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Mystery (diverse)



Dan Simmons

Im Auge des Winters

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Im Auge des Winters“ kehrt Dan Simmons fast vierzig Jahre – handlungstechnisch – später an den Ort seines Jugendromans in Stephen King Tradition „Sommer der Nacht“ zurück. Insbesondere das Original, dessen Handlung im schrecklichen Tod des elfjährigen Duane unter einem Mähdrescher endete, zeigte eine Reihe von Stärken – Simmons gehört zu den besten natürlichen Erzählern des Genres mit einem selbst in der deutschen Übersetzung angenehmen Stil – aber auch ungewohnte plottechnische Schwächen – das reicht von der eher exzentrisch gezeichneten Fahrradpatrouille über die imaginäre Bedrohung bis zur schließlich sehr weit hergeholten Erklärung. Der Heyne Verlag hat den Roman in diesem Herbst noch einmal als preiswerte Taschenbuchausgabe aufgelegt und es lohnt sich, vor der Lektüre der Fortsetzung den ersten Band zumindest noch einmal zu überfliegen. Mit Dan Simmons kehrt auch sein Protagonist – von Alter Ego zu sprechen, wäre vielleicht zu stark, auch wenn es sich um einen erfolgreichen Autoren und Lehrer handelt, der auf einer abgeschiedenen Farm in den Bergen lebt, aber Eheprobleme hat – Dale Stewart nach Elm Haven, der Ort seiner Jugend zurück, um ein Lehrjahr zu nehmen, sich von der Trennung seiner Geliebten zu erholen und schließlich einen weiteren Roman zu schreiben. Gleich im Auftaktkapitel macht Simmons unmißverständlich klar, dass es sich bei diesem Roman nicht nur um eine Midlifecrisis eines Mannes handelt, sondern um eine Geistergeschichte. Ob es wirklich geschickt gewesen ist, dieses Plotelement – auf das der Protagonist erst nach mehr als zweihundert Seiten stößt und dann lange Zeit braucht, um es zu akzeptieren, zu lange für die Geduld vieler Leser – gleich an den Anfang zu stellen, ist fraglich. Zur Atmosphäre, zur düsteren, bedrohlichen Stimmung trägt es seinen Teil bei, den „Geist“ als übergeordneten Erzähler aber auch auf die Erinnerungen des Protagonisten zurückgreifen zu lassen und ihn als eine Art ambivalenten Übererzähler zu etablieren, wirkt allerdings in der ersten Hälfte plottechnisch konterproduktiv. Da Simmons aus seiner Perspektive die übernatürlichen Elemente genügend eingeführt hat – er wird die dunkle Atmosphäre mit den eher klassischen Haushaltsmitteln des Geistergenres ergänzen, abgeschlossene Räume mit einem erotischen Luftzug, Hunde, die auftauchen und wieder verschwinden, die aber keiner im Ort kennt – kann er sich um seinen im Mittelpunkt stehenden Protagonisten kümmern. Und hier gewinnt sein Roman im Vergleich zu den beiden anderen erschienen Autorenbüchern – Stephen Kings „Love“ und Peter Straubs „Schattenstimmen“ mit jeweils sehr unterschiedlichen Autoren in einer elementaren Rolle und als Resonanzkörper für Trauer nach einer langen Beziehung – ungewöhnliche Tiefe. Die Mischung aus Melancholie, Einsamkeit, Verbitterung, Zynismus, aber auch Optimismus und einem nicht zu leugnenden automatischen Phlegma funktioniert sehr gut. Der Leser kann sich mit dem Protagonisten nicht nur identifizieren, er wird nuancenreich, aber nicht sentimental in dessen Welt – auf der einen Seite finanziell gut gestellt, wenn auch nicht unabhängig, auf der anderen Seite emotional ausgekehrt und leer – eingeführt und kann sich auf den ersten zweihundert Seiten ein gutes, eigenes Bild von dieser manchmal tragischen, aber unentschlossenen Figur machen. Das liegt aber nicht nur an der sehr guten Beschreibung seiner in Unordnung befindlichen inneren Welt, sondern auch in seiner Begegnung mit der eigenen Vergangenheit in seiner kleinen dörflichen Heimatstadt begründet.

Sehr geschickt findet die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit auf insgesamt drei Ebenen statt: gleich zu noch vor dem eigentlichen Protagonisten lernt der Leser den erzähltechnisch übergeordneten Geist kennen, der das Geschehen anfänglich mit seinem allumfassenden Wissen – auch intimer Natur – begleitet. Hier erweckt Simmons im Laufe des Buches dein Eindruck, als handele es sich um eine Inkarnation von Anubis, den hundeköpfigen Wächter der Totenwelt, dessen Vorboten schwarze Hunde Dale immer wieder erscheinen und die ihn in einer der besten Szenen des Buches zusammen mit seiner Bekannten angreifen und diese augenscheinlich verschleppen und zerfetzen. Der Autor spielt nicht zuletzt aufgrund seiner literarischen Kenntnisse mit seinen Lesern und lehnt sich hie weniger an Henry James Geschichten an, sondern erweckt den Eindruck, in der Tradition von Ambrose Bierce oder gar Filmen wie „Jacobs Ladder“ zu schwimmen. Diese Handlungsebene kumuliert in einem zweiten Selbstmordversuch – der erste Versuch Dales, mit der Einsamkeit und den harten Worten seiner Geliebten Gale fertigzuwerden endete in einem Blindgänger in seinem Gewehr. Dabei wehrt sich Simmons, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen und präsentiert Dale nicht als lebenden Toten, der aufgrund der vielen Andeutungen im Laufe der Geschichte nicht seiner Bestimmung entkommen kann. ER hat sich für eine andere Lösung entschieden, die im größeren Kontext mehr Hoffnung ausstrahlt, aber im Detail eine zynische Abrechnung mit Dales Charakter per se darstellt.


Die zweite Begegnungsebene mit der eigenen Vergangenheit sind Menschen oder Erscheinungen, die er aus seiner Jugend in Elm Haven noch kennt. Dabei reicht das Spektrum vom damals sechzehnjährigen C.J. Congden – inzwischen ein nicht weniger sadistischer Sheriff – über einige ältere Männer bis zu Michelle Staffney, die er auf der Schule angehimmelt hat und die jetzt mit ihrer lesbischen Freundin angeblich das Haus ihrer Eltern renovieren möchte. Aber die inzwischen einundfünfzigjährige TV- Schauspielerin mit ihrem – wie immer wieder betont wird – großen, aber künstlichen Busen und der alternde Autor scheinen sich zueinander hingezogen zu fühlen. Und das liegt nicht nur am bevorstehenden Weihnachtsfest. Diese Handlungsebene funktioniert nur teilweise. Zusätzlich zur Bedrohung durch den örtlichen Tyrannen macht eine Handvoll von Skinheads wegen verschiedener Artikel Jagd auf Dale und die Verfolgungsjagd über die fast unpassierbaren gehört zu den Actionhighlights des Buches, wirkt vielleicht ein wenig übertrieben und zum Ende hin zu komisch beschrieben, aber es ist die einzige Passage des Buches, in der Dale agiert. Zu dieser Aktion ist er zwar durch die Attacke der Skinheads gezwungen worden, aber ihm gelingt es, sich selbst aus der Schlinge zu ziehen. In einer zweiten Szene am Ende des Buches gelingt diese Aktion nur beschränkt und er erhält auch für den Zuschauer unerwartet Hilfe. Mit destruktiver Freude zerlegt Simmons die fast nostalgisch verklärte Vergangenheit des kleinen Ortes. Der Sommer der Nacht hat Spuren hinterlassen, dazu kommen bei einer Zeitspanne von fast vierzig Jahren die obligatorisch Verstorbenen. Die Atmosphäre des kleinen Ortes ist morbide, es lässt sich aber dort leben.

Die letzte Vergangenheitsebene zu die persönlichen Rückblenden, in den Dale – stellvertretend von seinem persönlichen „Geist“ begleitet – die Beziehung zu seiner Studentin Clare beschreibt. Eine intelligente, junge Frau, die sich scheinbar aus morbider Faszination zu ihm und seinem dunklen Geheimnis hingezogen gefühlt hat. Sie hat indianisches Blut in den Adern und liebt ihren Mentor zum ersten Mal körperlich an einer alten Begräbnisstätte der Black Feet Indianer, weil sie der Meinung ist, dass er von einem Geist besessen ist und dieser Geist in ihm wächst. Diese dunklen Vorahnungen wird Simmons schließlich in einem nicht gänzlich befriedigenden, aber zumindest originellen Ende bestätigen und gleichzeitig eine Tür schließen und eine neue, hoffentlich in einer bessere Zukunft führende Tür öffnen. Wenn am Ende des Buches eher selbstironisch davon gesprochen wird, die Ereignisse des Jahres 1960 in Elm Haven vielleicht in einem Horrorroman und nicht von Dale gewünscht in einem ernsthaften Roman zu behandeln, schließt sich fast selbstironisch der Kreis zu Simmons „Sommer der Nacht“. Es ist aber nicht die einzige literarische Anspielung dieses Buches. Voll bissiger Ironie bis hin zu scharfem Sarkasmus geht er mit dem gesamten literarischen Zrikus um. Aus der Perspektive eines eher profanen Unterhaltungsschriftstellers – Dales Western im Indianer und Trapper sind oft zum Klischee reduzierte Formwestern und ausgerechnet er wird aufgrund einer Fehlinterpretation in seinem dritten Buch zu einer ernsthaften Konferenz über die Ureinwohner Amerikas nach Frankreich eingeladen – rechnet er mit Kritikern, Lektoren und schließlich auch den Verlagen ab. Diese boshaften Passagen sind lebhaft, fast warmherzig geschrieben und stellen einen deutlichen Kontrast zu den ansonsten bisweilen sehr melancholischen, depressiven anderen Abschnitten des Romans dar. Sehr viel deutlicher – wenn auch falsch – ist der Bezug zu Henry James Geschichten „The Turn of the Screw“ und dem eher unbekannten Text „The Jolly Corner“, in dem ein Amerikaner, der sein Leben in Europa verbracht hat, nach Amerika zurückkehrt und in einem Haus auf eine Erscheinung seiner alternativen Ichs trifft, wie er sich bei einem Verbleiben in Amerika entwickelt hat. Das ausgerechnet die Freunde von James Charakter dem eher aggressiven Einheimischen unterliegt anstatt den intellektuellen Weichling zu lieben, ist ein beliebtes Motiv in James Literatur, aber Simmons legt mit diesen Anspielungen im Kern nur eine Reihe von falschen Fährten und versucht die Scheuklappen seines Charakters zu manifestieren. Diese Erkenntnis erlangt der Leser aber erst am Ende des Buches. Genau wirkt der Bogen zu Stephen Kings „The Dark Half“ – in dem Buch sind die Sperlinge die Seelengeleiter, hier die schwarzen Hunde – eher wie eine Hommage als ein integrales Plotelement. Am Ende des Romans scheut sich Simmons, den Bogen zu komplettieren und lässt eine zu große Hintertür für seinen Mitleiderregenden, aber nicht unbedingt sympathischen Charakter offen. Hätte er am Ende des Buches dieses die Tür zugeschlagen und mit zynischem Sarkasmus eine neue geöffnet, hätte sich der Kreis perfekt geschlossen.

Trotz dieser Schwächen ist „A Winter Hauting“ – wie der Name schon im Original poetisch sagt – eine literarische Geistergeschichte, in der nie wirklich klar wird, welche Funktion der übernatürliche Begleiter hat und ob es sich wirklich um seinen früh unter seltsamen Umständen gestorbenen Freund handelt. Darum geht es Simmons im Kern auch nicht, die Geistergeschichte ist nur Teil eines klassischen Entwicklungsroman, in dem der Autor sehr offen und ehrlich von einem mit sich selbst und seinem Leben – im letzten Punkt unverständlich – unzufriedenen Menschen berichtet. Mit der zweiten Erzählerebene gelingt es Simmons, das Geschehen ein wenig ironischer und lebhafter darzustellen. Dazwischen befinden sich eine Reihe von überraschend unheimlichen oder erotischen Szenen und ein Ende, in welchem Dale mehr zugestanden wird als er aufgrund seiner selbstzerstörerischen und egoistischen Merkmale verdient hat.

Dan Simmons: "Im Auge des Winters"
Anthologie, Softcover, 397 Seiten
Heyne 2006

ISBN 3-4535-2142-0

Weitere Bücher von Dan Simmons:
 - Bitterkalt
 - Eiskalt erwischt
 - Flashback
 - Helix
 - Terror
 - Welten und Zeit genug

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