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Karl Hans Strobl

Eleagabal Kuperus

rezensiert von Thomas Harbach

Mit dem zweibändigen Roman “Eleagabal Kuperus” legt der Festa- Verlag in zwei schönen, mit passenden Titelbildern aus der Feder Jean Pascal Fourniers versehenen Paperbacks einen der ersten Schlüsselroman deutscher moderner Phantastik vor. Im Gegensatz zu den vielen utopischen Romanen aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg setzt sich Strobl mit der stetig fortschreitenden Menschen verachtenden zweiten Stufe der Industriellen Revolution, einem Verzicht auf die alten Tugenden und schließlich einer mehr und mehr entarteten Gesellschaft auseinander. Sein Roman ist schon im Jahre 1910 erschienen, der Erste Weltkrieg war zu diesem Zeitpunkt seinen Schatten voraus, die eigentliche Phase der Weimarer Phantastik mit Dreyers Filmen wie „Vampyr“ oder „Das Kabinett des Dr. Caligari“ nach dem Krieg sollte Strobl als Herausgeber der phantastischen Zeitschrift „Der Orchideengarten“ genauso mitbestimmen wie seine aus heutiger Sicht noch bekannteren Kollegen Gustav Meyrink oder Hanns Heinz Ewers.

Karl Hans Strobl ist am 18. Januar 1877 in Mähren geboren worden. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Prag schloss er sich als aktiver Deutschnationaler dem Corps Austria an. Seine herausragende Position brachte ihm immer wieder Ärger mit den Vorgesetzten ein, worauf er 1913 den Staatsdienst verlassen musste und nach Leipzig umgezogen ist. Als Herausgeber des „Turmhahn“ sammelte er erste Erfahrungen, in den Jahren 1915 bis 1918 diente er als Kriegsberichtserstatter, danach agierte er als freier Schriftsteller. Er kehrte allerdings in die Tschechoslowakei zurück und verfasste eine Reihe von „staatsgefährdenden“ Schriften. 1934 ausgewiesen, 1938 von den Nazis zum Landesleiter der Reichsschrifttumskammer befördert wurde er 1945 von den Russen verhaftet und starb 1946 in einem Altersheim bei Wien verarmt.

Sein literarisches Werk teilt sich im Grunde in drei Phasen. Ab 1897 veröffentlichte er so genannte Prager Studentenromane, in denen er unter anderem seine eigene Verbindung zum Corps Austria beschreibt oder ein bekanntes Prager Bierdorf hochleben lässt. Ab 1900 folgten zu erst groteske- phantastische Spukkurzgeschichten, dann der hier besprochene Romane. Im Mittelpunkt seines Spätwerkes standen eine Reihe von Biographien – unter anderem ein dreibändiges Epos Bismarck – und Gegenwartsromane, die ersten Verfilmungen seiner Bücher und die im Volk unpopuläre Arbeit für die Nationalsozialisten.

Insbesondere dank seiner komplizierten, vielschichtigen und mehr als einmal ermüdenden Erzählstruktur lässt sich Strobls zweibändiges Epos in seine diversen Konfliktebenen unterteilen und aus dieser Perspektive heraus am besten kritisieren. Auf den ersten Blick übergeordnet ist der Konflikt zwischen dem stetig drängenden Kapital – der Großindustrielle Thomas Bezug – und den Naturkräften – in Persona des Heilers Kuperus. Dabei erinnert der Bösewicht Bezug nicht unbedingt an die Global Player unserer Zeit, sondern ein typischer Imperialist, ein Spiegelbild der Kolonialzeit, ein Machtmensch. Stellvertretend für den Griff nach den Kolonien, nach dem fremden Lebensraum, der den europäischen Nationen untergeordnet und rücksichtslos ausgebeutet werden soll, steht hier der Griff nach dem Sauerstoff in der Luft, für den die geknechtete Masse genauso wie die bürgerliche Obersicht bezahlen soll. Die Mutierung der Pflanzen als Sinnbild der Förderung der Bodenschätze in den fremden Ländern? Neben diesem Drang nach dem Gelde stellt Strobl seinem Antagonisten auch weitere menschliche Armutszeugnisse auf: als Vater hat er versagt, seine arrogante Tochter, die ihm als einzige auf dieser Welt nicht zu gehorchen scheint, weil sie im Schatten seiner Macht ihre eigenen Ränkespiele beginnt, „verschenkt“ er für eine Idee, in seinen Häusern herrscht die Dekadenz mit Anspielungen auf sexuelle Perversionen, die kirchliche Moral der Ehe ist gänzlich aufgehebelt und die Menschen in Bezugs Umfeld auf ihre tierischen Urinstinkte reduziert. Wie in Teufel auf Erden weidet er sich im Leiden der Massen und als auf den letzten zweihundert Seiten sich die Apokalypse ankündigt, will er dieses Szenario in die Welt tragen, um Angst und Zwietracht zu sähen. Sich an der Pein laben. Sein Gegenspieler ist zwar weise weiße Magier Kuperus, doch es gelingt Strobl selten, diese zu gute, zu allwissende Figur wirklich als Bedrohung Bezugs zu etablieren und den Roman trotz einer Reihe von Irrungen und Wirrungen zum obligatorischen Showdown zu steuern. Je morbider Bezug agiert, je nihilistischer die Atmosphäre des Buches wird, desto absonderlicher, befremdlicher wirken Kuperus Aktionen und die Brücke der Sympathieebene zwischen Leser und Protagonisten beginnt zu bröckeln. Trotzdem rechtfertigt der Autor stetig Kuperus nicht immer reine Handlungsweise und schlägt damit unwillkürlich den Bogen zu Merlin, dem Zauberer der Arthur- Saga. Bei beiden Figuren ist deren Handlungsweise zumindest in den überlieferten Erzählungen und diesem Roman für den Leser unverständlich angelegt. Aber Kuperus ist nicht die einzige Figur, die der englischen Heldensage entsprungen sein könnte.

Auf einer zweiten Ebene ist Strobls Buch ein klassischer Entwicklungsroman, eine warnende Mär vor der stetigen Verführung im Leben. Dazu etabliert er überraschend im zweiten Kapitel des ersten Buches einen „unschuldigen“ Charakter. Adalbert Semilasso erinnert in seiner Anlage nicht umsonst an Parzifal – mit Kuperus als Merlin und Bezug als Arthurs Sohn, nur fehlt dem Königreich ein gestrauchelter Herrscher, böse und böswillige Frauen gibt es genug in der Handlung. Ein junger, naiver Bursche, von seinem Vater fernab jeglicher Zivilisation zusammen mit seiner Schwester von einem scheinbar als moralisch aufrechter Mensch anfänglich charakterisierten Einsiedler beschrieben. Später wird der Vater sich Adalberts Geliebte zur Frau machen und mit dieser korrupten Handlung Adam aus dem kleinen isolierten Paradies stoßen. Mit seiner naiven Art scheitert Adalbert schnell in der gegenwärtigen Realität und wird von einem Diner Bezugs „gekauft“ und als Dichter im Hause des Großindustriellen etabliert. Obwohl Adalbert bislang keine Zeile geschrieben hat, fasziniert die Mächtigen dieser Welt seine naive, zu ehrliche Grundeinstellung.

Obwohl Strobl nicht zu Unrecht zeit seines Lebens als Reaktionär und Nationallist – wenn nicht Nationalsozialist – gegolten hat, finden sich in diesem Roman keine nationalsozialistischen Züge, das Gegenteil ist der Fall. Er rügt die Macht des Kapitals ohne auf die frühen Spuren des Sozialismus/ Kommunismus zurückzugreifen, sein Roman ist eine faustische Geschichte über die stetige Versuchung der Kunst durch das Kapital und die Pervertierung des freien Menschen durch die Macht des Geldes. Er propagiert nur indirekt die Rückkehr zu den ursprünglichen Werten und sucht die bestehende, gefühlslose und aus dem Lot geratene Welt durch eine Art Fegefeuer in Form einer „Gottesstrafe“ – hier mehr über die letzten zweihundert Seiten des Buches zu verlieren, hieße die interessanteste Plotebene des Roman zu enttarnen – zu reinigen. Angereichert ist sein Roman durch eine Reihe von Liebesgeschichten, die das gesamte Spektrum von wahren Gefühlen und Macht/Unterdrückung bis zum Masochismus in angedeuteter Form umfassen. Aus heutiger Sicht eher trocken und langatmig beschrieben, untersucht Strobl gewissenhaft in jeder einzelnen dieser Passagen die Verkommenheit seiner Welt und schreibt seinen Mitmenschen böse Worte in Stammbuch. Diese Passagen machen einen nicht unerheblichen Teil des Buches aus und fordern sehr viel Geduld vom heutigen Leser. Dazu kommt im Grunde eine aus verschiedenen abgeschlossenen Geschichten bestehende Erzählstruktur, die das umfangreiche Werk fragmentarisch und insbesondere am Ende des ersten Buches unvollständig erscheinen lassen. Die eigentliche Handlung mit einem stringenten Plot und strukturell sehr gut zu folgenden Erzählzügen setzt er nach fast sechshundert Seiten wieder ein. Stand im ersten Buch nach eine klassische Analyse der Macht des Geldes, des Kapitals im Mittelpunkt der Handlung, schwenkt Strobl sehr überraschend zu Beginn des zweiten Buches auf die Religion als Opium fürs Volk und Mittel zum Zweck für die Reichen um. Er untersucht eine Reihe von obskuren Kulten. Höhepunkt eine Gruppe babylonischer Jungfrauen – das wird nach der ersten Orgie bezweifelt – die sich ihre natürlichen Rechte auf freie Sexualität unter der geistigen Führung eines Gurus nehmen und nicht auf die Almosen ihrer Männer im Bett warten. Leider bleibt Strobl insbesondere bei der Untersuchung sozialer Tendenzen hinter seiner bitterbösen Anklage dem Kapital gegenüber zurück und beschränkt sich auf eine Reihe von Floskeln im stetigen Kampf zwischen Ungerechtigkeit/ Armut und neuem Reichtum innerhalb der einzelnen Gesellschaften. Lösungen bietet er keine an und somit ist Kuperus im Grunde am Ende des Buches kein Gewinner, sondern kann das Elend der Massen vielleicht für eine kurze Zeit aufschieben, aber nicht verhindern. Eines ist aber aus heutiger Sicht noch immer beunruhigend. Thomas Bezug ist eine kapitalistische Vision des späteren Führers. Sicherlich ein Zufall, das Buch ist 1910 entstandenen, doch voller Überzeugung entsagt Strobl den klassischen Herrschaftssystemen – die Monarchie insbesondere im deutsche Reich zerfiel stetig und verlor seine Machtbasis – und führt eine neue Diktatur des Geldes ein, dieser folgt schnell die komplette Unterdrückung der Massen und ihre stetige Manipulation. Auch wenn Strobl an einigen Stellen auf den Okkultismus – hier findet ein weiterer Bezug zum Dritten Reich – und mit seiner manchmal sehr reißerischen, zu Absolutismen neigenden Sprache übertreibt, hat man insbesondere zu Beginn des Buches das Gefühl, das ihm ein solcher Führer nicht zu Unrecht käme. Damit nimmt sein Roman zumindest seinen persönlichen Lebenslauf vorweg.

Karl Hans Strobl: "Eleagabal Kuperus"
Roman, Softcover
Festa- Bizarre Bibliothek Band 8 2006

ISBN 3-8655-2014-6

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