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Andreas Wilhelm

Projekt : Sakkara

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Projekt Sakkara“ legt der in der Nähe von Hamburg lebende Autor Andreas Wilhelm den zweiten Band seiner mit „Projekt Babylon“ begonnenen Serie vor. Inzwischen ist sein Erstling in acht Sprachen übersetzt und die Rechte für eine mögliche Verfilmung sind verkauft worden. Über weite Strecken konnte seine vor einem Jahr veröffentlichte Mischung aus intellektuellem Indiana Jones, Verschwörungstheorie und spannendem, wenn auch oft mit zu vielen wissenschaftlichen und historischen Thesen/ Fakten versehenen Thriller überzeugen. Dabei hat seine Erzählung vor allem unter verlagspolitischen Eingriffen gelitten. Am Ende deutete er für seinen bisherigen Stoff zu viel an und erklärte zu wenig. Dazu kamen die oft eindimensionalen Protagonisten und die zum Teil unsicheren, fast hölzernen Dialoge. „Projekt: Babylon“ lebte in erster Linie von seiner außergewöhnlichen Auftaktidee und den gut vorgetragenen historischen Fakten. Mit dem zweiten Roman der Trilogie oder Serie nimmt Andreas Wilhelm die übergeordneten Fäden wieder auf, bemüht sich allerdings, auf zwei Handlungsebenen – die sechzig Jahre von einander getrennt spielen - wieder eine neue Facette zu seinem bislang noch nicht vollständig ausgeleuchteten Universum hinzuzufügen. Sein Roman beginnt wieder mit einem Paukenschlag. In den dreißiger Jahren wird der Vater von Sir Oliver Guardner – ein reicher Kaufmann – in Kairo ermordet. Der Leser weiß von dieser Tatsache im Gegensatz zu seinem Sohn. Der Leser weiß auch, dass dem Ermordeten ein wichtiges Stück seiner Sammlung gestohlen worden ist. Der Sohn lädt die beiden ungleichen Archäologen und Wissenschaftler Peter Lavell und Patrick Nevreux nach Kairo ein, damit sie ihm bei der Suche nach dem fehlenden Stück bzw. dessen Bedeutung helfen können. Es soll den Weg zum Wissen der Welt und dem Ursprung der Magie weisen. In der eingangs schon erwähnten Parallelhandlung wird die Expedition bzw. Suche eines Mannes nach eben diesen Artefakten während des Zweiten Weltkriegs geschildert. Der Roman beinhaltet als einziges Spannungselement die Bedeutung dieses verschwundenen Kunstwerkes. Andreas Wilhelm ist kein schlechter Autor, er verzichtet weitgehend auf Verfolgungsjagden und/oder krude Brutalität. Das Leben der Forscher auf beiden Zeitebenen wird weniger durch die politischen Umstände bedroht, obwohl sie sich mit der Behördenwillkür genauso auseinandersetzen müssen wie schließlich mit einer geheimnisvollen Grube. Es gibt auch einfachen Plotgründen auch Anschläge auf ihr Leben, doch diese werden eher nebensächlich beschrieben und wirken – da es sich um ein zweites Buch handelt und der Leser nicht glaubt, dass Wilhelm seine Liebgewonnenen Protagonisten umbringt – fast unbeholfen geschrieben. Wie schon in seinem Debütroman ersichtlich, liegt Andreas Wilhelm mehr die intellektuelle Auseinandersetzung mit den Geheimnissen der Vergangenheit als einen Thriller aus der „Indiana Jones“ Schule zu verfassen. Um die Aufmerksamkeit seiner Leser zu behalten, fügt er der Handlung neben ausführlichen, teilweise insbesondere im Zusammenhang mit dem ersten Roman zu ausführlichen und die einfache Handlung – zumindest über Zweidrittel des Buches – zum Erliegen Hintergrundinformationen in regelmäßigen Abständen sonderbare Zufälle hinzu. So kommen die beiden Forscher nur an die Geschichte der Stadt Rhodos heran, weil der Franzose Nevreux auf der Insel einen schönen Sommer mit einem Mädchen verbracht hat. Diese Konstruktionen bewegen sich am Rand des Unwahrscheinlichen, stören aber den Leser weniger als die insbesondere zu Beginn des Romans nicht vorhandene effektive Handlung. Mit Versatzstücken und wenigen handlungstechnisch guten soliden Einfällen führt Wilhelm seine nicht unbedingt dreidimensionaler gezeichneten Protagonisten wie Schachfiguren auf ihrer Suche von der Wüste übers Meer schließlich zum Zielort. Da sich hier mit einem Duo sehr viel wiederholt, was unter dem Hackenkreuz mit einem Solisten begonnen hat, erscheint der Roman trotz eines überschaubaren Umfangs von knapp über vierhundert Seiten deutlich zu lang. Ohne den ominösen Auftakt – Verlage trauen Lesern anscheinend nicht mehr zu, dem Aufbau einer intensiven Atmosphäre folgen zu können und versuchen den Leser oft grundlos oder in diesem Fall kontraproduktiv gleich zu packen – all zu sehr zu kritisieren, fehlt dem Roman eine innovative Idee. Zu sehr klebt Wilhelm an dem im ersten Roman entwickelten Konzept. Wenn Patrick dann auch noch eine geheimnisvolle Schöne kennen lernt, deren Hintergrund als Agentin einer geheimnisvollen Macht der Leser im Gegensatz zum Protagonisten kennt, zeigt sich, welche Grenzen der Schriftsteller Andreas Wilhelm noch überwinden muss, um dem Phantasten Andreas Wilhelm das Wasser zu reichen. Unabhängig davon, dass sich die Liebesgeschichte schmalzig und aufgesetzt liest, gelingt es dem Autor nicht, den Charakteren wirklich einzigartige Züge zu verleihen. Die Dialoge sind deutlich besser, kürzer und präziser als im ersten Buch geschrieben worden, auf ausschweifende verbale Erläuterungen wird verzichtet, aber als Protagonisten überzeugen sie immer noch nicht.

Im ersten Band konnte Andreas Wilhelm allerdings im Hintergrundbereich punkten und dieser gehört auch zu den Stärken des vorliegenden zweiten Bandes. Auch wenn das Mystische am Ende des Buches die immer wieder betonte Bodenständigkeit des bisherigen Plots negiert, konzentriert sich der Autor wieder auf die Geheimwissenschaften. Dabei greift er sich allerdings nicht aus allen möglichen Schubladen Informationen und überfordert was Protagonisten und Leser, sondern konzentriert sich von der ägyptischen Hochkultur ausgehend – auch wenn früh der Hinweis kommt, dass die für die gesuchten Informationen verantwortliche Kultur wahrscheinlich deutlicher vor der Ägyptischen anzusiedeln ist – auf ein Thema. In diesem Zusammenhang soll gleich zu Beginn darauf hingewiesen werden, dass Andreas Wilhelm aus Hitlers Obsession mit Mythen zu wenig macht. Zu selten nutzt er den Hintergrund des Zweiten Weltkriegs wirklich überzeugend, zwar wird der Protagonist von deutschen Truppen gefangen genommen, die ihm für seine bisherige „Arbeit“ danken, aber eine unmittelbare Gefahr sieht der Leser nicht heraufdämmern. Hier wäre es sinnvoller gewesen, mehr Action und entsprechende Reaktion insbesondere in die Vergangenheitshandlung zu integrieren, um ein gutes Gegengewicht zum eher intellektuellen Gegenwartsgeschehen zu bilden. Was funktioniert sind die Verschwörungstheorien und Thesen, die Andreas Wilhelm in seinem Buch sehr gut und vor allem vernünftig verständlich erläutert zusammenstellt. Zwischen aufklären, erklären und belehren ist nur ein schmaler Grad. Mittels seiner sympathischen Protagonisten – auch wenn sie immer noch ein wenig zu konstruiert daherkommen – gelingt es ihm sehr gut, den Leser zu informieren und ihm einzelne historische Zusammenhänge zu erläutern. Die Routine, die sich Wilhelm beim Schreiben von Fachbüchern angeeignet hat, überträgt er sehr gut auf seine Prosatexte. Mit Ägypten hat er allerdings auch einen sehr dankbaren Hintergrund gefunden, vor dem es sich ein wenig leichter agieren lässt. Insbesondere auf das unspektakulär mystische Südfrankreich musste er mehr Arbeit verwenden, allerdings erschienen seine Thesen insbesondere dank des für Mystery- Thrillers nicht alltäglichen Schauplatzes deutlich effektiver und „spannender“. Von den Pyramiden über den Nil bis zum Millionenmoloch Kairo muss sich Andreas Wilhelm Äonen von Abenteuerschriftsteller stellen, die ihre oft sehr viel dramatischeren Texte in diesem legendenreichen Land angesiedelt haben. Er gibt allerdings keine schlechte Figur ab, die überbetont intellektuelle Handlungsebene hebt seinen Roman schnell von den in erster Linie Action bietenden Pulpabenteuern ab.

Aber „Projekt Sakkara“ ist Bestandteil einer Serie. Wenn Patrick seiner neuen Freundin Melissa im Verlauf des Abenteuers von dem Gefühl einer Bestimmung, eines AUFTRAGES berichtet, das in Frankreich ein gigantisches, fremdartiges Wissensarchiv gefunden worden ist, dann erwartet der Leser auch in dieser Hinsicht weitere Informationen. Sehr geschickt, frustrierend verpackt hält sich der Autor in diesem Punkt bis zum Ende seines Romans zurück. Es ist impliziert worden, dass das Licht in den Höhlen den Besuchern mehr Wissen vermittelt, als diese verarbeiten können. Patrick, Peter und Melissa stoßen – nachdem der Antagonist eliminiert worden ist – auf einer weitere Wissenshöhle und vor allem auf einen Hüter dieses Wissens, der bereit ist, eine neue Generation von Hütern einzuführen. Das die männlichen Protagonisten des ersten Buches – und wahrscheinlich inzwischen einer ganzen Reihe von weiteren Romanen – für diese erfüllende, aber auch stationäre Aufgabe nicht in Frage kommen, steht sehr schnell fest. Allerdings belässt es Andreas Wilhelm gegen Ende seines Buches bei Andeutungen. Neue, fundierte Informationen über die Tatsache hinaus, dass der zweite Fund deutlich älter als die erste Höhle ist, werden nicht angeboten. Das Td nicht immer gleich Tod ist, hat schon der Epilog seines ersten Buches gezeigt.

„Projekt Sakkara“ liest sich sehr flüssig, stilistische Schwächen und unglückliche Dialoge finden sich nicht mehr. Ein endgültiges Urteil über den Roman fehlt schwer, da man noch nicht die Hintergründe und Aufgaben dieser Höhlen kennt. Hier kann Andreas Wilhelm vielleicht im nächsten Roman sein Mainstreampublikum überraschen und Verschwörungsanhänger oder Science Fiction Leser vor den Kopf stoßen. Wie viele mittlere Bücher einer Trilogie versucht die vorliegende Geschichte den Spannungsbogen zwischen dem Auftaktband und dem Abschlussroman hochzuhalten, ohne wirklich neue Informationen anzubieten. Der eigentliche Plot ist sehr zielstrebig, phasenweise vorhersehbar und bis auf die wissenschaftlich-archäologischen Hintergründe wenig packend strukturiert. Während in „Projekt Babylon“ insbesondere das Ende in seiner Komposition zu abrupt und überhastet präsentiert worden ist, macht „Projekt Sakkara“ den Eindruck eines Klonbuches, konzipiert, weil der Plot für einen Roman zu umfangreich gewesen ist und sich zwei Teile schlechter verkaufen als eine komplette Trilogie. Andreas Wilhelm muss mit seinem nächsten Roman dem Leser mehr Fleisch in Bezug auf das Geheimnis der Höhlen anbieten, sonst droht seine zumindest mit Schwächen lesenswerte Serie im Sand der Geschichte zu versinken.


Andreas Wilhelm: "Projekt : Sakkara"
Roman, Hardcover, 445 Seiten
Limes Verlag 2007

ISBN 3-8090-2490-2

Weitere Bücher von Andreas Wilhelm:
 - Projekt Babylon

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