Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Mystery (diverse)



Joseph D´Arbaud

Das Tier vom Vacares

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Das Tier vom Vacares” legt der Waldgut- Verlag im Rahmen seiner Zwielichtreihe die längere Erzählung des Franzosen Joseph d´Arbaud nach mehr als fünfzig Jahren wieder auf Deutsch vor. Heinz Zehnder hat den Band nach den französischen Originalen übersetzt und mit einem vielschichtigen Nachwort versehen. Dabei geht der Übersetzer in erster Linie auf die verschiedenen Möglichkeiten ein, die Erzählung entweder als klassisches Märchen, als Gottesprüfung oder schließlich als Allegorie zu lesen. Er erwähnt allerdings mit keiner Silbe einen interessanten Vergleich mit der bekannten Geschichte von “The Beauty and tue Beast”, auch wenn sich dÁrbaud in erster Linie auf die Bestie im Tier konzentriert. Der Autor ist 1874 in Meyrargues als Kind einer Landadelfamilie geboren worden. Sie pflegte die provenzalische Sprache und deren Literatur. Joseph D´Arbauds Mutter verfasste eine Reihe von Gedichten. Nach der Erziehung auf einer Knabenschule in Avignon studierte er Jura und versuchte sich nach einigen Jahren in der Boheme als Rinderhirte. Es ist sicherlich kein Zufall, das die im Mittelpunkt stehende Figur des Ich- Erzählers auf der einen Seite ein Viehhirte ist, auf der anderen Ende entgegen den Traditionen des 15. Jahrhunderts nicht nur Schreiben und Lesen, sondern vor allem auch eine Art Tagebuch führen kann. Die Verbundenheit zwischen Autor und seiner Figur ist unleugbar und nicht umsonst bemüht sich D´Arbaud um eine Ich- Erzählerperspektive. Die intimste Erzählmöglichkeit wird allerdings durch das Tagebuch und die entsprechenden Aufzeichnungen ein wenig distanziert. Zeit seines Lebens setzte sich D´Arbaud zumindest für die geistige und kulturelle Unabhängigkeit der Provence ein. Neben einer Handvoll von Erzählungen und Gedichten befindet sich in seinem Nachlass noch der anscheinend unveröffentlichte Roman “L´Antife”, der zumindest in Wikipedia nicht als erschienen geführt wird.

Die Handlung seiner hier vorliegenden und mit einem außerordentlich prägnanten Titelbild von Jörn Bach versehenen Titelbild spielt im Jahre 1417. Ort des Geschehens ist die mittelalterliche Carmargue, eine raue Landschaft mit vielen Wäldern, Tälern und Seen. Der Viehhirte und Ich- Erzähler Jacques Roubaud entdeckt auf einem seiner Ausritte unbekannte Spuren. Er folgt ihnen und kreist im ersten großen Abschnitt des Buches das unbekannte Tier ein. Die erste Begegnung wird ihn für sein Leben prägen, auch wenn erst die zweite Begegnung ihn zum Nachdenken und Philosophieren bringt. Obwohl der Übersetzer in seinem Nachwort davon spricht, dass das Tier durchaus ein Halbgott, ein Faun sein könnte, das trotz seiner relativen Unsterblichkeit irgendwann - und in diesem Fall im Auge des Betrachters - sterben muss, bleibt D´Arbaud insbesondere in Hinblick auf den Auftakt seiner Geschichte ambivalent. Der Ich- Erzähler und Alter Ego des Autoren bereitet mit dem Rahmen den Leser auf eine ungewöhnliche Begegnung vor. Die Tendenz verheimlicht der Erzähler allerdings vor den Lesern. Sie nehmen förmlich am “Fund” des Tieres in der ersten Person teil, obwohl schon zwischen dem ersten und zweiten Teil des Buches Monate ins Land gegangen sind und zweitens zwischen der beschriebenen Handlung und dem Rahmen anscheinend auch viele Jahre liegen. Mit dem pockennarbigen halbgebildeten Viehhirten hatz D´Arbaud versucht, ein Mitglied des einfachen Volkes zu skizzieren, dessen Glauben auf den ersten Blick einer großen Prüfung unterworfen wird. Zuerst wird sein Tierbild erschüttert, bei der zweiten Begegnung empfindet er schließlich Mitleid mit der Kreatur und am Ende der Erzählung Trauer. Mit diesem fast klassisch klischeehaften Abfolge folgt der Autor einem Großteil der Sagen. Es stellt sich alleine die Frage, ob die Kreatur wirklich gutmütig ist oder in letzter Sekunde seine Täuschung aufdeckt. Natürlich lässt sich diese Begegnung wie es auch der Übersetzer herausarbeitet, als Prüfung des eigenen, des echten Glaubens beschreiben, aber damit macht es sich Heinz Zehnder zuleicht. Vielmehr scheint der Autor in der Tradition der Mythen und Sagen zu beschreiben, dass der Urglaube solange weiterlebt, wie es Menschen mit offenen Augen gibt, die ihm mit reinen Herzen begegnen. Der Text wird mehr und mehr zu einer Allegorie, in welcher sich der Autor mit der kühlen Nüchternheit der Moderne auseinandersetzt und fast an seiner Leser appelliert, an die Märchen zu glauben. Das entspräche auch seinem kontinuierlichen Einsatz für die verspielte provenzalische Sprache und deren Kultur, die auf ein wildes Tier reduziert mit einem nicht zu unterschätzenden Intellekt ausgestattet anlässlich der Bestrebungen des modernen Frankreichs schließlich in Schönheit stirbt. Nicht umsonst gehören Autor und Viehhirte zu den wenigen Menschen, die von der ersten Begegnung angestachelt weiterhin nach dem Tier suchen. Natürlich lässt sich sehr viel in der vorliegenden Geschichte auf die Enge des christlichen Glaubens und die Vergänglichkeit insbesondere der griechischen Mythenfiguren reduzieren. Aber damit tut man der Geschichte Unrecht. Die Camargue gilt aus urwüchsig und geschichtsträchtig und in seinen auch sprachlich sehr naturalistischen Bildern lässt der Autor dieses historisch vollkommen verklärte und verfremdete Mittelalter wieder auferstehen. Historisch ließe sich vielleicht eher erklären, dass der Mensch auf dem Weg aus dem dunklen Mittelalter zur Aufklärung den Ballast der alten Zeit ablegen müsste, aber genau diesen sucht der Charakter ja immer wieder nach der ersten beeinflussenden Begegnung. Nicht umsonst konzentriert sich D´Arbaud ausschließlich auf die beiden Figuren des Tieres und des Viehhirten. Der ganze Roman wird durch diese beiden sehr unterschiedlichen, aber impliziert sehr genau gezeichneten Figuren geschleust und gibt dem Leser keine Möglichkeit, ihnen auszuweichen oder eine dritte Perspektive zu suchen. Wahrscheinlich wurde der Autor von seinen Jahren als Viehhirte zu dieser Geschichte inspiriert und genaue Beschreibungen der urwüchsigen und zeitlosen Landschaft sind in seinen Roman eingeflossen. In dieser Hinsicht könnte die Unsicherheit Roubaud auch weniger auf seinen Glauben und eine mögliche Prüfung hin interpretiert werden, sondern stellvertretend für einen unsicheren und neuen Lebensabschnitt des Autoren, eine Rückbesinnung zu den verklärten Wurzeln der eigenen Familie betrachtet werden. Nicht umsonst hat D´Arbaud mit dem Tod des Tieres auch seine kurzfristige Heimat wieder in Richtung Zivilisation verlassen. Die Erfahrungen des einfachen Lebens, der Begegnung mit der Natur, für die das Tier sicherlich auch steht, haben ihn geprägt. Unabhängig von diesen sehr verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten ist “Das Tier vom Vaccares” eine sprachlich anspruchsvoll erzählte Geschichte, die dank der intensiven Beschreibungen und dem ungewöhnlich langsamen, aber nicht langweiligen Aufbau überzeugen kann. Der Leser staunt, wenn der Auto die Handlung in der Mitte, im Grunde während der interessantesten Passage für mehrere Monate unterbricht, um dann die Tagebuchaufzeichnungen sehr viel zielstrebiger, an einigen Stellen fast gehetzt wirkend wieder aufzunehmen und schließlich zum nihilistischen, aber nicht unbedingt melancholischen Ende zu führen. Der Text selbst erinnert eher an eine schwermütige Fabel als eine geradlinige Unterhaltungsgeschichte. Die größte Überraschung liegt in der Tatsache verborgen, dass das Tier weit mehr als nur eine Bestie ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Geschichten verbirgt der Autor diese Tatsache nicht lange vor dem Leser, er soll sich auf Augenhöhe mit dem Wesen auseinandersetzen und dank der intensiven Beziehung mit dem Tagebuchschreiber - dessen Aufzeichnungen viele Jahrhunderte quasi verschwunden gewesen sind - aus erster Hand diesen Schatten der Vergangenheit kennen lernen. Die Begegnung mit dem Tier wird den Leser nicht so wie der romantisch verklärten und intellektuell teilweise doch zu ambivalenten Erzähler bzw. seinem Autoren beeindrucken, aber D´Arbaud verzichtet in seiner sehr naturalistischen Geschichte auf jegliches Beiwerk und vor allem jeglichen Kitsch. Die Emotionen wirken teilweise fast zu sehr unterdrückt, es dauert lange, bis sich der notwendige Sympathiebogen zwischen Erzähler und Tier, bzw. Erzähler und Leser wirklich aufbaut. Ist dieser allerdings im gut gesponnenen Netz der Geschichte gefangen, fühlt er sich in ein Mittelalter versetzt, das es in dieser märchenhaften Form niemals gegeben haben wird. Mit dem Tod des Tiers wacht er wieder in einer eintönigeren Gegenwart auf, wird aber weiterhin den Eindruck haben, etwas Wunderschönes zumindest für einen einzigen Augenblick gesehen zu haben. Dieses Bild bleibt lange beim Leser und damit hat Joseph D´Arbaud sicherlich sein größtes Ziel erreicht.

Joseph D´Arbaud: "Das Tier vom Vacares "
Roman, Hardcover, 112 Seiten
Waldgut Verlag 2008

ISBN 9-7830-3740-3808

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::