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Mystery (diverse)



Gordon Dahlquist

Die Glasbücher der Traumfresser

rezensiert von Thomas Harbach

Der Blanvalet Verlag hat sich mit dem Erstling des 1961 in Seattle geborenen Gordon Dahlquist ausgesprochen viel Mühe gegeben. So hat man in Anlehnung an die amerikanische, aber nicht die britische Ausgabe Penguin Dahlquist Epos in kleine Groschenromane mit jeweils gut einhundert Seiten Umfang aufgeteilt und diese dann zusammen mit Schuber veröffentlicht. Sorgfältig illustriert versucht der Verlag das gotisch- viktorianische Gefühl ebenso heraufzubeschwören wie Dahlquist eine überzeugende, aber manchmal zu stark konstruierte Hommage an die Pulpabenteuer des Strandmagazins geschrieben hat. Dabei ließe sich sein Epos weniger mit Autoren wie Doyle, Haggard oder Wells vergleichen, sondern erinnert mit seiner Retroaufmachung eher an Alan Moores „League of Extraordanary Gentlemen“ oder Jonathan Barnes „Das Königreich der Monster“. Inzwischen ist die Fortsetzung „Das Dunkelbuch“ ebenfalls im Blanvalet- Verlag erschienen.

Das Grundprinzip des umfangreichen Romans ist vorhersehbar. Man nehme drei sehr unterschiedliche, aber nicht reine oder nur gute Helden und konfrontiere sie erst einzeln, dann wider Willen als Team mit einer Gefahrensituation und einer Handvoll sehr unterschiedlich gestalteter Schurken/ Antagonisten. Mehr oder minder liegt das Schicksal der Welt in ihren Händen. Es steht außer Zweifel, dass sie am Ende des mehr oder minder stringent erzählten Plots zumindest kurzzeitig als Sieger das globale oder wie im vorliegenden Fall das überwiegend britische Schlachtfeld der Ehre verlassen. Ein kurzer Ausblick auf mögliche weitere Aufgaben, ein Zusammenwachsen und gegenseitiges Respektieren in der Gruppe und schon ist die Mischung aus Haggards Abenteuergarn, der H.G. Wells Variante britischer Utopie oder frühzeitlicher Science Fiction, der viktorianischen Romanze mit Zügen des Grotesken oder einfach eine unterhaltsame Geschichte mit einem detailliert entwickelten Hintergrund und interessant gezeichneten Charakteren fertig. Insbesondere in der englischen bzw. amerikanischen Originalausgabe ist Gordon Dahlquist parodistisch angelegte Grundkonstruktion inklusiv der teilweise bissigen, dann wieder satirisch unterhaltsamen Dialoge sehr gut zu erkennen.

In den ersten drei langen Einführungskapiteln stellt der Autor seinen Lesern die drei sehr unterschiedlichen Charaktere und späteren Helden aus Notwendigkeit, wenn auch nicht Überzeugung ausführlich an Hand ihrer Taten und weniger über langweilige und lange Beschreibungen vor. Diese Struktur der wechselnden Erzählerperspektive – alle in der dritten Person geschrieben – behält Dahlquist im Grunde bis zum langen, aber solide erzählten Showdown bei. Der Leser bewegt sich dabei teilweise deutlich vor den alternierenden Figuren, was in einzelnen Abschnitten die Spannungskurve stark nach oben treibt, in anderen Passagen aber auch leichte Langeweile aufgrund des Wissensvorsprungs aufkommen lässt. Die Plotstruktur ist schon nach dem Einführungskapitel mit Miss Temple gut zu erkennen. Sie wird von ihrem Verlobten sitzen gelassen. Verletzt und neugierig ist sie der Ansicht, dass dieser inzwischen eine andere Frau kennengelernt hat. Sie folgt ihrem Ex- Verlobten nachts zu einem Maskenball in einem abgelegenen Schloss, wo anscheinend Experimente an Menschen vorgenommen werden. Die Hintergründe kann sie nicht erkennen, da sie entdeckt, bedroht und beinahe ermordet wird. In letzter Sekunde kann sie fliehen und fährt mit dem ersten Zug am nächsten Morgen zurück. Hier trifft sie auf einen Auftragskiller mit schlechtem Sehvermögen und gutem Geschmack hinsichtlich anspruchsvoller Literatur. Die Begegnung ist noch flüchtig, der Leser ahnt aber, das Cardinal Chang im Roman eine wichtige Rolle übernehmen wird. Der Dritte im Bunde ist Dr. Abelard Stevenson, ein Kettenraucher, Leibarzt von nicht mehr makellosen Ruf und inzwischen Babysitter des Prinzen von Malckenburg, dessen Heirat arrangiert worden ist. Stevenson verliert den Kontakt zum anvertrauten Prinzen und muss sich auf die Suche nach dem jungen Mann machen.

Im Verlaufe der nächsten Kapitel müssen die drei sehr unterschiedlichen Charaktere nicht nur den Feind identifizieren, seine schamlosen Taten – wer aufmerksam den Titel des Buches auf die Handlung überträgt, wird die Motive der Schurken beim ersten Einsatz des „magischen“ Geräts erkennen – aufdecken und schließlich die Hintermänner stellen. Keine große Überraschungen, die Dahlquist im übergeordneten Plot anbietet. Das Buch lebt mehr von den fließenden, alternierenden Hinweisen auf die literarischen Vorlagen. So wirkt die Einführung Miss Temples selbst stilistisch wie eine Mischung aus einer Jane Austen Novelle, die von einem Psychoanalytiker wie Freud überarbeitet worden ist. Abelard Stevenson dagegen kann aus einer Geschichte R.L. Stevensons stammen. Jeden Augenblick hofft oder bangt der Leser, dass es zu einer Verwandlung in Mr. Hyde kommt. Cardinal Chang dagegen vereinigt die Züge eines Indiana Jones mit der teilweise ins Absurde gesteigerten Dominanz und Rücksichtslosigkeit eines Alan Quatermain mit zahlreichen Anspielungen auf eine Art viktorianischen James Bond, der inzwischen in die Jahre gekommen ist. Alle drei Figuren sind einzigartig und vielschichtig dreidimensional gezeichnet. Es fällt dem Leser schwer, sie in dieser Form als Menschen zu erkennen. Sie wirken stilisiert und überzeichnet, funktionieren aber vor dem Hintergrund des teilweise surrealistisch überspitzten Plots inklusiv der zahlreichen sexuellen Anspielungen und einem Hang zum latenten Sadismus insbesondere schutzlosen Frauen gegenüber ausgezeichnet. Auf der emotionalen Ebene gelingt es Dahlquist allerdings nicht, eine Verbindung zwischen Miss Temple und ihrem ehemaligen Verlobten herzustellen. Ihre Motivation, sich für die Beleidigung der aufgelösten Verlobung zu rächen, wirkt aufgesetzt. Die junge Dame wirkt eher wie eine Karikatur einer viktorianischen Lady. Als sich – für den Leser im Gegensatz zu den Charakteren offensichtlich – zärtliche Bande zwischen Miss Temple und einem männlichen Mitglied der Heldentruppe ergeben, werden diese burschikos unterdrückt. Die Idee einer Fortsetzung schwebt zu offensichtlich über dieser Szene. Dahlquist ist zu sehr in diese exzentrischen Protagonisten verliebt, als das er ihnen wirklich etwas böse zufügen möchte.

Die Idee des Glasbuches, in dem die privaten Erinnerungen wie auch Träume nach ihrem Absaugen aus dem Gedächtnis der unfreiwilligen Opfer aufbewahrt werden, ist faszinierend und hätte eine ausführlichere Extrapolation verdient. Am Ende kämpfen die Helden und Antagonisten nur noch um diese Bücher, ohne das sie die eigentliche Handlung vorantreiben. Es ist schade, das Dahlquist diese wirklich originelle wie bizarre Plotidee nicht stärker in den Mittelpunkt des insbesondere im Mittelteil eher schwächeren Spannungsbogens rückt. Die Actionszenen sind dagegen sehr gut beschrieben und die Balance aus teilweise schwarzem Humor und Spannung überzeugen. Nur verzettelt sich Gordon Dahlquist in diesem voluminösen Erstling teilweise zu sehr zwischen den wichtigen Sequenzen in unnötigen und rückblickend unwichtigen Kleinigkeiten. Er wirkt teilweise noch zu überambitioniert, als wolle er alle Ideen in diesen einen, ersten und vielleicht aus Furcht möglicherweise letzten Roman aus seiner Feder einbringen.

Dagegen ist der Hintergrund der Geschichte minutiös recherchiert. Ähnlich wie Jonathan Barnes in seinen bislang zwei Romanen des New Weird oder Ian MacDonalds Geschichte „Äther“ gibt sich Dahlquist sichtlich und sehr erfolgreich Mühe, ein viktorianisches England zu zeichnen, das es in dieser Form niemals gegeben hat. Der Leser akzeptiert die Stimmigkeit der Hintergründe – ein wenig modernisiert, ein wenig an den Ecken und Kanten geglättet und den Hintergründen von Doyles Holmes Geschichte angepasst – voller Freude und kann sich auf die immer positiv gesprochen grotesker werdende Handlung konzentrieren. Nicht alles an „Die Glasbücher der Traumfresser“ ist perfekt, aber für einen Erstling geht Gordon Dahlquist sehr viele Risiken ein und wird dafür belohnt. Immer wenn sich der Autor von den Gesetzmäßigkeiten des Genres löst, die er gerne parodiert und seiner Phantasie in einzelnen Szenen mit seinen im Gedächtnis bleibenden Charakteren die notwendige Freiheit gibt, funktioniert „Die Glasbücher der Traumfresser“ ausgezeichnet. Nicht alles ist perfekt, aber mit einem derartigen Epos gegen den Strom der Verlage zu schwimmen, verdient Respekt. Wer sich für das viktorianische New Weird interessiert, wird mit dem vorliegenden Werk vor allem in der liebevoll - an die alten Fortsetzungsromane angelehnten – gestaltete Schuberausgabe viel Freude haben.

Gordon Dahlquist: "Die Glasbücher der Traumfresser"
Roman, Hardcover, 896 Seiten
Blanvalet 2007

ISBN 9-7837-6450-2782

Weitere Bücher von Gordon Dahlquist:
 - Das Dunkelbuch

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