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Mystery (diverse)



Elia Barcelo

Die Stimmen der Vergangenheit

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Die Stimmen der Vergangenheit“ legt der Piper Verlag einen weiteren Roman der in Innsbruck lebenden Spaniern Elia Barcelo auf. In Spanien ist das Buch schon 2002 veröffentlicht worden. Der Text stellt eine interessante Synthese zwischen ihren beiden bislang auf Deutsch veröffentlichten Werken dar. Während in „Das Geheimnis des Goldschmiedes“ der Protagonist in die eigene Vergangenheit reisen kann und damit zum Katalysator der einzigartigen Liebe wird, geht es wie in „Das Rätsel der Masken“ um den Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart. Der Klappentext bemüht sich, in den Mittelpunkt der Geschichte die Liebe in verschiedenen Kombinationen zu stellen, während das phantastische Element fast gänzlich unberücksichtigt gelassen wird. Es ist rückblickend auch die am wenigsten überzeugende Idee des Romans und die Autorin versucht diese Thema plottechnisch nicht unbedingt notwendig in eine Kriminalgeschichte integriert eher bemüht abzuhandeln. Anscheinend gibt es Tore zu anderen Welten, welche sich einige wenige Menschen zum Teil in der eigenen Phantasie als Ziel vorstellen können. Das Geheimnis dieser Welten wird eifersüchtig vom Club der Dreizehn bzw. einer weiteren alt eingesessenen spanischen Familie gehütet. Nicht zuletzt dank der Erfolge eines Lukianenko und diverser Fernsehserien wie „Sliders“ ist die Idee ungezählter Parallelwelten nicht mehr unbedingt neu. Elia Barcelo versucht zumindest, diese Welten märchenhaft verzaubert darzustellen. Wenn der eine alternde Wissenschaftler in einem romantischen Mittelalter, das mehr dem Don Quixote Roman als der Realität entspricht, gegen einen dunklen Widersacher um das Leben einer holden Maid streitet oder in einer anderen Ebene Venedig ewig Karneval feiert, so fügen sich diese Bilder in den solide und emotional geschriebenen Roman ein, sie werden aber nicht unbedingt zufrieden stellend in den ganzen Plot integriert. Nicht selten dienen sie als Verlegenheitslösungen, um das Interesse der Leser aufrechtzuerhalten. So wird ein alternatives vom Karneval geprägtes Venedig kurz aufgesucht, um gleich wieder verlassen zu werden. Die Beschreibungen sind farbenprächtig, aber leider auch nicht mehr. Den in einem fiktiven Mittelalter spielenden Szenen fehlt eine ironische Komponente und der Leser muss eher schmunzeln, wenn er einen über sechzig Jahren alten Witwer, Wissenschaftler und Professor im Lanzenduell mit dem dunklen Ritter sieht. Die Welten würden effektiver wirken, wenn Barcelo sie bizarrer und traumartiger beschrieben hätte. Sie dienen zwar den einzelnen Protagonisten als Fluchtburg, aber aus dieser intellektuell reizvollen Komponente macht die Autoren viel zu wenig. Auch die Antagonisten – sowohl die ominöse dunkle Präsenz, die mit aller Macht hinter das Geheimnis der Weltengänger kommen will, als auch ein ambivalenter Latinolover, der in seiner Loyalität flexibel erscheint – agieren teilweise zu unentschlossen und wirken in ihren Handlungen teilweise arg deplatziert. Mit deutlich mehr Zielstrebigkeit und der Brutalität, welche die Antagonisten am Ende des umfangreichen Romans zeigen, hätten sie ihre Ziele schon lange vor der eigentlichen Protagonistin erreicht. Weder die Autorin noch die Philologin Katia Steiner machen sich in dieser Hinsicht ernsthafte Gedanken.

Katia Steiner besucht nach einer weiteren Beziehungspleite ihre Freundin in Rom und erhält durch einen Zufall den Auftrag, den Nachlass eines bekannten und kürzlich verstorbenen Wissenschaftlers zu ordnen. Dabei stößt sie auf einen Brief, der sie auffordert, bestimmte Dokumente nur dem Club der Dreizehn zu übergeben. Es wird versucht, ihr diese Dokumente abzukaufen. In Rom selbst lernt sie noch einen im Grunde aus dem Kitschbuch stammenden attraktiven Liebhaber namens Rocco kennen, der anscheinend mehr über ihre Arbeit weiß als sie selbst. Der einzige Hinweis auf den Club der Dreizehn ist der in Österreich lebende Forscher Fink. Im Gegensatz zu Katia Steiner weiß der Leser allerdings schon, das Fink spurlos verschwunden ist und der Kommissar Altmann die Nachforschungen übernommen hat. Im Gegensatz zu Altmann weiß der Leser, dass Fink in eine der anderen Welten verschwunden ist. Elia Barcelo stellt diese Idee die Spannung mindernd zu sehr in den Vordergrund und negiert einige sonst wirklich lesenswerte Passagen.

In Österreich spitzt sich die Situation zu, denn Altmann wird plötzlich mit zwei Leichen konfrontiert, während Katia Steiner dem verschwunden Fink begegnet. Dieser beginnt ihr von den geheimnisvollen Welten zu erzählen, welche ebenfalls für den Leser dank verschiedener Andeutungen der Autorin keine Überraschung mehr sind. In welchem Zusammenhang allerdings sowohl Katia Steiners Familie als auch die Vergangenheit des verstorbenen Wissenschaftlers mit den aktuellen Ereignissen stehen, kann die junge Philologin nur in der eigenen Heimat – dem spanischen Umbrien – herausfinden. Der letzte Wille des verstorbenen Forschers zwingt sie, mit der Asche des Mannes nach Spanien zurückzukehren.

Wie schon angesprochen überzeugen sowohl die Parallelweltentheorie und die Kriminalgeschichte im Gesamtkontext des Romans zu wenig. Die verschiedenen Handlungsebenen wechselt Elia Barcelo zwar souverän, aber insbesondere in der ersten Hälfte bemüht sie diesen literarischen Kniff zu offensichtlich und stellenweise distanziert mechanisch, um Spannung ohne Not zu erzeugen. Die Geschichte, welche Katia Steier hier vor den Lesern enthüllt, ist spannend genug, die Figuren trotz einiger Schwächen in der Charakterisierung sympathisch. Insbesondere die kriminalistische Ebene scheint ein Kompromiss gegenüber den vielfältigen Verschwörungsthrillern zu sein, die in den letzten Jahren mit teilweise nach vageren Prämissen auf den Markt gekommen sind. Gegen Ende des Buches setzt die Autorin das Stilmittel der verschiedenen Handlungsebenen deutlich effektiver ein, bemüht sich, die einzelnen Plotebenen quasi vom jeweiligen Höhepunkt ausrollen zu lassen und setzt die wenigen Schockeffekte deutlich effektiver.

Dagegen gelingt es Elia Barcelo wie in „Das Rätsel der Masken“ eine tragisch komische Familiengeschichte zu zeichnen, welche den Leser nicht nur berührt, sondern fesselt. Auf den letzten einhundertfünfzig Seiten – sobald die Figuren Elia Barcelos Heimat betreten, leuchtet das Herz der Autorin und die Beschreibungen wirken wie mit einer Staffelei gemalt – löst sie nicht nur die verschiedenen, zu erst implizierten Verknüpfungen inklusiv einer interessanten Inzestkomponente auf, es gelingt ihr aus dem Nichts heraus eine neue Liebesbeziehung zu beschreiben und in den Lesern wie auch den Figuren die Sehnsucht nach alten Werten wie Tradition und vor allem Heimat zu wecken. Diese auf verschiedenen Ebenen ablaufende Rückkehr wirkt weder kitschig noch überzogen. Vor allem macht die Autorin nicht den Fehler, aus der zu Beginn des Buches empfindlichen, einsamen und etwas weltfremden Katia Steiner eine Überheldin zu machen, welche die mannigfaltigen Probleme – das reicht von den ersten Tagen in einer fremden Stadt über verschiedene lebensbedrohliche Situationen bis zu einer bizarren Begegnung mit der eigenen, bislang ihr falsch übermittelten Vergangenheit - dank ihrer Intelligenz und ihrer Entschlossenheit aus dem Weg räumt. Über weite Strecken des Buches kann sie nur reagieren und hofft, passiv die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dabei hilft ihr zumindest in einigen wenigen Szenen auch der Zufall bzw. der allgegenwärtige Autor im Hintergrund. Elia Barcelo verzichtet weiterhin auf die klischeehaft klassische Frau-zwischen-zwei-Männern Situation, in dem sie diese plottechnische Prämisse kurz vor dem Showdown elegant, wenn auch ein wenig zu emotionslos auflöst. In der Person Katia Steier konzentriert die Autorin verschiedene Dualitäten des Romans. Sie flieht vor ihrer eigenen unmittelbaren Vergangenheit - einer weiteren gescheiterten Beziehung - in die Stadt der Liebe. Diese Reise und der neue Auftrag bedeuten auf den ersten Blick den Abschluss eines Zeitabschnitts in ihrem Leben. Mit dem Auftauchen beginnt für sie ein neuer, hoffentlich positiver neuer Lebensabschnitt. Sie entdeckt in Rom fremde und neue Welten und lernt, ihre alte Heimat - Umbrien - als Wurzeln zu erkennen und zu schätzen. Erst als die Protagonistin diesen Fakt wirklich akzeptiert hat, tritt in ihr Leben eine zweite, in diesem Fall wahre Liebe. Es reicht also nicht, einfach nur den Ort zu wechseln, das Herz muss diese Reise mitmachen. Darum sind die alternativen Welten sowohl für Katia Steier als auch die wenigen Protagonisten, welche im Verlauf des Buches diese Grenze überschritten haben bzw. überschreiten, im Grunde nur auf der Flucht vor der Einsamkeit ihres realen Daseins. Als Handlungsträgerin ist ihr Katia Steiner sehr gut gelungen, während insbesondere die all gegenwärtige Vergangenheit des verstorbenen Wissenschaftlers Vacarrels in Form seiner Tagebuchaufzeichnungen zu sehr an die Figur des Raoul in ihrem Roman „Das Rätsel der Masken“ erinnert. Sowohl Katia Steier als auch Vacarrel sind jeweils in ihren Zeitebenen am Deja Vu Erlebnis des Buches beteiligt, das Elia Barcelo mit einer überraschenden Eindringlichkeit ohne Kitsch oder Pathos beschreibt.
Die Schurken des Romans hätten intensiver und eindringlicher charakterisiert werden können und müssen. Teilweise mechanisch spult die Autorin verschiedene Bedrohungen ab, welche erstens die Ermittlungen von Katia Steier behindern und zweitens im Verlauf des Buches insbesondere dem Hintermann die Tore in die anderen Welten öffnen sollen. Der dramatische Showdown folgt den Gesetzen des Genres mit der Ausnahme, dass Katia Steier sehr entschlossen die Spuren der Tat verwischt und den Polizei ganz bewusst außen vor lässt. Das ist in Hinblick auf den bisherigen Handlungsverlauf vielleicht ein wenig zu überraschend, aber zumindest konsequent. Die eigentliche Thrillerebene treiben die Antagonisten allerdings bis zum Ende des Buches nicht vorwärts und “Die Stimmen der Vergangenheit” wäre ohne sie ein interessanterer Historienthriller mit einem Familiendrama im Kern gewesen, der ebenso faszinierend wie lesenswert gewesen wäre.

“Die Stimmen der Vergangenheit” ist kein klassischer Genreroman. Er will es auch nicht sein. Intelligent nutzt Elia Barcelo eine Reihe von Macguffins, um das Interesse der Leser hochzuhalten, während sie sich die Zeit und den Raum nimmt, ihren Entwicklungsroman zu erzählen und dem Leser zu zeigen, dass es immer wieder Hoffnung auf die einzig wahre Liebe gibt. Katia Steier hat letzten Endes das Glück, ihr zu begegnen, während sie für eine Reihe anderer Protagonisten nur eine flüchtige Illusion bleiben wird. Sehr routiniert spielt die Autorin an einigen elementaren Stellen mit der Erwartungshaltung der Leser und präsentiert überraschende Auflösungen. Wer den Roman sehr aufmerksam liest, wird ein Rätsel schon früh lösen können, aber nur wenn er den teilweise sehr versteckten Hinweisen folgt. Aber für eine gute Autorin gehört es sich, diese Schnitzeljagd nicht in den Mittelpunkt ihres Buches zu stellen. Wer hofft, eine phantastische Geschichte über parallele Welten lesen zu können, wird sicherlich enttäuscht. Diese Welten könnten auch intensive Träumereien sein. Wer eine überzeugende Liebesgeschichte und Familientragödie/ Drama in einem komplex, aber gut strukturierten Buch lesen möchte, wird mit “Die Stimmen der Vergangenheit” einige sehr unterhaltsame Stunden verbringen können. Das Buch beinhaltet im Positiven viele Aspekte aus “Das Geheimnis des Goldschmiedes” und “Das Rätsel der Masken”. Vielleicht wirkt der Plot ein wenig sperrig, nicht so fließend wie der später geschriebene, aber früher im Piper Verlag publizierte Roman “Das Rätsel der Masken”. Es ist aber eine gute, eine warme und vor allem eine optimistische Geschichte, welche Elia Barcelo abseits der Fantasy- Klisches erzählt.





Elia Barcelo: "Die Stimmen der Vergangenheit"
Roman, Softcover, 519 Seiten
Piper Verlag 2008

ISBN 9-7834-9205-0722

Weitere Bücher von Elia Barcelo:
 - Das Geheimnis des Goldschmiedes
 - Das Rätsel der Masken
 - Das schwarze Brautkleid
 - Töchter des Schweigens

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