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Mirjam Pressler

Golem stiller Bruder

rezensiert von Thomas Harbach

Die 1940 in Landshut geborene Autorin Mirjam Pressler hat sich mit “Golem stiller Bruder” der bekannten Saga um den steinernen HĂŒnen, den Mann aus Lehm ohne Herz angenommen, der das jĂŒdische Ghetto im Prag um das Jahr 1600 beschĂŒtzte. Die GrundzĂŒge dieser Geschichte haben sowohl Gustav Meyrink in seinem empfehlenswerten Roman “Der Golem” und natĂŒrlich die Stummfilmversion “Der Golem, wie er in die Welt kam” von und Paul Wegener fĂŒr ganze Generationen geprĂ€gt. Im Grunde weicht Mirjam Pressler von dieser bekannten Geschichte auch nicht ab, sie fokussiert die erzĂ€hlerische Perspektive fĂŒr eine junge Generation von Lesern nur ein wenig anders. Der Junge Jakel wird zusammen mit seiner jĂŒngeren Schwester von ihrer Mutter nach Prag geschickt. Jakels Vater ist von einer seiner Buchverkaufstouren nicht zurĂŒckgekommen und die Mutter kann die Familie nicht mehr alleine ernĂ€hren. Das klassische Motiv der Entwurzelung ermöglicht es Mirjam Pressler, insbesondere die goldene Stadt Prag mit ihren religiösen GegensĂ€tzen aus einer unbedarften Perspektive zu beschreiben. Jakel und seine Schwester werden von ihrem Onkel, dem berĂŒhtem Rabbi Löw aufgenommen. WĂ€hrend die Schwester zwei Straßen weiter bei anderen Verwandten wohnt, lebt Jakel bei seinem Onkel. Er bekommt am eigenen Leibe mit, wie ein christlicher Mönch den Hass gegen die Juden predigt und aus einzelnen Aktien der Gewalt schließlich eine AtmosphĂ€re des Hasses und des Wunsches entsprießt, das Judenghetto niederzubrennen und alle Einwohner zu töten. Jakel ist aber nicht der einzige Gast in Rabbi Löws Haus. Durch einen Zufall trifft er auf Josef, der angeblich Synagogendiener ist und unter dem Dach in einer dunklen Kammer haust. Josef ist nicht nur hĂ€sslich, er kann nicht sprechen und seine Bewegungen sind eckig. Im Gegensatz zu Jakel weiß der Leser relativ frĂŒh, das es sich bei dieser grauenvollen Kreatur um den Golem handelt, der spĂ€ter den Kaiser von Tschechien das Leben retten wird und wie “Frankenstein”s Kreatur außer Kontrolle gerĂ€t.

Ganz bewusst konzentriert sich die Autorin nicht ausschließlich auf diesen VorlĂ€ufer der Frankenstein Geschichte, auch wenn die Kreatur nicht von einem Wissenschaftler, sondern von einem Rabbi, einem Mann des Glaubens erschaffen worden ist. Alle wichtigen Elemente der bekannten ErzĂ€hlung sind vorhanden, sie werden aber unglaublich geschickt in einen sehr kompakt und sehr intensiven erzĂ€hlten historischen Kontext integriert. Um immer wieder Hintergrundinformationen informativ und nicht belehrend fĂŒr die neue Lesergeneration aufzubreiten, greift Mirjam Pressler auf das klassische Element der GeschichtenerzĂ€hlung zurĂŒck. Immer wieder werden Jakel in Form kurzer Anekdoten und Geschichten die wichtigsten Fakten sowohl der jĂŒdischen Historie, der verschiedenen Verfolgungen, des Lebens in diesem Ghetto, der ersten Pogrome und der Saga um den Mann aus Lehm, dem herzlosen BeschĂŒtzer der Juden vermittelt. Dabei bemĂŒht sich die Autorin, ein historisch neutrales Bild dieser Ereignisse zu zeichnen. Ihr Hauptaugenmerk liegt allerdings auf das Tatsache, den Lesern die HintergrĂŒnde des jĂŒdischen Glaubens zu erlĂ€utern und mit einer Reihe von leider noch gegenwĂ€rtigen Vorurteilen aufzurĂ€umen. Nicht umsonst zeichnet sie die Christen ĂŒberwiegend als egoistisch, dumm, gewalttĂ€tig und aggressiv. Dem Roman fehlt rĂŒckblickend vielleicht eine sympathische christliche Figur, wĂ€hrend die Juden ausschließlich als geduldig, Ă€ngstlich, geschĂ€ftstĂŒchtig und weise beschrieben werden. Mit dieser Einseitigkeit kann Mirjam Pressler ihre Handlung und die gewalttĂ€tigen Exzesse sehr gut untermalen, sie wirkt aber im Verlaufe des Buches stellenweise ein wenig ermĂŒdend und leicht manipulierend.

Um eine Verbindung mit der heutigen Lesergeneration herzustellen, hat die Autorin mit Jakel einen aufgeschlossenen, lustigen, aber von seinem bisherigen Leben her nicht begĂŒnstigten jungen Mann erschaffen, der als emotionale Basis zu Josef dient. Die Freundschaft dieser ungleichen “Jungen” steht nicht unbedingt im Mittelpunkt des Buches, ist allerdings an einigen Stellen der sehr kompakten Handlung wichtig, um ein emotionales Gleichgewicht hinsichtlich des durch und durch dĂŒsteren Szenarios herzustellen. Wenn Jakel als eine Art Privatdetektiv schließlich die Eltern eines verstorbenen MĂ€dchens findet, die einen im Kerker sitzenden Juden mit ihrer Aussage befreien könnten, ĂŒberzieht Mirjam Pressler teilweise den Bogen an GlaubwĂŒrdigkeit und nĂ€hert sich eher den gegenwĂ€rtig populĂ€ren Detektivgeschichten.

Hinsichtlich der Gewalt ist “Golem stiller Bruder” sicherlich eher ein Roman fĂŒr die etwas Ă€ltere Leserschaft ab vierzehn Jahren aufwĂ€rts. Die Gewalt wird meistens nicht um ihrer Selbst willen erzĂ€hlt, Mirjam Pressler zeigt mit drastischen Worten auf, wie sich Menschen von der geistigen Obrigkeit manipuliert zu unglaublichen Gewalttaten hinreißen lassen. Sie verlieren ihre Menschlichkeit und werden zu Tieren.
Teilweise muss der Leser einige SĂ€tze zweimal lesen, um wirklich glauben zu können, was sie hier in einem Jugendbuch mehr oder minder expliziert beschreibt. Damit rĂŒckt sie allerdings auch den Golem sehr nahe an die Superhelden der vierziger Jahre heran, die unaufhörlich in den Comics gegen die allgegenwĂ€rtigen und bitterbösen Nazis gekĂ€mpft haben. Das Josef mit seiner unglaublichen Kraft nicht nur die Ermordung vieler Juden verhindert, sondern auch gegen die Angreifer aggressiv stoisch vorgeht, ist ein anderer Aspekt des Romans. Die Autorin balanciert auf einem schmalen Grad hinsichtlich der Position “Auge um Auge,. Zahn um Zahn”. Sie verallgemeinert Josefs Aktionen und rĂŒckt sie teilweise fast in den Bereich des comicartigen Niemandslandes. Es werden in erster Linie die Morde an der jĂŒdischen Bevölkerung beschrieben. In dieser Hinsicht passt die Perspektive des Romans zu der teilweise doch zu eindimensionalen Darstellung der Christen, bei denen der Kaiser - nachdem sein Leben gerettet worden ist - noch positiv, aber distanziert beschrieben herausragt. Hinsichtlich der jĂŒdischen Ghetto-Bevölkerung wirkt manche Beschreibung vielleicht zu positiv. Trotz der Ă€rmlichen LebensumstĂ€nde halten die Juden zusammen und helfen sich immer und ĂŒberall gegenseitig. Diese auch auf den zweiten Blick teilweise zu positive Beschreibung macht den Angriff auf das jĂŒdische Ghetto und damit die Zerstörung des Idylls noch tragischer und teilweise unertrĂ€glicher, aber der Leser hat auch impliziert das GefĂŒhl, als beschreibe die Autorin die ZustĂ€nde selbst vor den Pogromen als zu positiv, zu schwarz weiß. Teilweise gelingt es ihr im abschließenden Showdown nicht mehr, die von Josef selbst ausgehende Zerstörung noch im Vergleich zum Überfall der Christen zu steigern. Ihnen fehlt die Dramatik dieser Ereignisse. Erst gegen Ende gelingen Mirjam Pressler eine Reihe von ergreifenden Szenen, in denen sich die ganze Tragik von Josefs widernatĂŒrlicher Existenz entfaltet.

UnabhĂ€ngig von diesen SchwĂ€chen ist “Golem stiller Bruder” kein schlechter Roman, sondern eine solide NeuerzĂ€hlung einer der Ă€ltesten europĂ€ischen Legenden. Die Chemie zwischen dem auch geistig beweglichen Jakel und seinem “Bruder” Josef stimmt. Viele der jĂŒdischen Figuren sind liebevoll gezeichnet, wobei sich Mirjam Pressler auf die Fahne geschrieben hat, die entsprechenden jĂŒdischen Begriffe zu verwenden. Ein ausfĂŒhrliches Glossar am Ende des Buches informiert die Leser ĂŒber die Bedeutung der Begriffe. Was den Roman aber so lesenswert macht, ist die sehr kompakte ErzĂ€hlstruktur, die sich wie ein FĂ€cher mehr und mehr vor den interessierten Lesern öffnet und ihnen nicht nur einen Einblick in das Jahr 1600 und die tschechische Hauptstadt Prag gibt, sondern vor ihnen die ganze Geschichte des Volkes Israel mit allen Vorurteilen, aber auch allen WĂŒnschen/ Hoffnungen öffnet. Immer wieder ist man verblĂŒfft, mit welcher EffektivitĂ€t die Autorin die laufende Handlung unterbricht, um eine weitere Episode der jĂŒdischen Geschichte bzw. Legende erzĂ€hlen zu lassen. Dabei trĂ€gt auch der von ihr sehr sorgfĂ€ltige recherchierte historische Hintergrund zu einer dunklen, aber fesselnd faszinierenden AtmosphĂ€re bei. Auch wer sich schon mehr oder minder intensiv mit der Legende um den Golem und sein tragisches Ende beschĂ€ftigt hat, wird dank der schon angesprochenen viel tiefer gehenden Strukturen des vorliegenden Werkes neues Lernen bzw. Bekanntes mit neuen Augen sehen lernen. Und damit hat die Autorin sicherlich ein wichtiges Ziel ihres Romans ohne EinschrĂ€nkungen erreicht.

Mirjam Pressler: "Golem stiller Bruder"
Roman, Hardcover, 373 Seiten
Beltz & Gellberg 2008

ISBN 9-7834-0781-0212

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