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Mystery (diverse)



Jo Walton

Among Others

rezensiert von Thomas Harbach

Obwohl Jo Walton im Vorwort ihres neusten Roman “Among Others” klar herausstellt, dass es sich um keine autobiographische, sondern eine fiktive Geschichte, bleiben Zweifel. Zu lebendig, zu locker, zu eng am Fandom orientiert ist die Geschichte der jungen Morwenna – man beachte den sagenumwobenen Namen -, die in den sechziger und frühen siebziger Jahren aufgewachsen ist. Zu Beginn des Buches beschreibt die Ich- Erzählerin Morwenna nicht nur, wie sie den Klauen ihrer verrückten Mutter – sie sieht sie auf der überwiegend implizierten fantastischen Ebene als verrückte rachsüchtige Hexe – entkommen ist, sondern ihre geliebten Science Fiction Bücher zurücklassen musste. Nur „Der Herr der Ringe“ konnte sie mitnehmen. Am Ende des Buches wird offensichtlich, dass ihr zertrümmertes Bein und ihre gebrochene Hüfte von einem bizarren Unfall in der Gegenwart ihrer Mutter stammt, der anscheinend auch Morwennas Schwester Morganna getötet hat. Sie flieht zu ihrem Vater, den sie im Grunde nicht kennt. Die beiden sehr unterschiedlichen Menschen verbindet ihre Liebe zur Science Fiction. Morwennas Tanten bringen die junge Teenagerin in einem typischen britischen Internat unter. Diese Vorgeschichte erzählen Morwenna/ Jo Walton wie den ganzen Roman in Tagebuchform. Näher kann der Leser nicht mehr an diese so lebendige, zu optimistische, intelligent wie pragmatische junge Frau im Übergang vom Kind zur Frau heranrücken.
Obwohl der Leser auf den ersten Blick das Gefühl hat, als entfliehe Morwenna in die Traumwelten der Science Fiction, nutzt sie die Ideen einer Unzahl von Autoren – sie ist mehr ein Fan von Zelazny oder Delaney als Dick -, um mit ihren alltäglichen Problemen fertig zu werden. Sie ist auf ihrer neuen Schule aufgrund ihrer körperlichen Behinderung ein Außenseiter. Ein Sportinternat ist, wie Morwenna fast zynisch trocken feststellt, nicht unbedingt die richtige Schule für einen Krüppel. Sie liest täglich und verschlingt in der Woche mehr als die acht Bücher, die sie sich aus der örtlichen Bücherei dank des gegenseitigen Leihsystem – für Morwenna die beste und kostenlose Erfindung der britischen Regierung – entleihen kann. Sie kauft später gebrauchte Bücher in einem kleinen Laden, dem sie später eine nicht näher erklärte Sammelleidenschaft für exotische Landkarten folgen lässt. Obwohl sie niemals ihre strenge Umgebung aktiv provoziert und mit den Lehrern besser zurechtkommt als den Mitschülern, hätte Jo Walton in einem realistischen Roman ihre Figur etwas weniger eckig zeichnen können. Aber schon auf den ersten Seiten erfährt der Leser, dass es sich bei „Among Others“ um einen Roman von einem Science Fiction/Fantasy Fan sowie späteren professionellen Autoren für ihre Leser handelt. Jo Walton verzichtet auf längere Inhaltsangaben der vielen Romane, die hier wie ein Streifzug durch das Genre von Poul Anderson – ursprünglich hat Morwenna einfach aus pragmatischen Gründen mit dem Buchstaben „A“ angefangen – bis zu Roger Zelazny vorgestellt werden. Natürlich kann man „Among Others“ auch goutieren, wenn man nicht weiß, wie extrem Delaneys „Triton“oder „Dhalgreen“ sind. Aber wenn sich Morwenna wünscht, einmal Paul Atreides zu sein oder Corwin von Ambers Erzielstil mit Zelaznys anderen Werken wie „The Dream Master“ vergleicht, ist es wichtig, die Hintergründe zu kennen und mit der Protagonistin zu schmunzeln. „Among Others“ ist eine einzige Hommage an die goldenen Zeilen des Genres, in denen die Autorin aufgewachsen ist. Als man einen neuen Heinleinroman ausführlichst diskutierte, der natürlich der gewaltigen Erwartungshaltung der Fans niemals gerecht werden konnte. Durch einen Zufall lernt Morwenna andere Jugendliche kennen, die in einem Buchkreis mit anschließendem Pupbesuch ihrer Leidenschaft frönen. Für Morwenna werden diese wöchentlichen Treffen zu einer Brücke zur Realität, auch wenn es auf den ersten Blick wie eine Flucht erscheint. Die Balance zwischen der Erwartungshaltung der Leser und der von Morwenna subjektiv beschriebenen Realität stimmt bis auf die kleinen Zwischentöne. Im Verlauf einer der kleinen dramatischen Szene schreibt Morwenna: „ I care about so few people really. Sometimes it feels as if it’s only books that make life worth living, like on Halloween when I wanted to be alive because I hadn’t finished Babel 17. I’m sure that isn’t normal.” . Es ist aber normal für die einsame, körperlich behinderte junge Frau, der sich in einer der falsch klingenden Szenen ihr betrunkener Vater einmal beinahe sexuell aggressiv nähert. Wer Morwennas Liebe für das Science Fiction/ Science Fantasy Genre, aber auch teilweise kritische Distanz unter anderem zu Dick oder hinsichtlich der zu einfach geschriebenen Pulpgeschichten nicht teilt, wird die unzähligen Anspielungen, Hinweise, teilweise komischen Bemerkungen - Stephen Donaldsons erster Trilogie um Thomas Covenant wird abgelehnt, weil der Verlag mit Hinweisen auf Tolkien auf dem Titelbild der Erstausgabe wirbt - ermüdend finden. Aber auch hier kommt es auf die Zwischentöne an. So ist Morwenna sich ihrer schwierigen Lage immer bewusst. Nicht umsonst spricht sie mehrmals an, das ein Buch ersetzbar ist, das eine Geschichte ein zweites Mal gelesen werden kann, das die Realität allerdings niemals wirklich vorhersehbar oder planbar ist. Das es im Leben keine echte zweite Chance gibt, sondern nur Versuche, auf den einzigen Pfad, den man für richtig hält, zurückzukehren.

Am Ende des Buches findet Morwenna auf der einen Seite neue Hoffnung, ihr Leben und ihre Liebe zur Literatur zu verbinden. Gleichzeitig kann sie die erdrückenden Schatten der Vergangenheit – der Tod ihrer Schwester – verdrängen. Aber in einer der letzt endlich überraschenden Wendungen des Buches schafft sie es nicht in der Realität, sondern in der sagenhaften verwirrenden für britische Sagen und Märchen so signifikanten Halbwelt, in der es neben Feen auch bösen Hexen gibt. Obwohl der magische Realismus - irgendwo zwischen Thorne Smith, Robert Nathan und Charles de Lint angesiedelt, deren Werke auffallend nicht erwähnt werden - sehr emotional, sehr einfühlsam in den Handlungsbogen integriert worden ist, wirkt die Auflösung des Plots auf der einen Seite optimistisch und sicherlich hat Morwenna ein wenig Frieden außerhalb der Roman verdient, auf der anderen Seite auch ein wenig nach sich lange abzeichnender Deus Ex Machina Auflösung. Die Analogie, das reine unbeschmutzte Magie auch gleichzeitig Leben ist, wird ein wenig zu oberflächlich herausgearbeitet und wird plottechnisch im Grunde auch nicht benötigt. Science Fiction Leser werden von den wagen Vergleichen eher abgestoßen als angezogen. Es ist sicherlich erstaunlich, das die Autorin einen derartig starken Kontrast - Science Fiction als „wissenschaftlich“ phantasievolle Literatur und Fantasy im Grunde als Synonym für Magie - aufbaut, den sie auf den letzten Seiten wieder negiert. Außerdem bleiben im Leser Zweifel, ob Morwenna wirklich ein ehrlicher, ein neutraler und aufrichtiger Erzähler ist. Die gewählte Tagebuchform - eine Kunst, diese im Grunde intime wie distanzierte Erzählebene über einen ganzen Roman aufrechtzuerhalten - wäre ein Hinweis, da es an keiner Stelle des Buches einen dritten, neutralen Erzähler gibt. Aber angesichts der wirklich ergreifenden und überzeugenden emotionalen Ebene sind diese Hinweise vollkommen überflüssig.
Jo Waltons Figuren leben. Zwar erinnern Morwennas Tanten inklusiv ihres Vaters an Karikaturen typischer Briten, wie sie Mervyn Peake in seinen „Ghormenghast“ Romanen so gerne genommen hat. Nur ein wenig für die Realität der sechziger Jahre aufgefrischt, aber die teilweise Bosheit von Morwennas Mitschülerin, ohne die Grenze des Bekannten zu überschreiten, überzeugt ebenso wie der exzentrische Bücherkreis oder ihr erster Freund, der sehr zu Morwennas Überraschung sich nicht von der äußeren Schale eines Menschen täuschen lässt. Immer wieder überraschen Jo Waltons ausgesprochen dreidimensionale, modern wie antiquiert zugleich erscheinende Figuren in Kombination mit der ausgesprochen sympathischen wie pragmatischen Morwenna den Leser. Wie es sich für ein gutes Buch gehört, bleiben die Figuren viel länger als die Lektüre dauert im Gedächtnis des Lesers. Irgendwann beginnt man zu spekulieren, wie die junge Frau auf die Exzesse des Cyberpunks oder die modern- barocken britischen Space Operas der Gegenwart reagieren würde. Auf der emotionalen Ebene hat Jo Walton nach der überzeugenden „Small Change“ Alternativwelttrilogie - interessanterweise auch ein Thema, das von ihrer Protagonistin nur am Rande gestreift wird - einen weiteren Meilenstein fürs Genre, ein lesenswertes, liebenswertes Buch geschaffen, das an Jonathan Carrolls zeitlose frühe Arbeiten erinnert.

Es ist ein Buch, das in der dunklen Realität der unter einer Rezession leidenden Waliser Städte geboren worden ist, das eine Hommage an die Freude des Lesens von Büchern - ein nur auf den ersten Blick antiquierter Gedanke - ist und das letzt endlich beweist, das die eigentliche Magie zwar in Büchern/ Geschichten gesucht werden kann, gefunden wird sie aber in den Mitmenschen.

Jo Walton : "Among Others"
Roman, Hardcover, 304 Seiten
Torbooks 2011

ISBN 9-7807-6532-1534

Weitere Bücher von Jo Walton :
 - Farthing
 - Half a Crown
 - Ha´Penny

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