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Mystery (diverse)



Elia Barcelo

Das schwarze Brautkleid

rezensiert von Thomas Harbach

Mit ihrem neuen kürzeren Roman schlägt die in Österreich lebende und in Spanien geborene Elia Barcelo nicht nur thematisch den Bogen zu ihrer ersten deutschen Veröffentlichung “Das Geheimnis des Goldschmiedes” - eine wahre Liebe, welche nicht nur den Raum, sondern ohne Tricks oder Zeitmaschinen auch die Zeit überwinden kann -, sondern versucht das Schicksal spanischer Auswanderer nach Argentinien in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu beschreiben.

Obwohl plottechnisch ausgesprochen stark komprimiert nutzt die Autorin sehr routiniert und sehr geschickt verschiedene Ich- Erzählerebenen teilweise in einem Kapitel, um dem Leser nicht nur unterschiedliche Perspektive anzubieten, sondern vor allem die größte erzähltechnische Schwierigkeit dieser intimen Erzählart zu überwinden: der Leser kann sich wissenstechnisch nur auf der Augenhöhe des erzählenden Protagonisten bewegen.

Das Buch beginnt in einer nicht näher definierten Gegenwart. Ein Mann geht abends auf die Suche nach einer eher privaten Tangotanzveranstaltung, die irgendwo in den Gassen der ihm ansonsten fremden Stadt in einem Tanzsaal stattfindet. Er lernt eine bezaubernde Frau kennen, tanzt mit ihr, schenkt ihr eine Rose und verliert sie aus den Augen. Traurig und enttäuscht ins Hotel zurückgekehrt findet er in seinem Anzug einen Zettel mit einem Namen und einer Adresse. In Argentinien. Diese Szene wird sich als eher phantastischer denn realistisches Element mit umgekehrten Vorzeichen noch einmal wiederholen. Die Gegenwartsebene ist - so hart es auch klingen mag - der uninteressantere Erzählstrang, obwohl er in einer semiphantastischen Begegnung endet. Das dem Tango an sich untypische Happy End wird von der Autorin ausgesprochen gezielt, aber handlungstechnisch nicht fundamental untermauert eingesetzt. Es macht aus dieser ansonsten tragischen Geschichte eine wunderschöne, leicht kitschige Romanze. Im Gegensatz zu vielen anderen weiblichen Figuren ihrer umfangreicheren Werke - hier sei nur auf “Töchter des Schweigens” verwiesen - gönnt sie Natalia letzt endlich eine von Herzen kommende Liebe.

Der Sprung zur in den zwanziger Jahren spielenden sehr viel interessanteren, wenn auch manchmal ein wenig klischeehaft extrapolierten zweiten Handlungsebene erfolgt wie in einer Reihe von Fleischhauer Romanen durch die Kunst. Kaum ist der zu Beginn der Geschichte verlassene Mann in Argentinien eingetroffen, macht er sich auf die Suche nach der Frau seiner Träume. Er findet sie in einem Museum, als ein von einem berühmten Künstler gemaltes Portrait. Das Bild ist über achtzig Jahre alt.

In der Vergangenheit lernt der Leser die junge Natalia kennen. Zwei Tage vor ihrer Hochzeit, drei Tage von ihrem zwanzigsten Geburtstag entfernt. Sie wird einen nach Argentinien ausgewanderten Seemann heiraten, deutscher Abstammung. Von seiner Seite zumindest impliziert eine Liebesheirat, von ihrer Seite eine idealisierte Mischung aus Kleinmädchenträumen und einer Flucht in eine soziale Sicherheit, da ihr Vater im Sterben liegt. Als sie für ihren Vater eine Flasche Schnaps aus einer nahe gelegenen Kneipe holt, richten sich die Blicke der Männer auf sie. Einer von ihnen - tagsüber Redakteur einer Tageszeitung, nachts Musikant in einigen Kneipen und Tangotänzer - verliebt sich unsterblich in das junge Mädchen.
Vergleicht man die beiden auch zeitlich voneinander getrennten, doch dank der Kraft des Tangos verbundenen Handlungsebenen so ist die Tragödie der Einen die positive Saat der Anderen. Auch wenn für viele Menschen der Tango die Inkarnation des Sex in den Augen der Öffentlichkeit ist, beschreibt ihn Elia Barcelo erst einmal als eine Art Hafen, Zuflucht, in dem sich die vereinsamten Seelen für einige wenige Minuten Geborgenheit sammeln. Solange der Tanz anhält, so lange sie ihre Partnerin oder ihren Partner in den Armen halten, kann ihnen im Grunde nichts passieren. Erst wenn die Musik zu Ende ist, schlägt die Wirklichkeit in Form eines psychotischen Messerstechers - wobei das Motiv ein wenig zu manipulierend, den Gesetzmäßigkeiten des Plots zu stark untergeordnet in die laufende Handlung integriert worden ist - oder der Armut der zahlreichen Witwen, Waisen oder allein stehenden Frau noch unbarmherziger als vorher zu. Der Autorin gelingt es in vielen Szenen, das Gefühl dieses einzigartigen, sicherlich auch verkannten wie provokanten Tanzes dem Leser zu vermitteln. Es ist mehr als eine Musikrichtung, es eine Art zu Leben, den Unbilden des Lebens zu trotzen. Zu den eindringlichsten Szenen des ganzen Buches gehört ohne Frage der Moment, als Natalia ihr weißes Brautkleid schwarz färbt, um für die Tangotanzabende in einem Etablissement “richtig” gekleidet zu sein. Daher der Titel des Romans. In dem Moment, in dem sie nach außen sichtbar ihre Ehe, ihre Vergangenheit - aus ihrer Sicht konsequent - ablegt, wechseln sich in einer dramatischen, sehr gut geschriebenen Szene Triumph und Tragödie buchstäblich ab. Die “historische” Ebene des Buches lebt, während die Gegenwart in erster Linie den Leser in die Welt des Tangos einzuführen hat, um später der “wahren” Liebe Platz zu machen.
Zu den großen Stärken der spanischen Autorin gehört die Zeichnung von überzeugenden, lebensechten, meistens weiblichen Figuren. Natalia reiht sich nur bedingt ein. Anfänglich beschreibt die Autorin ihre Mädchenträume, das Verlassen der spanischen Heimat in ein unbekanntes, aufregendes Land. Die idealisierte Vorstellung von Hochzeit und Hochzeitszeit, die kurze Zeit später einer desillusionierenden Realität weicht. Diego dagegen wird abgerundeter, nuancierter gezeichnet. Er ist ein Mann, der sich aus einfachen Verhältnissen in eine eher unbestimmte Mittelschicht “hoch gearbeitet” hat. Er ist vom ersten Augenblick an unsterblich in die junge Frau verliebt. Er darf auf ihrer Hochzeit mit ihren einen Tango tanzen - wieder das Motiv von Triumph und Tragödie -, bevor er sie aus den Augen verliert. Als er sie wieder in dem Tanzsalon trifft, weiß der Leser, das Natalia auf der einen Seite frei für ihn ist, während auf der anderen Seite Unheil droht. Wie es sich für den Tanz gehört, ist das Finale explosiv, emotional und tödlich. Mit Rojo - dem deutschen Seemann - führt die Autorin eine dritte Figur ein.
Er ist im Grunde das tragische Opfer einer echten Liebe, einer Anziehungskraft zweier Menschen, gegen die er mit seiner bodenständigen, vielleicht ein wenig langweiligen, aber grundehrlichen Art nicht ankommt. Er liebt Natalia ohne Frage und würde auch ein Leben lang für sie sorgen. Daher geht die Autorin aus plottechnischen Gründen ein wenig zu lieblos, zu stark konzipiert anstatt gelebt um. Er ist der Katalysator der tragischen Ereignisse, wird zu einem besessenen, nachdem er sich - etwas unplausibel - geweigert hat, seiner Frau aus der Ferne zu telegraphieren. Das er zweimal zum Messer greift, ist einmal zu viel. Die Autorin versucht ihn mit seiner Rückkehr in eine dunkle Ecke zu drängen; zu einem Mann zu machen, der seine Gefühle nicht mehr unter Kontrolle hat. Das ist für die heraufdämmernde Tragödie und die später erfolgende Wiedervereinigung notwendig, wirkt aber zu wenig überzeugend. In dieser Hinsicht hätte die Autorin Rojo zu Beginn der Geschichte impulsiver, aggressiver beschreiben müssen.
Zusammengefasst ist “Das schwarze Brautkleid” eine interessante, literarische Interpretation des “Tangos” mit seiner expressionistischen Kraft, seiner Lebensfreude und der kleinen Möglichkeit, für fünf Minuten aus der Realität zu entfliehen. Thematisch reiht sich “Das schwarze Brautkleid” in die Suche ihrer bisherigen Protagonisten nach der ewigen, nach der echten Liebe ein, die alle Hindernisse überwindet. Und das wünscht man Natalia und Diego, Rodrigo und Milena.

Elia Barcelo: "Das schwarze Brautkleid"
Roman, Softcover, 161 Seiten
Piper Verlag 2011

ISBN 9-7834-9227-1936

Weitere Bücher von Elia Barcelo:
 - Das Geheimnis des Goldschmiedes
 - Das Rätsel der Masken
 - Die Stimmen der Vergangenheit
 - Töchter des Schweigens

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