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Mystery (diverse)



Lisa Tuttle

Das geheime Land

rezensiert von Thomas Harbach

Seit vielen Jahren gehört die inzwischen in Schottland lebende Amerikanerin Lisa Tuttle zu den subtilen, leisen, aber sehr feinen Stimmen der phantastischen Literatur. Insbesondere ihre Kurgeschichten sind emotional überzeugende Arbeiten, in denen gewöhnliche Menschen sich ungewöhnlichen Situationen stellen müssen und mit Lebenserfahrung sowie eine Entschlossenheit Lösungen aus dieser Konfrontation und Kraft für ihr weiteres Leben ziehen. In ihrem neuen Roman „The Mysteries“ setzt sich die Autorin auf der einen Seite mit den märchenhaften Legenden Englands und dem anderen Folk – den Bewohnern des geheimen Landes – auseinander, auf der anderen Seite spielen aber Themen wie Verlust – einmal der tatsächliche, wenn Menschen spurlos verschwinden oder sich grußlos verabschieden, dann der emotionale wegen des Endes einer Beziehung, dem Tod eines geliebten Menschen – und Selbstbestimmung eine wichtige Rolle.

Die mystischen Elemente werden dabei nahtlos in eine realistische, sehr bodenständige Handlung integriert. Im Mittelpunkt steht der fast mittellose Privatdetektiv Ian Kennedy, der sich auf die Suche nach verschwundenen Menschen spezialisiert hat. Lisa Tuttle beginnt den Roman mit einer sehr effektiven Sequenz. Kennedys Vater ist mitten auf einem Feld vor den Augen mehrere Zeugen und im Beisein seiner Familie verschwunden. Kaum hat sich der Leser an diesen phantastischen Auftakt gewöhnt, entlarvt die Autorin ihn als Lebenslüge Kennedys. Verwirrt akzeptiert der Leser, dass der junge Kennedy ob des Verschwindens seines Vaters unter anderen Umständen einfach eine bessere, eine unglaublichere Geschichte adaptiert hat. Wenige Augenblicke später entlarvt die Autorin mit fast boshafter Freude auch diese Geschichte als Fälschung, den zugrunde liegenden Charakter hat es in der historischen Chronik nie gegeben, in seinem Haus haben andere Leute gewohnt. Orientierungslos weiß der Leser nicht mehr, wem er wirklich glauben schenken soll und geht mit einer außerordentlichen Portion Skepsis an den Hauptteil dieser Geschichte. Skepsis, die bis auf Ian Kennedy alle Protagonisten teilen. Er ist der einzige Charakter, der nicht nur in seinem Leben mehrmals Verluste hat hinnehmen müssen – sowohl sein Vater als auch seine langjährige Freundin sind verschwunden, um ein neues Leben zu beginnen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, ohne auf Wiedersehen zu sagen -, er ist der einzige Mensch, der schon einmal einen Auftrag erfolgreich beendet hat. Er hat ein junges Mädchen an Halloween aus den Klauen der Sidhe zurück in unsere Realität geholt. Und jetzt beauftragt ihn eine bodenständige Amerikanerin, die seit einiger Zeit in London wohnt, mit einem ähnlichen Auftrag. Nach den ersten Recherchen stellt sich heraus, dass auch die junge Peri auf die andere Seite gewechselt hat und der Versuchung des magischen Volkes nicht widerstehen konnte. Zusammen mit ihrem Ex- Freund Huth – der seinen Verlust in einem Kurzfilm verarbeitetet hat – und ihrer Mutter macht sich Kennedy ins schottische Hochland auf, um noch einmal durch die Barriere in die andere Welt einzudringen versuchen. Ohne Rücksicht auf die persönlichen Konsequenzen.

Lisa Tuttle hat ihren Roman sehr konsequent und interessant durchkonstruiert. Im Mittelpunkt steht die oft zynische, realistische und traurige Geschichte Ian Kennedys, eines Mannes, der früh in seinem Leben einen Verlust erlitten hat, der sich in seine eigenen Phantasien rettete und schließlich von der Realität grausam bestraft worden ist. Bestraft worden auf eine ungewöhnlich realistische und nicht weniger verletzende Weise, als er das Geheimnis seines Vaters und vor allem auch das Verhalten seiner Mutter erkennen. Mit diesem Verlust fürs Leben gekennzeichnet, fällt es ihm schwer, echte Beziehungen mit anderen Menschen zu haben und aus seinem spürbaren Abwehrverhalten heraus eine solide Basis zu finden. Ironischerweise ist er ein erfolgloser Detektiv geworden, um auf der einen Seite Menschen bei ihrer Suche zu helfen, auf der anderen Seite immer eine gewisse Distanz zu seinen Mitmenschen bewahren zu können. Aus einer Reihe von subtilen Bildern und Gesten heraus zeichnet Tuttle ein überzeugendes, ein sehr emotionales, aber interessantes Portrait eines im Wesen einsamen Menschen. Die Rückblendentechnik ermöglicht es dem Leser, seinen wenigen Erfolgen, aber auch seinen vielen Niederlagen zu folgen. Ganz bewusst hat die Autorin Ian Kennedy in den ersten Kapiteln von den Lesern distanziert, um dann effektiv eine gewisse Sympathieebene zwischen dem Detektiv und seinem heimlichen Beobachter – dem Leser – aufzubauen. Durch die eingeschränkte Perspektive kann der Leser insbesondere seinen inneren Monologen besser folgen, durch die Integration verschiedener andere Vorfälle seinen ziel gerichteten Handlungen. Nur diese beiden Facetten zusammen ergeben wie bei einem Puzzle das komplette Bild. Trotzdem stellt Ian den Optimisten dieser Geschichte dar. Das genaue Gegenteil ist Hugh, der ehemalige Freund der verschwundenen Frau. Er hat ihr Verschwinden akzeptiert, den Verlust seiner Liebe. Er entschließt sich, seine Freundin in einem Filmprojekt zu würdigen – er hätte den Film gerne mit ihr gemacht, so wird es aber ein Film über sie – und verarbeitet dadurch sein Trauma. Inzwischen lebt er mit einer anderen Frau zusammen, die anscheinend charakterlich und körperlich deutliche Unterschiede zu seiner verschwundenen Freundin aufweist. Hugh wird von Lisa Tuttle als sehr schwieriger, unausgeglichener beschrieben, der zwischen Verstand und Herz zerrissen ist. Obwohl er das Mädchen immer noch liebt, verbietet ihm sein Verstand, sie als seine andere Hälfte oder gar seinen Besitz zu betrachten. Er akzeptiert ihre Entscheidungen als freien Willen. Im Laufe der Handlung wird er als erster die magischen Ereignisse sehen – Ian Kennedy hat diese akzeptiert, aber im Grunde seines Herzens nicht wirklich erfahren oder gesehen – und im wichtigen Moment die Führung der kleinen Gruppe übernehmen. Es ist erstaunlich, wie stark die drei Hauptcharaktere im Laufe des geradlinigen, aber sehr konzentriert geschriebenen Romans zusammenwachsen, ohne ihre charakterlichen Eigenheiten zu verlieren oder ihre Seelen zu verkaufen. Sie lernen ihre eigenen Stärken und Schwächen kennen und über das Geschehen hinaus zu akzeptieren. Diese Veränderung kommt allerdings aus einem selbst und Lisa Tuttle macht nicht den Fehler, aus einer dunklen Welt eine zuckersüße zu machen. Verstehen und Verstandenwerden sind aus ihrer Sicht elementare Grundbestandteile jeglicher menschlicher Beziehung, ohne dass man sich komplett öffnen und alle Geheimnisse offenbaren muss. Soweit möchte sie nicht gehen, insbesondere Kennedy steht für einen isolierten Charakter, der aus seiner Nische heraus das andere Geschlecht mit einer Mischung aus Faszination und Misstrauen betrachtet. Erst nach und nach beginnt diese Barriere zu bröckeln, aber am Ende des Buches spürt der Leser, welch weiteren Weg er noch vor sich hat. Nur den ersten Schritt deutet die Autorin an und folgt der Tradition dieses Romans mit einem weiteren offenen Schicksal.



Zu dieser zugrunde liegenden Handlung kommen immer wieder Kapitel, in denen die Autorin fiktive und authentische Fälle von verschwundenen Menschen beschreibt. Damit gibt sie den Charakteren indirekt das Gefühl, Bestandteil einer großen, waidwunden Familie zu sein und erweitert das ansonsten sehr eng begrenzte Spektrum. Im Gegensatz zu vielen anderen phantastischen Romanen setzt sie die übernatürlichen Elemente sehr sparsam ein und über weite Strecken wird der Leser auch nur indirekt – so erzählt Hugh von einem seltsamen Nachtclub, in dem er zum spielen und Peri zur Liebe verführt worden ist, ohne dass es einen Beweis für dessen Existenz gibt – mit dieser zweiten Welt konfrontiert. Kaum glaubt er an eine Täuschung, kommt es bei der ersten erfolgreichen Rückholaktion zu einer unheimlichen, aber sehr spannend beschriebenen Begegnung am Halloweenabend zwischen Kennedy und seinem großen Antagonisten. Eine ähnliche Sequenz findet sich am Ende des Buches. Die ungleichen Charaktere dringen auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen in die andere Welt ein. Jeder wird eine andere Erfahrung machen und danach zumindest einen Teil seiner zukünftigen Handlungen anders sehen. Mit sehr viel Feingefühl und Überzeugung zeichnet die Autorin die Konsequenzen ihrer Handlungen, für Ian Kennedy die Möglichkeit, zu erwachen, für Hugh die Chance, mit einer Frau, die ihn wirklich liebt, eine Zukunft zu haben und für die Mutter Laura Lensky ein Aufbruch in vielerlei Hinsicht.

„Das geheime Land“ ist einer der seltenen realistischen Fantasy- Roman, aus denen der Leser Lehren für sein eigenes Leben, für seine eigene Zukunft ziehen kann. Damit reiht sich das Buch nahtlos in die Tradition Charles de Lints und mit einem positiveren Grundton Neil Gaimans ein. Lisa Tuttle fehlt trotz des Plots um Entführungen und verschwundene Menschen der bedrohliche, der zynische Grundton. Es gibt zwei dunkle, aber sehr spannend geschriebene Sequenzen, ansonsten erzählt sie die meisten Ereignisse indirekt und erhöht nicht zuletzt aufgrund der verschiedenen Variationen der Realität trotz dieser distanzierten Erzählstruktur die Spannung und spielt mit der Erwartungshaltung des Lesers. Lisa Tuttle hat vor dem Hintergrund eines phantastischen Romans versucht, die stetige aber oft vergebliche Suche nach dem Schlüssel für das Zusammenleben mit anderen Menschen in Worte zu fassen. Damit spricht sie eine erwachsene Generation von Lesern sehr direkt an und lässt ihnen den Raum sowie die Zeit, über das eigene Leben nachzudenken und vielleicht noch einige Änderungen vorzunehmen, bevor es zu spät ist. Flucht vor der eigenen Verantwortung schließt sie von Anfang an aus und das ist vielleicht die treffende Botschaft dieses ungewöhnlich gut geschriebenen, dieses reifen Romans: stelle Dich!

Lisa Tuttle: "Das geheime Land"
Roman, Hardcover, 397 Seiten
Piper 2006

ISBN 3-4927-0123-X

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