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Zoran Zivkovic

Das letzte Buch

rezensiert von Thomas Harbach

Mit der Literatur im Allgemeinen und dem Phantastischen im Besonderen hat sich der serbische Autor Zoran Zivkovic schon in seinen bislang nur in Englisch erschienenen Fugenromanen “The Book” und “The Library” auseinandergesetzt. Die Kunst des Teetrinkens hat “Twelve Collections and the Tea Shop” miteinander verbunden. Nach den ersten einhundert Seiten hat der Leser das Gefühl, als könnte Zivkovic seine phantastischen, aber bodenständigen Ideen, welcher er ins Groteske bzw. Surrealistische extrapolierte, mit dem vorliegenden Roman “Das letzte Buch” noch übertreffen. Die Geschichte beginnt in einem besonderen Buchladen, einem Laden für Literaturliebhaber. Der Laden mit dem poetischen Namen “Papyrus” wird von zwei sehr unterschiedlichen Frauen gemeinsam betrieben. Eines Tages stirbt in dem Laden ein Mensch. Der Notarzt stellt zuerst einen Herzinfarkt fest, bei der Autopsie muss er sich korrigieren. Es ist keine Todesursache feststellbar. Der Literaturliebhaber und Komissar Lukic beginnt mit seinen Untersuchungen. An den nächsten beiden Tagen stirbt jeweils ein weiterer Mensch in dem Laden. Jedes mal ist die Todesursache unbekannt. Die Presse erfährt von der mysteriösen Todesserie und macht Druck. Lukic versucht zusammen mit einer der beiden Ladeninhaberinnen das Geheimnis dieser Todesserie zu ergründen. Natürlich verliebt sich Lukic - gleichzeitig der Ich- Erzähler - in die hübsche, nicht mehr ganz junge Frau. Aber die Todesserie können sie nicht stoppen. Sie greift über die Ladenräumlichkeiten hinaus. Ein einziges Element scheint die Verstorbenen zu verbinden. Das Buch, in dem sie wahrscheinlich alle als Letztes gelesen haben. Ehrfurchtsvoll das letzte Buch genannt.

Zoran Zivkovics Romane zeichnen sich überwiegend durch die Fugenstruktur aus. Unabhängige Episoden werden mit der letzten Geschichte elegant und vor allem überzeugend miteinander verbunden. Sowohl “Die letzte Kamera” als auch der vorliegende Text “Das letzte Buch” weisen diese einzigartige Struktur nicht auf. Während “Die versteckte Kamera” das anfänglich schon sehr hohe Tempo sehr gut bis zum Ende durchhalten, wenn auch nicht mehr steigern kann, beginnt die empfindliche Struktur des vorliegenden Bandes spätestens nach der ersten Hälfte auseinanderzudriften. Zwar führt Zivkovic völlig unnötig, fast störend die Sekte um das letzte Buch ein, die in einer spannenden Passage den Inspektor Lukic wieder aus ihren Klauen entkommen lässt und versucht mittels einer Reihe von Verweisen auf Umberto Ecos Kunstkrimi “Der Name der Rose” das Kriminalgenre mit der hohen Kunst zu verbinden, aber diese Versuche lenken nur teilweise vom eher schwerfälligen und vor allem am Ende absolut enttäuschenden Plot ab. Wenn die Buchhändlerin Vera am Ende des Buches davon spricht, das sechs Menschen gestorben sind, wird sie mit Farben abgelenkt. Aus diesen Zeilen spricht fast schon Verzweifelung, das Buch auf einer besonderen oder zumindest für den Leser akzeptablen Note enden zu lassen. Ein gescheiter Kompromiss wäre es zumindest gewesen, eine blinde Vera einzuführen, die aber in einer Buchhandlung arbeitet und sie “sehend” zu machen. Die hier beschriebene Belohnung rechtfertigt nicht den Tod von sechs Menschen, von denen zumindest zwei dem Leser zumindest im Hintergrund, aber sympathisch vorgestellt worden ist. Weiterhin ist das Ende mit dieser Mischung aus fiktiver Realität und realistischer Fiktion, in Verbindung von Autor und Schöpfung viel zu konstruiert angelegt, um wirklich überzeugen zu können. Der Leser merkt im Gegensatz zum Autoren, das insbesondere der Anfang des vorliegenden Buches das Ende nicht rechtfertigt. Ein Gefühl der Leere macht sich breit. Vergleicht man insbesondere das Ende des vorliegenden Buches mit der absurden Groteske von “The Book”, in welchem Zivkovic die einzelnen positiven wie negativen Eigenschaften der Bücher und damit des Lesens analysierte und mit bissigem Humor extrapolierte, fehlt dem Text eine gewisse Spritzigkeit, eine Unbeschwertheit. Auf der anderen Seite ist er als philosophische Spielerei zu unentschlossen. Es wird auch die vom Klappentext aufgeworfene Frage, warum das Lese so gefährlich ist, in kleinster Weise beantwortet. Nur das Lesen im letzten Buch ist für einzelne Figuren gefährlich. Und das auch nur, weil sie augenscheinlich mit diesem Buch in einem mehr oder minder direkten Zusammenhang stehen. Zivkovic spricht nicht die Frage an, ob zum Beispiel ein Chinese, der das letzte Buch in einem kleinen Antiquariat in Peking finden und ihm lesen würde, ebenfalls gefährdet wäre. Egal, wie man es dreht, die Pointe funktioniert nur sehr eingeschränkt.

Ist das Ende des vorliegenden Romans enttäuschend, ist der Weg dahin zumindest bis zur Mitte des Buches ein Vergnügen. Mit sehr viel Liebe zum Detail zeichnet Zivkovic seine kleinen Sonderlinge mit liebenswerten Eigenschaften aus. Vera wirkt als intelligente, aber einsame Frau sehr überzeugend. Ihre Verführung geht über den Tee in einem einzigartigen Teehaus, das mehr Weisheit verschenkt als Tee verkauft. Sie ist von dem Kommissar Lukic vom ersten Augenblick gefangen genommen. Der Ich- Erzähler und Kommissar Lukic sieht sich gleichzeitig als Romantier. Diese gespaltene künstlerische wie professionelle Ansicht ist am Ende des Romans noch einmal wichtig. Zu Beginn beginnt Lukic die außergewöhnlichen Ermittlungen mit der nötigen Distanz, aber auch einem spürbaren Amüsement. Zwar fliegen in der Liebe zwischen den beiden nicht mehr ganz jungen, vom Leben gezeichneten Menschen nicht gleich die Funken, aber Zivkovic gelingt es, die Romantik überzeugend und nicht zu kitschig darzustellen. Es sind aber die Kunden oder besser die Patienten des “Papyrus”, in denen sich Zivkovic scharfe Beobachtungsgabe und vor allem seine Menschenkenntnis am ehesten widerspiegeln. Von der Dame, die in einem unbeobachteten Moment die Reihenfolge der Bücher krankhaft durcheinander bringen muss über den Kunden, der immer ein Buch in die Buchhandlung bringt und es dort versteckt bis zu “Albert Einstein” zeichnet der Autor ein liebevolles Portrait der Außenseiter unserer Gesellschaft. Natürlich entspricht das “Papyrus” keiner normalen Buchhandlung, sondern einer Literaturoase, wie es sie in der gegenwärtigen Internetgesellschaft nicht mehr geben kann. Ein Ort, an welchem das “gute” Buch im Mittelpunkt steht. Wenn Vera dem anfänglich ungläubigen Kommissar von ihren Patienten, also Kunden berichtet, sind diese Passagen mit sehr viel Wärme und sanfter Ironie geschrieben. In diesen kurzen, aber prägnanten Abschnitten lässt sich am ehesten Zivkovics einzigartiges Werk wieder erkennen. Leider verfliegt der Eindruck viel zu schnell und macht einem sehr geradlinigen, aber nicht zuletzt aufgrund der erzählerrischen Distanz nicht überzeugenden Kunstkrimi Platz. Die Kritik an der modernen serbischen Gesellschaft mit ihren Bespitzelungsmethoden, der Macht ihrer Geheimpolizei und einer immer noch korrupten Wirtschaft ist spürbar, wird aber eher hintergründig und teilweise positiv subversiv abgehandelt. Zumindest sucht Zivkovic ein intellektuelles Ende für seine Geschichte und versteift sich weder in Verschwörungstheorien noch Weltuntergangsgeschichten. Die große Enttäuschung liegt in der Tatsache, das der “Meister des schwarzen Humors” es deutlich besser kann und in einigen seiner kurzen Fugengeschichten mehr als einmal bewiesen hat. Obwohl “Das letzte Buch” mit seinen knapp zweihundertzwanzig Seiten nicht allzu lang ist und zumindest im letzten Kapitel die Fiktion und der technische Aufbau dieser Geschichte miteinander verbunden werden, springt der Funke nur in wenigen, dann allerdings wirklich gut geschriebenen Passagen auf den Leser über. Zumindest fragmentarisch zeigt Zivkovic seine schriftstellerische Brillanz, seine intellektuelle Verspieltheit und vor allem seine scharfe, aber niemals boshafte Beobachtungsgabe. Wenn Zivkovic am Ende seiner Geschichte auf das solide, aber für seine beträchtlichen Fähigkeiten nicht adäquate Niveau eines Jasper Fforde zurückfällt hat der Leser den Eindruck, als hätte der Autor zumindest im vorliegenden Band vor seinen eigenen Gedankenmodellen kapituliert und mit dem verklausulierten Ende eine spürbare Fluchtbewegung begonnen. Mit dem vorliegenden Band setzt sich leider der Trend seiner letzten in Englisch erschienenen Fugen fort. Zivkovic scheint irgendwie die subversive Leichtigkeit verloren zu haben, die insbesondere “Die versteckte Kamera” so ausgezeichnet hat.

Zoran Zivkovic: "Das letzte Buch"
Roman, Softcover, 222 Seiten
DTV 2008

ISBN 9-7834-2321-1031

Weitere Bücher von Zoran Zivkovic:
 - Versteckte Kamera

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