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Graham Joyce

How to make friends with Demons

rezensiert von Thomas Harbach

In England erschien Graham Joyce im Grunde vergnügliche Hommage an den Schelmenroman, dessen markantester Vertreter Thomas Manns Romanfragment „Die Memoiren des Felix Krull“ ist, unter dem Namenszug des Ich- Erzählers. William Heaney berichtet in „Memoirs of a Master Forger“ aus seinem am meisten aufregenden Lebensabschnitt zwischen Ende der Schulzeit und Eintritt in die obligatorische Midlifekrise. Aber auch der unter Graham Joyces Namen veröffentlichte amerikanische Titel „How to make friends with Demons“ ist nicht verkehrt, da es der Titel eines potentiellen Bestsellers ist, den einer von Heaneys Trittbrettfahrern aus der gemeinsamen Unizeit für dessen obskure und eigentlich für eine lukrative Fälschung gedachten Aufzeichnungen benutzt hat.

William Heaney ist Dreh- und Angelpunkt des Romans. In mancherlei Hinsicht erinnert Heaney an John Constantine aus der langjährigen Comicreihe „Hellblazer“. Während Constantine in erster Linie von seinen inneren Dämonen und damit einhergehend auch den Bedrohungen durch Höllenboten verfolgt und von innen heraus zerfressen wird, ist Heaney einer der wenigen Menschen, welche die auf den Schultern der Mitmenschen hockenden Dämonen sehen und einordnen kann. Es gleich im ersten Satz stellt Heaney, das er eintausendfünfhundertsiebenundsechzig Dämonen katalogisiert hat. Die vier von seinem ehemaligen Freund zusätzlich identifizierten Dämonen sieht er eher als Geisteszustände an. Im Verlaufe seiner Memoiren springt er als Ich- Erzähler immer wieder zwischen wichtigen Ereignissen hin und her. Auf diese auf den ersten Blick verwirrende Art und Weise gelingt es Heaney/ Joyce, dem Leser zumindest rudimentäres Wissen an die Hand zu geben, um die einzelnen Ereignisse richtig zumindest aufgrund der nicht verifizierten wie stellenweise zweifelhaft erscheinenden Fakten einordnen zu können.

Der Leser lernt Heaney kennen, als er sowohl im öffentlichen Dienst für ein britisches Ministerium arbeitet als auch quasi im Nebenerwerb zwei betuchte Kunden mit einer gefälschten Erstausgabe eines Jane Austen Romans reinlegen möchte. Wer die Tätigkeit in der Behörde eher eine Art Alibifunktion ist, die sich zwar wie ein roter Faden durch den Roman zieht, aber bis auf eine Beförderung keine wirkliche Funktion ausübt, ist das Fälschen von wertvollen Erstausgaben als Ergänzung zu seinem Handel mit seltenen Büchern zu einer Art Besessenheit geworden. Während er jetzt mit den Erlösen eine soziale Organisation „Point Off“ und ihr Haus für Gestrauchelte unterstützt, hat er in seiner Jugend versucht, einen Band mit obskuren Beschwörungsformeln zu fälschen. Leider hat jemand aus seinem Bekanntenkreis die Formeln für bare Münze genommen und auf dem Dachboden experimentiert. Ziel der Begierde waren vier von Heaneys Ex Freundinnen und seiner jetzigen großen Liebe. Als drei der Mädchen unter seltsamen Umständen ums Leben gekommen und die vierte als vermisst gemeldet wird, flieht Heaney nachdem er angeblich einen Pakt mit dem Dämonen geschlossen hat ins anonyme London. Erst Jahre später wird er die Wahrheit erfahren. Spätestens in diesem Handlungsabschnitt lässt sich „How to make friends wich Demons“ mit Graham Joyce bisherigen Meisterwerk „The Facts of Life“ bzw. mit dem aus magischem Realismus bestehenden Werken eines Robert Nathan, Jonathan Carrolls bzw. Charles de Lints vergleichen. Nie wird wirklich expliziert erklärt, ob es erstens die Dämonen wirklich gibt und welche Rolle sie über das Verführen ihres Wirtes fast den sieben Todsünden folgend spielen. Ein guter Roman funktioniert auch ohne diese phantastischen Elemente und im letzten Drittel wird aus der vorliegenden Arbeit ein ergreifendes Werk mit sich in klassischen Reifeprozessen befindlichen Figuren. Die Dämonen wirken wie die verführerischen Gehhilfen der lebensunerfahrenen Jugend. Sie könnten aber auch für Drogen-, Alkohol oder Nikotinsucht stehen. Für die Angst vor Krankheiten, Älterwerden, den beruflichen Herausforderungen oder der Absicherung der wirtschaftlichen Existenz. Für den verzweifelten Versuch zu leben, bevor das Sterben beginnt. Graham Joyce überlässt es den Lesern, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Vielleicht stehen sie auch für die vielen kleinen Schwächen der Menschen, da nur die Leiterin der „Point Off“ Einrichtung Antonia so hell strahlt, das es aufgrund ihrer selbstlosen Taten in ihrer Nähe keinen „Schatten“ gibt.

Wie in Joyce „Coming of Age“ Werk „The Facts of Life“, in dem er die Möglichkeit von Hexen unter den Menschen mit dem Leben/Überleben im Zweiten Weltkrieg geschickt verbunden hat, sind es die unterschiedlichen, aber Frank Capra folgend durchschnittlichen, nicht abwertend gemeint gewöhnlichen Menschen, welche mehr Herz und viel weniger Hirn des Buches bilden. Sie bleiben dem Leser sehr lange im Gedächtnis. Alles voran William Heaney, der nur auf den ersten Blick ein komplexer Charakter ist. Ein doch in seinem Herzen romantischer wie einsamer Zyniker, welcher aufgrund der Dämonenverfolgung seiner wahren Liebe abgeschworen und einer zum Scheitern verurteilten Ehe zugesagt hat. Ein Mann, der auf der einen Seite die Gesetze biegt bis bricht, um auf der anderen Seite bis zum Bankrott mit seinem Geld gutes zu tun. Als ihm zum zweiten Mal in seinem Leben die wahre Liebe begegnet, bricht er auf, um seine eigene Vergangenheit zu bereinigen und in einer ergreifenden, aber nicht kitschigen Szene seine erste Liebe um Verzeihung und Absolution für eine neue Beziehung zu bitten. Auf der anderen Seite ist Heaney auch einer dieser typischen, fast klischeehaften den eigenen Kummer im Alkohol ertränkenden Selbstzweifler, die nichts in der Hose haben und sich eher treiben lassen als wirklich Eigeninitiative zu entwickeln. Die als Väter versagt haben und sich eher als ältere Kumpel der eigenen Kinder sehen. Es ist ein schmaler Grad, auf dem sich Graham Joyce bewegt. Aber es ist eine Gradwanderung, die gegen Ende des Buches mit einer wunderschönen Hommage auf die zahllosen Weihnachtsgeschichten nicht nur an Format gewinnt, sondern auch überzeugt.
Um William Heaney herum hat Graham Joyce mit dem Opportunisten Faber, Heaneys zweiter Liebe Anna - die selbst die eigenen Dämonen wie Drogensucht, Einsamkeit und schließlich auch Minderwertigkeitsgefühle erfolgreich bekämpft hat - oder der schon angesprochenen Antonia eine Reihe von Figuren platziert, die alle mit Schwächen, aber auch einigen wenigen positiven Stärken gesegnet um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen. Aus der Masse von Figuren ragen der Spielzeugladenbetreiber Otto, den Heaney mit einer geschickten Fälschung betrügen möchte, sowie der Obdachlose Seamus heraus. Seamus sprengt sich schließlich vor dem Buckingham Palace in die Luft. Seine Tagebuch vom ersten Irakkrieg wird im letzten Handlungsabschnitt zu einer Art Leitfaden für Heaney; zum Schlüssel, mit dem er sich aus dem Trauma befreien kann. Auf der anderen Seite wirken die im Vergleich zum Gesamtroman sehr langen, nicht unbedingt eloquenten Ausschweifungen Seamus auch befremdlich. Joyces Kritik an der damaligen britischen Regierung ist genauso erkennbar wie der Versuch, den Schrecken des Krieges im Allgemeinen und die Auswirkungen auf die Psyche der Soldaten im Besonderen herauszuarbeiten. Während in „The Facts of Life“ der Hintergrund des Zweiten Weltkriegs das absolut realistische Element der Familienchronik gebildet hat, ist es in diesem Fall eine harte Prämisse, die aufgrund von Seamus Begegnung mit dem eigenen Dämonen phantastisch aufgelöst wird. Da Seamus als Figur dem Leser eher fremd bleibt, schießt Joyce in diesem Punkt über sein Ziel hinaus und bringt den von Heaney sehr souverän erzählten Plot zum Stillstand. Schriftstellerisch routiniert kann Joyce diesen Aufzeichnungen handlungstechnisch nicht mehr viel hinzufügen und präsentiert eine Reihe von kleinen Happy Ends, die aber stets von einer melancholisch traurigen Note unterlegt worden sind. Es ist sicherlich kein Zufall, dass trotz des dominanten Ich- Erzählers in erster Linie die Frauenfiguren ausgesprochen dreidimensional angelegt worden sind und Heaney auf den Pfad der Tugend zurückbringen. Sie können als erste den weichen Kern unter der harten Schale erkennen.
„How to make friends wich Demons“ ist keine ironische Groteske, keine Satire auf unzählige Horror- Roman. Selbst der Titel ist eher eine Allegorie, denn es geht weniger um eine Freundschaft mit den unsichtbaren Dämonen, sondern um das Überwinden der eigenen Schwächen und damit einhergehend den nicht immer leichten Sprung vom vielleicht auch naiven kindlichen Jugendlichen zum Erwachsenen intellektuell und nicht nur an Lebensjahren zu vollziehen. Trotz des unterschiedlichen Tonfalls mit „The Facts of Life“ in einem getragenen, aber sehr ergreifenden Stil geschrieben sowie dem eher mit schwarzen Humor durchsetzten „How to make friends wich Demons“ bilden die beiden Werke eine Art Duologie, die sich intensiv mit dem Herauswachsen während zweier unterschiedlicher Epochen des britischen Imperiums auseinandersetzt, in denen es vielleicht Hexen und möglicherweise auch Dämonen gegeben hat. Lesenswert sind beide Romane, auch wenn der Fokus jedes Mal ein anderer ist.

Graham Joyce: "How to make friends with Demons"
Roman, Softcover, 298 Seiten
Night Shade Books 2008

ISBN 9-7815-9780-1638

Weitere Bücher von Graham Joyce:
 - Frontal
 - Schneestille

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