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Joseph DÂŽArbaud

Das Tier vom Vacares

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Das Tier vom Vacares” legt der Waldgut- Verlag im Rahmen seiner Zwielichtreihe die lĂ€ngere ErzĂ€hlung des Franzosen Joseph dÂŽArbaud nach mehr als fĂŒnfzig Jahren wieder auf Deutsch vor. Heinz Zehnder hat den Band nach den französischen Originalen ĂŒbersetzt und mit einem vielschichtigen Nachwort versehen. Dabei geht der Übersetzer in erster Linie auf die verschiedenen Möglichkeiten ein, die ErzĂ€hlung entweder als klassisches MĂ€rchen, als GottesprĂŒfung oder schließlich als Allegorie zu lesen. Er erwĂ€hnt allerdings mit keiner Silbe einen interessanten Vergleich mit der bekannten Geschichte von “The Beauty and tue Beast”, auch wenn sich dÁrbaud in erster Linie auf die Bestie im Tier konzentriert. Der Autor ist 1874 in Meyrargues als Kind einer Landadelfamilie geboren worden. Sie pflegte die provenzalische Sprache und deren Literatur. Joseph DÂŽArbauds Mutter verfasste eine Reihe von Gedichten. Nach der Erziehung auf einer Knabenschule in Avignon studierte er Jura und versuchte sich nach einigen Jahren in der Boheme als Rinderhirte. Es ist sicherlich kein Zufall, das die im Mittelpunkt stehende Figur des Ich- ErzĂ€hlers auf der einen Seite ein Viehhirte ist, auf der anderen Ende entgegen den Traditionen des 15. Jahrhunderts nicht nur Schreiben und Lesen, sondern vor allem auch eine Art Tagebuch fĂŒhren kann. Die Verbundenheit zwischen Autor und seiner Figur ist unleugbar und nicht umsonst bemĂŒht sich DÂŽArbaud um eine Ich- ErzĂ€hlerperspektive. Die intimste ErzĂ€hlmöglichkeit wird allerdings durch das Tagebuch und die entsprechenden Aufzeichnungen ein wenig distanziert. Zeit seines Lebens setzte sich DÂŽArbaud zumindest fĂŒr die geistige und kulturelle UnabhĂ€ngigkeit der Provence ein. Neben einer Handvoll von ErzĂ€hlungen und Gedichten befindet sich in seinem Nachlass noch der anscheinend unveröffentlichte Roman “LÂŽAntife”, der zumindest in Wikipedia nicht als erschienen gefĂŒhrt wird.

Die Handlung seiner hier vorliegenden und mit einem außerordentlich prĂ€gnanten Titelbild von Jörn Bach versehenen Titelbild spielt im Jahre 1417. Ort des Geschehens ist die mittelalterliche Carmargue, eine raue Landschaft mit vielen WĂ€ldern, TĂ€lern und Seen. Der Viehhirte und Ich- ErzĂ€hler Jacques Roubaud entdeckt auf einem seiner Ausritte unbekannte Spuren. Er folgt ihnen und kreist im ersten großen Abschnitt des Buches das unbekannte Tier ein. Die erste Begegnung wird ihn fĂŒr sein Leben prĂ€gen, auch wenn erst die zweite Begegnung ihn zum Nachdenken und Philosophieren bringt. Obwohl der Übersetzer in seinem Nachwort davon spricht, dass das Tier durchaus ein Halbgott, ein Faun sein könnte, das trotz seiner relativen Unsterblichkeit irgendwann - und in diesem Fall im Auge des Betrachters - sterben muss, bleibt DÂŽArbaud insbesondere in Hinblick auf den Auftakt seiner Geschichte ambivalent. Der Ich- ErzĂ€hler und Alter Ego des Autoren bereitet mit dem Rahmen den Leser auf eine ungewöhnliche Begegnung vor. Die Tendenz verheimlicht der ErzĂ€hler allerdings vor den Lesern. Sie nehmen förmlich am “Fund” des Tieres in der ersten Person teil, obwohl schon zwischen dem ersten und zweiten Teil des Buches Monate ins Land gegangen sind und zweitens zwischen der beschriebenen Handlung und dem Rahmen anscheinend auch viele Jahre liegen. Mit dem pockennarbigen halbgebildeten Viehhirten hatz DÂŽArbaud versucht, ein Mitglied des einfachen Volkes zu skizzieren, dessen Glauben auf den ersten Blick einer großen PrĂŒfung unterworfen wird. Zuerst wird sein Tierbild erschĂŒttert, bei der zweiten Begegnung empfindet er schließlich Mitleid mit der Kreatur und am Ende der ErzĂ€hlung Trauer. Mit diesem fast klassisch klischeehaften Abfolge folgt der Autor einem Großteil der Sagen. Es stellt sich alleine die Frage, ob die Kreatur wirklich gutmĂŒtig ist oder in letzter Sekunde seine TĂ€uschung aufdeckt. NatĂŒrlich lĂ€sst sich diese Begegnung wie es auch der Übersetzer herausarbeitet, als PrĂŒfung des eigenen, des echten Glaubens beschreiben, aber damit macht es sich Heinz Zehnder zuleicht. Vielmehr scheint der Autor in der Tradition der Mythen und Sagen zu beschreiben, dass der Urglaube solange weiterlebt, wie es Menschen mit offenen Augen gibt, die ihm mit reinen Herzen begegnen. Der Text wird mehr und mehr zu einer Allegorie, in welcher sich der Autor mit der kĂŒhlen NĂŒchternheit der Moderne auseinandersetzt und fast an seiner Leser appelliert, an die MĂ€rchen zu glauben. Das entsprĂ€che auch seinem kontinuierlichen Einsatz fĂŒr die verspielte provenzalische Sprache und deren Kultur, die auf ein wildes Tier reduziert mit einem nicht zu unterschĂ€tzenden Intellekt ausgestattet anlĂ€sslich der Bestrebungen des modernen Frankreichs schließlich in Schönheit stirbt. Nicht umsonst gehören Autor und Viehhirte zu den wenigen Menschen, die von der ersten Begegnung angestachelt weiterhin nach dem Tier suchen. NatĂŒrlich lĂ€sst sich sehr viel in der vorliegenden Geschichte auf die Enge des christlichen Glaubens und die VergĂ€nglichkeit insbesondere der griechischen Mythenfiguren reduzieren. Aber damit tut man der Geschichte Unrecht. Die Camargue gilt aus urwĂŒchsig und geschichtstrĂ€chtig und in seinen auch sprachlich sehr naturalistischen Bildern lĂ€sst der Autor dieses historisch vollkommen verklĂ€rte und verfremdete Mittelalter wieder auferstehen. Historisch ließe sich vielleicht eher erklĂ€ren, dass der Mensch auf dem Weg aus dem dunklen Mittelalter zur AufklĂ€rung den Ballast der alten Zeit ablegen mĂŒsste, aber genau diesen sucht der Charakter ja immer wieder nach der ersten beeinflussenden Begegnung. Nicht umsonst konzentriert sich DÂŽArbaud ausschließlich auf die beiden Figuren des Tieres und des Viehhirten. Der ganze Roman wird durch diese beiden sehr unterschiedlichen, aber impliziert sehr genau gezeichneten Figuren geschleust und gibt dem Leser keine Möglichkeit, ihnen auszuweichen oder eine dritte Perspektive zu suchen. Wahrscheinlich wurde der Autor von seinen Jahren als Viehhirte zu dieser Geschichte inspiriert und genaue Beschreibungen der urwĂŒchsigen und zeitlosen Landschaft sind in seinen Roman eingeflossen. In dieser Hinsicht könnte die Unsicherheit Roubaud auch weniger auf seinen Glauben und eine mögliche PrĂŒfung hin interpretiert werden, sondern stellvertretend fĂŒr einen unsicheren und neuen Lebensabschnitt des Autoren, eine RĂŒckbesinnung zu den verklĂ€rten Wurzeln der eigenen Familie betrachtet werden. Nicht umsonst hat DÂŽArbaud mit dem Tod des Tieres auch seine kurzfristige Heimat wieder in Richtung Zivilisation verlassen. Die Erfahrungen des einfachen Lebens, der Begegnung mit der Natur, fĂŒr die das Tier sicherlich auch steht, haben ihn geprĂ€gt. UnabhĂ€ngig von diesen sehr verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten ist “Das Tier vom Vaccares” eine sprachlich anspruchsvoll erzĂ€hlte Geschichte, die dank der intensiven Beschreibungen und dem ungewöhnlich langsamen, aber nicht langweiligen Aufbau ĂŒberzeugen kann. Der Leser staunt, wenn der Auto die Handlung in der Mitte, im Grunde wĂ€hrend der interessantesten Passage fĂŒr mehrere Monate unterbricht, um dann die Tagebuchaufzeichnungen sehr viel zielstrebiger, an einigen Stellen fast gehetzt wirkend wieder aufzunehmen und schließlich zum nihilistischen, aber nicht unbedingt melancholischen Ende zu fĂŒhren. Der Text selbst erinnert eher an eine schwermĂŒtige Fabel als eine geradlinige Unterhaltungsgeschichte. Die grĂ¶ĂŸte Überraschung liegt in der Tatsache verborgen, dass das Tier weit mehr als nur eine Bestie ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Geschichten verbirgt der Autor diese Tatsache nicht lange vor dem Leser, er soll sich auf Augenhöhe mit dem Wesen auseinandersetzen und dank der intensiven Beziehung mit dem Tagebuchschreiber - dessen Aufzeichnungen viele Jahrhunderte quasi verschwunden gewesen sind - aus erster Hand diesen Schatten der Vergangenheit kennen lernen. Die Begegnung mit dem Tier wird den Leser nicht so wie der romantisch verklĂ€rten und intellektuell teilweise doch zu ambivalenten ErzĂ€hler bzw. seinem Autoren beeindrucken, aber DÂŽArbaud verzichtet in seiner sehr naturalistischen Geschichte auf jegliches Beiwerk und vor allem jeglichen Kitsch. Die Emotionen wirken teilweise fast zu sehr unterdrĂŒckt, es dauert lange, bis sich der notwendige Sympathiebogen zwischen ErzĂ€hler und Tier, bzw. ErzĂ€hler und Leser wirklich aufbaut. Ist dieser allerdings im gut gesponnenen Netz der Geschichte gefangen, fĂŒhlt er sich in ein Mittelalter versetzt, das es in dieser mĂ€rchenhaften Form niemals gegeben haben wird. Mit dem Tod des Tiers wacht er wieder in einer eintönigeren Gegenwart auf, wird aber weiterhin den Eindruck haben, etwas Wunderschönes zumindest fĂŒr einen einzigen Augenblick gesehen zu haben. Dieses Bild bleibt lange beim Leser und damit hat Joseph DÂŽArbaud sicherlich sein grĂ¶ĂŸtes Ziel erreicht.

Joseph DÂŽArbaud: "Das Tier vom Vacares "
Roman, Hardcover, 112 Seiten
Waldgut Verlag 2008

ISBN 9-7830-3740-3808

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