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Markus Heitz

Ritus

rezensiert von Thomas Harbach

Markus Heitz gehört zur neuen Generation deutschsprachiger Fantasy und jetzt auch Dark Mystery Autoren. Man muss sich rückblickend vor Augen halten, dass der 1971 geborene Heitz nach einem Germanistik und Geschichtsstudium erst 2003 mit seinem Erstling „Schatten über Ulldart“ und der Auszeichnung mit dem Deutschen Phantastik Preis als Bestes Romandebüt für erstes Aufsehen gesorgt hat. Seine Trilogie um die Zwerge entwickelte sich zu einem nationalen Bestseller, nicht zuletzt dank des perfekten Marketings und trotz der inhaltlichen Eigenständigkeit im Fahrwasser der „Herr der Ringe“ Verfilmungen schwimmend. Mit „Ritual“ – dem ersten Teil einer zweigeteilten Geschichte, „Sanctum für im August 2006 folgen – widmet er sich jetzt den Werwölfen. Auch wenn Zwerge im Allgemeinen als Märchenfiguren eine längere Tradition haben, dürfte es in den letzten knapp einhundertfünfzig Jahren fast alle Variationen von Werwolfgeschichten in Druck und Bild gegeben haben. Das Gesamtwerk lässt sich erst nach der Veröffentlichung des abschließenden Bandes beurteilen, das offene Ende und der sehr knapp bemessene Hinweis des Verlages und des Autoren, dass es sich um einen ersten Teil handelt verärgert sicherlich eine Reihe von Lesern. Anscheinend ist der Trend ungebrochen, das Wort Fortsetzung zu umgehen und mit einem Bauerntrick im August wieder in die Tasche der Leser zu greifen. Ein wenig mehr Ehrlichkeit – insbesondere bei einem bekannten Namen wie Markus Heitz – hätten Schriftsteller und Verlag gut zu Gesicht gestanden.

Aber nicht nur der Band ist zweigeteilt, die Handlung ebenfalls. In der Gegenwart und einer Art Parallelhandlung kämpft Eric von Kastell gegen eine Reihe von Wandelwesen. Er hat das Erbe seines Vaters angetreten, der zuerst für Tod erklärt wird, dann aber doch das Opfer der Entführung durch eine Gruppe von ägyptischen Wandelwesen ist. Auf der zweiten oder chronologisch ersten Ebene schreiben wir das Jahr 1764. Eine Bestie reißt im Süden Frankreichs einen Menschen nach dem anderen. Man vermutet einen Wolf. Die Familie Chastel - ein Vater mit einem pädophilen Sohn - macht sich auf die Jagd und tötet einen mächtigen Wolf. Nur ist dieser erstens nicht alleine und zweitens ist seine Partnerin ein Wandelwesen und verletzt die beiden Söhne. Sie verwandeln sich ebenfalls in dieses wölfische Unwesen und treiben auf der Jagd nach Blut und Opfern ihren Vater in eine teuflische Zwickmühle. Siegt die Liebe zu seinen Söhnen oder die Treue zu seinem Landesvater.

Auf den ersten Blick erinnert die Handlung natürlich an „Den Pakt der Wölfe“ versetzt mit etwas mehr Erotik und Hintergrundwissen. Genau wie der opulente Film basiert das Buch auf einer wahren Legende. Die Bestie von Gevaudan. Im Gegensatz zur französischen Filmversion verzichtet Heitz ganz bewusst in seinem genau recherchierten historischen Kontext auf logische Erklärungen. Seine Leser müssen die Wandelwesen genauso akzeptieren wie Wesley Snipes in „Blade“ die Vampire. Sein Roman hat in Handlungsaufbau und Handlungsführung sehr viel mehr Ähnlichkeit mit den inzwischen drei Comicverfilmungen und ihrer literarischen Vorlage als dem thematisch ähnlicheren „Pakt der Wölfe“. Diese sicherlich unbewusste Ähnlichkeit reicht hinein bis in einzelne Szenen. Nicht selten hat der Leser das Gefühl, einen weißen Snipes mit einem ansehnlichen Testosteronüberschuss vor sich sehen und leider mehr als einmal Phrasen dreschen zu hören.

Der Autor bemüht sich, eine authentische Atmosphäre zu erzeugen und insbesondere die diversen Konfrontationen mit den in der Vergangenheit eher mystifizierten Wandelwesen gehören zu den besten Passagen dieses Buches. Weiterhin versteht er es, die gruppendynamischen Konflikte zwischen den inzwischen veränderten Söhnen und ihrem immer noch fest und glaubensstark auf der Mission beharrenden Vater unterstreichen die dreidimensionale Charakterisierung. Aber diese Höhepunkte finden sich alle auf der in der Vergangenheit spielenden Ebene. Zu oft springen die negativen Eindrücke der gegenwärtigen Jagd auf die Vergangenheit über und der Leser braucht seine Zeit und einen gewissen Raum, um sich wieder zu Recht zu finden. Dann ist aber das Kapitel wieder zu Ende und schnell geht es per Zeitreise wieder zurück. So bleibt die Erwartungshaltung des Lesers an einigen Stellen insbesondere im Mittelteil des Buches unbefriedigt zurück.


Der Historiker Heitz hat seine Aufgabe voll und ganz erfüllt, der Actionautor Markus Heitz dagegen muss nachsitzen. Das reicht von der ideenreichen und innovativen Entwicklung einer Silberklinge – die auch im Besitz eines Wandelwesens ist, das nichts von seinem persönlichen Pech ahnt – bis zum klischeehaft überzeichneten Eric in der Gegenwart. Nicht nur das er alles auf unvergleichliche, cineastische Art niedermäht, seine Ermittlungen basieren auf einer Reihe von Zufällen, die selbst der Autor nach kurzer Zeit nicht mehr überzeugend darlegen kann. Neben der nicht sonderlich tiefen Charakterisierung seines Handlungsträgers sowie dessen oft klischeehaft dargestellten Monologen oder Gesprächen mit Abziehbildern moderner Frauen, wirken die Sexszenen wie aus einem guten Softporno. Die Männer nehmen – in diesem Fall in erster Linie Eric – und die Frauen werden genommen. Wenn Marcus Heitz in diese Szene eine gewisse animalische Note integrieren wollte, so kann dieser Versuch in der Schublade gescheitert abgelegt werden. Höhepunkt ist eine platte Szene, in der Eric seine neue Gespielin – wenn er länger als fünf Minuten braucht, den Frauen den Slip runter zuziehen und sie zu nehmen, dann ist er im Verzug - vier oder fünfmal bis zur Erschöpfung nimmt. Wölfe können öfter, Wolfsjäger können immer.

Was dem Buch insbesondere in der Gegenwart fehlt, ist eine überzeugende Atmosphäre. Warum ein talentierter Autor wie Markus Heitz diese durch viele Liter von Wolfsblut oder Menschensaft zu ersetzen sucht, wird er nur selbst beantworten können. Nicht selten hinterlässt „Ritus“ nicht nur den Eindruck, sehr gut recherchiert, aber unter extremen Zeitdruck geschrieben worden zu sein, sondern das ihm im Grunde das Gefühl für effektiven und überzeugenden Horror – noch? – fehlt.

Wahrscheinlich wäre es sinnvoller gewesen, den ersten Teil des Bandes ausschließlich in der sehr gut angelegten Vergangenheit spielen zu lassen. Hier fühlt sich Markus Heitz nicht nur wohl, hier gelingt es ihm, sich von den Fesseln des Genres und seinen Gesetzmäßigkeiten zu lösen und eine interessante Geschichte zu erzählen. Viel zu oft spürt der Leser die Versuchung, die in der Gegenwart spielenden Passagen zu überblättern, um wieder in das Jahr 1764 abzutauchen. Selbst stilistisch harmonieren die beiden Handlungsebenen kaum zueinander. In der Gegenwart eher arrogant und schnodderig geschrieben – da Eric als Charakter nicht funktioniert, wirkt der auf ihn abgestimmte Stil künstlich -, in der Vergangenheit durch eine gewisse theoretische Authentizität der Dialoge und der Beschreibungen deutlich plastischer. Es wird sicherlich interessant, mit welchen Tricks und Ideen Markus Heitz diese beiden Ebenen im zweiten Band der Serie miteinander verbindet.

Es ist schade, dass „Ritus“ nur halbherzig funktioniert. Über weite Strecken liest sich das Buch nicht zuletzt dank des großzügigen Layouts und sehr vielen, oft viel zu kurzen Kapiteln flüssig, wenn auch nur selten wirklich spannend. Neben der einfachen, aber effektiven Covergestaltung des Paperbacks irritiert die Reproduktion des Covers zu Beginn eines jeden Kapitels als – in Hinblick auf den kommenden zweiten Band und die notwendige Geldausgabe – als Platzverschwendung. Eine offene Frage wird bis zum Erscheinen des zweiten Teils sein, ob man nicht aus beiden einen einzigen, großen und deutlich enger gesetzten Roman hätte machen können. Viele Szenen wirken zumindest in der bislang bekannten Konstellation als interessantes, aber handlungstechnisch nicht unbedingt förderliches Beiwerk. Da der Roman als Ganzes schon unter zu wenig Spannung – aber nicht Action – leidet, verzerren sie das Bild eines vielleicht im Kern ambitionierten, aber nicht unbedingt bis dato befriedigend umgesetzten Projektes eines der erfolgreichsten Fantasy- Autoren Deutschlands weites ins Negative.

Aber „Sanctum“ kann uns alle noch in das heilige Licht führen und zeigen, dass „Ritus“ nur ein notwendiges Vorspiel ist. Bis dahin sind alle Punkte dieser Besprechung – sowohl positiv als negativ – unter dem Vorbehalt der obligatorischen Fortsetzung zu verstehen. Leider.

Markus Heitz: "Ritus"
Roman, Softcover, 215 Seiten
Knaur 2006

ISBN 3-4266-3130-X

Weitere Bücher von Markus Heitz:
 - Die Zwerge
 - Kinder des Judas
 - Sanctum
 - Schatten über Ulldart

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