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Mystery (diverse)



Thomas Thiemeyer

Korona

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Korona” liegt inzwischen der fünfte Gegenwartsthrillers - dazwischen ist noch ein empfehlenswertes Steampunkjugendbuch veröffentlicht worden - des in Stuttgart lebenden Autoren und Zeichners Thomas Thiemeyer vor. Wie in seinem Auftaktroman zieht es Thiemeyer nach Afrika. Er hat einige Monate für das Werk in Uganda recherchiert. Schon die Widmung an Michael Crichton zeigt die Ausrichtung seiner literarischen Arbeit: unterhaltsame Thriller mit einem solide recherchierten Hintergrund und einer packenden, latent fiktiven Handlung, cineastisch geschrieben. Auf Crichtons Werk übertragen könnte “Korona” eine Mischung aus “Sphere” - eine überirdische/außerirdische fremde Macht, die Einfluss auf die Gegenwart hat -, “Sum of a Fear” - der technologische Fortschritt der Menschheit ist nicht originär verantwortlich für die klimatischen Veränderungen - und “Expedition Kongo” darstellen.
Der Roman beginnt mit einem kurzen Prolog, der dem Leser zwei für die Handlung wichtige Charaktere vorstellt, von denen einer erst am Ende des Buches in überraschender, aber latent konstruiert wirkender Form wieder “aufersteht”. Zwei Freunde rasen zusammen mit einer gemeinsamen Freundin alkoholisiert und viel zu schnell auf regennasser Fahrbahn im Geschenk eines Elternpaares - ein nagelneuer Porsche - unterwegs in ihr Verderben. Wie sich später herausstellt, wird das Mädchen getötet, der eine Freund schwer, der andere leichter verletzt. Im Gefängnis landet “Ray Cox“, während sich sein bester Freund aufgrund seiner Herkunft aus besserem Hause dank gefälschter Beweise vor einer drakonischen Bestrafung retten kann. Als William Burke macht er als Biologe Karriere. Zehn Jahre später wird Ray Cox aus dem Gefängnis entlassen und schließt sich dank der Fürsprache des ehemaligen Studienvaters der Expedition Amy Walkers an, die das Verhalten verschiedener Gorillastämme in freier Natur im ostafrikanischen Ruwenzori Gebirge untersuchen soll. Einem Ort mit ungewöhnlich breiten klimatischen Veränderungen. In diesem Gebiet ist auch William Burke verschwunden. Gleichzeitig droht eine besondere stark Eruption der Sonnenoberfläche den Funkverkehr auf der Erde zu stören und die Energien der Sonne werden durch ein ungewöhnliches Phänomen teilweise in diese außergewöhnliche geheimnisvolle Region abgelenkt.

Thomas Thiemeyers Thriller zeichnet ein hoher Grad an Authentizität aus. Ihm gelingt es ähnlich wie Michael Crichton die dunklen, auch heute noch eher unbekannten Flecken des Planeten Erde zum Leben zu erwecken. Die Mischung aus Hintergrundinformationen, sorgsam in eine stringente Handlung gekleidet, und Fiktion stimmt. Im Vergleich zum eher schwächeren nun plottechnisch unterdurchschnittliche “Nebra” überzeugt die erste Hälfte des Buches. Der Spannungsaufbau ist natürlich und anstatt den Leser länger als notwendig an der autorentechnischen “Nase” herumzuführen, fügt Thomas Thiemeyer positiv gesprochen implizierte Nebenhandlungen rechtzeitig in den Hauptplot ein. So entpuppt sich Ray Cox schnell als Opfer einer Intrige. Im Gefängnis drogensüchtig geworden ist der ehemals brillante Student im wahrsten Sinne durch die Holle gegangen. Körperlich allen Teammitglieder mindestens ebenbürtig entpuppt er sich als geschickter Teamplayer, der nach einer freundlichen Aufnahme schnell auch Führungsqualitäten zeigt. Das sein Interesse an Burke nicht nur wissenschaftlicher, sondern auch persönlicher Natur ist, ahnt der Leser deutlich länger als Amy Walker, eine von zwei nennenswerten weiblichen Figuren des Romans. Thiemeyer belässt es bei der Zeichnung Coxs als intelligenten Schweiger und enthüllt seine Leidensgeschichte durch einen längeren Funkkontakt zwischen Amy Walker und ihrem Professor. Der Leser verfolgt diese wichtigen Teilaspekte auf Augenhöhe der handelnden Figuren. Ab dieser Sekunde ist Ray Cox allerdings auch ein wenig übertrieben als wichtigster Protagonist identifiziert und beginnt fast unnötigerweise die Handlung zu dominieren.
Es wirkt fast wie ein Klischee. Der unschuldig im Gefängnis sitzende Märtyrer eines natürlich aus reichem Elternhaus stammenden Opportunisten. Der Leser soll sich fragen, ob Ray Cox wie alle erwarten wirklich Rache nehmen will oder eine Art Langzeitplan aus dem imaginären Köcher holt. Warum nicht einmal Cox als wirklichen “Übertäter” zeigen, der sich in einer Art perfider Verdrehung der Tatsachen am “Guten” rächen möchte? Selbst diese Idee ist inzwischen antiquiert und der Versuch, mit dieser gutes Herz mit dunkler Vergangenheit Mentalität Spannung zu erzeugen, wirkt teilweise ungehobelt. Zumindest eine Drogensucht oder Krankheitssymptome hätten Cox für den Leser zugänglicher, sympathischer und werden überstilisiert erscheinen lassen. Da Thomas Thiemeyer auf einen ebenbürtigen Antagonisten verzichtet, müssen eine verirrte eher körperliche Liebe zur zweiten Frau der Expedition, die Bedrohung durch einen berüchtigten Wilderer und schließlich auch die immer deutlicher werdende Beziehung zu Amy Walker - sie gibt in einer eher unglaubwürdig geschriebenen Szene die Führung der Gruppe schließlich an Cox ab - als Spannungselemente herhalten. Dabei wirken einige der Sequenzen zu bemüht und extrem konstruiert. Das sich ausgerechnet in diesem Teil des Dschungels sehr viel mehr als eine Tierschützerexpedition abspielt, hat Thiemeyer mit dem - kursiv geschrieben - Einsatz des Namenlosen angedeutet. Der Leser möchte allerdings wissen, wie es weitergeht. Mit dem Erreichen einer verborgenen Tempelanlage und dem Höhepunkt der Sonneneruptionen gelingt den Teammitgliedern der Übergang zu einer anderen Welt. Thiemeyer spielt mit der Idee eines Bruchs des Raum- Zeit Kontinuums. Die Wissenschaftler wachen in einer anderen Welt auf, die natürlich auch den verschwundenen Burke aufgenommen hat. Die Beschreibung dieser fremdartigen Welt gelingt Thomas Thiemeyer im Vergleich zum folgenden Handlungsablauf ausgezeichnet. Diese Welt wird von anderen physischen Phänomenen gekennzeichnet. Metalle können frei in der Luft schweben und geben ihr eine fremdartige Atmosphäre. Die Gorillas sind bekleidet, zivilisiert und vor allem intelligenter als die Menschen. Sie leben im Einklang mit ihrer Umwelt und verfügen über mächtige Feinde: Amazonen bedrohen sie auf schwebenden Segelschiffe, die sich als Nachkommen der vor vielen Jahrtausenden verschwundenen Kitara- Hochzivilisation entpuppen. Schnell gerät Ray Cox mit seinem Team zwischen die Fronten.
Thomas Thiemeyer bewegt sich hinsichtlich der fremden Kulturen auf einem schmalen Grad. Der Hinweis auf die vor Jahrtausenden verschwundene Kitara- Zivilisation ist faszinierend und wird überzeugend dargeboten. Die Gorilla Zivilisation bewegt sich auf einem schmalen Grad zwischen Hommage an die “Planet der Affen” Filme mit leicht umgekehrten Vorzeichen und unglaubwürdigen Zufällen. Wie gut das zumindest mit Amy Walker eine Spezialisten für Gorillas durch das Zeit/ Raumkontinuum gefallen ist. Bei Michael Crichton war es noch ein operierter intelligent gemachter Affe. Hinsichtlich der Actionsequenzen wirkt Thomas Thimeyer ein wenig zu ambitioniert und versucht die eher ruhige, aber nicht unspannende erste Hälfte des Buches mittels teilweise auch blutiger, aber niemals wirklich brutaler Sequenzen zu überbieten. Diese Vorgehensweise lässt den zweiten Teil des
Romans teilweise ausgesprochen hektisch erscheinen, zumal der Leser nicht unbedingt an den teilweise fast klischeehaft unterentwickelten Nebenfiguren hängt und ihr tragisches Schicksal ihn manchmal kalt lässt. Die Begegnung zwischen unserer noch vordergründigen technologisch fortgeschrittenen Zivilisation und den edlen Affen sowie der Amazonenkultur wirkt teilweise wie eine moderne Mischung aus Sir Henry Rider Haggard - ohne die rassistischen Exkurse - und Burroughs “Tarzan” Geschichten. Irgendwo versucht Thomas Thiemeyer es zu vielen Köchen recht zu machen und verliert den roten Faden seiner Geschichte insbesondere vor dem cineastisch effektiven, konsequenten, aber wirklich wenig überraschenden Showdown. Was in seinem Steampunkjugendbuch so ausgezeichnet funktioniert hat, wirkt hier teilweise ein wenig aufgesetzt. Der Leser hat das unbestimmte Gefühl, als habe der erfahrene Thomas Thiemeyer zu viel versucht und stellenweise zu wenig erreicht. Nicht das die Passagen langweilig und stereotyp sind, alleine die gelungene Exposition kann qualitativ nicht überboten werden und daran krankt schließlich die ganze zweite Hälfte des Romans. Zumal der Autor dann auch noch den unverzeihbaren Fehler macht, den Figuren eine Rückkehr in ihre Welt zu ermöglichen. Für die Einzigartigkeit des Phänomens und die Glaubwürdigkeit des ganzen Buches wäre es sinnvoller gewesen, wenn die Menschen wirklich keinen Weg zurückgefunden hätten. Aber die übertriebene Heroisierung Ray Cox lässt keine andere Möglichkeit offen. Um ihn letzt endlich zu einem modernen Nachfahren eines Jules Vernes Helden bzw. eines Nachkommen “Tarzan”s zu machen, ist seine Entscheidung ebenso so konsequent wie vorhersehbar. Und hinsichtlich der romantischen Elemente des Romans versucht Thomas Thiemeyer fast verzweifelt in jede Klischeekiste zu springen, bis sich Amy Walker und Cox irgendwann und irgendwo schließlich kriegen.
“Korona” ist sicherlich kein schlechtes Buch. Im Gegensatz zu “Magma” und “Nebra”, deren grundlegende Ideen nicht wirklich überzeugen konnten, fühlt sich Thomas Thiemeyer in Afrika deutlich wohler und kann sich in der ersten Hälfte des Buches mit ähnliche Stärken wie leider auch Schwächen als eine Art deutscher Michael Crichtons weiter etablieren. In der zweiten Hälfte des Buches beginnt der Plot allerdings trotz oder gerade wegen des phantastischen Hintergrunds nicht wie erwartet zu fliegen, sondern wirkt eher bemüht und stellenweise nicht herausfordernd genug, um die Phantasie seiner Leser wirklich zu befeuern. Auch hier muss allerdings differenziert werden. Thomas Thiemeyer hat sich zu einem klassischen Bestsellerphänomen entwickelt, der für eine breite, eher unkritische und oberflächlich zu unterhaltene Masse schreibt. Seine Bücher sind grundlegend eher mechanisch als wirklich inspiriert aufgebaut, sie funktionieren in diesem Punkt ausgesprochen gut und emotional kann der Stuttgarter auch immer im entscheidenden Moment die richtigen “Tasten” drücken, um die erwünschte Rückkoppelung im Leser auszulösen. Was seinen Büchern fehlt, ist eine gewisse Sperrigkeit, der Wunsch über die durchschnittliche Erwartungshaltung hinaus ein wenig zu provozieren - selbst die zeitkritischen Hintergrundinformationen werden von seinen Charakteren so erläuternd wie ein Plausch beim Tee präsentiert - und ideentechnisch noch ein wenig mehr zu verblüffen. So ist und bleibt sein Jugendbuch “Das Land der Regenfresser” seine bislang beste literarische Arbeit, in welcher er phantastische Ideen in einer mitreißenden, ungewöhnlich originell erzählten Story mit einem Hang zur Übertreibung, der in dem stringenten Plot einfach hervorragend funktioniert, wie aus der Pistole geschossen mit ansteckender Fabulierfreude präsentiert. Seine im Knaur Verlag veröffentlichten Romane wirken teilweise zu mechanisch geplant, zu funktionell, selbst wenn einzelne Charaktere wie die idealistische, aber deutlich zugänglichere, moderner und sympathischer nach dem Vorbild der in “Gorillas im Nebel” unsterblich gemachten Forscherin gestaltete Amy Walker positiv überrascht. “Korona” ist solide Unterhaltung, aber Thomas Thiemeyer muss aufpassen, das er sich nicht in eine literarische Ecke schreibt, in der er - mit anderen Hintergrundideen - immer wieder gleich strukturierte Bücher produziert, denen teilweise das Herz und vor allem die Experimentierfreunde seines Erstlings bzw. seines Jugendbuches fehlen.

Thomas Thiemeyer: "Korona"
Roman, Hardcover, 511 Seiten
Knaur- Verlag 2010

ISBN 9-7834-2666-2915

Weitere Bücher von Thomas Thiemeyer:
 - Das verbotene Eden - Logan und Gwen
 - Das verbotene Eden: David und Juna
 - Der gläserne Fluch
 - Der Palast des Poseidon
 - Die Stadt der Regenfresser
 - Magma
 - Medusa
 - Nerba
 - Reptilia

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