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Mystery (diverse)



Neil Gaiman

Zerbrechliche Dinge

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Zerbrechliche Dinge“ legt der Klett Cotta Verlag im Rahmen der Hobbit Presse eine Kurzgeschichtensammlung aus der Feder Neil Gaimans auf. Der populäre mit ambivalent talentierte Brite feiert mit „Fragile Things“ sein Debüt im „Herr der Ringe“ Verlag. Im Gegensatz zur Originalpublikation ist die Sammlung neu zusammengestellt worden. Die amerikanische und die britische Ausgabe bei Harper& Collins aus dem Jahre 2006 enthalten aber mit knapp über dreißig Beiträgen deutlich mehr „Geschichten & Wunder“ als die deutsche Hardcoverausgabe, die mit einem sehr großzügigen Schriftbild und dem Einleitungs/Titelblatt vor jeder Geschichte kostensparend und leider Preis treibend gesetzt worden ist. Hoffentlich schiebt der Klett Cotta Verlag nicht im Herbst einen zweiten Teil hinterher. Wer des Englischen mächtig ist, sollte auf die Originalausgaben zurückgreifen, da dort erst Neil Gaimans packend faszinierende Erzählgewalt erst richtig zur Geltung kommt. Ebenfalls fehlt ein Verzeichnis der Originaltitel.
Die meisten Texte sind sowohl in der englischen wie auch in der vorliegenden deutschen Fassung Nachdrucke aus Magazinen oder Anthologien. Im Jahre 2007 hat Neil Gaiman für die vorliegende Sammlung den LOCUS Award erhalten, die Kurzgeschichte „Wie man auf Partys Mädchen anspricht“ ist ebenfalls 2007 mit dem LOCUS ausgezeichnet und für den HUGO nominiert worden. 2006 hat “Sonnenvogel“, ein Jahr zuvor „Verbotene Bräute gesichtsloser Sklaven im geheimen Haus der Nacht grausiger Gelüste“, 2004 haben „Eine Studie in Smaragdgrün“ – ebenfalls Gewinner des HUGO – und „Closing Time“ sowie 2003 „Oktober hat den Vorsitz“ den LOCUS Award als beste Kurzgeschichte erhalten. Wie „Smoke& Mirrors“ unterstreicht „Zerbrechliche Dinge „Neil Gaimans Virtuosität auf dem Gebiet der grotesken Kurgeschichte. Manche der vorliegenden Texte weisen nur rudimentäre erzähltechnische Strukturen auf und überzeugen in erster Linie durch ihre zugrundeliegenden Stimmungen. Zusammengefasst spricht die Sammlung aber nicht nur die klassische Neil Gaiman Fans an, für die der Brite sowieso immer zu wenig schreibt, sondern gibt Neulingen einen ersten, sehr breiten Eindruck in das Phänomen Gaiman, das abseits aller kommerziellen Strukturen der Medienwelt sich eine eigene aus dunklen Märchen/Mythen/Sagen/Legenden bestehende Nische erschrieben hat.
Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen sicherlich die prämierten längeren Texte, aber ein geborener Erzähler wie Neil Gaiman kann sowohl in der Einleitung „Kies auf der Straße der Erinnerung“ wie auch in einer der wenigen Überleitungen „Gustav hat den Frack an“ kurze stimmungsvolle, aber plottechnisch nicht ganz befriedigende Anekdoten verstecken.
Die Ray Bradbury Hommage „Oktober führt den Vorsitz“ ist ähnlich strukturiert. Die zwölf Monate treffen sich, um sich gegenseitig Geschichte zu erzählen. Dabei bedingt der erzählende Monat die Stimmung der Geschichte. Natürlich steht im Mittelpunkt die melancholisch dunkle Geschichte des Halloween Monats Oktober, den Neil Gaimans Vorbild Ray Bradbury in so vielen inzwischen zu Klassikern gewordenen Geschichten literarisch verewigt hat.

Die eigentliche Auftaktgeschichte „ Verbotene Bräute gesichtsloser Sklaven im geheimen Haus der Nacht grausiger Gelüste“ unterstreicht umgehend Neil Gaimans Stärken wie Schwächen als Autor. Locker verbindet er stilistisch den Barock mit einer eher gotischen Horrorgeschichte inklusive zahlreicher implizierter Anspielungen auf die DeSade´s kunst und versucht dann den Bogen zur Gegenwart zu schlagen, in dem er sein Autoren Alter Ego die zahlreichen Klischees und schriftstellerischen Fallen möglichst elegant, wenn auch nicht uneigennützig umschiffen lässt. Das Ende ist leider modern offen, konstruiert und nicht nachhaltig genug, weil Neil Gaiman in dem kurzen Text seine Figuren zu wenig überzeugend extrapoliert hat. „Bitterer Kaffeesatz“ ist im Vergleich mit seinen Zombies eine bissigere mehr nuancierte Satire auf den populären Medienzirkus pseudowissenschaftlicher Forschungen und spiegelt die dunkle Stimmung sowie erhitzte Atmosphäre New Orleans in einer sehr unterhaltsamen, aber logisch betrachtet eher emotionslosen Geschichte wieder, in der viel geschieht, aber die einzelnen Elemente wie zufällig zusammengesetzte Versatzstücke wirken. Ganz bewusst bewegt sich Neil Gaiman immer am Rande der Erwartung des Lesers, aber „Bitterer Kaffeesatz“ fehlt der notwendige Schritt weiter zu einer perfekten, dunklen und den Zombiemythos Tahitis konsequent in die Gegenwart übertragenden Geschichte.
Wenn Neil Gaimans Magie funktioniert, dann entstehen so zeitlose, so verblüffend einfache mit tiefgründige Stories wie „Wie man auf Partys Mädchen anspricht“. Der Erzähler blickt – nur auf den ersten Blick die Spannung negierend – in die eigene Vergangenheit zurück und identifiziert sich mit dem Leser, in dem er eine im Grunde typisch männliche Schwierigkeit anspricht: wie lernt man auf einer Party die wunderschönen Mädchen kennen? Wie spricht man sie an? Nach dieser alltäglichen Prämisse fügt Neil Gaiman wie ein böser Zauberer eine unbestimmte, fast surrealistische Atmosphäre hinzu. Das Gefühl des Befremden schleicht sich weniger beim Erzähler als beim Leser plötzlich die innere Spannung erhöhend ein, bevor er mit dem offenen, die Phantasie anregenden Ende alle Möglichkeiten – vom ersten Sex bis zur Begegnung mit einer schönen Dämonen – ausbreitet und sich elegant aus der Affäre zieht. Die Begegnung des Alltäglichen mit dem Mystischen/Übernatürlichen oder Göttlichen – in „American Gods“ bzw. den „Sandman“ Comics auf den künstlerischen Höhepunkt getrieben – kennzeichnet Gaimans Werk und „Wie man auf Partys Mädchen anspricht“ ist eine wunderschöne, zeitlose Geschichte und einer der Höhepunkte dieser Sammlung.
Die sicherlich berühmteste Story ist der Sammlung ist natürlich “Eine Studie in Smaragdgrün“, die sowohl mit dem HUGO als auch dem LOCUS Award ausgezeichnet worden ist. Neil Gaiman trifft wunderbar den Tonfall der Doyle´schen Holmes Geschichten, wobei er auf den letzten Seiten fast als Epilog noch eine kleine Überraschung hinsichtlich der Erwartungshaltung des Lesers bereit hält. Geschrieben für die Sammlung „Dark Shadows over Baker Street“ mischt Gaiman perfekt den klassischen Kriminalroman mit den Weird Tales aus Lovecrafts Cthulhu Mythos. Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern versucht Gaiman nicht einen Fall mit übernatürlichen Wurzeln zu entwickeln, sondern als treues Mitglied der britischen Gesellschaft und damit natürlicher Untertan der Alten löst Holmes zumindest in der Theorie der Mord an einem deutschen Adligen auf Besuch in London mit seinem markanten Spürsinn, seiner Fähigkeit sich verkleidet unter das Volk zu mischen und schließlich dank einer kleinen Provokation. Gaiman lässt aber – wie es Doyle in einigen der besten Holmes Geschichten ebenfalls gemacht hat – den berühmten Detektiv nicht als klassischen Sieger vom Platz gehen, sondern zeigt ihm mit sichtlichem vielleicht sogar leicht sadistischen Humor seine Grenzen auf. Souverän geschrieben, stilistisch anspruchsvoll mit zahlreichen Querverweisen unter anderem auch auf Stevensons „Dr. Jekyll“, atmosphärisch beeindruckend kompakt, unterhaltsam, morbide und originell bildet „Eine Studie in Smaragdgrün“ nicht nur den zweiten Höhepunkt der Sammlung, sondern ist einer der besten Kurzgeschichten, die Gaiman in seiner bisherigen sehr erfolgreichen Karriere geschrieben hat.
Schon der Titel von „Die wahren Umstände im Fall des Verschwindens von Miss. Finch“ suggeriert, das Neil Gaiman niemals die Absicht hat, wirklich etwas zu erklären. Der Ich- Erzähler erinnert sich mit einem befreundeten Pärchen und der Titel gebenden Miss Finch an den Buch eine Freakshowzirkus. Die Beschreibung der einzelnen Räume ist grotesk, intensiv, morbide phantasievoll, überschattet aber das zu offene zu wenig stringente Ende der Story. Der ironisch humorvolle Unterton, in dem Neil Gaiman die Ereignisse mit sadistischer Freude erzählt, machen den Text trotz der angesprochenen Schwäche zu einem Lesevergnügen. „Feuervogel“s Ende ist für alle Leser im Gegensatz zu den Protagonisten klar zu erkennen. Eine exzentrische Gruppe hat sich wie ihre Vorfahren zur Aufgabe, von jedem Tier zu kosten. Eine ähnliche Thematik in Form einer klassischeren Vampirgeschichte findet sich auch in „Fressen und gefressen werden“. Natürlich trifft die Gruppe schließlich auf ein Tier, das ihnen der Legende nach aufgrund seiner Fähigkeit überlegen ist. Während „Fressen und gefressen werden“ nur aufgrund des melancholischen Grundtons überzeugt, ist „Feuervogel“ dank der überzeichneten, an Karikaturen viktorianischer Großmannssucht angelegten Charakteren überzeugend.
„Goliath“ ist die einzige klassische Science Fiction Geschichten der Sammlung, soweit man bei Neil Gaiman überhaupt von Science Fiction sprechen kann. Er hat die Story für eine Website geschrieben, die sich mit der „Matrix“ Trilogie auseinandersetzt. Sie ist allerdings nicht im Matrix- Universum angesiedelt und erinnert stimmungstechnisch/stilistisch im Verlaufe des interessanten Plots an eine Mischung aus Philip K. Dicks paranoiden Kurzgeschichten und Orson Scott Cards erstem „Ender“- Roman. Das dieses Genre Neil Gaiman nicht unbedingt liegt, zeigt sich insbesondere im experimentellen, aber zu unentschlossenem Mittelteil, während das dunkel nihilistische Ende befriedigender ist als die offenen Enden einer Reihe von anderen Texten dieser Sammlung.
„Der Herr des Tales“ ist eine Novelle, die in Gaimans „American Gods“ Universum angesiedelt ist. Der ruhelose Wanderer Shadow – im Roman schon mit Elementen der nordischen Mythologie in Verbindung gebracht – kommt auf seiner Reise nach Großbritannien. Er wird angeheuert, bei einem Wochenende extrem reicher Menschen eine Art Leibwächter zu spielen. Das Treffen findet in einem abgelegenen Haus statt, die Bezahlung ist überdurchschnittlich gut. Geschickt verbindet Neil Gaiman eine Kernsequenz der Beowolf- Sage mit der Melancholie der schottischen Landschaft. Shadow als Figur ist der klassische Einzelgänger mit einem sarkastischen Humor, den Neil Gaiman in vielen seiner Arbeiten so exemplarisch gut zeichnen kann. Als Unsterblicher muss er sich mehr unter die Menschen mischen als ihm lieb ist. Ein Fremdling unter den sterblichen niederen Kreaturen, verstossen von den Göttern, ein fliegender Holländer der normannischen Sagenwelt. Wer sich mit der Beowolf- Geschichte gut auskennt, wird das Ende der Novelle sehr weit im voraus ahnen. Ansonsten eine unterhaltsame Geschichte, die eine solide Ergänzung zu Neil Gaimans empfehlenswerten Epos darstellt.

Natürlich ist „Zerbrechliche Dinge“ insbesondere für des Englischen nicht mächtige Neil Gaiman Fans ein Pflichtkauf. Aufgrund mehr als zwei Handvoll fehlender Geschichten gegenüber der Originalausgabe sind die amerikanische und englische Fassung zu bevorzugen. So fehlt eine wundervolle Hommage an die Geistergeschichten eines M.R. James oder eine in C.S. Lewis „Narnia“ Universum spielende Story. Die Qualität der in dieser Restesammlung vertretenen Geschichten ist trotzdem überdurchschnittlich hoch. Nur wenige Texte erfüllen eher eine überleitende Anekdotenfunktion als das sie allein stehend überzeugen. Neil Gaiman ist ein wunderbarer, phantasievoller, aber von den reinen Stimmungen der Leser abhängiger Erzähler, dessen Vielseitigkeit aber in der neuen Zusammenstellung ein wenig zu kurz kommt. Zu viele Texte bieten dem Leser zu offene Enden an. Diese Erzählstruktur ist manchmal passend, aber in dieser Konzentration hat man das unbestimmte Gefühl, als fehle Neil Gaiman bei einigen Storys die Motivation, der letzte Biss, um seine solide bis sehr gute Grundidee bis zum letzten entscheidenden Augenblick zu extrapolieren. Insbesondere wer sich noch nicht mit der Prosa des „Sandman“ Schöpfers beschäftigt hat, wird in seiner hier vorliegenden zweiten Anthologie sehr viele Ansätze für weiteres Eindringen in die inzwischen fast unzählbaren „Universen“ finden. Aber das Betreten geschieht auf eigene Gefahr.

Neil Gaiman: "Zerbrechliche Dinge"
Anthologie, Hardcover, 330 Seiten
Klett Cotta 2010

ISBN 9-7836-0893-8760

Weitere Bücher von Neil Gaiman:
 - American Gods
 - Anansi Boys
 - Coraline

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