Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Mystery (diverse)



Kenneth Oppel

Düsteres Verlangen

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Düsteres Verlangen- die wahre Geschichte des jungen Victor Frankenstein“ legt der kanadische Jugendbuchautor die kritische Messlatte seines neues Buches und vermutlich des Auftakts zu einer neuen Serie relativ weit nach oben. Zum einen muss er eine neue Generation von Lesern für die Geschichte des besessenen Wissenschaftlers Victor Frankenstein und der Erschaffung seines nicht minder berühmten, aber namenlosen Monsters trotz zahlloser Verfilmungen begeistern und zum anderen versteckt sich bei dem Wort „wahr“ immer der kreative Freigeist, der unterhaltsame Geschichten erst möglich macht.
Trotz oder gerade wegen dieser kritischen Einschränkungen präsentiert sich der Auftaktroman „Düsteres Verlangen“ nicht nur als ausgesprochen unterhaltsam wie stringent erzählte Story, Kenneth Oppel gelingt es ohne Frage über die Charakterisierung des Ich- Erzählers den Leser in den Bann der Ereignisse zu ziehen, der mittelbare Folgen Mary Shelley in ihrem weltberühmten Roman niedergeschrieben hat.
Wie genau Kenneth Oppel dabei auf das Original eingeht, zeigen das Auftakt- und leider etwas überstürzte Abschlusskapitel. Gleich in der ersten Zeile wird von der Jagd auf das Monster berichtet, das der Leser fälschlicherweise aber ausgesprochen geschickt mit Frankensteins späterer Schöpfung gleichsetzt. Wie Shelleys Roman endet die Geschichte in der ewigen Kälte nicht am Nordpol, sondern in den Schweizer Bergen. Wie Shelley hat sich trotz der erzähltechnischen Einschränkungen für die Ich- Erzählerperspektive entschieden.
Aus dem Original hat Kenneth Oppel mit Elizabeth Lavenza und Henri Cleval zwei unmittelbar an den Ereignissen beteiligte Protagonisten übernommen. Victor Frankensteins jüngster Bruder Wilhelm – im Roman das Opfer der Kreatur – wird mehrmals am Rande erwähnt. Um den zwiespältigen, sicherlich überaus ehrgeizigen Charakter Frankensteins besser ausloten zu können, hat Kenneth Oppel auf den mittleren Bruder Erntest zu Gunsten eines fiktiven Zwillingsbruders Konrad verzichtet.

Victor und Konrad Frankenstein, die von der Familie adoptierte entfernte Cousine Elisabeth Lavenza und schließlich der zur Dichtkunst neigende Henri Cleval aus dem nahe gelegenen Genf wachsen behütet und im Schatten des Wohlstands der Familie Frankenstein auf. Durch einen Zufall entdecken die vier unter der Burg eine Bibliothek mit okkulten Werken, zu denen wie in Shelleys Vorlage auch Heinrich Cornelius Agrippa’s „Occulta Philosophica“ gehört. Victor Frankenstein wird schnell von den Arbeiten eingefangen. Sein Ehrgeiz wird allerdings erst endgültig geweckt, als Kenneth Oppel die behütete Welt Victor Frankensteins durch zwei nur locker miteinander verbundene, aber besondere im Jugendbuch relevante Ereignisse zerschlägt. Konrad wird schwer krank. Kein Arzt scheint ihm helfen zu können. Victor Frankenstein erfährt fast zeitgleich, dass Elizabeth Konrad liebt. Erst durch diese Erkenntnisse wird seine eigene Begierde entfacht. Auch wenn er insbesondere in sportlicher Hinsicht seinem zwei Minuten älteren Zwillingsbruder nicht das Wasser reichen kann, will er Elisabeth besitzen, wenn auch nicht unbedingt gleichberechtigt lieben. In den Unterlagen im Keller und dank eines Hinweises findet er eine verschlüsselte Anleitung, um das Elixier des Lebens zu brauen, das seinen Bruder retten soll. Dazu muss er aber in Genf einen seit Jahren untergetauchten Alchemisten aufsuchen, welcher den Text übersetzen und die Jugendlichen auf die Suche nach den Bestandteilen schicken kann.

Wie schon angesprochen ist die Handlung sehr stringent entwickelt. Die Suche nach den Bestandteilen des Elixiers wird angereichert durch einen ersten Ausflug in die okkulte Zwischenwelt, der den bisher bodenständig realistischen Verlauf der Handlung ein wenig zu überzogen zu durchschlagen droht. Victor Frankenstein und Elisabeth nehmen eine Droge, um erstens eine bessere Nachtsicht zu erhalten und unter dem Einfluss des Elixiers sich kurzzeitig wie Tiere zu benehmen. Diese Szene wirkt ein wenig zu überzogen, Kenneth Oppel braucht sie allerdings als Balance in Bezug auf einen wichtigen, sehr gut geschriebenen Teil des im Vergleich zum Gesamtroman vielleicht ein wenig zu langen Showdowns. Das Ende ist abrupt, aber in doppelter Hinsicht notwendig wie konsequent. Zum einen wird der Bruderkonflikt ausgeschaltet, zum anderen auch Frankensteins brennender Ehrgeiz geweckt, der Natur ein Schnäppchen zu schlagen. In Shelleys Roman wird er ein Jahr später als siebzehnjähriger nach Ingolstadt gehen, um seine medizinische Ausbildung zu beginnen. Rückblickend liegt der Fokus des Romans aber weniger auf der konsequent entwickelten Handlung mit einigen sehr gut platzierten Höhepunkt, sondern einem dreidimensionalen Portrait des späten 18. Jahrhunderts mit den politischen Unruhen in Frankreich sowie dem aufgeklärten vordergründigen Verhalten des Richtersund Vaters Victor Frankensteins. Kenneth Oppel zeichnet ein wunderbar farbenfreudiges, aber nicht nur positives Bild dieser Epoche. Das insbesondere die Idylle der Frankensteins auf Sand bzw. Alchemie gebaut worden ist, erscheint als besonderer Bonuspunkt, um Victor Frankensteins Ehrgeiz gegen die moderne Wissenschaft und jegliche Gesetze weiter anzustacheln.

Natürlich steht Victor Frankenstein als Ich Erzähler und markantester Charakter im Mittelpunkt der Geschichte. Kenneth Oppel muss auf der einen Seite das Fundament für eine Figur legen, die über Shelleys Romans hinaus durch unzählige sehr unterschiedliche Verfilmungen zu einer Art Allgemeingut geworden ist. Auf der anderen Seite darf sich die Sympathie des Lesers nicht zu stark von diesem jugendlichen Hitzkopf mit teilweise noch nachvollziehbaren Motiven abwenden, um eine Entfremdung zu verhindern. Oppels Victor Frankenstein ist arrogant, hitzköpfig, egoistisch, rücksichtslos, überdurchschnittlich intelligent, störrisch, hartnäckig. Er lebt und leidet unter seinen extrem schwankenden Emotionen. Als Teenager hinterfragt er weniger die Motive der Erwachsenen, sondern widersetzt sich ihnen. Seine eigenen Entscheidungen sind unumstößlich, das Ziel ersetzt den Weg. Je mehr Victor Frankensteins Vater von der Familiengeschichte erzählt, desto entschiedener sieht sich Victor Frankenstein gegen alle Logik und alle Gesetze im Recht. Victor Frankenstein ist ein charismatischer Charakter, dem der Leser im Grunde keinen alleinigen Erfolg wünschen kann und wünschen will. Sein vernünftiger Zwillingsbruder Konrad steht nicht nur aufgrund seiner Krankheit im Schatten seines Bruders. Er ist zu liebenswert normal, zu vorsichtig nachdenkend gezeichnet als das er einen wirklichen Eindruck im Leser hinterlassen kann. Tragischer ist es, das Kennth Oppel den Bruderkonflikt schon im ersten Band der Serie beendet und somit viel Potential trotz des effektiven Endes im Grunde verschenkt.
Zwischen den Brüdern steht mit der attraktiven Elizabeth eine durchaus moderne junge Frau, die mit ihrer Rolle als potentielles Heimchen am Herd nicht ganz zufrieden ist. Oppel beschreibt sie positiv auch nicht als zukünftige Emanze, sondern als pragmatisch denkende Frau, die Konrad als Menschen liebt, von Victor Frankensteins Energie aber angezogen wird. Diesen Zwiespalt beschreibt der Autor nicht nur sehr überzeugend, sondern bietet insbesondere vor dem finalen Showdown auch keine Lösungsmöglichkeiten an. Vielleicht führt er Victor Frankenstein ein wenig zu sehr in Versuchung, reizt mit ein oder zwei überflüssig erscheinenden Szenen die pubertierende Phantasie des jungen Mannes zu sehr, aber Elizabeth ist eine interessante junge Frau, von welcher der Leser ohne Frage mehr erfahren möchte.
Victor Frankensteins Vater ist ein modern denkender Mensch, der als Richter eine überraschende Weitsicht offenbart. Das er den gegenwärtigen Reichtum durch die Anwendung der von ihm verhassten Alchemie wieder aufgebaut hat, ist einer der kleinen Flecken, die Kenneth Oppel auf seine „Seele“ gebrannt hat. Dadurch erscheint die Figur deutlich ambivalenter, gefangen in einer Zeit des nicht nur politischen Übergangs. Victor Frankensteins Opposition hat nicht nur mit jugendlichem Aufbegehren zu tun, es ist der zukünftige Konflikt zweier „Glaubensrichtungen“ der modernen Wissenschaft.
Mit dem im Rollstuhl sitzenden Polidori hat Oppel im Grunde einen ambivalenten Antagonisten in die laufende Handlung integriert, der wie später Frankenstein der Versuchung des Elixiers des Lebens, der Jagd nach der potentiellen „Unsterblichkeit“ erliegt. Auch seine Motive und sein verzweifelter Versuch, am Ergebnisse der Suche teilzuhaben, sind für den Leser nachvollziehbar. Da die Zusammenstellung der einzelnen Zutaten über mehrere Wochen erfolgt ist, hätte er anfänglich Victor Frankenstein noch etwas besser „steuern“ können und so das von ihm erhoffte Ergebnis sehr viel leichter erreichen können. Die Vielschichtigkeit aller Figuren des vorliegenden Romans wird in seiner Person rückblickend betrachtet am Deutlichsten. Kenneth Oppel verzichtet zu Gunsten des ganzen Plots auf klassische Feindbilder, seine Erwachsenen werden bis auf die gutmütige Hausangestellte Maria und die Mutter eher in Grauabstufungen beschrieben.

Zusammengefasst ist „Düsteres Verlangen“ ein ausgesprochen kurzweilig zu lesender, Hintergrundtechnisch überzeugend recherchierter Roman, der auf einer spekulativen Grundlage mit dreidimensionalen Charakteren den Beginn von Victor Frankensteins unheilvoller Karriere motivtechnisch nachvollziehbar untermauert beschreibt.

Kenneth Oppel: "Düsteres Verlangen"
Roman, Hardcover, 384 Seiten
Beltz & Gelberg 2012

ISBN 9-7834-0781-1219

Weitere Bücher von Kenneth Oppel:
 - Ein dunkler Wille
 - Fledermaus-Trilogie
 - Nachtflügel
 - Sternenjäger
 - Wolkenpanther

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::