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Mystery (diverse)



Elia Barcelo

Das Rätsel der Masken

rezensiert von Thomas Harbach

Die in Österreich lebende Spanierin Elia Barcelo legt mit „Das Rätsel der Masken“ ihren ersten richtigen Roman auf Deutsch vor. Neben einer Kurzgeschichte in einer von Andreas Eschbach herausgegebenen Anthologie mit europäischen Science Fiction Geschichten veröffentlichte der Piper- Verlag schon in einer empfehlenswerten Ausgabe ihre noch sich am Randbereich des Phantastischen bewegende Novelle „Das Geheimnis des Goldschmiedes“. Mit ihrem neuen Roman macht es sich die Presse zu einfach, die vielschichtige fast zwei Jahrzehnte und verschiedene Paare umfassende Liebesgeschichte zu der in Spanien populären Avantgarde zu zählen. Elia Barcelo versucht mit ihrem Werk keine Strömung einzufangen, sondern vergleicht eher Realität und Fiktion in der Tradition der klassischen Heldensage. Nur das in diesem Fall das Objekt der Begierde nicht mehr lebt und trotzdem jegliche Handlung beeinflusst. Raul ist das Objekt der Begierde von Ari, einem Philologen, der eine Biographie über einen aus seiner Sicht besten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts mit einem sehr schmalen Werk – in erster Linie Kurzgeschichten, Lyrik und Artikel, in zweiter Linie zwei Romane, die außerordentlich erscheinen –und einem exzentrischen Wesen. Ari selbst wirkt zu Beginn farblos, lieblos, eindimensional, ein Büchermensch, der nur über die Abbildung eines anderen Menschen an Konturen gewinnt. Ihm geht es im Grunde darum, seine zumindest gedanklich in Bezug auf das schriftstellerische Werk Rauls fertige Studie mit ein wenig Leben zu erfüllen. Mit Hilfe eines Freundes kommt er mit Amelia in Kontakt, einer erfolgreichen Schriftstellerin von Jugendbüchern, mit über sechzig Jahren immer noch eine Erscheinung und Persönlichkeit und vor allem Rauls erste Frau und Lektorin. Später wird er sie für eine andere Frau verlassen. Nach deren Tod wird er sich offen zu seiner latenten Homosexualität bekennen. Amelia lehnt Ari und seine neugierigen Fragen mit einer nicht zu leugnenden Spur von Arroganz ab. Sie beantwortet einige der Fragen, gibt oberflächliche Informationen und versucht ihr Image als hübsche Hexe aufrechtzuerhalten. Während Ari im Laufe ihrer nicht immer harmonischen Gespräche unbewusst in ihren Bann gerät, beginnt Amelia festzustellen, dass sie trotz der übermächtigen Schatten der Vergangenheit ein eigenes Leben wieder führen kann. Nach und nach öffnet sie sich dem zwanzig Jahre jüngeren Mann, der sich in sie verliebt hat. Als Amelia ihm für einen Augenblick Rauls Welt zeigt, beginnt für sie beide ein neuer Lebensabschnitt.

Der Roman teilt sich im Kern auf zwei Ebenen auf. Da ist zu einem die auf den ersten Blick sehr ungewöhnliche, aber überzeugend beschriebene Liebesgeschichte zwischen Ari und Amelia. Elia Barcelo zeigt sehr gut die Selbstzweifel der sterbenskranken, über sechzig Jahre alten Frau auf, die es nur noch schafft, für wenige Stunden die Illusion ihrer Schönheit aufrechtzuerhalten. Die erste Liebesszene zwischen den beiden sehr ungleichen und nur durch Raul verbundenen Menschen ist weder kitschig noch pornographisch, sondern überzeugend erotisch. Mit kleinen, subtilen Gesten – die Blumen, die Amelia immer wieder irgendwo stehen lässt – lässt die Autorin diese Romanze aufblühen, das Ende ist tragisch und vorgezeichnet, gibt aber der einzigartigen Frau, die hier auf über fünfhundert Seiten aus dem Nichts entstanden ist, zumindest ihre Würde zurück. Die zweite Ebene sind die Ermittlungen Aris, begleitet zu erst von sehr offenen Hinweisen und Interviews aus Rauls Freundeskreis. Je tiefer allerdings Ari unter Rauls Haut dringt, desto rätselhafter werden die Informationen – der Roman schwenkt für einen Augenblick in den Bereich des Spionagethrillers ab mit einer Agitatorin, die gute Kontakte zum russischen Geheimdienst unterhält und Raul schließlich mit seiner zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich bekannten Homosexualität zum Verlagswechsel und zur Hochzeit zwingt – und phasenweise um so schwieriger hat es die Autorin, die Handlung nicht nur fließend weiter zu erzählen, sondern vor allem das stimmige Bild der einzelnen Protagonisten an allen Fronten aufrechtzuerhalten. Die Erpressung und die daraus resultierende Hochzeit sind zwei Komponente, die nur mit Einschränkungen überzeugen .Andere Puzzlestücke – wie das Auffinden eines signierten Bandes in einem Antiquariat, das Ari mit gütiger Hilfe des Inhabers günstig erwerben kann – wirken trotz ihrer konstruierten Einpassung in das Labyrinth des Romans überzeugend.

Über allem steht aber die fast ewige Frage, was man bereit ist, für eine wahre alles verschlingende Liebe zu unternehmen. In erster Linie beantwortet Elia Barcelo diese Frage aus der weiblichen Perspektive. Amelia opfert ihre ersten beiden Kinder – ihre ersten beiden Romane – für diese Liebe. Sie hilft dem wankelmütigen Raul, zumindest zu Beginn seiner eher intellektuellen, denn wirklich kommerziellen Karriere Tritt zu fassen und schließlich ist sie bereit, auch die zweite Ehefrau auf einen Wink ihres Ex- Mannes hin zu beseitigen. Allerdings kommt sie für einen Augenblick zu spät. In Ari findet sie einen Menschen, dessen Besessenheit und fast sklavisch devote Anbetung von Idealen sie an Raul erinnert. Trotzdem ist der unsichere Ari lebenslustiger und möchte Amelia auch etwas von sich geben. Die beiden verbindet eine uneigennützige Liebe. Sehr intelligent stellt Elia Barcelo diesen Kontrast zwischen einem nahe am Kitsch liegenden Ideal einer perfekten Liebe und den Auswüchsen dar. Ihr gelingt es aber auch nur mit Einschränkungen, die Faszination des eitlen Machos überzeugend zu charakterisieren. Nicht selten verfolgt der Leser Amelias Handlungen eher mit Staunen denn Überzeugung. Aber in den Rückblenden schafft es die Autorin trotzdem, ein überzeugendes Portrait der sechziger und siebziger Jahre, der Bohemme, der neuen Generation selbst verliebter junger Menschen zu zeichnen. In Rauls Herausgeber und seinem Liebhaber Yves kann der Leser die Veränderungen zwischen diesen goldenen Zeiten und der späteren düsteren Realität – das Erkennungszeichen ist AIDS, die Erkrankung verbindet die armen mit den reichen Menschen – mitverfolgen. Nicht selten sind die beiden in ihren Elfenbeintürmen Katalysator für sehr unterschiedliche Ereignisse in allen Epochen des Buches. Mit boshaftem Sadismus entlarvt Elia Barcelo die bodenlose Arroganz von Rauls Herausgeber auf den letzten Seiten und lässt zumindest im kleinen Rahmen eine gewisse Gerechtigkeit siegen. Es sind diese kleinen Seitenhiebe, die im Laufe der spannenden Handlung immer ein besonderes Lesevergnügen darstellen. Immerhin gelingt es Elia Barcelo, neben diesen sarkastischen Ideen fast surrealistische, phantastische Elemente in die Handlung einzuweben. Insbesondere der gutmütige, Teetrinkende Antiquar, der Ari mehr als einen Hinweis gibt und dessen hilfreiche Tipps mehr als einfache Weisheiten darstellen, könnte den Fugen Zoran Zivkovics entsprungen sein, um ihr in zwei kleinen, aber markanten Szenen seine Daseinsberechtigung in vollen Zügen zu beweisen.

Neben den Charakteren gehört aber auch die sehr interessant, zumindest in den Rückblenden fragmentarisch angelegte Handlung zu den Stärken des Buches. Ganz bewusst arbeitet die Autorin fast bösartig offensiv gegen das Konzept der klassischen Biographie und damit auch der Erwartungshaltung des Lesers. Für Ari geht es im Kern nur noch darum, einige weiße Flecke in dem ansonsten zumindest „fertigen“ Entwurf über das Leben und Wirken seines literarischen Idols zu füllen. Dabei befragt er Freunde und Kollegen. Zu Anfang wirken insbesondere die Passagen trocken und ein wenig distanziert. In Rückblenden – für den Leser nicht gleich als zweite sehr persönliche und dem Erinnerungen der jeweiligen Protagonisten unterliegende Handlungsebene zu erkennen – erfährt der Leser im Gegensatz zu Ari nicht nur wichtige Hintergründe, sondern emotionale persönliche Situationen, die Ari aufgrund einer Distanz von mehr als dreißig Jahren nicht mehr so hautnah und vor allem objektiv berichtet werden. In den Rückblenden lernt der Leser zumindest oberflächlich Raul und seine diversen, sehr unterschiedlichen Beziehungen und Neigungen zu einer Umwelt kennen, ohne dass er wirklich bis auf zwei Szenen in Erscheinung tritt. Elia Barcelo versucht eine Autobiographie zu schreiben, in der das Objekt der Begierde keine eigene Persönlichkeit entwickelt und nur als Katalysator einer fast dreißig Jahre später spielenden wahren Liebe dient. Bis auf ein oder zwei notwendige, aber konzeptionelle Schwächen funktioniert diese Vorgehensweise erstaunlich gut. Manchmal wie ein Bonbon streut sie überraschende, aber fast poetische Weisheiten in ihren Text ein. Sie erzählt der sympathische Antiquar – auch wenn er nur einen kurzen Auftritt hat, ist diese väterliche Figur ihr am besten und nachhaltigsten gelungen – von der Biographie, die er vor vielen Jahren geschrieben hat. Keine Biographie stellt die Wahrheit dar, sondern im Kern nur eine Spekulation, was wahr sein könnte. Kaum hat er das Buch abgeschlossen, schreibt er seine Biographie ein zweites Mal: dieses Mal als historischen Roman. Genau wie die erste Tangostunde zwischen Ari – der zu Beginn davon beeindruckt ist, einmal für einen Augenblick zumindest theoretisch in Rauls Haut zu schlüpfen und mit dessen damaliger Frau in ihrem Hotelzimmer zu ihrer Musik tanzen zu dürfen – und Amelia gehört zu den stärksten Szenen ihres bisherigen Werkes. Sanft verführt sie den Leser und dieser wird –ebenso wie Ari und Amelia – von seinen Gefühlen überwältigt. Der Sex ist erotisch, aber nicht sensationslüstern. Sie beschreibt sehr überzeugend, aber nicht erdrückend Amelias Ängste vor einer Beziehung mit einem Mann, der ihr Sohn sein könnte, während Ari zwischen dieser faszinierenden Persönlichkeit und einer jungen Dame, die sich im gleichen Augenblick in ihn verliebt, hin und her gerissen wird. Der Beweis, dass insbesondere Rauls jahrelanger Verleger in seiner Borniertheit die Wahrheit nicht zuletzt aufgrund seines Strebens nach Ruhm nicht erkannt hat, wird in einer verletzenden direkten Art präsentiert, ohne dass sich die Autorin noch stark um die Folgen kümmert. Wie im Leben erzählt sie eine abenteuerliche, vielleicht unglaubliche und doch vielschichtige Geschichte. Sie gibt einen kleinen Eindruck in das Leben der Künstler und selbst erwählten Lebenskünstler in einer sich selbst feiernden Zeit – dem Paris der siebziger Jahre – und dem dunklen Erwachen in den achtziger und neunziger Jahren mit den Folgen des Drogenkonsums, der AIDS Erkrankungen und schließlich auch zu viel Leben.

„Das Rätsel der Masken“ ist ein ergreifendes Buch, eine ungewöhnlich reife Arbeit, eine auf beiden Ebenen – der subjektiven und der objektiven – sehr gut und harmonisch funktionierende Geschichte und vor allem das Portrait einer intelligenten selbst bewussten Frau, die sich aus dem Schatten einer erdrückenden, aber unvollkommenen Persönlichkeit herausgearbeitet und ihr eigenes Leben gefunden hat.

Elia Barcelo: "Das Rätsel der Masken"
Roman, Hardcover, 529 Seiten
Piper Verlag 2006

ISBN 3-4920-4842-0

Weitere Bücher von Elia Barcelo:
 - Das Geheimnis des Goldschmiedes
 - Das schwarze Brautkleid
 - Die Stimmen der Vergangenheit
 - Töchter des Schweigens

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