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rezensiert von Thomas Harbach
Dean R. Koontz fast einzigartige Fähigkeiten als Thrillerautor liegen in der dreidimensionalen Charakterisierung seiner Protagonisten und einer Abfolge von eindringlichen, spannenden, nicht immer subtilen, aber überzeugenden Szenen. Zu seinen Schwächen im Plot gehört leider auch die Fähigkeit, alte Ideen neu aufzuwärmen, ihnen in Bezug auf die Ausgestaltung des Buches nicht immer einen wirklich originellen Anstrich zu geben und aus den Fragmenten einen neuen Bestseller zusammenzustellen. Die Wahrheit seines Werkes liegt sicherlich in der Mitte. „Todesregen“ ist nicht sein neuster Roman. Er ist im Original schon im Jahr 2004 erschienen. Auf den ersten gut zweihundert Seiten hat der Leser das Gefühl, eine Neuinterpretation seines früheren Bestsellers „Phantoms“ zu lesen, nur ohne Nebel und mit viel Regen. Wie es sich für einen Koontz gehört, beginnt der Roman gleich mit einem Paukenschlag. Der Leser hat gerade noch ausreichend Zeit, die Protagonistin Molly – eine nicht unbedingt erfolgreiche Autorin und Tochter einer inzwischen in Vergessenheit geratenen Lyrikerin – kennen zu lernen. Dann beginnt Koontz mit seinen im wahrsten Sinne des Wortes meteorlogisch – biblischen Plagen. Ein gespenstisch dichter Regen geht über Mollys Haus nieder. Das Fernsehen berichtet von Tschunamis, die sich aus dem Nichts heraus bilden. Auf ihrer Terrasse versammeln sich Coyoten, als wäre ihr Haus eine moderne Arche Noah, in der Garage verstecken sich Haus- und Wildmäuse. Der Fernseher zeigt als erster Hinweis nur noch brutale Pornos, Gewaltfilme und arrogante Nachrichtensprecher. Erklärungen gibt es keine. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus wollen sich Molly und ihr Mann in den Schutz des Gemeindehauses begeben, wo sich noch andere Bewohner ihrer kleinen Siedlung versammelt haben dürften. Das Böse als fassbare Bedrohung entsteht für den Leser auf zwei Ebenen: die Fassbare mit den Wetterkapriolen und die Metaphysische, in welcher Molly nicht nur einem Phantom ihrer Vergangenheit – sie ist bei einem Massenmord in ihrer Schule dabei gewesen, welcher der Ex- Ehemann ihrer Mutter verübt hat, Molly hat den Täter in einem unbeobachteten Moment niederschießen können – begegnet, sondern plötzlich die Toten „weiterleben“ und zu Zombies verkommen. Diese Horroratmosphäre beherrscht Koontz exzellent, allerdings gelingt es ihm nicht, trotz seines wirklich packenden Schreibstils originell und überzeugend zu agieren. Zu schnell stellen sich nicht nur bei den Protagonisten eine Reihe von Fragen die, welche intensiver und vor allem explizierter behandelt werden müssen. Wenn später von Außerirdischen gesprochen wird, welche die Erde zum Ziel eines Terraformingprojektes gemacht haben und der Mensch als Ungeziefer im Zuge dieses Prozesses beseitigt wird, wirkt dieses Theoretisieren eher wie das Füllen von Seiten – im Vergleich zu seinen anderen Romanen ist „Todesregen“ mit knapp vierhundert großzügig bedruckten Seiten recht überschaubar – als ein weiteres Element, das die Spannung erhöhen könnte. Wenn auch noch in der Schutzgemeinschaft ein Freund des Protagonisten einen fremdartigen Pilz in einer Abstellkammer als Beweis diese These präsentiert, wirkt der Roman trotz der gelungenen Exposition lächerlich und unglaubwürdig. Streng genommen könnten unter unglaubwürdig auch die sich immer wiederholenden Kinderrettungsaktionen des Ehepaars eingeordnet werden, aber Koontz variiert diese überzeugend. Erst im Nachhinein wird der Leser erkennen, dass die Handlung in noch nicht einmal 72 Stunden abläuft und bis auf die Abstecher zur ISS ausschließlich aus Mollys Perspektive erzählt werden. Rückblickend hätte Koontz auf diese Ausflüge in den erdnahen Raum gänzlich verzichten können, der Roman hätte noch packender und rasanter aus der eingeschränkten Perspektive der Protagonistin gewirkt. Sie ist allerdings auch die einzige Figur des Buches, die von Koontz überzeugend, dreidimensional und sympathisch beschrieben worden ist. Wie der wenigen Protagonisten – die meisten überleben die Hälfte des Romans auch nicht – wirken eindimensional, verzerrt und klischeehaft beschrieben. Im Gegensatz zu vielen anderen seiner spannenden Romane gelingt es Koontz nicht, den Leser auf seine Seite zu bekommen. Von einem unabsichtlichen Fehlgriff lässt sich nicht sprechen, denn insbesondere gegen Ende des Plots wird dem Leser überdeutlich, warum der Autor diese starre Zweiteilung in gute und böse Menschen sehr konsequent durchgehalten hat. In Koontz Roman kommt eine Inkarnation des Bösen und sammelt alle potentiellen Sünder auf. Die Erde wird für eine neue Menschheit gereinigt und bei diesem Reinigungsprozess bleiben nicht viele übrig. Auf diese absolute Katharsis bereitet Koontz den Leser systematisch vor. Kinderschänder und Massenmörder werden in psychatrische Kliniken eingewiesen, in denen sie sich therapieren lassen können, während für die Hinterbliebenen oder Opfer oft kein Geld vorhanden ist. Mitleid heilt keine Wunden. Stellvertretend für dieses aus Koontz Sicht zusammenbrechende Justizsystem ist Mollys Jugendschreck. Der Mann begegnet ihr immer wieder im Verlaufe des Romans, wobei nicht klar wird, ob diese Erscheinung zu erst wirklich real oder nur eine Einbildung ist. Impliziert gehört für Koontz eine moralisch verdorbene Gesellschaft, die ihr Gesicht von Gott abgewendet hat, von seiner Schöpfung getilgt und genau diesen Eindruck hinterlässt er zuerst ohne die religiösen Bezüge in der ersten Hälfte seines Buches. Nicht umsonst findet sich eine Unmenge von Tierbildern, nicht selten werden die Menschen auf die gleiche hilflose Ebene des Tieres im Vergleich zum technologisch intellektuell überlegenen Höhepunkt der göttlichen Schöpfung reduziert. Wenn aber Koontz wie im Original eine haarige Spinne mit einem Taliban vergleicht, gehen auch bei ihm die Pferde im wahrsten Sinne des Wortes durch. Das Buch wirkt wie eine nicht unbedingt grundlose, aber nicht fundierte Attacke gegen die bröckelnde Zivilisation, die bestechlichen Politiker, die rücksichtslos die Umwelt zerstörende Technisierung, den Glaubenskonflikt mit einer Abneigung gegen die islamischen Religionen, den moralischen Verfall, die Respektlosigkeit den Eltern gegenüber. Der Roman ist schließlich ein Loblied auf den ehrlichen Pioniergeist einer Generation von Amerikanern – in diesem Buch deutlich spürbarer als in seinen späteren Werken -, die mit ihrer Hände Arbeit den Westen erobern haben. Mit der Bibel in der Hand und den Colt umgeschnallt. „The Taking“ ist ein Buch, das aus dem Zorn nach dem 11. September heraus entstanden sein kann- das soll aber keine Entschuldigung sein. Die ohnmächtige Wut eines Autoren einer Welt gegenüber, die für ihn jegliche Ordnung verloren hat. Das Koontz auf eine religiöse Lösung zurückgreift, steht in einem engen Zusammenhang mit der deutlich konservativ- christlichen Ausrichtung einer ehemals freien Demokratie unter George W. Bush. Diesem Strom – sicherlich werden viele seiner Leser eher politisch Konservative sein im Gegensatz zu dem deutlich progressiveren Pulpautoren Stephen King – will und kann er sich nicht verschließen. Kaum hat sich dieser Torn entladen, beginnt Koontz mit einer religiös verbrämten Offenbarungsgeschichte. Einen Augenblick erwartet der Leser, eine moderne Arche Noah – die ISS im Orbit ist dafür zu klein und dient nur als Überbringer der finalen Nachricht, diese wird natürlich an den Himmel geschrieben – zu sehen, welche die Reste der Menschheit aufnimmt und zu neuen Gestanden führt. Diesem zu pathetischen Schluss hat sich Kootz im positiven Sinne verschlossen, seine Plagen hören über Nacht auf. Stellvertretend für diese neue Zeit hört es auf zu regnen und die Handvoll von Überlebenden beginnen mit dem Wiederaufbau, dem Zeugen von Kindern – Molly war bislang „unfruchtbar“ – und einer auf den Regeln des Glaubens basierenden Übergangszivilisation. Übergang in soweit, als das die Quelle allen Übels – die Technik der modernen Zivilisation – weiterhin vorhanden ist und genutzt werden kann, die Menschen aber eine innere Katharsis hinter sich haben. Wer nicht rein gewesen ist, wurde in die Hölle – buchstäblich ! Siehe wieder die finale, von Menschenhang entworfene Botschaft, als eine Art neues drittes Testament – gespült – daher vielleicht auch der ganze Regen – und nur die Harten kommen in Gottes neuen Garten. Es ist erstaunlich, mit welcher offenkundigen Überzeugung Dean Koontz seinen Lesern nach einer Irrfahrt von Spekulationen dieses Glaubensbekenntnis präsentiert. Nicht zu letzt aus diesem Grund legt der aufmerksame Betrachter das Buch eher ungläubig, als überzeugt aus der Hand. Nach einem fulminanten Auftakt endet das Buch zwar in einer neuen Welt, ideologisch aber im Nichts. Dabei verwendet Koontz auch seine bekannten Klischees, was den Handlungsablauf betrifft: ein glücklich verheiratetes Ehepaar, meistens ohne Kinder, von denen ein Partner ein schweres Trauma in der Vergangenheit erlitten hat, sie leben meistens auf dem Land – mit einem sündhaft teuren Jeep, hilfreich bei den ersten Actionszenen, lieben Hunde und der Schrecken des Plots überfällt sie buchstäblich zu Beginn des Buches mitten in der Nacht. Alles Versatzelement, die Koontz in diesem Buch eher einfallslos spielt. Schon seine letzten Romane um Odd Thomas trugen religiöse Züge, in diesem abrupt abgeschlossenen, in der zweiten Hälfte unerklärten und erklärlichen schwachen Buch überschreitet Koontz die schmale Grenze zwischen Thrillerautor und verbalem Sendungsbewusstsein zu sehr und wird vielleicht eine Handvoll von streng gläubigen Menschen die Wartezeit bis zum Jüngsten Tag mit Gottes Gericht verkürzen, die Masse seiner Leser aber weder zum Nachdenken anregen noch sie sonderlich gut unterhalten.
Dean Koontz: "Todesregen"
Anthologie, Hardcover, 420 Seiten
Heyne- Verlag 2007
ISBN 3-4530-1675-0420
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