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Mystery (diverse)



Andreas Brandhorst

Die Stadt

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Die Stadt“ liegt ein neuer Mystery Thriller des für seine „Kantaki“ Romane bekannten Andreas Brandhorst als Heyne Paperback vor. Um es gleich vorweg zu nehmen, mit einem normalen Schriftbild hätte der Band auch als Taschenbuch erscheinen können.
Thematisch bewegt sich Brandhorst auf einem plottechnisch dünnen Eis, wie Fernsehserien wie „Lost“, Filme wie Jacob´s Ladder“ oder Bierce berühmte Novelle bewiesen haben. Der größte erste Unterschied zwischen den angesprochenen Beispielen und dem vorliegenden Roman ist die Tatsache, dass Brandhorst Protagonisten wissen, dass ei gestorben sind. Zumindest für irdisches Dasein, denn in der Zwischenwelt scheinen sie immer wieder sterben zu können, um nach einem unbestimmten Zeitraum wieder zum Leben zu erwachen. So beginnt seine Geschichte auch mit dem Tod des Protagonisten, der wichtigsten Identifikationsfigur des Lesers, welcher zusätzlich leider insbesondere in der ersten eher phlegmatisch, Dialoglastigen Hälfte zu sehr im Mittelpunkt aller Geschehnisse steht. Benjamin Harthmann hat an seinem vierzigsten Geburtstag einen Unfall- er liegt im Sterben, seine Frau scheint sofort tot zu sein. Seine Beine sind abgerissen worden. Kurze Zeit später wacht er in einer geheimnisvollen Stadt in der Nähe eines sogenannten Loches wieder auf. Eine Frau nimmt sich seiner an und erklärt ihm stellvertretend für den Leser den Hintergrund dieser Welt. Es ist eine bizarre Stadt, die direkt aus Stephen Kings Geschichten in Brandhorsts Welt übertragen werden könnte. In dieser gigantischen, sich stetig verändernden und von unbekannten Wesen weiter gebauten Stadt leben vielleicht dreihundert Menschen, dazu kommt eine gleiche Anzahl von Geächteten. Im Zentrum der Stadt befindet sich ein moderner Supermarkt, dessen Regale sich aus dem Nichts immer wieder auffüllen.
Dieser Supermarkt wird einer kleinen Gruppe bewacht, die unter einem eher paranoiden Anführer die Zwischenwelt als religiöse Prüfung und Durchgangsstation entweder ins Paradies, die Höhle oder den abschließenden Tod sehen. In diesem Punkt bleibt Andreas Brandhorst sicherlich um die Spannungskurve nicht zu minimieren ausgesprochen wage.
Die Situation um den Supermarkt, die religiös fanatische Gruppe um Benjamins Antagonisten Hannibal sowie die bettelnden Streuner nutzt Andreas Brandhorst das einzige Mal, um eine gewisse Sozialkritik zu üben sowie gegen den Machthunger insbesondere charakterlich nicht einwandfreier Menschen zu protestieren. Hannibal ist ein klassischer Opportunist, der dank seiner bewaffneten Schläger den Supermarkt kontrolliert und dessen – ursprünglich impliziert für alle Menschen der Stadt gedacht – Warenausgabe zu kontrollieren. Durch die Tauschartikel wird die kleine Gruppe um Hannibal immer reichen, während sich unter den Streunern Unruhe breit macht, die schließlich zu gezielten Eruptionen von Gewalt führt. Immer wenn Andreas Brandhorst sich argumentativ in provozierendes und deswegen angesichts der Thematik wohltuendes Terrain begibt, zieht er sich im nächsten Moment mit einigen vorhersehbaren Szenen in die Kuscheligkeit eines stringenten, wenn auch im Mittelteil viel gedehnten Plot zurück. Benjamin beginnt unter anderem mit Louise – die Frau ist überfallen und aller ihrer Habe beraubt worden, was Benjamins Mitleid und Hannibals Abneigung provoziert – diese fremde Stadt zu erkunden. Sie erscheint wie eine Mischung aus „The Matrix“ – die Selbstbauweise – und diversen Post Doomsday Geschichten mit Anspielungen auf Streifen wie „Dark City“, in dem eine ähnliche Thematik auf deutlich futuristischere Weise angedacht worden ist. Modernste Technik wie im Supermarkt stößt auf die selbstgebauten Autos, mit denen die Bewohner anscheinend als einzige „selbst entwickelte“ Technik durch die Straßen fahren. Benjamin und Louises Quest führt sie natürlich nicht nur durch verschiedene Gebiete, in denen Menschen unter anderem unterschiedlicher Glaubensrichtungen leben. Louise und Benjamin werden positiv wie negativ zur Reflektionsfläche, wobei – rückblickend betrachtet – Benjamins durchaus kritische Position erklärbar ist. Es ist erstaunlich, wie gut es Brandhorst gelingt, die Stadt zu einem weiteren Individuum zu machen, das die menschliche Kleingeistigkeit und Dummheit stumm und starr erträgt. Viele Aspekte wie die Gegenden hinter dem Nebel sowie die ins Nichts führenden Straßen bleiben ausreichend geheimnisvoll und halten die Erwartungshaltung der Leser relativ hoch. Mit den Schatten, welche Menschen ins Loch ziehen, das letzt endlich auch der Opferstein der Hannibalschen Jünger ist, führt der Autor ein zusätzliches Spannungselement, eine übernatürlich erscheinende Bedrohung ein, um einen Kontrapunkt zu den postapokalyptischen Auseinandersetzungen teilweise auf Actionfilmniveau mit die Spannung mindernd wiederkehren Toten zu setzen.
„Die Stadt“ ist in dieser Phase keine klassische Jenseitsphantasie, die rückblickend die eigentliche Prämisse mit deutlichen Science Fiction Einschlägen durchaus sein könnte. Am Ende schließt sich der Kreis handlungstechnisch ein wenig zu abrupt, Hannibal taucht wieder auf und schickt die beiden Liebenden ins Loch, das sich weniger als Tragödie, sondern als erklärender Anfang einer neuen Ebene erweist.
Auf den letzten Seiten bietet Andreas Brandhorst positiv seinen Lesern eine zumindest zufrieden stellende Erklärung an, die sowohl die Zwischenwelt im Allgemeinen als auch die Zusammenhänge zwischen Benjamin, Louise und vor allem überraschenderweise fast allen anderen Charakteren erläutert. Der Leser muss zwar eine Deus Ex Machina Auflösung akzeptieren, die extrapoliert ungeahnte Dimensionen erreichen könnte und zu wenige nachhaltige Erläuterungen über die eigentliche Idee eines maschinellen Seelenfänger enthält. Aber ähnlich wenig zufrieden stellend waren letzt endlich die Auflösungen der „Lost“ Serie als auch rückblickend die Idee verschiedener miteinander verbundener „Matrix“ Welten. Wie bei einigen anderen seiner Bücher verfremdet Brandhorst bekannte Ideen und versucht sie nachträglich als originell und einzigartig zu verkaufen. Egal wie weit man eine Idee aufzublasen versucht, sie muss im Kern überzeugen und an dieser Stelle schwächelt die Geschichte .
Positiv dagegen gelingt es dem Autoren, seine beiden handelnden Protagonisten - Benjamin als Kompass für den Leser, mit dem zusammen er diese Schöpfung bewundert, untersuchat und schließlich zu verstehen sucht - und Louise in der deutlich eindimensionaleren Rolle als erste von insgesamt zwei relevanten Erklärenden. Benjamin selbst entwickelt sich mehr und mehr zu einer dynamischen und damit rückblickend auch positiv bejahenden Persönlichkeit, noch ein wenig vom klassischen Heldenmythos entfernt, aber zumindest ein Gentleman zwischen den ganzen Hyänen. Stellenweise wirkt seine Persönlichkeit ein wenig zu glatt, er reagiert zu emotionslos auf die einzelnen Herausforderungen und findet zu schnell immer wieder originelle Lösungen. Im zweiten Drittel des Buches durchbricht Andreas Brandhorst als Provokation das Gefängnis, das anscheinend die Stadt für ihre Einwohner darstellt und verknüpft Benjamins Erleben in der „Realität“ mit den Ereignissen in dieser Zwischenwelt. Hier lockt der Autor seine Leser absichtlich und scheinbar mit sichtlichem Vergnügen auf einen Irrweg, um diese Prämisse auf den letzten Seiten zu demontieren. Trotz der späteren Informationen, welche Louise und der Leser über ihn in Erfahrung bringen, hat ihn Andreas Brandhorst schon zu sehr zu einem Gutmenschen stilisiert, als das eine andere Möglichkeit als ein virtuelles (?) Happy End möglich wäre. Louise als bodenständige, nicht unattraktive Überlebenskämpferin, die Benjamin diese Stadt erläutert, ihn immer wieder motiviert und provoziert, sowie mehr als einmal für sein Überleben sorgt, ist aus einfacheren Holz geschnitten, wobei Andreas Brandhorst ihr auf den letzten Seiten ein sehr verletzte Persönlichkeit schenkt. Um dieses Duo herum platziert der Autor absichtlich Stereotypen. In diesem einen plottechnischen Fall überzeugende wie notwendige Stereotypen, die der darwinschen Lehre folgend das Recht des Stärkeren für sich beantworten. Macht diese einfache Vorgehensweise rückblickend Sinn, hätten die Antagonisten noch etwas differenzierter - auch die Stadt wird vielschichtig beschrieben - und etwas nuancierter weniger überzeichnet charakterisiert werden können. Auf der einen Seite eine unterhaltsame Variation existentieller Überlebenskampfstrategien mit einigen wenige philosophisch religiösen Exkursen, bei denen Brandhorst positiv für das ganze Werk an der Oberfläche bleibt ist „Die Stadt“ auf der anderen Seite eine interessante Stilübung, die Erschaffung eines phantastisch surrealistischen Hintergrunds mit vertrauten wie exotischen Elementen, die seine früheren wie gegenwärtigen Science Fiction Roman trotz manch schwächerer Ideen so lesenswert machen. Am Ende des Buches weicht der Autor Theorien über den Sinn/ Unsinn der Stadt, deren Vorstufe zu Himmel oder Hölle - durch ein Loch kann man die Stadt nur verlassen und das Loch führt tief in die Erde - aus, um eine nur auf den ersten Blick komplexe Lösung zu präsentieren. Bis dahin ist „Die Stadt“ aber eine empfehlenswert gesprochen „unangenehme, interessante teilweise sogar packende Reise in eine fremde Bewusstseinsebene, die über weite Strecke positiv mehr Fragen im Leser hervorruft als sie Antworten zu geben bereit ist.


Andreas Brandhorst: "Die Stadt"
Roman, Softcover, 592 Seiten
Heyne- Verlag 2011

ISBN 9-7834-5352-7645

Weitere Bücher von Andreas Brandhorst:
 - Das Artefakt
 - Die Stadt
 - Feuerstürme
 - Feuerträume
 - Feuervögel
 - Kinder der Ewigkeit
 - Lemuria 3 - Exodus der Generationen
 - Pan-Thau-Ra 2. Die Trümmersphäre
 - Äon
 - Äon
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