolgsleuten scheinen dessen Theorien zu bestĂ€tigen. Als schließlich auch noch die Nichte entfĂŒhrt wird, damit Rache genommen wird, ist Beautrelet davon ĂŒberzeugt, dem Meisterdieb eine Falle gestellt zu haben. Der Leser verfolgt die Ermittlungsarbeit ausschließlich aus der Perspektive des jungen, ein wenig arrogant wirkenden Ermittlers, der mit seinem Verstand die französische Polizei als Idioten dastehen lĂ€sst. Maurice LeBlanc fĂŒhrt in dieser Geschichte im Grunde einen neuen positiven Helden ein, der zwischen Abitur und Verbrecherjagd zumindest fĂŒr einen Augenblick sein Herz verschenkt. WĂ€hrend der Narziss Arsene Lupin die Presse als BestĂ€tigung seiner großartigen Taten nutzt und braucht, ist sie fĂŒr den jungen Beautrelet nur ein kleiner Teil seines Plans.
Sicherlich provoziert Maurice Leblanc mit dieser ungewöhnlichen Perspektive sein geschĂ€tztes Publikum, er vermeidet auf diese Art und Weise aber auch unnötige Wiederholungen. Arsene Lupin ist im Grunde ein zu großer Gegner fĂŒr die Welt. Selbst aus dem GefĂ€ngnis heraus hat er seine Bewacher und den Staat im ersten Band der Serie verspottet. Um sich nicht gĂ€nzlich in eine Ecke zu schreiben, experimentiert Maurice Leblanc in seinen ganzen Arsene Lupin Geschichten sehr viel. Die Ergebnisse sind nicht immer positiv, im vorliegenden Band funktioniert dieser fast absolute Perspektivwechsel ausgezeichnet, auch wenn Beautrelet im Vergleich zum Meisterdieb eine deutlich schwĂ€chere, zu positiv und vor allem zu distanziert beschriebene Figur ist. In der Mitte des Buches ist der Leser davon ĂŒberzeugt, das die Lebensgeschichte Arsene Lupins im Grunde zu Ende ist. Mit dem ersten Auftritt seiner charismatischen Gestalt zerstört Maurice Leblanc die sehr sorgfĂ€ltig aufgebauten Theorien und ein ungeahntes Katze- und Mausspiel beginnt, das schließlich an der französischen KĂŒste tragisch endet. Im Grunde hat Maurice Leblanc im vorliegenden Buch zwei sehr unterschiedliche Handlungen kombiniert. Kaum ist Beautrelet das erste Mal klĂ€glich gescheitert, weil er sich scheut, auf das gleiche Niveau wie Arsene Lupin herabzusteigen, beginnt eine neue Jagd. In dessen Mittelpunkt steht der geheimnisvolle Schatz der Könige von Frankreich, der Notgroschen, welcher die große Nation mehr als einmal gerettet hat. Auch hier wird das Geschehen bis zu der Flucht, die einem Jules Verne Roman entsprungen sein könnte, fast ausschließlich aus der Perspektive Beautrelets erzĂ€hlt, bis Arsene Lupin nicht nur seine ĂŒberraschenden Motive, sondern vor allem die einzelnen Puzzleteile zusammensetzt. Obwohl der Autor die handlungstechnische Struktur zweimal im Roman verwendet und vor allem im Notfall mehrmals - und nicht nur in dem vorliegenden Roman - auf gĂ€ngige Klischees wie die EntfĂŒhrung eines nahen Verwandten und die entsprechenden Drohungen zurĂŒckgreift, ist “Arsene Lupin und der Schatz der Könige von Frankreich” sicherlich der beste Arsene Lupin Roman aus Maurice LeBlanc Feder. Die episodenartige Struktur von “Arsene Lupin- Gentlemen Gauner” fehlt, die beiden Handlungsbögen sind weit gespannt und werden vor allem mit sehr vielen interessanten Hintergrundinformationen und gut gezeichneten Charakteren ausgemalt. Hinsichtlich seiner Werke ist sicherlich “Die Insel der dreißig Tode” ein deutlich stringenteres und besseres Buch, aber “Die Insel
” braucht Arsene Lupin nicht, der in den letzten Kapiteln quasi im VorĂŒbergehen viel zu spĂ€t und unnötig in die Handlung eingreift. Das vorliegende Werk lebt alleine vom Meisterdieb. Ohne seine Arroganz und seinen Narzissmus hĂ€tte das Buch nicht funktioniert. HĂ€tte sich Arsene Lupin entschlossen, seinen Plan konsequent und vor allem im Stillen umzusetzen, er hĂ€tte sicherlich besser funktioniert. Aber Lupin mußte sich noch einmal seinen zahlreichen Konkurrenten auf einmal stellen, um der Welt, seinen Feinden und vor allem sich selbst zu beweisen, das er der grĂ¶ĂŸte Dieb aller Zeiten ist. In dem kurzen Moment des Triumphs liegt auch die Tragik dieser Geschichte. Wie so oft hat Arsene Lupin auf der einen Seite alles gewonnen und auf der anderen Seite alles verloren. Es ist eine Kunst, den Verbrecher, aber nicht Mörder Lupin als den eigentlich sympathischen Verlierer darzustellen. Diese Vielschichtigkeit ist auch der große Unterschied zu Maurice Leblancs Vorbild, dem unerreichten und abgrundtief bösen Fantomas. Auf den letzten Seiten zeigt Maurice Leblanc eindeutig, auf welcher Seite seine Sympathien liegen und er stempelt sowohl die Ermittler um Inspektor Ganimard als auch den intelligenten Beautrelet zu Verlierern. Sowohl auf der intellektuellen als auch der emotionalen Ebene. Damit der Plot wirklich so funktioniert, muss Maurice Leblanc die Handlung bis in die kleinste Kleinigkeit vorplanen und konstruieren. Darum wirkt der vorliegende Band weniger natĂŒrlich, weniger spontan und vor allem auch weniger anarchistisch als zum Beispiel die einzelnen Episoden und Kurzgeschichten, welche der Meisterdieb dem nur selten in Erscheinungen tretenden Ich- ErzĂ€hler berichtet. In der Mitte des Buches durchbricht der Autor die Handlungsebene der dritten Person und bezieht den Chronisten auf der ersten Ebene in die Handlung ein. Diese Szene stellt im Grunde die Trennlinie zwischen den beiden im Herzen untrennbar verbundenen Spannungsbögen des vorliegenden Bandes dar. In ihr ĂŒbernimmt Arsene Lupin wieder das Kommando, nach dem er lange Zeit sich von seinen Wunden erholen musste. Dabei mischt der Autor durchaus Kritik an den Oberen, in diesem Fall den verschwenderischen Königen in den Text. Arsene Lupin wird zum Eulenspiegel, der mit seiner Frechheit manchem Politiker, Polizisten oder einfach König den Spiegel ins Gesicht hĂ€lt.

“Arsene Lupin und der Schatz der Könige von Frankreich” ist ein sehr vielschichtiges Buch. Gegen Ende des Handlungsbogens wird der Ton melancholisch, als wenn sich Maurice Leblanc stellvertretend fĂŒr den Leser von seiner grĂ¶ĂŸten Schöpfung verabschieden möchte. Dieser Grundton ist sicherlich ernst gemeint gewesen. Die PopularitĂ€t der Figur, sein charismatischer Charme und vor allem sein unbeugsamer Revolutionsgeist. Die Opfer Arsene Lupins sind immer die Reichen, die Aristokratie.
Auch wenn Lupin in erster Linie fĂŒr sich selbst gestohlen hat, liebt ihn das Volk dafĂŒr.
Dabei geht es dem Meisterdieb weniger um den Reichtum, es geht ihm um die Herausforderung, den Kitzel, Schicksal zu spielen. Und diese einzigartige Mischung hat das Volk bewegt. Die Verkaufserfolge und vor allem die Resonanz im Volk haben immer wieder zu seiner Auferstehung gefĂŒhrt. Dabei hat Maurice Leblanc oft die Grenzen der Phantasie gebeugt. Im vorliegenden Band verfolgt der Leser zum ersten Mal in den insgesamt zwanzig Romanen, wie sich Arsene Lupin aus der Öffentlichkeit zurĂŒckziehen möchte. Alleine diesen Weg zu verfolgen ist ein einziges literarisches VergnĂŒgen. Die Dialoge mögen aus heutiger Sicht stellenweise ein wenig zu schwĂŒlstig, zu gekĂŒnstelt wirken, aber Erika GebĂŒhr hat in ihrer gelungenen Übersetzung ein Frankreich auferstehen lassen, wie es in dieser Form niemals gegeben hat. Falk Nordmann aus Berlin hat nicht nur die zahlreichen Innenillustrationen geschaffen, sondern auch das passende und stimmungsvolle Titelbild gestaltet. Ein weiterer schöner Band dieser empfehlenswerten Arsene Lupin Edition.

Maurice Leblanc: "Arsene Lupin und der Schatz der Könige von Frankreich"
Roman, Hardcover, 271 Seiten
Matthes & Seitz 2008

ISBN 9-7838-8221-6110

Weitere Bücher von Maurice Leblanc:
 - Die GrĂ€fin Cagliostro

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