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Mystery (diverse)



Michael Chabon

Junge Werwölfe

rezensiert von Thomas Harbach

Bei der Sammlung “Werevolves in the Youth” – der englische Originaltitel hätte poetischer übersetzt werden können – des inzwischen mit dem Pulitzer- Preis für „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“ ausgezeichneten Michael Chabons handelt es sich um insgesamt acht Kurzgeschichten, weil er bis 1999 in verschiedenen Magazinen und Anthologien veröffentlicht hat. Im Gegensatz zu seinen neueren Arbeiten wie „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“, bei denen der phantastische Hintergrund eng mit dem eigentlichen Plot verbunden ist, handelt es sich bei den vorliegenden kurzen Texten in erster Linie um realistische Auseinandersetzungen mit der Dysfunktion der amerikanischen Durchschnittsfamilie. Das Element des Werwolfes spiegelt sich in zwei relevanten, vielschichtigen und sehr kritischen Geschichten wieder, wobei es bei „Der Sohn des Wolfsmann“ nur einen kleinen Teil der ganz bewusst vage gehaltenen Pointe bildet und in der Auftaktstory „Junge Werwölfe“ nur als Synonym für die letzte soziale Grenze bildet. Michael Chabon geht es viel stärker darum, aufzuzeigen, welche Folgen der unterschiedlich motiviert letzte zu weitgehende Schritt sowohl innerhalb der Familie als auch entsprechend extrapoliert innerhalb der Gesellschaft hat.
Ein typisches Beispiel ist „Haussuche“. Ein junges Paar mit offensichtlichen sexuellen Problemen sucht ein neues, ein erstes Haus. Der melancholische Makler zeigt ihnen ein wunderschönes, aber anscheinend noch bewohntes Haus. Im Verlaufe der intensiv geschriebenen Geschichte erfährt der Leser ausschließlich aus der Sicht des Pärchens auch die enge Verbindung zwischen Makler und dem zu verkaufenden Haus. Geschickt öffnet Michael Chabon aus einem scheinbar alltäglichen und im Grunde schönen Vorgang des möglichen Hauskaufs heraus einen bunten Strauß ehelicher Probleme und entlarvt vieles als schlichte Farce. Was in dieser schlichten Geschichte so ausgezeichnet funktioniert, wird in „Das war ich“ zu einem eher konstruierten Experiment. In einer Bar voller betrunkener Männer mit ihren Machoansichten versucht Chabon die unsichtbaren Zusammenhänge einer Ehe zu analysieren. Dabei gelingt es ihm nicht, dem Leser die im Grunde einsamen und verlorenen Charaktere sympathisch zu machen. Der Plot verliert sich schließlich in theoretischen Debatten, während „Haussuche“ auf einen vorhersehbaren, aber pointiert herausgearbeiteten dunklen Höhepunkt zu steuert.
Zu den – wie schon angesprochen – schönsten Texten der Sammlung gehört „Junge Werwölfe“. Timothy Strokes ist ein schüchterner, emotional gestörter Junge. Der Erzähler der Geschichte Paul kennt schon seine verschiedenen „Verkleidungen“. Egal ob als Buick oder als Plastic Man – hier kommt Chabons eigene lebenslange Liebe zu den Comics zum Tragen -, Paul hat Timothy Strokes Anfälle stoisch ertragen. In erster Linie, weil Paul in der Schule wie in der Kleinstadt auch ein Außenseiter gewesen ist. Nur als sich Timothy Strokes in einen Werwolf verwandelt und beginnt, die Mitschüler zu beißen, überschreitet er eine Grenze. Wie auch in seinem melancholisch ergreifenden Meisterwerk „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“ beschreibt „junge Werwölfe“ Menschen, die unter ihren widersprüchlichen Emotionen genauso leiden wie unter einer kalten Umgebung und fehlender Liebe. Obwohl sie ein zu Hause haben, scheinen Chabons Charaktere in einer Art Nirvanna zwischen allen Stühlen zu sitzen. Der gewalttätige emotionale Ausbruch ist nur eine Frage der Zeit. Chabons Texte zeigen diesen Moment immer aus einer dritten, nur auf den ersten Blick distanzierten Perspektive. Erst gegen Ende der Handlung ahnt der Leser, dass auch der Erzähler eine derartige emotionale Zeitbombe ist und dessen Ausbruch nicht lange auf sich warten lässt. Kritisch zeigt Chabon die Irrationalität der Erwachsenen auf, die von Jugendlichen eine Umsetzung ihrer Entscheidungen erwarten. Paul kann nur an der Aufgabe scheitern, Timothy Strokes aus seiner Werwolf Inkarnation zu holen und damit für die Kleinstadtgesellschaft zu „retten“. Michael Chabon legt wenig Wert auf plottechnische Überraschungen, sondern zeigt dank eines sehr ruhigen, fast phlegmatischen Stils die drastischen, aber nicht unvorhersehbaren Folgen der Erwachsenenentscheidungen. Verlorene Unschuld insbesondere der jungen, naiven Generation in einer Zeit und einem Land – die Geschichte spielt in den USA während der sechziger Jahre -, das seine eigene Unschuld schon lange geopfert hat. Diesen Widerspruch arbeitet Michael Chabon genauso wenig heraus wie er sich politisch äußert. Es gibt keine Geschichte dieser Sammlung, die eher an Texte Bradburys, aber auch die nicht phantastischen Kurzgeschichten Stephen Kings erinnert und sich trotzdem um eine vernehmbare, aber nicht allzu kräftige eigene Stimme bemüht.
Die zweite wirklich herausragende Geschichte, fast schon Novelle ist „Der Sohn des Wolfmanns“. Cara und Richard Case haben seit vielen Jahren versucht, ihre eher langweilige und statische Ehe durch Kinder zu beleben. Nichts hat funktioniert. Eines Nachts wird Cara Opfer eines Massenvergewaltigers, der sie schwängert. Obwohl schon ein Abtreibungstermin vereinbart worden ist, entschließt sie sich zum Entsetzen ihres Mannes das Kind zu behalten. Während Cara fast gegen ihren Willen durch die Schwangerschaft aufblüht, scheint der Fötus ihrem Mann im metaphorischen Sinne die Lebensenergie und vor allem die letzte Liebe für seine Frau auszusaugen. Je näher der Tag der Niederkunft bzw. später die zwei Übertragungswochen kommen, um so mehr zerfällt die extrem labile Ehegemeinschaft. Chabon springt immer wieder zwischen den Ehepartnern hin und her. Ohne ein Urteil zu fällen, beschreibt er sachlich, fast emotionslos beide Seiten der fast tragischen Situation. Es ist bezeichnend für die Konzeption der Geschichte, dass der Serienvergewaltiger im Grunde nach seinem Auftreten für immer aus der Handlung verschwindet und einer existentiellen Frage Platz macht. Es ist weiterhin interessant, dass sich Chabon unabhängig von jeglicher Religion mit der Frage nach der Existenzberechtigung des ungeborenen Lebens auseinandersetzt und keine Lösungen, sondern mit dem offenen, leicht ironischen und den Titel karikierenden Auflösung nur noch weitere Fragen aufwirft. Im Gegensatz zu den ansonsten in den Texten beschriebenen kaputten bzw. grundlos geschiedenen Ehen bietet der Autor seinen Lesern im vorliegenden Text eine Grund, eine aus dem Nichts heraus entstandenes alltägliches Problem an, das nicht von den Ehepartnern selbst stammt. Weiterhin sind die Charaktere nicht mit den groben Strichen der hier versammelten Kurzgeschichten gezeichnet, sondern vielschichtig, sperrig, nicht unbedingt sympathisch, aber zugänglich gezeichnet. Der Mittelteil der Story wirkt ein wenig zu sich selbst wiederholend. Chabin traut sich noch nicht, den nächsten und logischen Schritt bei der Entwicklung seiner Figuren zu gehen, während die Charaktere noch gedanklich im Gegensatz zum Leser die Prämisse durch diskutieren. Auf dem letzten Drittel gleich der Autor dank seines faszinierend vielschichtigen, wenn auch selbst in der deutschen Übersetzung unauffälligen, aber lesbaren Stil diese Schwäche gänzlich aus. Das Ende ist trotz der Offenheit dramaturgisch gut inszeniert und erinnert mit seinen wechselnden Perspektiven und schnellen Perspektivwechseln an die alten Hollywoodschinken in einem modernen Gewand.
Die größte Überraschung ist die letzte Story der Sammlung: „In der schwarzen Fabrik von August Van Zorn“. Eine offensichtliche Hommage an H.P. Lovecraft, stilistisch dessen Tagebuchaufzeichnungsgeschichten nach empfunden mit sprachlichen Bildern, die in ihrer Intensität an den jungen Clive Barker in seinen „Books of Blood“ erinnern. Der eigentliche Plot ist wenig überraschend und zeichnet sich in dieser sehr dichten Story frühzeitig ab. Auch gelingt es Michael Chabon zu wenig, die magische Anziehungskraft dieser seltsamen Fabrik auf den intellektuellen Professor herauszuarbeiten. Seine Handlungen sind zwar konsequent, aber wirken teilweise zu stark konstruiert. Das er schließlich erfolgreich in die Fabrik eindringen wird, steht außer Frage. Das er dort etwas Entsetzliches, für ihn im Gegensatz zum Leser Überraschendes und wahrscheinlich Tödliches finden wird, braucht auch nicht diskutiert werden. Es ist alleine die stilistische und sprachliche Wandlungsfähigkeit Chabons, welche den Text unabhängig von seiner inhaltlichen Außenseiterstellung so lesenswert macht.
„Mrs. Box” könnte mit größerem Wohlwollen eine Würdigung der Film Noir Krimis sein, in denen sich der inzwischen verlassene Ehemann aus seiner verqueren Sicht rechtmäßig ein teures Geschenk zurückholt. Dabei vergleicht der allwissende Erzähler in einer der schönsten Analogien der Sammlung eine Ehe mit einer Arktisquerung. Die beiden Eheleute haben sich auf die kommenden Hindernisse ungenügend vorbereitet und finden sich plötzlich in einem emotionalen Brachland wieder. Es sind diese Passagen, die immer wieder den Leser antreiben, die nicht angenehmen Schicksale Chabons so durchschnittlicher, so schwierig zu definierender Figuren weiter zu verfolgen. Das Spektrum der Texte reicht von einem leicht unterschwelligen Humor über Sarkasmus bis zum Zynismus, mit welchem Chabon seinen Figuren und damit expliziert auch seinen Lesern den Spiegel ins Gesicht hält. Die Texte sind manchmal ein wenig zu stark auf die nicht selten vorhersehbare Pointe hin konstruiert. Chabon erweist sich als stärkerer Novellenschreiber als Kurzgeschichtenautor. Je länger die Texte sind, desto mehr kann sich der Leser mit den bodenständigen, nicht überzeichneten Figuren in ihrer manchmal deprimierend alltäglichen Situationen identifizieren. „Junge Werwölfe“ ist eine Auseinandersetzung mit den zahlreichen Schwächen der modernen Industrienation, ohne das Michael Chabon Alternativen anbietet. Die neun Geschichten lassen sich alle sehr gut lesen, wobei die Qualitätsunterschiede doch sehr stark sind. Seine wahre Stärke als Erzähler zeigt sich in seinen Romanen. Viele der Kurzgeschichten wirken eher wie Fingerübungen, um die einzelnen Ideen dann in seinen längeren Werken explizierter und vielschichtiger zu bearbeiten. Die Keimzellen sind aber allemal lesenswert.




Michael Chabon: "Junge Werwölfe"
Anthologie, Softcover, 252 Seiten
DTV 2007

ISBN 9-7834-2313-5894

Weitere Bücher von Michael Chabon:
 - Das letzte Rätsel
 - Wonder Boys

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