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Mystery (diverse)



Jonathan Barnes

Das Alptraumreich des Edward Moon

rezensiert von Thomas Harbach

Wie schwer es fällt, den Debütroman des dreißigen Briten Jonathan Barnes richtig einzustufen, zeigt die auf dem Backcover abgedruckte Kritik des Guardian, welche das Buch allen Freunden von Susanna Clarke – richtig – und Jasper Fforde – völlig falsch – empfiehlt. Barnes hat bislang als Journalist und Kolumnist für mehrere britische Magazine geschrieben, nachdem er ein Literaturstudium in Oxford abgeschlossen hat. Sein umfangreiches Wissen insbesondere britischer Schauerliteratur zeigt in sich in dem unterhaltsamen geschriebenen Buch, das aber an manchen Stellen noch die Grenzen des Debütanten aufzeigt.

Dabei legt der Autor zu Beginn des Buches die Karten offen auf den Tisch. Nur der Leser glaubt es ihm nicht, weil er derartige Spielchen nicht gewohnt ist. Der Erzähler – dessen Identität der Autor mit einigen Drehungen, Windungen und schließlich auch mehr als einer Lüge vor dem Zuschauer bis in die Mitte des Buches verschweigt – spricht von einem Text ohne literarischen Wert. Das ist insoweit richtig, als das der Leser im letzten Kapitel die Entstehung des Buches mitverfolgt. In dem Schließen des Kreises nähert sich Jonathan Barnes das einzige Mal Shakespearce s Dramen, während er sich sonst an die bizarrerer Fälle eines Sherlock Holmes hält. Das sich der Autor in der viktorianischen bzw. pseudoviktorianischen Literatur sehr gut auskennt, wird an der Unzahl von implizierten oder explizierten Hommage an andere Werke deutlich: man findet Hinweise auf die ersten Bände von Alan Moore „The League of Extraordinary Gentlemen“, dazu erinnert das von ihm in einem bizarren Spaziergang vorgestellte London sehr stark an die dreidimensionale bizarre Version der englischen Hauptstadt, die China Mieville in seinen Romanen entwickelt hat. Die Welt des schmierigen Boulevardtheater, in dem Edward Moon zwischen seinen bislang sechsundsechzig Aufträgen als Detektiv sein Geld verdient, erinnert in seinen Beschreibungen stark an die einzigartige Welt, die Christopher Priest in seinem verfilmten Buch „the Prestige“ entworfen hat. Bei einem augenscheinlich mit sehr viel Liebe zum Detail entworfenen Charakter Thomas Cribb ist der Leser seinen immer wieder betonten Lebensumständen viel schneller auf die Schliche gekommen als der etwas überforderte und in diesem Punkt erstaunlich einäugige Edward Moon, denn die Idee eines Mannes, der rückwärts lebt, ist in einem wunderbar ansprechenden Comic und zwei Kurzgeschichten deutlich überzeugender abgehandelt worden. Im vorliegenden Buch zeigt sich, dass Jonatahn Barnes die Ideen aufgenommen hat, ihm hier aber der nächste Schritt im Vergleich zu einigen anderen Abschnitten seines Buches fehlt.

Dabei fasziniert der Roman auf den ersten hundert Seiten. Mit Edward Moon, dem Detektiv und Bühnenmagier, führt Jonathan Barnes eine Figur ein, die ihren Sherlock Holmes kennt. Das beweist der Autor in einer meisterhaften Hommage an die Beobachtungsgabe der Doyle´schen Schöpfung. Aber Moon ist mehr und gleichzeitig weniger. Den Moon gehörte aufgrund seiner einzigartigen Fähigkeiten zu obersten Londoner Gesellschaft, in welcher er sich auch wohl gefühlt hat. Obwohl der Autor es immer wieder nur andeutet, ist Moon bei einem seiner wichtigsten Fälle gescheitert. Er sehnt sich nach einer neuen Aufgabe und die all abendlichen Shows vor einem schwindenden Publikum zusammen mit seinem Helfer und dem Titelträger der Originalausgabe, dem Somnambulisten, langweilen ihn. Barnes beschreibt den Stummen als acht Fuß großen Mann mit seltsamen Kräften, der auf eine Kreidetafel seine Antworten malt, der englischen Rechtschreibung nicht mächtig ist und keine Schmerzen mehr empfindet. Gleich zu Beginn des Buches entgleitet ihm ein potentiell wichtiger Fall, eine bizarre Mordserie – die erste Tat bildet das Auftaktkapitel des Buches – spricht ihn an, führt aber nach einem Hinweis aus den Elendsviertel zu schnell zur Ergreifung des Täters. Nur das jemand den Täter namentlich vor Moon gewarnt hat, weckt in ihn Zweifel, das alles schon vorbei sein könnte. Ob Moon wirklich ein großer Detektiv ist, kann der Leser selbst nach diesem Buch nicht beurteilen. Es fehlen ihm in dem immer bizarrer und teilweise unübersichtlich werdenden Plot die Möglichkeiten, seine Erfahrung und seine Fähigkeiten wirklich zu zeigen. Seine Zaubereishows basieren offensichtlich auf den Fähigkeiten seines treuen Helfers. Mit einem zynischen Unterton des omnipräsenten Ich- Erzählers, ein literarischer Widerspruch, an dem sich Barnes sehr gerne und bis zur endgültigen Enthüllung der Prämissen am meisten überzeugend reibt, einem guten Gespür fürs viktorianische England mit dem notwendigen bizarren Schuss Weirdness, grotesken, abstoßenden und doch das Mitleid des Lesers erregenden Kreaturen und einem interessanten beginnenden Plot nimmt „Das Alptraumreich des Edward Moon“ den Leser auf den ersten einhundert bis einhundertfünfzig Seiten ein. Mit dem zweiten Akt beginnt allerdings der Autor den obligatorischen roten Faden zu verlieren. Anstatt dem Plot Luft zu geben, sich zu entwickeln, fügt Barnes seinem schon umfangreichen Universum weitere seltsame Ideen und vor allem unnötig weitere bizarre, aber handlungstechnisch nicht unbedingt notwendige Figuren hinzu. Von Beginn des Buches an wird der Verschwörungsplot, die bevorstehende Vernichtung Londons durch etwas Ungeheuerliches propagiert. Dabei weiß der Rückwärts Zeitreisende – auch wenn er in den Gesprächen mit Moon die Schrecken der Bombennächte der Weltkriege und die sozialen Wendungen danach nur andeuten kann - , dass Moon ihr Retter wird. Damit nimmt Barnes seinem Plot schon einiges an Spannung, aber wenn er schließlich den seltsamen Kult – in dem Moons Schwester inzwischen ein aktives und fanatisches Mitglied geworden ist – einführt, der sich viel Land unter der Erde gekauft hat, spricht der Spannungsbogen zusammen. Am Ende sind die Straßen mit Leichen angefüllt, die Spione verschiedener Nationen verkleiden sich unter anderem als Chinesen aus den Musikhallen, das unüberwindbare Killerteam sind untote Schulkinder oder eine acht Fuß große Schnecke sich durch die Straßen schleimt. Alles einzeln betrachtet groteske, surrealistische oder interessante Ideen, die Jonathan Barnes nicht adäquat in den Plot integriert und damit den Roman an sich nicht zu seinem geradlinig zu lesenden Stoff macht, der von vielen Ideen bevölkert wird. Es ist eher so, dass sich das Buch von einem Einfall zum nächsten hangelt und Barnes am Ende mit zwei oder drei Zwischenschritten den auseinanderquellenden Handlungsfluss eher brutal und mit einer spürbaren Erleichterung zum Ende zwingt.

Im Original lautet das Buch „The Somnambulist“. Diese Figur zeichnet Jonatan Barnes mit den gröbsten, aber noch liebesvollsten Strichen. Obwohl eher ein stummer Watson zu Moons Holmes gelingt es dem Leser, die Figur zu mögen. Moon selbst wird im schwächeren zweiten Akt sehr umfangreich, überzeugend und dreidimensional charakterisiert. Mit einer anderen Figur, dem legendären Meisterspion Mr. Skimpole, geht Barnes fahrlässig um. So trinkt er vergifteten Teee und verbringt den Rest des Buches damit zu sterben. Anstatt diese Prämisse zu einer Fahrt durch dessen dunkle Seelenlandschaft zu nutzen, in welcher er seine nicht immer sauberen Aufträge für diverse Kronen neu bewertet oder über sein Leben als Meisteragenten a la James Bond „plaudern“ lässt, schenkt der Autor ihm einen verkrüppelten Sohn und macht die Figur unnötig sentimental. Es sind einige Figuren, welche der Autor mit sehr viel Sorgfalt aufbaut, um sie dann plötzlich nicht mehr weiter zu entwickeln. Damit schließt sich der Kreis zu dem zu Beginn stringenten, lesenswerten Plot. „Das Alptraumreich des Edward Moon“ ist ein sehr ambitionierter Erstlingsroman, der insbesondere im ersten Drittel über eine Reihe von auch sprachlich interessanten und von Biggy Winter adquät übersetzen Bildern und Szenen verwirkt. Die Figuren wirken fremdartig und doch durch den Schleier des viktorianischen Neverlandenglands vertraut. Im Verlauf des Buches verliert sich Jonathan Barnes in seinem literarischen Netz. Der Plot hätte deutlich ausgedünnt werden müssen und das Konzept des Detektivromans –immerhin die große Stärke Edward Moons – plottechnisch verstärkt. Der Leser hat den Eindruck, als wollte Jonathan Barnes eine ganze Reihe von Edward Moon Romanen schreiben und hat aus einem nicht bekannten Grund schließlich als Ideen – egal ob sie passen oder nicht – in diesen einen Versuch gesteckt. Damit hat er das Ziel leider insbesondere gegen Ende des Plots ordentlich verfehlt. Wer die bizarren Welten eines China Mievielles oder Alan Moores ohne deren Qualität zu erreichen mag, wird von „Das Alptraumreich des Edward Moon“ zumindest befriedigend unterhalten. Jonathan Barnes hätte bei seinem nicht widersprochenen Fähigkeiten als Erzähler einen beherzteren Lektor verdient, der ihn nicht zu einem Schnellschuss im Gefolge des Susanna Clarkes Roman reduziert hätte.

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Jonathan Barnes: "Das Alptraumreich des Edward Moon"
Roman, Hardcover, 398 Seiten
Piper Verlag 2008

ISBN 9-7834-9270-1570

Weitere Bücher von Jonathan Barnes:
 - Das Könighaus der Monster

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